mini|Tugendreiche Dame zähmt Wilden Mann, Wandteppich, Basel, 1470/80 thumb|Wilder Mann im Museum Schnütgen, spätes 14. Jahrhundert Der Wilde Mann ist vom frühen Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit im Volksglauben des germanischen und slawischen Sprachraums ein anthropomorphes Wesen. Er wurde als einzelgängerischer, mit Riesenkräften ausgestatteter, stark behaarter, nackter oder nur mit Moos oder Laub bekleideter Urmensch beschrieben oder dargestellt. Seine Lebensweise galt einerseits als halbtierisch und primitiv, andererseits aber auch als paradiesisch und naturverbunden. Für seinen bevorzugten Aufenthaltsort hielt man unbewohnte oder unbewohnbare Wald- und Berggebiete.

Wilde Männer sind eine spezifisch mitteleuropäische Ausformung einer weltweit in allen Kulturen vorkommenden mythischen oder abergläubischen Vorstellung von halbmenschlichen Waldbewohnern. Diese Wesen erscheinen zuerst als Wildleute (mittellateinisch silvani) oder Wildes Volk, später personifiziert als Wilder Mann und Wilde Frau oder auch als Wildes Fräulein:

In den Texten und Darstellungen kommt dem Wilden Mann oft eine metaphorische Bedeutung zu. Er steht für das Wilde, die bedrohliche Natur, für die überwundene Natur, für überkommene kulturelle Entwicklungsstufen des Menschen und für bestimmte, als urtümlich empfundene charakterliche Merkmale von Männern. Der Wilde Mann wird im Mittelalter von einem Mythos des Volksglaubens, einem Archetypus des Chaos, zu einem Symbol für erstrebenswerte Charaktereigenschaften in den Geschichten der gesellschaftlichen Oberschicht.

Erscheinungsformen mini|Wilde Frau (Wildweibchen) mit Einhorn mini|Letter K im Buchstabenalphabet des Meisters E. S., Kupferstich, 1466/67 Wilde Männer, und seltener Wilde Frauen, erscheinen in Sagen, Märchen und in der mittelalterlichen Literatur (Epik), seit der Mitte des 14. Jahrhunderts in sinnbildlichen Darstellungen der mittelalterlichen Kunst auf Wandteppichen, Minnekästchen, Chorgestühl, Reliquienkästen, Fliesen, Glasmalereien, Grafiken, als Zeichen in Kartenspielen, als Gemeine Figur oder öfter als Schildhalter in Wappen, als Münzbilder, als Hauszeichen und als Mannfigur im Fachwerk, als Figur bei Umzügen, Festen und Ritualen, dargestellt von einem verkleideten Menschen, als Namensgeber für Flurstücke und Berge, für Einrichtungen des Bergbaus wie Gruben und Stollen, für Bergstädte sowie später auch für gastronomische Einrichtungen wie Hotels und Restaurants. als Metapher für bestimmte charakterliche Eigenschaften des Menschen bzw. des Mannes sowie besonders in der internationalen Literatur der 1980er Jahre als Metapher für Aspekte der Geschlechterrolle des Mannes bei der Neudefinierung der Verteilung der Geschlechterrollen im Zuge der Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Eigenschaften Wilde Männer sind menschliche und keine transzendenten Wesen, das heißt, sie sind keine Wesen aus einer anderen, zum Beispiel der göttlichen Welt, die sich beliebig in dieser Welt materialisieren und in verschiedenen Gestalten erscheinen und wieder verschwinden können. Da Wilde Männer dazu nicht in der Lage sind, können sie auch vom Menschen gefangen werden. Wilde Männer haben zwar übermenschliche Fähigkeiten, manchmal auch so etwas wie Zauberkräfte oder seherische Fähigkeiten, aber sind selbst biologische Wesen, die verwundbar sind, beschossen und verletzt werden können. Sie können ein Sexual- und Familienleben haben. Lediglich in den archaischen Sagen des Alpenraums (vornehmlich Tirol) haben Wilde Männer gewisse Eigenschaften von Geisterwesen und Naturdämonen. Wilde Männer sind menschliche, keine tierischen Wesen. Sie haben – abgesehen vom intensiven Haarwuchs (Hypertrichose), von ihrer großen Körperkraft und ihrer Nacktheit, was alles auch bei normalen Menschen vorkommen kann – keine tierischen Merkmale. Sie besitzen keine Bocksfüße, keinen Schwanz und keine Hörner. Auf Darstellungen und in den Erzählungen ist der Wilde Mann stets barfuß und – anders als Tiere – mit einem Knüppel oder einem ausgerissenen Baum bewaffnet. Wilde Männer sind in der Regel den Menschen unterlegen, wenn ihre große Körperkraft unschädlich gemacht wird. Das kann durch sexuelle Verführung geschehen, aber auch durch weibliche Tugend, durch Alkohol, durch Zauber, durch Bekämpfung mit professioneller militärischer Ausbildung und Bewaffnung, durch Fernwaffen oder durch andere besonders intelligente Maßnahmen. Danach kann man sie einsperren und im Käfig halten wie Tiere, Strafgefangene oder Irre. Die Erwartungen, dem Rätsel ihrer Wildheit auf die Spur zu kommen, werden jedoch grundsätzlich enttäuscht. Erst zu Beginn der Neuzeit werden die wilden Männer zu Hütern von meist metallenen Schätzen (eine Rolle, die zuvor eher den zaubermächtigen und technologisch überlegenen Zwergen zugeschrieben worden war). Das war der Zeitpunkt, an dem die Menschen die letzten im Mittelalter noch unbewohnten Gebiete systematisch erschließen mussten, um an die Bodenschätze zu gelangen, die dort in den Bergen, die vorher als unwirtlich und wild gemieden wurden, auf ihre Entdeckung warteten. Hier begegneten sie der Wildheit der Natur, der sie durch bisher nicht gekannte Maßnahmen ihre Schätze abjagen konnten. Typischerweise sind es hier erstmals auch Bergleute, die dem Wilden Mann begegnen, nicht, wie sonst üblich, Jäger.

Deutungsansätze Ob sich in den weltweit verbreiteten Vorstellungen vom Wilden Mann alte Erinnerungen an die Zeiten erhalten haben, als noch mehrere Arten der Hominini nebeneinander existierten, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Zwar haben der moderne Mensch (Homo sapiens) und der Neandertaler (Homo neanderthalensis) unter anderem in Mitteleuropa etwa 10.000 Jahre lang in unmittelbarer Nachbarschaft gelebt und zumindest in einem bestimmten Zeitfenster vor der Aufspaltung der eurasischen Populationen auch gemeinsame Nachkommen gezeugt, was im Erbgut der heute lebenden eurasischen Populationen nachgewiesen werden kann,Richard E. Green, Johannes Krause, Adrian W. Briggs, Tomislav Maricic, Udo Stenzel, Martin Kircher, Nick Patterson, Heng Li, Weiwei Zhai, Markus Hsi-Yang Fritz, Nancy F. Hansen, Eric Y. Durand, Anna-Sapfo Malaspinas, Jeffrey D. Jensen, Tomas Marques-Bonet, Can Alkan, Kay Prüfer, Matthias Meyer, Hernán A. Burbano, Jeffrey M. Good, Rigo Schultz, Ayinuer Aximu-Petri, Anne Butthof, Barbara Höber, Barbara Höffner, Madlen Siegemund, Antje Weihmann, Chad Nusbaum, Eric S. Lander, Carsten Russ, Nathaniel Novod, Jason Affourtit, Michael Egholm, Christine Verna, Pavao Rudan, Dejana Brajkovic, Željko Kucan, Ivan Gušic, Vladimir B. Doronichev, Liubov V. Golovanova, Carles Lalueza-Fox, Marco de la Rasilla, Javier Fortea, Antonio Rosas, Ralf W. Schmitz, Philip L. F. Johnson, Evan E. Eichler, Daniel Falush, Ewan Birney, James C. Mullikin, Montgomery Slatkin, Rasmus Nielsen, Janet Kelso, Michael Lachmann, David Reich, Svante Pääbo: A draft sequence of the Neandertal genome. In: Science. Bd. 328, Nr. 5979, 2010, S. 710–722, doi:10.1126/science.1188021. jedoch lässt sich durch die große zeitliche Lücke zwischen dem Aussterben der letzten Neandertaler vor 30.000 – 25.000 Jahren und der ersten schriftlichen Figur eines Wilden Mannes im Gilgamesch-Epos mehr als 20.000 Jahre später kein überprüfbarer Zusammenhang herstellen. Für die Verbreitung des Topos im frühmittelalterlichen bis neuzeitlichen Europa gilt dies umso mehr.

Für die Erklärung, die Geschichten vom Wilden Mann beruhen auf der Übergangszeit von der Altsteinzeit zur Jungsteinzeit, als sich die Menschen von Jägern und Sammlern zu Ackerbauern und Viehzüchtern entwickelten, sprechen einige Hinweise im Alten Testament. Die alten biblischen Geschichten haben hier eine gewisse Aussagekraft, stammen sie doch aus der Gegend, in der der Ackerbau zuerst entwickelt wurde (siehe Fruchtbarer Halbmond). Im 1. Mose 25–33 geht es um den Streit zwischen den Zwillingsbrüdern Esau, dem älteren, instinkthaften, behaarten, dem Jäger, und Jakob, dem jüngeren, dem sich seiner selbst bewussten, mit feiner Haut ausgestatteten, städtischen, intellektuellen, kultivierteren Lieblingssohn der Mutter Rebekka. Im Wettstreit zwischen Landwirtschaft und Jagd zeigt sich die Überlegenheit der neuen Gesellschaftsform: Der glücklose Jäger Esau muss sein Erbrecht an seinen landwirtschaftlich tätigen und damit wirtschaftlich überlegenen Bruder Jakob verkaufen, um überhaupt etwas zu essen zu haben. Jakob, der Auserwählte Gottes, wurde so zum Stammvater der zwölf Stämme Israels. Der behaarte Esau ging leer aus und wurde der Stammvater eines Bergvolkes.

In den alten Sagen des Alpenraums stellen Wilde Männer unter anderem die schwer zu zähmende und unberechenbare Natur dar, die besonders den Menschen in unwirtlichen Gegenden vor der Industrialisierung schwer zu schaffen machte. Der Mensch fühlte sich den Kräften schutzlos ausgeliefert und personifizierte sie in einer Reihe von Sagengestalten, wozu auch die Wilden Männer gehörten (z. B. in Wildon, Steiermark).

Wilde Männer stehen im Christentum außerhalb der Schöpfung und des Heilsplans. Sie sind Figuren der niederen Mythologie, die im kirchlichen Verständnis dazu dienen, den tugendhaften Sieg über sie und damit über das Wilde, Niedere und Lasterhafte zu symbolisieren. In der Vorstellungswelt des mittelalterlichen Menschen galt wild als dasjenige, das außerhalb der menschlichen Kultur, Gemeinschaft, Sitte und Norm stand. Darüber hinaus galt es als das Wüste und Unausgebaute, Verwirrte und Unheilvolle. Aus diesem Grund erscheinen die Wilden Männer im ausgehenden Mittelalter nicht selten in der Fastnacht, wo sie zusammen mit den anderen Narren die Vertreter der Gottesferne und damit des Teufels darstellen. Als diese Vertreter sind der Wilde Mann und die Wilde Frau zusammen mit Narr und Teufel beispielsweise auch auf einer Gewölbekonsole des Heiligkreuzmünsters in Rottweil zu sehen.

Die höfische Literatur des Mittelalters stellte den als gesellschaftliches Vorbild geltenden Rittern verschiedene Schreckgestalten als Kontrastfiguren gegenüber, gegen die die Ritter dann ihre ethische und kämpferische Überlegenheit ausspielen konnten. Zu diesen Figuren gehörten neben den Drachen und Riesen auch Wilde Männer.

Zu Beginn der frühen Neuzeit taucht der Aspekt auf, dass sich den Menschen durch die Überwindung der Natur, hier in Gestalt des Wilden Mannes, auch Chancen auf Reichtum eröffnen. Die Erschließung unwirtlicher Gegenden durch das mutige Vordringen der Bergleute wurde verknüpft mit Sagen von der Überwindung Wilder Männer, die metallene Bodenschätze bewachten. Das führte zur Verwendung des Motivs des Wilden Mannes auf Münzen und in Wappen. Sie wurden so zum Symbol des Reichtums, der aus der Natur gewonnen worden war, und werden bis heute stolz präsentiert.

Ähnliche Erscheinungen Wald- und Berggeister Wald- und Berggeister im weitesten Sinne treten in Sagen und Märchen in ganz Europa und darüber hinaus auf. Diese Wesen werden als deutlich mächtiger als der Wilde Mann dargestellt. Sie gelten als Herren der Natur und können vom Menschen beeinflusst, aber nicht vernichtet werden. Der Schrat scheint dem Wilden Mann in mancherlei Hinsicht ähnlich zu sein. Im Riesengebirge ist der Rübezahl zu Hause, in Skandinavien die Skogsfru. Hierbei handelt es sich um Geistergestalten, die in verschiedenen Erscheinungsformen auftreten können. Sie sind in der Lage, sich zu verwandeln und auch einfach zu verschwinden. Sie verfügen in der Regel über Zauberkräfte oder haben Verfügungsgewalt über die Kräfte der Natur. Rübezahl gilt als Herr der Berge. Er kann Unwetter hervorrufen, denen der Mensch dann hilflos ausgesetzt ist. Es gibt zwar Erzählungen, in denen er vom Menschen übers Ohr gehauen wird, aber fangen und einsperren kann man Rübezahl nicht (siehe auch: Naturgeist, Waldgeist, Berggeist).

Geisteskranke oder Ausgestoßene mini|William Blake: Nebukadnezar (1795)