Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (BEFG) ist eine Vereinigung von autonomen Ortsgemeinden verschiedener freikirchlicher Traditionen. In diesem Bund haben sich 1942 der Bund der Baptistengemeinden, der Bund freikirchlicher Christen aus der Tradition der Brüderbewegung sowie die pfingstlichen Elim-Gemeinden zusammengeschlossen. Die einzelnen Gemeinden bezeichnen sich in den meisten Fällen als Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden, teilweise mit einem Klammerzusatz, zum Beispiel als „Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) [Ortsangabe]“.
Neben den im BEFG organisierten Baptistengemeinden gibt es weitere Baptistenunionen sowie nicht in Bünden organisierte Baptistengemeinden in Deutschland.
Verbreitung mini|hochkant|Titelseite des von Johann Ludwig Hinrichs 1840 abgefassten „Glaubensbekenntniß der Evangelischen Taufgesinnten (Baptisten) Gemeinden in Amerika, Großbritanien, Hamburg pp und Jever“„Großbritanien“ mit nur einem „n“ so im Original!
Zum Bund gehören in Deutschland etwa 72.000 getaufte Mitglieder in 767 Gemeinden; davon gehören rund 9.000 zu den 127 Mitgliedsgemeinden der Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden innerhalb des Bundes.https://www.befg.de/der-befg/wir-ueber-uns/mitgliederstatistik; eingesehen am 10. Juni 2025.
Der BEFG ist einer der 48 Bünde der Europäischen Baptistischen Föderation (EBF) in Europa sowie Vorder- und Zentralasien mit knapp 900.000 getauften Mitgliedern sowie einer der 210 Bünde der Baptist World Alliance (BWA) mit insgesamt 34 Millionen Mitgliedern.
Neben den Baptisten im BEFG gibt es in Deutschland weitere Baptistenbünde, die wie die Evangeliumschristen-Baptisten von ihrem Ursprung her in Aussiedlerkreisen beheimatet sind, sowie unabhängige Baptisten wie zum Beispiel die Bibel-Baptisten oder die Reformierten Baptisten. Auch die International Baptist Convention, ein weltweiter Bund englischsprachiger Baptistengemeinden, ist in Deutschland an vielen Orten vertreten. Er pflegt allerdings im Gegensatz zu den Aussiedler- und freien Baptistengemeinden engen Kontakt zum BEFG sowie zur EBF und zum Baptistischen Weltbund.
Geschichte Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden wurde 1942 gegründet, nicht zuletzt unter dem Druck des NS-Staates. Wurzeln mini|hochkant|links|Innenaufnahme der ersten deutschen Baptistenkirche in Hamburg, Böhmkenstraße (im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört) mini|Heutige Kirche der ältesten deutschen Baptistengemeinde, jetzt im Hamburger Grindelviertel Im BEFG verbanden sich Gemeinden aus drei unterschiedlichen freikirchlichen Traditionssträngen:
Baptisten Das offizielle Gründungsjahr der Baptistengemeinden ist 1834.Eine ausführliche Darstellung der Geschichte findet sich hier: ; eingesehen am 11. Oktober 2009 Der Begründer der deutschen Baptistengemeinden Johann Gerhard Oncken wurde mit sechs weiteren Täuflingen in der Elbe bei Hamburg-Kirchwerder durch den amerikanischen Baptistenpastor Barnas Sears getauft.Wilfried Bohlen: Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland. In: Brunhild von Local, Winfried Brose (Red.): Aufbruch zu einer missionarischen Ökumene. Ein Verständigungsprozeß über die gemeinsame Aufgabe der Mission und Evangelisation in Deutschland. Evangelisches Missionswerk in Deutschland, Hamburg 1999, S. 217–221, hier S. 218. Diese sieben Getauften bildeten die erste deutsche Baptistengemeinde, welche zur Keimzelle des späteren Bundes der Baptistengemeinden wurde.
