Das Acheuléen (Aussprache [], ) ist eine archäologische Kultur der Altsteinzeit. Ein auffälliges Merkmal dieser Kultur sind große abgeflachte, ovale oder zugespitzte, stets beidseitig bearbeitete Faustkeile. Ihre Steinwerkzeuge gehören vorwiegend dem Modus 2 an (Englisch mode 2) und sind für das Alt- und Mittelpaläolithikum charakteristisch. Das Acheuléen erschien erstmals vor 1,95 Millionen Jahren in Ostafrika und verschwand schließlich wieder vor 130.000 Jahren gegen Ende des Mittelpleistozäns.

Das Acheuléen ist mit rund 1,8 Millionen Jahren die am längsten andauernde Kulturstufe der Menschheit.

Etymologie Der Begriff ist von der eponymen Fundstelle (Typlokalität) Saint-Acheul abgeleitet, einem heutigen Stadtteil von Amiens im Département Somme (Picardie) in Nordfrankreich. Hier wurden seit 1838 Faustkeile aus Feuerstein gefunden. An der Stelle des noch erhaltenen Schauprofils befindet sich heute der Archäologische Garten von Saint-Acheul.

Der Heilige Acheul war ein christlicher Märtyrer, der gegen Ende des 3./Anfang des 4. Jahrhunderts von den Römern unter der Regentschaft der Kaiser Maximian/Diokletian enthauptet wurde. Sein Name leitet sich vom Lateinischen Aciolus ab. Vergleichbar sind die Namen Acceul und Ache, wobei der Heilige Ache ebenfalls enthauptet wurde.

Erstbeschreibung Die charakteristischen Faustkeile stammen aus einer Terrasse der Somme östlich von Amiens. Nach Besuchen sowohl von Abbeville als auch in Saint-Acheul durch den Geologen Joseph Prestwich wurde endlich das recht hohe Alter der Steinwerkzeuge akzeptiert. Prestwichs Bericht zu dieser Sache wurde in den Proceedings of the Royal Society für 1859/1860 veröffentlicht.

Die Steinartefakte wurden im Jahr 1872 erstmals von Louis Laurent Gabriel de Mortillet als Teil der L'époque de Saint-Acheul beschrieben. Im Jahr 1925 wurde diese Steinzeitindustrie in Acheuléen (engl. Acheulean) umbenannt.

Einführung Während das Alt-Acheuléen dem Altpaläolithikum angehört, wird – je nach Bearbeiter – zum Teil bereits das Mittelacheuléen, einheitlich jedoch das Jungacheuléen durch das Vorhandensein der Levalloistechnik dem Mittelpaläolithikum zugeordnet.

Werkzeuge des Acheuléens treten in Afrika erstmals im Early Stone Age vor etwa 1,95 Millionen Jahren auf. Ihnen voran gingen Geröllgeräte des Oldowans als älteste Werkzeuge der Menschheit. Als Hersteller der Faustkeilkulturen kommen die gleichzeitig in Ostafrika existierenden Hominini-Arten Homo habilis, Homo rudolfensis und Homo ergaster bzw. Homo erectus – letzterer trat erstmals vor rund 1,8 Millionen Jahren in Erscheinung – in Frage. Faustkeile erscheinen im gesamten Afrika und in den meisten Regionen Eurasiens, wo sie jedoch erst deutlich später, vor etwa 600.000 Jahren häufiger nachgewiesen sind.

Neben Faustkeilen gibt es im Acheuléen weitere typische Steinwerkzeuge. In Afrika sind das große Hackmesser (Cleaver) und Abschläge, im europäischen Acheuléen vor allem Schaber und kleine Faustkeile, die auch Fäustel genannt werden.

Forschungsgeschichte mini|hochkant=1.6|Faustkeil aus Saint-Acheul

Die bis zu wahrscheinlich etwa 500.000 Jahre alten Fundschichten von Saint-Acheul wurden 1838 von Jacques Boucher de Perthes entdeckt. Jedoch hatte zuvor bereits John Frere im Jahre 1797 einige Faustkeile vom Fundplatz Hoxne in Suffolk bei der Society of Antiquaries of London eingereicht, die aber von der Wissenschaft nicht akzeptiert wurden. Auch die Funde von Boucher de Perthes wurden zunächst abgelehnt, bis Marcel Jérôme Rigollot in denselben Schichten weitere Faustkeile fand, deren Alter vom Geologen Joseph Prestwich bestätigt wurde.

