mini|Becken der Mikwe im Judenhof Speyer, erbaut um 1128 mini|Modell der Mikwe im Judenhof Speyer Mikwe ( oder , Mehrzahl oder Mikwaot; von „zusammenfließen“), deutsch früher Judenbad, bezeichnet im Judentum das Tauchbad, dessen Wasser der Erlangung ritueller Reinheit durch Untertauchen dient. Die dadurch erreichte Hygiene war ein gesundheitlich positiver Nebeneffekt. Eine Mikwe dient – durch Untertauchen in entsprechendes Wasser – der rituellen Reinigung von Personen und Gegenständen, die im religiösen Sinne „unrein“ geworden sind oder die sich noch nicht in einem Zustand der „spirituellen Reinheit“ befinden. Funktion im religiös-kultischen Kontext Durch den Vorgang der Tevilah, () dem Untertauchen, in das ‚lebendige Wasser‘ (), als den Akt der Reinigung in der Mikwe, transformiert sich der Mensch vom Zustand der Tum’ah, () oder Unreinheit in den Zustand der Taharah (), der rituellen Reinheit.

Rituelle Reinheit (taharah) ist nicht Ausdruck von „Wert oder Würde“, sondern ein Mittel, um den Menschen in eine Haltung zu versetzen, die dem Heiligen angemessen ist; im Sinne einer „spirituellen Transformation“. Dadurch wird der Kontakt mit Gott „bewusst“ gestaltet und bestimmte heilige Handlungen erst korrekt ausführbar.

Auch hat nach Ina Willi-PleinIna Willi-Plein: Opfer und Sühne. S. 278 Walter Dietrich (Hrsg.): Die Welt der hebräischen Bibel. Umfeld, Inhalte, Grundthemen. 2. Auflg., Kohlhammer Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-039323-3, S. 276–289 das Begriffspaar nichts mit Vorstellungen von „sauber“ und „schmutzig“ zu tun, ist dementsprechend nicht mit einem Tadel verbunden. Eine Kontamination mit Unreinheit muss vermieden oder eben behoben werden, nur dadurch kann JHWHs Anwesenheit im Raum des Heiligen erlebbar werden.

Historisch muss zwischen dem vor-rabbinischen Judentum („Jerusalemer Tempelzeit“) und dem sich konsolidierenden rabbinischen Judentum (nach 70 n. Chr.) unterschieden werden. In der ersten Epoche war die Reinheit (taharah) nötig für den Zugang zum Tempel, dem Darbringen von Opfermaterie und den heiligen Speisen. Die Mikwe diente vor allem dem Tempelkult.Mikwa. Ein Symbol der Neugeburt. Die Mikwa ist ein sog. Ritualbad oder Tauchbad und dient der rituellen Reinigung. Der Zentralrat der Juden in Deutschland, auf zentralratderjuden.de

Ohne Tempel akzentuierte sich die Reinheit vor allem in den Familienreinheitsgesetzen (Ehe, Nidah, Ausscheidungen, Menstruation; , Versöhnungstag; , Reinigung nach Leichenkontakt) und bei Konversionen wichtig. Der Fokus verlagerte sich von Tempelkult auf das Leben in der jüdischen Gemeinschaft. Funktion: Früher Tempelzugang, später Familienreinheit.

Religiöser Hintergrund Für die jüdische Religion, wie sie in der Tora bzw. im Talmud fundiert ist, wird in der „handlungsbegleiteten Welt“ zwischen der „Reinheit“ ( „rein“) und der „Unreinheit“ (, „unrein“) unterschieden.Simone Paganini, Boris Repschinski: Kontinuität und Diskontinuität in der Reinheitsthematik vom Judentum des Zweiten Tempels zum Neuen Testament. Zeitschrift für katholische Theologie Vol. 134, No. 4, Synagoge und Kirchen (2012), S. 449–470Beate Ego: Reinheit / Unreinheit / Reinigung (AT). Erstellt: April 2007, auf bibelwissenschaft.de bibelwissenschaft.de Im jüdisch-religiösen Kontext führen bestimmte Handlungen, Gegenstände oder Zustände zu der Vorstellung von „Unreinheit“, die dann einerseits eine Teilnahme am Kult oder am Leben in der Gemeinschaft verhindern. Der Zustand der rituellen Reinheit ist gleichzeitig eine Voraussetzung für die Kommunikation mit dem „Ewigen“ (JHWH), es ist der Zustand eines Menschen, dass er dem „Ewigen“ nahekommen kann. Die rituelle Reinigung konnte bis zur Zerstörung des Tempels durch kultische Handlungen (Opfergaben) stattfinden, heute auch durch Untertauchen oder Waschung.

Technische Voraussetzungen mini|Schema einer modernen Mikwe, (Schnittzeichnung), Bezeichnungen in Englisch

Für eine Mikwe-Anlage gelten besondere Regeln, so muss sie sieben Stufen haben, die hinab ins Wasser führen, sowie ein Mindestfassungsvermögen von etwas mehr als 500 Litern. Für den korrekten Vollzug der tewilah () beträgt das benötigte Wasservolumen idealerweise 800 Liter. Das Wasser muss „lebendiges Wasser“ (), also lebendiges, fließendes Wasser sein.Rahel R. Wasserfall (Hrsg.): Women and Water: Menstruation in Jewish Life and Law. (= Brandeis Series on Jewish Women) Brandeis University Press, Hanover/London 1999, ISBN 0-87451-960-8, S. 264 (englisch). Dieses muss aus „natürlichen Quellen“ entstammen, wie es etwa bei Fluss-, Regen- oder Meerwasser der Fall ist. Es darf nicht gepumpt oder geschöpft worden sein. Daher wurden vielerorts Grundwassermikwaot gebaut, die meist unter der Erde auf der Höhe des lokalen Grundwasser­spiegels lagen. In der Neuzeit wird oft auch aufgefangenes Regenwasser verwendet.

Geschichte Früher gehörte zu jeder jüdischen Gemeinde ein rituelles Tauchbad. Im Jahr 2020 wurde in Jerusalems Ortsteil Gethsemane eine Mikwe entdeckt, die schon zu Zeiten Jesu existierte.Tagesspiegel, 22. Dez. 2020: 2000 Jahre alte Mikwe und byzantinische Kirche im (oder am) Garten Gethsemane entdeckt mini|Etwa 3 m tiefe Mikwe der früheren jüdischen Gemeinde Hannoversch Münden im Tonnengewölbe unter einem Fachwerkhaus In Deutschland lassen sich noch an über 400 Orten – beispielsweise in Andernach, Friedberg (Hessen), Erfurt, Köln, Petershagen, Schwedt/Oder, Sondershausen, Speyer, Worms – Mikwaot nachweisen.

Die in Rothenburg ob der Tauber entdeckte Mikwe ist Deutschlands einzige noch erhaltene mittelalterliche Anlage in einem auch aus dieser Epoche stammenden Gebäude. Sie stammt spätestens aus dem Jahr 1409. Video über die Mikwe im Gebäude der Judengasse 10

In der Mikwe in Rotenburg an der Fulda wurden neben einem neuzeitlichen Badebassin (1835/1925) ein Grundwassertauchbad aus dem 17. Jahrhundert und ein separater Schacht zum Toweln (rituellen Eintauchen)Talmud.de "Was ist eine Mikwe?", Abruf am 1. September 2020 von Küchengeräten gefunden.Heinrich Nuhn: Die Rotenburger Mikwe. Kulturdenkmal und Zeugnis der Vielfalt jüdischen Lebens. Verlag AG Spurensuche, Rotenburg an der Fulda 2006, ISBN 3-933734-11-8. E-Book (PDF; 3,0 MB).

Eine von mehreren erhaltenen Mikwaot in Fürth, das auch „fränkisches Jerusalem“ genannt wurde, ist im Jüdischen Museum Franken zu besichtigen.Bernhard Purin (Hrsg.): Jüdisches Museum Franken. Fürth & Schnaittach. Prestel, München 1999, ISBN 3-7913-2205-2, S. 5 f.Katrin Bielfeldt: Geschichte der Juden in Fürth. Jahrhundertelang eine Heimat. Sandberg Verlag, Nürnberg 2005, ISBN 3-930699-44-3, S. 16 f. und 24 f.

In Kirchheim (Unterfranken), in dem vom 16. Jahrhundert bis 1908 eine kleine jüdische Landgemeinde bestand, wurde 1993 in einem 1667 erbauten Haus eine Mikwe entdeckt.Joachim Braun (Mitarbeit), Artikel zur Geschichte der jüdischen Gemeinde, zu Synagoge und zur Entdeckung der Mikwe. Hier auch Literatur und Links zum Thema.

Die Kellermikwe aus dem 13. Jahrhundert, die in Sondershausen gefunden wurde, gilt als eines der ältesten Zeugnisse des Judentums in Thüringen.In: Archäologie in Deutschland 2/2001, S. 53.