Brüderbewegung Die Brüdergemeinden entstanden Anfang der 1850er Jahre im Wuppertaler Raum. Führende Gründungsväter der Brüderbewegung waren Carl Brockhaus und Julius Anton von Poseck. Ein weiterer Zweig der Brüderbewegung, die sogenannten Offenen Brüder, entstand in Deutschland unter dem Einfluss von Reisepredigern aus England wie Georg Müller, Friedrich Wilhelm Baedeker und Edmund Hamer Broadbent. Müller gründete bereits 1843 eine Gemeinde in Stuttgart, aber eine größere Ausbreitung dieser Richtung, zu der u. a. auch das Forum Wiedenest gehört, fand erst 50 Jahre später statt. Führende Persönlichkeiten dieser Gruppe waren später u. a. Johannes Warns und Erich Sauer. 1937 schlossen sich unter dem Druck des nationalsozialistischen Staates der überwiegende Teil der beiden Richtungen zum Bund freikirchlicher Christen (BfC) zusammen. Dieser wiederum vereinigte sich 1941/42 mit den Baptisten.
Elimbewegung Die pfingstlich orientierten Elim-Gemeinden, die schon 1938 aufgrund ihrer Probleme mit dem Staat dem Bund der Baptisten beitraten, waren 1926 in Hamburg entstanden.Günter Balders: Ein Herr – ein Glaube – eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland. Oncken, Wuppertal / Kassel, 1984, ISBN 3-7893-7883-6, S. 298 f. Ihr Gründungsvater ist der Evangelist Heinrich Vietheer (1883–1968). Heute gehören nur noch sechs Elim-Gemeinden zum BEFG, zwei im Westen, vier im Osten; die anderen haben sich im Westen nach dem Krieg bzw. im Osten nach der deutschen Wiedervereinigung größtenteils dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden angeschlossen.
Die Zeit des Dritten Reiches
Die Verantwortlichen der Freikirche waren während des Dritten Reiches bestrebt, Erreichtes nicht zu gefährden und missionarisch aktiv bleiben zu können. Dafür wurden Kompromisse bei dem Prinzip der völligen Unabhängigkeit eingegangen. In zunehmendem Maße wurde das Prinzip preisgegeben und zwischen 1933 und 1936 durch das Führerprinzip ersetzt.
Während des Dritten Reiches zählte man bis zu 120.000 Mitglieder. Spätestens seit 1936 hatten alle Denominationen den generell antichristlichen Kurs der NS-Religionspolitik zu spüren bekommen. Gegenüber dem Kirchenkampf verhielt man sich neutral oder desolidarisierte sich öffentlich von der Bekennenden Kirche, zum Beispiel auf der Weltkirchenkonferenz 1937 in Oxford.
Unter dem Druck der Verhältnisse schloss sich der Bund der Baptistengemeinden 1942 mit den um ihre Existenz kämpfenden Brüdergemeinden zusammen. Aus dieser Zeit datiert auch ein vom BEFG herausgegebenes Liederbuch Gemeindelieder für gemeinsame Andachten und Mahlfeiern von Baptisten und Brüdern. Der gemeinsame Bund erhielt den offiziellen, noch heute gültigen Namen Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.
Fünfzig Jahre danach erklärte der deutsche Bund auf dem Kongress der Europäischen Baptistischen Föderation 1984 in Hamburg in einem Wort zur NS-Zeit: „Wir haben uns nicht öffentlich mit dem Kampf und Leiden der Bekennenden Kirche verbunden und ebenso versäumt, eindeutig den Verletzungen göttlicher Gebote und Ordnungen zu widerstehen. Es beugt uns, dass wir als deutscher Bund der ideologischen Verführung jener Zeit oft erlegen sind und nicht größeren Mut zum Bekenntnis für Wahrheit und Gerechtigkeit bewiesen haben.“
Lehre Grundlegende Anschauungen Für Lehre, Glauben und Leben ist die Bibel alleinige Richtschnur. Die Gemeinde Jesu ist eine Schöpfung des Wortes Gottes. Die Verkündigung weckt, stärkt und korrigiert den Glauben des einzelnen Menschen und verlangt nach dessen Antwort. Die Verkündigung des Evangeliums ist die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch zum Glauben kommt. Wer zum Glauben an Jesus Christus gekommen ist, wird eingeladen, sich aufgrund seines persönlichen Bekenntnisses taufen zu lassen. Die örtliche Gemeinde der Glaubenden „verwaltet“ das Wort und die von Jesus Christus eingesetzten Zeichen Taufe und Abendmahl. Sie delegiert diese Aufgabe an einzelne Gemeindemitglieder. Wie alle Baptisten sehen die Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in der Evangelisation die vordringlichste Aufgabe sowohl des einzelnen Gemeindemitglieds – Johann Gerhard Oncken: „Jeder Baptist ein Missionar!“ – als auch der Gemeinde und ihrer regionalen und nationalen Zusammenschlüsse. Gemeinsam mit den anderen Baptisten treten sie weltweit für Glaubens- und Gewissensfreiheit des Menschen ein. Staat und Kirche sind zu trennen. Keine Religion darf vom Staat bevorzugt behandelt werden (siehe dazu: Julius Köbner, Das Manifest des freien Urchristentums von 1848).
