Nacht und Nebel (Originaltitel: Nuit et brouillard) ist ein französischer Dokumentarfilm über die deutschen Konzentrationslager, insbesondere das KZ Auschwitz-Birkenau, und den Holocaust in der Zeit des NS-Regimes. Der Film wurde 1955 von Anatole Dauman auf Initiative der Historiker Olga Wormser und Henri Michel produziert. Die Schirmherrschaft lag beim staatlichen Comité d'histoire de la Deuxième Guerre mondiale (Komitee der Geschichte des Zweiten Weltkriegs).Im Vorspann: „Sous le patronage du Comité d'histoire de la Deuxième Guerre mondiale“. Regie führte Alain Resnais. Die Filmmusik komponierte Hanns Eisler.

Entstehung Die Initiative für den Dokumentarfilm geht auf den Réseau du Souvenir zurück, einen 1952 gegründeten Zusammenschluss ehemaliger Deportierter aus der französischen Résistance, der sich dem Wachhalten der Erinnerung an die Deportationen verschrieben hatte. Der Réseau du Souvenir setzte sich in den 1950er-Jahren für einen Gedenktag an die Deportationen, den „Journée du Souvenir de la Déportation“, und für die Errichtung eines Denkmals, des „Memorial des Martyrs de la Deportation in Paris“, ein. Die Historiker Henri Michel und Olga Wormser gaben mit Tragédie de la Déportation im Auftrag des Réseau du Souvenir eine Anthologie mit Augenzeugenberichten Deportierter heraus. Um junge Menschen zu erreichen, sollte schließlich ein Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel Résistance et Déportation gedreht werden. Im November 1954 gaben Wormser und Michel anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Résistance, Libération, Déportation den Plan bekannt. Michel kontaktierte dazu den Produzenten Anatole Dauman, der zunächst an Nicole Vedrès und dann an Alain Resnais herantrat.Sylvie Lindeperg: Night and Fog. A History of Gazes. In: Griselda Pollock u. Max Silverman (Hrsg.): Concentrationary Cinema. Aestethics as Political Resistance in Alain Resnais's Night and Fog (1955). Berghahn, New York 2011, S. 57 f.

Bei dem Film sollten Archivmaterial, Dokumente und Schaubilder einerseits mit Filmaufnahmen vor Ort in Struthof, Mauthausen, Auschwitz-Birkenau und Majdanek kombiniert werden. Letztlich wurde mit erheblicher finanzieller Unterstützung der polnischen RegierungSylvie Lindeperg: »Nacht und Nebel«: Ein Film in der Geschichte (s. Literatur), S. 67: „Fest steht aber, dass Polen Nacht und Nebel zu durchaus ansehnlichen Teilen mitfinanziert, nämlich etwa die Hälfte des Endbudgets beigesteuert hat.“ nur in Auschwitz-Birkenau und Majdanek gedreht. Die historischen Aufnahmen wurden hauptsächlich von polnischen Archiven und aus den Sammlungen des Centre de documentation juive contemporaine gestellt. Aufnahmen von einer Deportation aus dem Lager Westerbork nach Auschwitz sowie von der Befreiung des KZ Bergen-Belsen stammten aus niederländischen Archiven. Wormser und Michel fungierten als historische Berater. Sie schrieben auch das erste Exposé, das auf der Konzeption ihrer Anthologie beruhte. Resnais schrieb in enger Abstimmung mit Wormser ein Drehbuch.Sylvie Lindeperg: Night and Fog. A History of Gazes. In: Griselda Pollock u. Max Silverman (Hrsg.): Concentrationary Cinema. Aestethics as Political Resistance in Alain Resnais's Night and Fog (1955). Berghahn, New York 2011, S. 58 f.