Ab 1869 schuf Gabriel de Mortillet anhand von namengebenden (eponymen) Fundstellen in Frankreich eine Klassifizierung und Nomenklatur der Perioden des Paläolithikums unter Einbeziehung des Acheuléens.Gabriel de Mortillet: Essai d’une classification des cavernes et des stations sous abri fondée surles produits de l’industrie humaine. In: Materiaux pour l’histoire de l’Homme. 5, Paris 1869, S. 172–179.Gabriel de Mortillet: Classification des diverses périodes de l’age de la pierre. In: Revue d’Anthropologie. I, Paris 1872, S. 432–435. Das europäische Acheuléen (ab ca. 600.000 vor heute) wurde 1924 von Hugo Obermaier in Alt- und Jung-Acheuléen geteilt (Grenze bei ca. 300.000 vor heute). Klaus Günther führte 1964 zusätzlich das Spätacheuléen ein. Heute gilt eine – chronologisch nicht klar fassbare Unterteilung – in Alt-, Mittel- und Jung-Acheuléen.

Besonders das Ende des Acheuléens ist unklar umrissen, zum Beispiel im subsaharischen Afrika beim Sangoan. So zeigt sich, dass viele Inventare der von Gerhard Bosinski eingeführten „Lebenstedter Gruppe“ des Jung-Acheuléens heute in die mittlere Würm-Kaltzeit bzw. Weichsel-Kaltzeit (60.000 bis 50.000 vor heute) zu datieren sind und der eponyme Fundplatz von Salzgitter-Lebenstedt in das Micoquien zu stellen ist. Daneben bestehen während der frühen Weichsel-Kaltzeit unscharf definierte Grenzen zwischen Acheuléen und Moustérien de tradition Acheuléen (MTA) – zum Beispiel Fundstelle Ochtmissen bei Lüneburg. Hauptcharakteristikum ist stets das Vorhandensein von Faustkeilen, verbunden mit einer großformatigen Abschlag-Industrie mit Schabern. Sowohl die evolutionistische Sichtweise eines primitiven Acheuléens (Abbevillien oder Protoacheuléen), als auch die Gegenüberstellung faustkeilfreier Inventare als Clactonien sind heute überholt. Obwohl ein genereller Entwicklungstrend zu regelmäßigen und dünneren Faustkeilen besteht, kommen diese vereinzelt schon vor mindestens 500.000 Jahren vor, zum Beispiel im Boxgrove Quarry in England.

Geographische Verbreitung mini|hochkant=1.6|Typischer bifazialer (das heißt beidseitig bearbeiteter) Faustkeil des Acheuléens

Die geographische Verbreitung des Acheuléens ist in paläoklimatischen und ökologischen Faktoren begründet, wobei sowohl die Eiszeiten als auch die Desertifikation der Sahara eine Rolle gespielt haben. Werkzeuge des Acheuléens wurden auf dem gesamten afrikanischen Kontinent gefunden, bis hin zum Regenwald am Kongo. Die Verbreitung nach Norden erfolgte vermutlich über Kleinasien und die Arabische Halbinsel ins heutige Iran und Pakistan bis nach Indien und darüber hinaus. Die so genannte Movius-Linie, die die weiteste geographische Ausbreitung der Faustkeilkulturen in Asien anzeigen soll, gilt heute jedoch als veraltet, da Faustkeile auch in Südostasien gefunden wurden. Neue Funde aus Südchina (zum Beispiel Bose-Region) sowie von der philippinischen Insel Luzon zeigen die Verbreitung von Faustkeilen bis ins östliche Südostasien an und damit weit jenseits der Movius-Linie.

In Europa ist die Einführung von Faustkeilen im mediterranen Raum bereits vor etwa 900.000 Jahren belegt, nördlich der Alpen dagegen frühestens vor etwa 600.000 Jahren (Fundplatz Boxgrove Quarry).

Datierung Absolutalter von frühen Steinwerkzeugen können durch Techniken wie beispielsweise Radiometrie – gewöhnlich Kalium-Argon-Datierung – und Magnetostratigraphie ermittelt werden. So konnten Faustkeile aus der Konso-Formation (sie befanden sich in vulkanischen Aschen) in Äthiopien auf 1,5 Millionen Jahre radiometrisch datiert werden. Ein vergleichbares Alter von bis zu 1,5 Millionen Jahren vor heute besaßen Steinwerkzeuge des Acheuléens in Südasien (Südindien). Im Jahr 2003 konnten dann Proben aus der West-Turkana-Region Kenias beschrieben werden, deren Alter mittels magnetostratigraphischer Methoden auf 1,76 Millionen Jahre bestimmt wurde. Funde aus Äthiopien erbrachten im Jahr 2023 sogar Alter von rund 1,95 Millionen Jahren.

Zeitstufen mini|hochkant|Acheuléen-Faustkeil, Fundort San Isidro bei Madrid, etwa 200.000 Jahre alt

Das Acheuléen folgte auf das vorangegangene Oldowan.

