300px|mini|Dialektkarte der Niederlande und des niederländischsprachigen Belgiens mit Einteilung auf Basis der Levenshtein-Distanz von Wilbert Heeringa aus dem Jahr 2004. Je breiter die Linien, desto deutlicher unterscheiden sich die Mundarten.Heeringa, Wilbert (Jan): Measuring Dialect Pronunciation Differences using Levenshtein Distance (= Groningen Dissertations in Linguistics 46). Dissertation. University of Groningen, Groningen, 2004, S. 232–234 ()2000, Peter von Polenz, Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart: Band I: Einführung · Grundbegriffe · 14. bis 16. Jahrhundert, 2. Auflage, S. 170
Die niederländischen Dialekte oder niederländischen Mundarten () sind die eigenständig aus dem Alt- und Mittelniederländischen entwickelten, von der niederländischen Schrift- oder Standardsprache genetisch unabhängigen, landschaftlich geprägten Formen der niederländischen Sprache. Diese Mundarten bilden in ihrer Gesamtheit einen Teil des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums.
Im soziolinguistischen Kontext können die niederländischen Dialekte weitgehend definiert werden als die westgermanischen Sprachvarietäten, für die Standardniederländisch die Kultursprache und/oder die am engsten verwandte Sprache ist.J. Goossens: Zum Verhältnis von Dialektologie und Soziolinguistik. Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, 48. Jahrg. (1981), H. 3, S. 299–312.
Das niederländische Dialektgebiet ist in zwei Hauptkategorien unterteilt: Niederfränkisch und (niederländisches) Niedersächsisch, die historisch durch ein Dialektkontinuum verbunden sind. Die zahlreicheren niederfränkischen Dialekte bildeten die Grundlage der niederländischen Standardsprache und lassen sich in westniederfränkisch und ostniederfränkisch unterteilen, wobei jede dieser Kategorien mehrere Dialektgruppen enthält. Sprachgenetisch gehören die niedersächsischen Dialekte nicht zum Niederländischen, sondern zur niederdeutschen Sprachgruppe. Sie wurden jedoch über mehrere Jahrhunderte hinweg stark und beständig von der niederländischen Kultur- und Standardsprache beeinflusst und überdacht.
In Deutschland werden am Niederrhein Dialekte gesprochen, die typologisch und sprachgenetisch niederländisch sind, aber in soziologischer Hinsicht als deutsch angesehen werden können, da Deutsch für ihre Sprecher als Standardsprache fungiert.Jan Goossens: Niederländische Mundarten – vom Deutschen aus gesehen. In: Niederdeutsches Wort. Kleine Beiträge zur niederdeutschen Mundart- und Namenskunde. Band 10, Verlag Aschendorff, Münster 1970, S. 63.
Definitionen Der Begriff niederländische Dialekte ist nicht einfach zu definieren. Es gibt verschiedene mögliche Definitionen.
Verwandtschaft als Kriterium Ein mögliches Kriterium wäre die (teilweise enge) Verwandtschaft zwischen einzelnen Dialekten und Sprachen. Dieses Kriterium führt allerdings zu folgendem Problem: Niederdeutsche und ostniederländische Dialekte sind sehr eng miteinander verwandt. Aber Niederländer würden erstere nicht „niederländische Dialekte“ nennen, die zweiten hingegen wohl. Außerdem ist es sehr schwierig, den Verwandtschaftsgrad zwischen Dialekten genau festzustellen.H. Entjes: Dialecten in Nederland. Knoop & Niemeijer, Haren (Gn) 1974, ISBN 90-6148-258-5.
Der belgische Sprachwissenschaftler Guido Geerts zeigt, welche Probleme und Unsicherheiten entstehen können, wenn man das niederländische Sprachgebiet nicht an Staatsgrenzen, sondern an Dialektmerkmalen festmacht. Ein Dialekt wie der von Bentheim (Deutschland) ist der niederländischen Standardsprache ähnlicher als der Dialekt von Maastricht (Niederlande) oder Hasselt (Belgien). Umgekehrt überwiegen in den Dialekten östlich der Benrather Linie aber die deutschen Merkmale, z. B. im Dialekt von Kerkrade oder Vaals (beide in den Niederlanden). Allerdings gibt es auch Merkmale in den Dialekten von Kerkrade und Aachen, die im Niederländischen, aber nicht im Deutschen vorkommen.