Taufe mini|Baptistische Taufe
Die Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden lehnen die Säuglingstaufe ab. Der Beitritt soll auf einer bewussten persönlichen Entscheidung für ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi beruhen und deshalb in der Glaubenstaufe seinen Ausdruck finden. Mitglieder von Freikirchen führen diese Entscheidung häufig auf ein so genanntes „Bekehrungs-Erlebnis“ zurück, von dem sie „Zeugnis geben“. Wer Mitglied einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde werden möchte, muss in der Regel gläubig getauft sein bzw. sich aufgrund seines Glaubens taufen lassen. Eine empfangene Säuglingstaufe wird nicht als Taufe anerkannt. Einige Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden bieten allerdings Ausnahmeregelungen an und gewähren die Möglichkeit einer assoziierten Mitgliedschaft für solche, die sich aus persönlichen Gründen nicht gläubig taufen lassen möchten. Voraussetzung ist allerdings auch hier, dass die Antragsteller die Taufauffassung der Gemeinde teilen.
Ungetaufte Kinder nehmen in Freikirchen am Gemeindeleben teil. Für eine persönliche Gottesbeziehung, die zur Vergebung von Sünde führt, ist jedoch in jedem Fall eine bewusste eigene Entscheidung nötig. Die Taufe der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden wird von den anderen Kirchen anerkannt.
Rolle des Pastors/der Pastorin Einen besonderen Priesterstand, wie ihn etwa die katholische Kirche kennt und in dem der Priester zwischen Gott und Mensch vermittelnd tätig wird, lehnen die Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden ab und vertreten stattdessen ein allgemeines Priestertum der Gläubigen. Pastoren und Pastorinnen sind demnach für die Gemeindearbeit freigestellte Mitglieder, deren Lebensunterhalt von der Gemeinde ganz oder teilweise getragen wird. Gleichwohl nehmen sie in den Gemeinden eine herausragende Rolle ein. Auch die übliche Ordination von Pastoren und Pastorinnen unterstreicht dies. Die theologische Ausbildung erfolgt unter anderem an der Theologischen Hochschule Elstal (Fachhochschule) in Wustermark-Elstal bei Berlin. Manche Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden lehnen aus Prinzip Pastoren ab, zum Beispiel viele Brüdergemeinden, andere haben Pastoren, die ihren Unterhalt ganz oder teilweise durch Arbeit in einem weltlichen Beruf erwirtschaften. Grundsätzlich darf jedes Gemeindemitglied predigen, das Abendmahl austeilen und taufen. Seit 1992 werden Frauen im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) als Pastorin ordiniert. Einige Gemeinden, zum Beispiel viele Brüdergemeinden, lehnen eine aktive Teilnahme von Frauen weitgehend ab.
Mission Da die Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden, wie fast alle großen christlichen Kirchen, die Erlösung des Menschen von Schuld und ein Leben nach dem Tod an den Glauben an Kreuz und Auferstehung Jesu Christi geknüpft verstehen, ist für sie Mission nicht nur biblischer Auftrag, sondern auch moralische Verpflichtung aus der Verantwortung für den Mitmenschen. Evangelistische Großveranstaltungen, Zeltmission und Gästegottesdienste sind in Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden regelmäßiges Angebot für glaubens- und kirchendistanzierte Menschen.
Theologie und Glaubensbekenntnis Die Theologie der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden ist gewöhnlich evangelikal in calvinistischer Tradition, wobei es große Unterschiede zwischen den einzelnen Gemeinden geben kann. Die „Übereinstimmung der Gemeinden im Glauben“ ist in der Rechenschaft vom Glauben, dem derzeit geltenden Glaubensbekenntnis des BEFG (und der Baptisten in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz), zusammengefasst.
Gottesdienst und Praxis mini|In viele Gottesdienste werden kreative Elemente aufgenommen: Hier eine Tanzaufführung in einer Nürnberger Baptistengemeinde mini|Hinweisschilder für baptistische und andere freikirchliche Gottesdienste zeigen eine grüne Kirche.