Im Februar 2022 wurde bei Bauarbeiten in Chemnitz eine Mikwe aus der Zeit des 15. Jahrhunderts entdeckt. Diese gilt als erster archäologischer Fund einer Mikwe in Sachsen. Sie soll später, nach Abschluss der Bauarbeiten auf dem zentralen Johannisplatz, der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Das Humberghaus in Dingden verfügt über eine Regenwasser-Mikwe, die von außen über eine Regenrinne gespeist wurde. Das Becken hat keinen Abfluss und ist original wasserdicht verputzt. Die Mikwe war privat errichtet worden, da die nächste Synagoge weit entfernt war. Das Rheinische Denkmalamt urteilt: „Von besonderer bauhistorischer Bedeutung ist der Befund einer Mikwe.“Gutachterin Julia Baumann, 3. November 2003.Über die verschiedenen Arten von Wasser in der Mikwe und warum es ggf. keinen Abfluss gibt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gerieten die sowohl jüdischen als auch die christlichen Tauchbäder in den Blickpunkt der Behörden. Auslöser war eine Schrift des jüdischen Arztes Moritz Mombert, in der die mangelnde Sauberkeit und die geringe Temperatur von „Kellerquellenbädern“ als angebliche Krankheitsquelle benannt wurde. Dies führte in der Folge vielerorts zur Forderung nach neuen und beheizbaren Tauchbädern.Jonas Blum, Dieter Gottschaltk D.Herbert May, Sakia Müller, in Fränkisches Freilichtmuseum Bad Windsheim, Synagoge aus Allersheim, Exponat Mikwe in den Kellerräumen, Exponaterläuterungen

Vorschriften und Brauchtum Orthodoxes, konservatives und liberales Judentum Im orthodoxen und konservativen Judentum ist der Besuch der Mikwe vorgeschrieben, wenn eine verheiratete Frau ihre Menstruation oder eine Entbindung hinter sich hat. Den ersten Besuch in der Mikwe absolviert die Frau als Braut, meistens am Vorabend des Hochzeitstages. Dieses Ereignis feiert sie traditionell mit Freundinnen und weiblichen Mitgliedern der Familie. Das Gebot „Nidda we’ Twila“ (Trennungszeit und Untertauchen in der Mikwe) gilt, bevor eine jüdische Frau Verkehr mit einem Mann hat oder haben will – unabhängig vom Status der Beziehung. Jenseits der Menopause muss die Mikwe nicht mehr monatlich aufgesucht werden.

Das Untertauchen in der Mikwe ist für eine Konversion zum Judentum der orthodoxen, konservativen und liberalen Richtung sowohl für Männer als auch für Frauen Bedingung.

Bei der rituellen Reinigung darf nichts Fremdes am Körper sein, den vollständigen Kontakt des Wassers mit dem Körper darf nichts verhindern. So sind jegliche Art von Bekleidung und auch Schmuck, Lippenstift, Nagellack und Ähnliches vor dem Baden abzulegen. Ebenso ist eine vorherige Körperreinigung unerlässlich. Es muss darauf geachtet werden, dass der gesamte Körper mitsamt den Haaren untergetaucht wird. Den Vorgang des vollständigen Untertauchens bezeichnet man als Tewila oder Twila (hebr. טְבִילָה).

Ein Sofer (Schreiber religiöser Schriften) ist verpflichtet, sich durch Untertauchen in der Mikwe in einen Zustand vollständiger ritueller Reinheit zu versetzen, bevor er in einer Torarolle den Gottesnamen schreibt. Ansonsten ist der Besuch der Mikwe nur noch für Frauen vorgeschrieben. Im ultraorthodoxen Judentum wird die Mikwe jedoch teilweise auch von Männern vor Beginn des Schabbats oder von Feiertagen, besonders vor dem Versöhnungstag, zum Untertauchen benutzt.Gehen Männer ebenfalls zur Mikwah? Chabad.org.

Daneben wird die Mikwe zum Toweln von Geschirr (Tewilat Kelim) vor der ersten Benutzung verwendet. Allerdings erfolgt dies üblicherweise in einem gesonderten Becken. Im orthodoxen Judentum ist das Eintauchen von Glas- und Metallwaren vor dem ersten Gebrauch Voraussetzung für die Zubereitung und den Genuss koscheren Essens. Ist keine Mikwe vorhanden, kann die Pflicht zum Untertauchen auch im Meer, in einem See, einem Fluss oder einem tieferen Bach erfüllt werden.

Das bedeutet die Pflicht zum Untertauchen, der Tevila (), das Eintauchen des gesamten Körpers zum Zwecke der rituellen Reinheit, Tahor () hat eine höhere Wertigkeit und ist nicht auf ein etwa gemauertes Tauchbecken angewiesen.

Die rituelle Reinheit kann wiedererlangt werden durch das Eintauchen in „lebendiges Wasser“. „Natürlich vorkommendes lebendiges Wasser“ ist Wasser, das aus den Quellen der Tiefe kommt und dahin fließt; diese Art von lebendigem Wasser wird Quelle oder Ma'ayan () genannt. Es sind die Bäche und Flüsse, ein See, durch den sie hindurchfließen, das mit ihnen in Verbindung stehende Grundwasser und letztlich auch das Meer. Solche Wasseransammlungen werden Miqweh () genannt. Es ist aber möglich, dieses natürlich vorkommende lebendige Wasser artifiziell zu bevorraten, etwa in einem gemauerten Tauchbecken.Michael Rosenkranz: Mikwe – Das Eintauchen in lebendiges Wasser. 31. März 2014 – 29 Adar II 5774, auf talmud.de talmud.de