Neferirkare (auch Neferirkare-Kakai) war der dritte altägyptische König (Pharao) der 5. Dynastie im Alten Reich. Er regierte etwa während des Zeitraums von 2475 bis 2465 v. Chr.Jahreszahlen nach: T. Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002. Über seine Person und über konkrete Ereignisse während seiner Regierungszeit existieren nur sehr wenige Zeugnisse. Neferirkare ist durch seine Bautätigkeit bekannt, zu deren zentralen Projekten ein bisher unentdecktes Sonnenheiligtum und eine Pyramidenanlage gehörten. Während seiner Herrschaft entstand wahrscheinlich der Annalenstein der 5. Dynastie, eines der bedeutendsten Dokumente für die ägyptische Chronologie.
Herkunft und Familie Die verwandtschaftlichen Verhältnisse vom Übergang der 4. zur 5. Dynastie und insbesondere die Stellung der ersten drei Könige der 5. Dynastie (Userkaf, Sahure und Neferirkare) zueinander waren lange Zeit sehr umstritten. Rekonstruktionsversuche beruhten meist auf den Angaben des Papyrus Westcar aus dem Mittleren Reich, in dem Userkaf, Sahure und Neferirkare als Brüder bezeichnet werden. Funde von Relieffragmenten aus dem Totentempel der Sahure-Pyramide durch Ludwig Borchardt schienen diese Angaben zunächst zu bestätigen. Auf mehreren dieser Fragmente wurden Darstellungen des Neferirkare nachträglich eingefügt, was Kurt Sethe zu der Vermutung führte, dass Neferirkare hiermit einen Legitimationsanspruch auf den Thron ausdrücken wollte, den er als Bruder seines Vorgängers usurpiert und Sahures Kronprinz Netjerirenre vorenthalten hatte.Borchardt: Das Grabdenkmal des Königs Sahure. Band 11, Leipzig 1909, S. 13.
x270px x130px x130px x130px x130px Relieffragmente aus dem Totentempel der Sahure-Pyramidemit nachträglich umgearbeiteten Darstellungen des Neferirkare
Ein 2002 neu entdeckter Reliefblock machte allerdings eine Neuinterpretation der bisher bekannten Belege nötig. Während auf den bisher bekannten Relieffragmenten stets Netjerirenre als „Ältester Königssohn“ bezeichnet wird und Neferirkares Darstellung nachträglich an die Spitze einer Priesterprozession eingefügt wurde, finden sich auf dem neu entdeckten Block zwei Älteste Königssöhne (Ranefer und Netjerirenre), während die Priesterdarstellungen unverändert geblieben sind. Tarek El Alwady interpretiert diese Darstellung so, dass es sich bei Ranefer tatsächlich um den späteren König Neferirkare handelt. Die scheinbare Abwesenheit Ranefers auf den von Borchardt beschriebenen Fragmenten ist darin begründet, dass sie stets religiöse Szenen zeigen. In denen war der Thronfolger Ranefer nicht in seiner Funktion als Prinz, sondern als Priester dargestellt. Nach seiner Thronbesteigung ließ er dann diese Darstellungen ändern und königliche Insignien und seinen Thronnamen einfügen. Der neuentdeckte Block hingegen zeigt eine Erinnerungsszene an ein konkretes historisches Ereignis (Sahures Punt-Expedition). Dort ist Ranefer deshalb nicht als Priester, sondern als Prinz dargestellt. Die kniende Haltung des Prinzen machte eine spätere Überarbeitung vermutlich unmöglich.El Awady: The royal family of Sahure. Prag 2006, S. 210.
Die Frage, warum sowohl Ranefer als auch Netjerirenre als Älteste Königssöhne bezeichnet werden, ist nach El Awady damit zu beantworten, dass beide Zwillinge waren. Dies drückt sich dadurch aus, dass beide gemeinsam mit Sahures Gemahlin dargestellt wurden und dass Netjerirenre als zweitgeborener Zwilling das Amt eines Priesters des Fruchtbarkeitsgottes Min innehatte, was nach El Alwady als Symbol für Sahures außerordentliche Zeugungskraft diente.El Awady: The royal family of Sahure. Prag 2006, S. 213–214.
Weitere Brüder Neferikares waren Chakare, Raemsaf und Heriemsaf.El Awady: The royal family of Sahure. Prag 2006, S. 214–216. Als Mutter des Neferirkare und aller seiner Brüder kann Sahures einzige bekannte Gemahlin und leibliche Schwester Meretnebty angesehen werden.El Awady: The royal family of Sahure. Prag 2006, S. 198–203.
Neferirkares Große königliche Gemahlin war Chentkaus II. Aus dieser Ehe sind zwei Söhne bekannt: Ranefer, der als Ältester Königssohn den Geburtsnamen seines Vaters trug und später unter dem Namen Raneferef den Thron bestieg, und Niuserre, der nach dem frühen Tod seines Bruders ebenfalls als König herrschte.Dodson, Hilton: The Complete Royal Families of Ancient Egypt. London 2004, S. 62–69.
Herrschaft Regierungsdauer Die genaue Regierungslänge des Neferirkare ist aufgrund der spärlichen Quellenlage nicht genau zu bestimmen. Der im 3. Jahrhundert v. Chr. lebende ägyptische Priester Manetho nennt 20 Regierungsjahre, was angesichts des unvollendeten Pyramidenkomplexes Neferirkares allerdings zu hoch sein dürfte. Der Königspapyrus Turin aus der 19. Dynastie ist an der Stelle, an der sich ursprünglich der Eintrag zu Neferirkare befand, so stark beschädigt, dass sowohl der Königsname als auch die ihm zugeschriebene Regierungslänge verloren sind. An zeitgenössischen Datumsangaben ist lediglich drei Mal ein „5. Mal der Zählung“ belegt (Hierzu dürfte auch eine Bauarbeiterinschrift aus der Neferirkare-Pyramide gehören, die wohl fälschlich als „16. Mal der Zählung“ gelesen wurde.), womit die ursprünglich als Horusgeleit eingeführte landesweite Zählung des Viehs zum Zwecke der Steuererhebung gemeint ist. Eine gewisse Problematik bei Datumsangaben des Alten Reiches birgt der Umstand, dass diese Zählungen anfangs alle zwei Jahre stattfanden (das heißt auf ein „x-tes Jahr der Zählung“ folgte ein „Jahr nach dem x-ten Mal der Zählung“), später aber zum Teil auch jährlich stattfinden konnten (auf ein „x-tes Jahr der Zählung“ folgte das „y-te Jahr der Zählung“).siehe hierzu: Verner: Archaeological Remarks. Auf dieser Grundlage wird heute eher eine deutlich kürzere Regierungszeit von zehnM. Verner: Die Pyramiden. Reinbek bei Hamburg 1999, S. 300. oder elfD. D. Baker: The Encyclopedia of the Egyptian Pharaohs. Band 1: Predynastic to the Twentieth Dynasty (3300–1069 BC). Oakville (CT) 2008, S. 259. Jahren angenommen. Miroslav Verner hält es auch für möglich, dass eine Angabe von sieben Jahren im Königspapyrus Turin, die gewöhnlich Schepseskare zugeschrieben wird, tatsächlich Neferirkare zuzuweisen ist, womit sich eine noch kürzere Regierungslänge von lediglich sechs oder sieben Jahren ergeben würde.M. Verner: Archaeological Remarks on the 4th and 5th Dynasty Chronology. 2001, S. 395.
Ereignisse König Neferirkare erscheint auf dem Palermostein.T. Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 173. Der Palermostein ist ein großes Bruchstück des ehemaligen Annalenstein der 5. Dynastie. Er listet auf seiner Rückseite sämtliche aufgezeichneten Jahresereignisse der Könige Menkaure bis Neferirkare auf. Leider ist die Oberfläche der Steintafel besonders auf ihrer Rückseite durch Abrieb so stark beschädigt, dass der Großteil der ursprünglichen Inschrift nur schwer lesbar ist und teilweise erhebliche Lücken aufweist. In Zeile 4 u. 5 sind folgende Regierungsjahre von König Neferirkare erhalten:
Jahr Ereignisse Zeile 4: Namensbanderole - Hor-Userchau, König der Doppelkrone, Userchau-Nebti... (Rest weggebrochen) Zeile 4: Krönungsjahr - Im 2. Monat, am 7. Tag: Geburt (Erschaffung) der Stauen der Götter, Vereinigung von Ober- und Unterägypten, Umschreiten der Weißen Mauern (von Memphis) - Der König von Ober- und Unterägypten, Neferirkare, hat folgende Stiftungen veranlasst: 4 Aruren an wirtschaftlich nutzbaren Flächen unter der Aufsicht von Neferirkare im Bezirk „Neferirkare, Geliebter der Enneade“ von Memphis an die Enneade im Sentj-Schrein in der Domäne der Götter; 10 Aruren an wirtschaftlich nutzbaren Flächen im Gau Chenti-Iabet + 250 Aruren an wirtschaftlich nutzbaren Flächen für die „Größten der Seher“, der Priester und der Beamten in der Domäne des Gottkönigs an die Seelen von Heliopolis und die Götter von Cher-Aha; ein Opfertisch + 210 Einheiten an göttlichen Gaben aus der Kornkammer des Herrn + 20 Einheiten von Opferbroten und Bierkrügen für Rē, es wurden 2 Lagerhäuser errichtet und ..?.. Leute angestellt; Geburt einer Statue aus Elektrum für Ihi unter Begehung des Mundöffnungsrituals im Tempel der Hathor, Herrin der Sykomore bei der Stadt Merj-Snefru; Dasselbe wurde getan für Rē -auf-den-Dächern... (Rest zerstört) Zeile 5: 10. Jahr - Der König von Ober- und Unterägypten, Neferirkare, hat den Bau folgender Monumente für sich veranlasst: ..?.. namens „Mund von Hatnub“, ..?.. des Neferirkare für Rē in dessen Sonnentempel „Lieblingsort des Rē“ unter Begehung des Umschreitens der Mauern; ..?.. im Totenkult-Bezirk des (Königs) Huni + ??? Aruren an wirtschaftlich nutzbaren Flächen für selbige... - 5. Mal der Viehzählung und... (Rest zerstört) Zeile 5: 11. Jahr - Erscheinen des Königs von Ober- und Unterägypten, Unterbringung der Ma'atj-Barke an der Südecke des Sonnentempels „Lieblingsort des Rē“. - Der König von Ober- und Unterägypten, Neferirkare, hat folgende Stiftungen veranlasst: Je 1 Modell der „Abend-Barke“ und der „Morgen-Barke“ des Rē aus Kupfer von 4,20 m Länge; ..?.. für die Seelen von Heliopolis aus Elektrum; ..?.. 2 Aruren an wirtschaftlich nutzbaren Flächen für Ptah südlich-der-Mauern in ..?..; ..?.. für Wadjet-des-Südens... (Rest zerstört). Die Inschrift des Palermosteins endet mit dem Eintrag zu Neferirkares 11. Regierungsjahr.
Toby Wilkinson, Alessandro Roccati und Marshall Clagett machen auf das Datum von Neferirkares Krönung aufmerksam: zwischen dem Herrschaftsende seines Vorgängers Sahure und dem Herrschaftsantritt von Neferirkare herrscht eine Diskrepanz von mehreren Tagen. Dieses Phänomen könnte darauf hinweisen, dass ein ägyptischer Herrscher nicht unmittelbar auf den Thron kam, kaum dass dieser frei wurde - in dem Zeitraum zwischen Vakanz und Neubesetzung musste der neue Herrscher gewisse umfangreiche Formalia durchlaufen, so zum Beispiel das Umdekorieren von Einrichtungen und Inschriften, das (Wieder-)Ernennen von Priesterschaften und Wesiren, die (Wieder-)Erschaffung göttlicher Statuen und Schreine und vieles mehr.Toby A. H. Wilkinson: Royal Annals of Ancient Egypt: The Palermostone and its associated Fragments. London 2000, S. 170–178.
Des Weiteren machen die Gelehrten auf Ortsnamen wie Cher-Aha und Chenti-Iabet aufmerksam. Ersterer bedeutet wörtlich „Ort des Kampfes“ und soll gemäß den Pyramidentexten jenen legendären Ort bezeichnen, an welchem Horus und Seth erstmalig um den Thron von Ägypten buhlten. Wo genau Cher-Aha gelegen haben mag, ist unbekannt, wird aber in der Nähe von Nilopolis vermutet. Der Gau-Name Chenti-Iabet bedeutet wörtlich „Vorderster des Ostens“ und bezeichnete den 14. Unterägyptischen Gau am Ost-Zipfel des Nildeltas an der Grenze zur Levante. Von besonderem Interesse ist die Nennung des Totenkult-Bezirks des Königs Huni, dem mutmaßlich letzten Herrscher der 3. Dynastie. Nicht nur belegt der Eintrag die Existenz eines Königs diesen Namens, sondern auch, dass der Totenkult-Bezirk zu Neferirkares Zeit noch immer bestand und versorgt wurde. Ebenfalls interessant ist die Erwähnung der Stadt Merj-Snefru. Ihr Name bedeutet wörtlich „Von Snofru geliebt“ und ihre geografische Lage ist unbekannt.
Ebenfalls erwähnenswert ist der Titel „Großer der Seher“ (ägypt. Weru-Ma'au), der auf dem Palermostein zum ersten Mal auftritt. Es handelte sich um eine Art Orakel im Dienst des Sonnengottes Rē mit Hauptschrein in Heliopolis. Der Rest des Stiftungseintrages, der den „Großen der Seher“ und ihren Priestern und Beamten gilt, ist durch Oberflächenabrieb nahezu unleserlich, lässt aber gemäß Wilkinson, Clagett und Roccati die Rekonstruktion eines Dekrets zu, nach welchem der Tempel des Rē und dessen Priesterschaft von allen Steuern befreit waren.