In der habituellen Vierteilung der prähistorischen Steinzeitindustrien nehmen Artefakten des Acheuléens den Modus 2 ein, der auf den Modus 1 des Olduwans bzw. Abbevilliens folgte und bereits eine technische Fortentwicklung darstellt. Dennoch reichte der Modus 2 keinesfalls an das Niveau des anschließenden Modus 3 heran, der ins Mittelpaläolithikum gehört und vom Moustérien repräsentiert wird. Der Modus 3 entwickelte sich erstmals vor 500.000 Jahren in Afrika, jedoch erst ab 385.000 Jahren in Indien. Die Industrien des Modus 4 erschienen erst lange nachdem das Acheuléen aufgegeben worden war.

Das Acheuléen wird seinerseits wie folgt unterteilt:

Alt-Acheuléen Sogenannte Protofaustkeile in Afrika werden der Stufe des Alt-Acheuléens zugeordnet. Auf ein Alter von 1,76 Mio. Jahre datierte Funde stammen beispielsweise aus Kokiselei vom Westufer des Turkana-Sees in Kenia; nahezu gleich alte, auf 1,75 Mio. Jahre datierte Funde stammen aus der Konso Formation im südlichen Äthiopien und wurden – wie die Funde vom Turkana-See – mit Homo erectus in Verbindung gebracht. Ebenfalls mit Homo erectus assoziiert sind rund 1,95 Millionen Jahre alte Funde von Steingerät und Knochen aus der Fundstelle Garba IV von Melka Kunturé in Äthiopien.

Die ältesten Funde des nordalpinen Europas stammen vom Fundplatz Boxgrove Quarry. Der Großteil der europäischen Acheuléen-Funde fallen jedoch in die Holstein-Warmzeit und in die anschließende Abkühlungsphase des frühen Saale-Komplexes. Die Mehrzahl der Fundorte im Vereisungsgebiet dürfte durch Solifluktion der nachfolgenden Saalekaltzeit (bzw. alpinen Riß-Kaltzeit) zerstört worden sein.

Der Faustkeil stellt hierbei die wichtigste Zäsur bei den Steinwerkzeugen dar. Erstmals wurden für einzelne Tätigkeiten spezialisierte Typen hergestellt. Faustkeile bilden oft nur einen geringen Teil im Fundniederschlag des Acheuléens. Weitaus häufiger sind Abschläge und daraus gearbeitete Geräte (zum Beispiel Schaber).

Mittel-Acheuléen Im Mittel-Acheuléen verbessert sich die Fundlage. Neue und besser bearbeitete Geräte wurden gefunden. Die Faustkeile sind lanzenförmig, die Abschlaggeräte zahlreich. Es finden sich Schaber, Spitzen, gezähnte Werkzeuge und Bohrer. Bereits ab dem mittleren Acheuléen wurden vereinzelt Geräte in der sogenannten Levalloistechnik (Schildkern-Technik) hergestellt, die für das Mittelpaläolithikum typisch werden. Das Mittel-Acheuléen ist in Westeuropa weit verbreitet, Funde gibt es aus ganz Frankreich, England (Swanscombe-Schädel) und Belgien.

In Südafrika entdeckte, 500.000 Jahre alte Steinartefakte wurden im Jahr 2012 als Projektilspitzen interpretiert; sollte diese Deutung korrekt sein, wären die aus der Fundstelle Kathu Pan 1 (KP1) stammenden Funde die ältesten Belege für die Nutzung von Speeren.

Jung-Acheuléen mini|hochkant=1.6|Mittelpaläolithischer Faustkeil aus Feuerstein, Fundort Meeuwen (Belgien), Gallo-Römisches Museum Tongeren

In die Zeit des Jungacheuléens – es beginnt in der späten Riß-Kaltzeit (bzw. Saale-Kaltzeit) und endet zu Beginn der letzten Kaltzeit – fällt der Übergang vom Homo erectus zum Neandertaler. Die hergestellten Werkzeuge gewannen weiter an Qualität. Es treten lanzenförmige aber auch herz- und mandelförmige Faustkeile auf, die sich durch fein herausgearbeitete Spitzen und geradlinige Seitenkanten auszeichnen. Die teilweise über die reine Funktionalität hinaus gestalteten Faustkeile werden als Anzeichen ästhetischen Empfindens interpretiert. Die mit Levalloistechnik bearbeiteten Geräte bilden innerhalb der Jungacheuléen-Inventare oft eine Teilmenge. Abschlaggeräte sind oft vom typischen Moustérien kaum noch zu unterscheiden. Funde gibt es aus Frankreich, England, Belgien, Portugal und Spanien.

Spätacheuléen Die letzte Stufe, das Spätacheuléen, lag zum Teil im selben Zeitraum wie die folgenden Stufen des Micoquiens bzw. des Moustériens. Gleichzeitig mit dem Acheuléen erscheinen die Kulturen des Clactoniens und des Tayaciens. Die Kultur des Acheuléens endete in Afrika und im Nahen Osten vermutlich früher als in Europa und Asien.