Alain Resnais hatte von Anfang an darauf bestanden, den Film mit dem Schriftsteller und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Jean Cayrol zu drehen. Als Mitglied der französischen Widerstandsbewegung war Cayrol im Juni 1942 verhaftet, im März 1943 in das KZ Mauthausen deportiert und ab April 1943 im KZ Gusen inhaftiert worden. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich 1945 hatte er eine Gedichtsammlung unter dem Titel Poèmes de la Nuit et du BrouillardJean Cayrol: Poèmes de la Nuit et du Brouillard. Suivi de: Larmes publiques, Littérature Française, abgerufen am 5. November 2019 (ins Deutsche übersetzt: Gedichte der Nacht und des Nebels) herausgegeben, in denen er seine Zeit in der Résistance und im KZ verarbeitete. Cayrol schrieb den Kommentar. In der deutschen Fassung war Paul Celan für die Texte verantwortlich. Im Film verwandte Resnais Wochenschaudokumente der Alliierten von der Befreiung von Auschwitz und anderer KZ. Im September–Oktober 1955 unternahm er eine Reise nach Polen, um weiteres dokumentarisches Material zu sichten und um in Auschwitz und Majdanek mit seinem Kameramann Ghislain Cloquet die Aufnahmen in Farbe zu drehen, die im Film mit den Schwarzweißaufnahmen der Wochenschauen kontrastieren. Sie nahmen den verfallenden Zaun und die maroden Gebäude auf:

Inhalt Der Film ist in fünf Abschnitte gegliedert, die auf eine Einleitung folgen: Thematisiert werden die Errichtung der KZs, die Deportationen, die Hierarchie der Häftlinge, die Lebensverhältnisse, Terror und die Zwangsarbeit im Lager, die medizinischen Experimente sowie die Morde in den Gaskammern und die Verwertung der Leichen. In einem Schlussteil wird nach der Bedeutung des Dargestellten für die Zuschauer gefragt.Mario Wenzel: Nuit et Brouillard (Film von Alain Resnais, 1955). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 7: Literatur, Film, Theater und Kunst. De Gruyter Saur, Berlin/München/Boston 2014, ISBN 978-3-11-025873-8, S. 366. Der Titel des Films bezieht sich auf Adolf Hitlers „Nacht-und-Nebel-Erlass“ vom 7. Dezember 1941, der die Besatzungsbehörden in Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen anwies, des Widerstands verdächtige Personen heimlich verschwinden zu lassen.Sven Kramer: Nacht und Nebel. In: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland: Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. 3. Auflage, transcript, Bielefeld 2015, S. 123.

Die französische Regierung setzte durch, dass originales Bildmaterial aus dem Lager Pithiviers manipuliert werden musste. Ein französischer Polizist, der die jüdischen, zur Deportation nach Auschwitz bestimmten Gefangenen bewachte und an seiner Uniform deutlich erkennbar war, musste daher am Bildrand geschwärzt werden. Das entsprach der französischen Regierungslinie bis in die 1990er Jahre, eine unter der deutschen Besatzung erfolgte aktive Kollaboration der Beteiligung am Holocaust zu leugnen.Sylvie Lindeperg: »Nacht und Nebel«: Ein Film in der Geschichte (s. Literatur), S. 181–184 und S. 190–197. – Seit 1997 wurde diese Manipulation der Fotografie von der Produktionsfirma Argos zurückgenommen; Lindeperg, S. 197.

Künstlerische Form mini|Einstellung 35: Das Foto des Jungen aus dem Warschauer Ghetto mini|Einstellung 61: Anna Maria Settela Steinbach, am 19. Mai 1944, in der Waggontür eines Zuges aus dem Durchgangslager Westerbork in das KZ Auschwitz-Birkenau Nuit et brouillard dauert 32 Minuten und kombiniert Filmmaterial unterschiedlicher Herkunft: Ausschnitte aus dem Filmmaterial, die die Alliierten bei der Befreiung der Konzentrationslager gedreht hatten (und das zum Teil bereits in dem Film Die Todesmühlen von 1945 zu sehen war), Fotografien aus französischen, niederländischen und polnischen Archiven und Museen, Ausschnitten aus Wanda Jakubowskas Spielfilm Die letzte Etappe und aus Leni Riefenstahls Triumph des Willens sowie Resnais’ eigene Filmaufnahmen, die er in den ehemaligen Lagern Auschwitz und Majdanek gemacht hatte: langsame Kamerafahrten durch die menschenleeren, verfallenden Relikte der Vernichtungslager, die er auch in Passagen einsetzt, zu denen ihm kein historisches Bildmaterial vorliegt. Auch schockierende Bilder, wie das des Schaufelbaggers, der nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen ausgezehrte Leichen in ein Massengrab schiebt, werden ab der Hälfte des Films gezeigt, sie steigern sich im letzten Drittel.Mario Wenzel: Nuit et Brouillard (Film von Alain Resnais, 1955). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 7: Literatur, Film, Theater und Kunst. De Gruyter Saur, Berlin/München/Boston 2014, S. 366; Sven Kramer: Nacht und Nebel. In: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland: Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. 3. Auflage, transcript, Bielefeld 2015, S. 123.