Auf einer rein sprachlichen Grundlage ist also nicht zu entscheiden, ob die Sprache eines Ortes niederländisch oder deutsch zu nennen ist. Aus diesem Grund verzichtet Geerts auf eine rein sprachliche Definition.Guido Geerts: Voorlopers en varianten van het Nederlands. 4. Auflage. Uitgeverij Acco, Leuven.
Überdachung und Verwandtschaft als Kriterium Der belgische Sprachwissenschaftler Jan Goossens hat vorgeschlagen, den Grad der Verwandtschaft zu kombinieren mit der Überdachung durch die niederländische Standardsprache.
Nach dem kombinierten Kriterium sind die Dialekte niederländisch, die mit dem Niederländischen verwandt sind und die dort gesprochen werden, wo das Niederländische – und keine enger verwandte Sprache – die Kultursprache ist. Die Einschränkung „keine enger verwandte Sprache“ in diesem Kriterium ist nötig, um die westfriesischen und die niederländischen Dialekte auseinanderzuhalten. Goossens geht davon aus, dass im größten Teil der niederländischen Provinz Friesland das Westfriesische die Kultursprache ist (neben dem Niederländischen). Da die dortigen Dialekte enger mit dem Westfriesischen verwandt sind als mit dem Niederländischen, handelt es sich um friesische, nicht um niederländische Dialekte. Die niederländischen Dialekte in Französisch-Flandern wären nach diesem Kriterium keine niederländischen Dialekte, weil in Französisch-Flandern das Niederländische keine Kultursprache ist.
Goossens merkt dazu an, dass sein Kriterium nicht rein sprachlich, sondern eher soziolinguistisch ist. Er argumentiert, dass man mit einer rein sprachlichen Definition des Begriffs nicht vernünftig arbeiten kann.
Gliederung der Dialekte 650px|mini|Großgliederung der kontinentalwestgermanischen Mundarten.Peter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.), Dialektologie: Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung, 2. Halbband, Reihe: HSK 1.2, Walter de Gruyter, Berlin / New York, 1983, S. 807–900W. König: dtv-Atlas Deutsche Sprache. München 2019, S. 230. Legende: 1. Zentralniederländisch 2. Westflämisch 3. Brabantisch 4. Limburgisch 5. Niederrheinisch (dt. Dachsprache) 6. Westfriesisch 7. Saterfriesisch 8. Nordfriesisch 9. Overijssels (ndl. Dachsprache) 10. Gronings (ndl. Dachsprache) 11. Westfälisch 12. Nordniederdeutsch 13. Ostfälisch 14. Mecklenburgisch-Vorpommersch 15. Brandenburgisch 16. Mittelpommersch 17. Ripuarisch 18. Luxemburgisch (lux. Dachsprache) 19. Moselfränkisch 20. Rheinfränkisch 21. Zentralhessisch 22. Nordhessisch 23. Osthessisch 24. Thüringisch 25. Nordobersächisch 26. Südmärkisch 27. Obersächsisch 28. Ostfränkisch 29. Nordbairisch 30. Mittelbairisch 31. Südbairisch 32. Schwäbisch 33. Niederalemannisch 34. Mittelalemannisch 35. Hochalemannisch 36. Höchstalemannisch
Meist wird der Begriff Dialektkontinuum im Sinne eines geographischen Dialektkontinuums verwendet, eines zusammenhängenden geographischen Raums, in dem miteinander verwandte Dialekte gesprochen werden, zwischen denen sich nach innersprachlichen strukturellen Kriterien keine eindeutigen Grenzen ziehen lassen, da sie zwar durch zahlreiche Isoglossen voneinander getrennt werden, die Isoglossen für unterschiedliche sprachliche Erscheinungen jedoch im Allgemeinen nicht an derselben Stelle verlaufen.J. K. Chambers, Peter Trudgill: Dialectology. 2. Auflage. Cambridge Univ. Press, Cambridge 1998, S. 5–7 (Geographical dialect continua).
Die niederländischen Dialekte sind immer wieder unterschiedlich gegliedert worden. Es hat sich gezeigt, dass eine eindeutige Gliederung nicht einfach zu finden ist.
Am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts spielten die alten germanischen Stämme eine wichtige Rolle bei der Dialektgliederung. So kam man zu Einteilungen in fränkische, sächsische und friesische Dialekte, wobei die feineren Unterteilungen nach Provinzen benannt wurden. Man erkannte allerdings, dass die Dialektgrenzen keine alten Stammesgrenzen sind. Man behielt die alten Begriffe fränkisch, sächsisch und friesisch bei, verzichtete aber darauf, sie mit den alten Franken, Sachsen und Friesen in Verbindung zu bringen. Man benutzte sie nur noch als Namen zur Grobgliederung. Später zeichnete man Dialektkarten auf der Grundlage von Isoglossen. Das heißt, man untersuchte z. B., in welchen Gegenden ein bestimmter Laut als Monophthong oder als Diphthong ausgesprochen wurde, und zeichnete zwischen den beiden Gegenden eine Linie (Isoglosse) ein. Allerdings hat diese Methode den Nachteil, dass derjenige, der die Karte zeichnet, selber entscheidet, welche sprachlichen Unterschiede er für wichtig hält und einzeichnet und welche er für unwichtig hält und weglässt.
Eine andere Methode, Dialekte einzuteilen, beruht auf der Einschätzung der Sprecher. Man befragt Dialektsprecher, welche anderen Dialekte dem eigenen ähnlich sind. Falls ein gewisses Maß an Ähnlichkeit besteht, zeichnet man einen Pfeil von einem Dialekt zu anderen, daher der Name pijltjesmethode („Pfeilmethode“). Allerdings ist nicht sicher, ob die so erhaltenen Informationen verlässlich sind. In der Praxis muss der Forscher diese Informationen noch überprüfen, und zwar auf Grund eigener Erfahrungen oder mit Hilfe anderer Forscher.
Eine Einteilung der Dialekte der Niederlande ist: Nedersaksisch Zuid-Drents en Noord-Overijssels, Terrassen naar de Twentse kern Friesisch (Fries) Westfriesische Dialekte (Friese dialecten) Stadsfries, Kollumerlands, Bildts, Stellingwerfs (Stadfries, Kollumerlands, Bildts, Stellingwerfs) Veluws Übergangsdialekte (Veluwse overgangsdialecten) Holländisch, Nordbrabantisch (Hollands, Noord-Brabants) Holländisch (Hollands) Nordholländisch (Noord-Hollands) Südholländisch und Utrechts (Zuid-Hollands en Utrechts) Nordbrabantisch (Noord-Brabants) Dialekte im gelderschen Flüssegebiet, West-Brabantisch (dialecten in het Gelders rivierengebied, West-Brabants) Nordbelgisch (Noord-Belgisch) Peripheres Brabantisch (Periferisch Brabants) Seeländisch (Zeeuws) Brabantisch (Brabants) Peripheres Flämisch (Periferisch Vlaams) Limburgisch (Limburgs)
Gliederung der Dialekte nach der Levenshtein-Distanz (ohne Niedersächsisch) Dies ist eine Clustergruppierung nach der Levenshtein-Distanz. Südwestlimburgisch Brabantisch Zentralniederländisch Ostflämisch Westflämisch Seeländisch Limburgisch/Kleverländisch Südostlimburgisch
Politische Grenzen und Sprachgrenzen Politische und religiöse Grenzen können Einfluss haben auf die Verbreitung von sprachlichen Merkmalen.
Gete-Linie, alte politische Grenze Die Gete-Linie, eine Dialektgrenze im Osten von Belgien, ist zwischen Halen (östlich von Diest) und Zoutleeuw (östlich von Tienen) die alte Grenze zwischen dem Herzogtum Brabant einerseits und der Grafschaft Loon und dem Hochstift Lüttich andererseits. Östlich dieser Dialektgrenze liegen die Orte Donk, Rummen, Graze und Binderveld, die früher zu Loon gehörten. Westlich dieser Dialektgrenze liegen die Orte Halen, Geetbets, Zoutleeuw und Melkwezer, die früher zum Herzogtum Brabant gehörten.
Seeländisch-Flandern Seeländisch Flandern (Zeeuws Vlaanderen) ist ein Gebiet im südlichen Zeeland, am Unterlauf der Schelde. Dieses Gebiet war während des Achtzigjährigen Krieges hart umkämpft und hat mehrfach den Besitzer gewechselt. Während des Krieges wurden die Deiche vernachlässigt oder aus strategischen Gründen durchstochen, sodass um 1590 das Gebiet größtenteils überschwemmt war und teilweise entvölkert. Der Westen des Gebietes und das Axeler Land (in der Gemeinde Terneuzen) wurden von Seeland her neu besiedelt, und zwar mit protestantischer Bevölkerung. Das Hulster Land (weiter im Osten des Gebietes) wurde vom Waasland aus neu besiedelt, also vom katholischen Flandern her. Die höher gelegenen Gebiete wurden nicht überschwemmt und blieben katholisch. Außerdem hatte die Überschwemmung Land weggespült und dort Wasserarme entstehen lassen.