Die Filmmusik von Hanns Eisler ist eindringlich und jeweils auf die Bildsequenzen in Schwarzweiß und Farbe abgestimmt. Eislers Inspiration zur Musik war der Monolog von Horatio aus Hamlet, den er in Karl Kraus’ Weltgericht aus dem Jahr 1919 gelesen hatte.Ewout van der Knaap: Nacht und Nebel. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsgeschichte. S. 24. Die Leitung der Einspielung von Eislers Komposition für den Film lag bei Georges Delerue.

Zu den Bildern des Films wird aus dem Off der Text des französischen Schriftstellers Jean Cayrol gesprochen. Der poetische Monolog erinnert an die Alltagswelt der Konzentrationslager, die dort erlebte Quälerei, Demütigung, an Terror und Vernichtung. Die deutsche Übersetzung stammt von Paul Celan; sie weicht aus poetischen Gründen manchmal vom Original ab und blieb für Jahrzehnte die einzige gedruckte Version. Gesprochen wurde der Text von Kurt Glass.Ewout van der Knaap: Nacht und Nebel. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsgeschichte. S. 83 Daneben gab es eine DDR-Fassung des Films, deren Übersetzung von Henryk KeischÜber den Film aus Die Welt, 25. Januar 2011. Keisch verschrieben zu "Kelsch" stammte, gesprochen von Raimund Schelcher., sowie Sylvie Lindeperg, siehe Lit. Die DDR-Fassung wurde demnach in diesem Land nur in geschlossenen Aufführungen gezeigt Erst 1997 wurde der französische Filmtext gedruckt.

Die Kombination von Bildern in Farbe und Schwarzweiß, Musik und Kommentar lässt den Film nach Ansicht des Kulturwissenschaftlers Sven Kramer über einen Dokumentar- oder Kompilationsfilm hinausgehen: Er nennt ihn einen „Essayfilm über die Lager und die Erinnerung an sie,“ ein „Kunstwerk, das seit den 1950er Jahren mehrere Generationen von Zuschauern schockierte, provozierte und verstörte“.Sven Kramer: Nacht und Nebel. In: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland: Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. 3. Aufl., transcript, Bielefeld 2015, S. 123 f.

Aufführungsgeschichte Mehr als 10 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mitten im Kalten Krieg – war der Film im Dezember 1955 fertiggestellt. Vertreter der deutschen Botschaft sahen ihn vorab bei einer Privataufführung in Paris. Der Produzent empfand ihre Reaktion auf den Film als „eisig“. Im Januar 1956 erhielt Nacht und Nebel den französischen Jean-Vigo-Preis und wurde im März einstimmig als französischer Beitrag für die Filmfestspiele von Cannes im April nominiert.

Daraufhin verlangte die Bundesregierung mit einem Brief des deutschen Botschafters von Maltzahn in Paris an den französischen Außenminister Christian Pineau die Absetzung der Kandidatur: Man habe im Prinzip nichts gegen die filmische Darstellung von NS-Verbrechen einzuwenden; aber nach den Bestimmungen der Festspiele sollten die Filme in Cannes zur Freundschaft zwischen den Völkern beitragen und nicht das Nationalgefühl eines Landes verletzen. Dieser Film werde die Atmosphäre zwischen Franzosen und Deutschen vergiften und dem Ansehen der Bundesrepublik schaden. Das Filmfestival von Cannes sei daher nicht das geeignete Forum für einen solchen Film.Walter Euchner: Unterdrückte Vergangenheitsbewältigung. Motive der Filmpolitik in der Ära Adenauer. S. 347f: "Der Fall 'Nacht und Nebel'". in: Rainer Eisfeld & Ingo Müller (Hrsg.): Gegen Barbarei. Essays Robert W. Kempner zu Ehren. Athenäum, Frankfurt 1989 ISBN 3-610-08537-1 Denn gewöhnliche Zuschauer seien nicht fähig, zwischen den verbrecherischen Führern des NS-Regimes und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden.