mini|320px|Die Insel Ischia in der Nähe von Neapel, Italien Pithekoussai () ist eine antike Stadt auf der Insel Ischia im Mittelmeer. Es handelt sich um eine Gründung der Griechen im westlichen Mittelmeerraum, die für die Forschung hohe Bedeutung bezüglich des Themas griechischen Kolonisation hat. Diese Siedlung wurde etwa 770 v. Chr. gegründet. Nach einigen Jahrzehnten der Prosperität versank sie an der Wende des 8. zum 7. Jahrhundert v. Chr. in die Bedeutungslosigkeit. Ob man Pithekoussai für die erste Kolonie halten kann, ist in der Forschung allerdings umstritten, da nicht eindeutig ist, ob es sich bei Pithekoussai um eine Kolonie (apoikia) oder einen Handelsstützpunkt (emporion) handelt. Unabhängig davon steht fest, dass diese Stadt eine wichtige Brücke für den Austausch zwischen dem Osten und dem Westen des Mittelmeerraumes dargestellt hat.
Quellenlage Über Pithekoussai berichten antike Schriftquellen nur spärlich. Außer den kurzen Beschreibungen bei Strabon und Livius, Autoren aus der Zeit des Kaisers Augustus, gibt es über die Siedlung kaum Notizen. Die Aufzeichnungen beider Autoren sind erst etwa acht Jahrhunderte nach der Gründung von Pithekoussai entstanden und haben deshalb nur begrenzten historischen Wert für die Frühzeit der Ortschaft. Die wichtigste Quelle für unser Wissen von Pithekoussai stellt, wie bei vielen anderen frühen Gründungen der Griechen, die archäologische Feldforschung dar.
Literarische Quellen Die wichtigsten antiken schriftlichen Quellen sind die beiden folgenden kurzen Erwähnungen der Schriftsteller Strabon und Livius:
Die Behauptung von Strabon, dass sich auf Ischia ein fruchtbarer Boden befindet, entspricht allerdings nicht ganz den Tatsachen, weil der Boden Ischias auch in der Antike nur sehr wenig Humus enthielt. Von einem besonders fruchtbaren Boden, der eine Stadt wie Pithekoussai hinreichend mit Nahrungsmitteln hätte versorgen und dieser sogar hätte zu Reichtum verhelfen können, kann im Fall von Ischia nicht die Rede sein. Auch die Erwähnung der Goldgruben bei Strabon bleibt rätselhaft, da nirgendwo auf der Insel Gold nachgewiesen werden konnte. Die Beschreibung von Erdbeben und vulkanischer Tätigkeit entspricht dagegen vollkommen den geomorphologischen Gegebenheiten auf Ischia.Ridgway 1984, S. 47–49
Archäologische Quellen Neben den Erkenntnissen aus der geographischen Lage dieser Siedlung und der geologischen Bodenbeschaffenheit der Insel Ischia sind für die Erforschung von Pithekoussai archäologische Ausgrabungen von immenser Wichtigkeit. Nur wenige griechische Kolonien im Westen sind diesbezüglich so gründlich erforscht worden. Von 1952 bis 1982 wurden bei Lacco Ameno archäologische Forschungen unter Leitung von Giorgio Buchner durchgeführt. Die Archäologen konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf drei Gebiete: Die Nekropolis im Tal San Montano, die Akropolis von Pithekoussai auf dem Osthang des Monte di Vico und das metallurgische Viertel im Gebiet von Mazzola auf dem Hügel von Mezzavia.
Die Nekropolis Dabei sind die archäologischen Befunde aus der Nekropolis am bedeutendsten, nicht zuletzt deshalb, weil die Gräber bei ihrer Entdeckung praktisch intakt waren. Allerdings stellte die Nekropolis die Archäologen vor eine schwere Aufgabe: Sie befindet sich nämlich in einer thermalen Zone, und deswegen steigt die Temperatur, je tiefer man sich unter der Erdoberfläche befindet. Bei den am tiefsten gelegenen Gräbern – die gleichzeitig die ältesten sind – in etwa sieben Meter unter der Erdoberfläche, wurde eine Temperatur bis zu 63 Grad Celsius gemessen. Insbesondere Keramik, die in diesen Gräbern gefunden wurde, hatte eine weiche, ledrige Konsistenz. Insgesamt wurde ungefähr ein Zehntel der Nekropolis gründlich untersucht und dabei etwa 1300 Gräber entdeckt. Bis heute wurden allerdings nur die Gräber 1–723 systematisch beschrieben. Die Ausgrabungen der Nekropolis lieferten umfangreiches, historisch interessantes Material.
Insgesamt wurden während der Ausgrabungen fünf unterschiedliche Typen von Gräbern festgestellt:
Beerdigung in Gräbern mit Beigaben 39 % (194 Gräber) Beerdigungen in Amphoren mit oder ohne Beigaben 27 % (131 Gräber) Beerdigung in Gräbern ohne Beigaben 16 % (81 Gräber) Feuerbestattung unter Grabhügel mit Beigaben 15 % (73 Gräber) Feuerbestattung unter Grabhügel ohne Beigaben 3 % (14 Gräber)Ridgway 1984, S. 60–61
Die Analyse der Gräber bietet den Forschern wichtige Hinweise auf die gesellschaftliche Struktur in Pithekoussai (siehe unten). Zu den bedeutendsten Entdeckungen aus der Nekropolis gehören vor allem der so genannte Nestorbecher, die Darstellung eines Schiffbruches auf einer Tonscherbe lokalen Typus, Skarabäen aus Fayence ägyptischer Provenienz, Siegel aus Syrien oder Kilikien, Keramik „früh-protokorinthischen“ Stils und nordsyrische Aryballoi.
Die Akropolis Auch die Ausgrabungen auf der Akropolis von Pithekoussai auf dem Monte di Vico, die im Jahr 1965 durchgeführt wurden, boten viele neue Kenntnisse über die Siedlung. Anlass für die Ausgrabungen war die Entdeckung einer archäologischen Fundstätte, einer großen Schlucht, die eine große Menge an Keramik und anderer Materialien aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. enthielt und bei der Konstruktion einer großen Villa auf dem Monte di Vico an Licht kam.Ridgway 1984, S. 96–97.
Insgesamt wurden mehr als 10.000 Keramikfragmente aus der euböischen Periode entdeckt. Zu den bedeutendsten Funden gehören Kotylai vom Typus Aetos 666, die nur vor 750 v. Chr. in Umlauf waren und deshalb darauf hindeuten, dass Pithekoussai schon in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. entstanden ist.Buchner 1963, S. 264–266. Auf der Akropolis wurde auch eine große Anzahl an kleinen Resten von Eisen und von sogenannten tuyères gefunden, Keramikrohren, mit denen man bei der Erzeugung von Eisen Luft ins Feuer blies. Außerdem wurde auch ein Stück Eisenerz gefunden, das nachweislich von der Insel Elba stammt, und zwar aus einem Gebiet, das schon in der Antike für die Gewinnung von Eisenerz bekannt war.Ridgway 1984, S. 104–105.
Das metallurgische Viertel Mezzavia In den Jahren 1969–1971 wurden archäologische Arbeiten im Gebiet von Mazzola durchgeführt, das außerhalb der Vorgebirge von Monte di Vico liegt und somit zur Peripherie von Pithekoussai zu zählen ist. Dieser mindestens 500 Meter lange suburbane Komplex beinhaltet eine Reihe von gesonderten Komplexen, die im Laufe des ersten Viertels des 7. Jahrhunderts v. Chr. verlassen wurden. Davon wurden drei untersucht, aber nur einer systematisch ausgegraben.
In den untersuchten Komplexen sind insgesamt vier Strukturen erkennbar, unter denen wahrscheinlich nur das Gebäude Nr. I als Wohnung gedient hat. Ein gut erhaltener Tiegel im Küchenraum deutet darauf hin, dass dieser Komplex möglicherweise infolge einer Katastrophe schnell verlassen wurde. Eventuell war – in Anlehnung an Strabon (siehe oben) – ein Erdbeben der Anlass. In den Resten des Gebäudes Nr. III wurden viele kleine Stücke Eisen und Reste von einer Schmiede gefunden. Im Gebäude Nr. IV wurde eine weitere Schmiede entdeckt und zwei glatte und harte Steinflächen, die vermutlich als Amboss gedient haben. Aufgrund dieser Funde ist zu vermuten, dass im Viertel von Mezzavia eine intensive Metallverarbeitung betrieben wurde. Eisen war dabei nicht das einzige Metall, das verarbeitet wurde: Es wurden auch Reste von Bronze und Blei entdeckt. Neben den verschiedenen Hinweisen auf Metallverarbeitung wurden in Mezzavia diverse Keramikreste entdeckt: Einen der bedeutendsten Funde stellt hierbei der sogenannte Nestorbecher dar, auf dem die älteste bisher bekannte griechische Alphabet-Inschrift angebracht ist. Diese Scherbe stammt aus dem späten 8. Jahrhundert v. Chr.Ridgway 1984, S. 112.
Pithekoussai allgemein Gründung und Funktion der Siedlung Die Erkenntnisse aus geographischen, geologischen und den archäologischen Forschungen erlauben einige Hypothesen über die Gründe zur Entstehung von Pithekoussai. Ein Blick auf eine Karte des Mittelmeerraumes führt logischerweise zur Frage, warum Pithekoussai in einer so großen Distanz zu den Mutterstädten auf der Insel Euböa entstanden ist. Eine plausible Antwort bieten die schon erwähnten Funde von Eisen, u. a. von Eisenerz aus Elba auf der Akropolis und im metallurgischen Viertel Mezzavia. So kann vermutet werden, dass einer der wichtigsten Gründe für die Gründung von Pithekoussai das Interesse der Euböer am Metall der Etrusker gewesen ist.
Diese These wird auch durch folgende Erkenntnisse gestützt: Wie erwähnt, ist der Boden auf Ischia außer für Weinanbau für die Landwirtschaft nicht geeignet. So kann ausschlossen werden, dass der Grund für die Entstehung von Pithekoussai Landsuche – wie im Fall von vielen anderen Kolonien, beispielsweise Kyrene – gewesen ist. Außerdem beweisen die zahlreichen Funde von Keramik aus verschiedenen Teilen des Mittelmeerraums, dass Pithekoussai ein wichtiges Handelszentrum war. Das metallurgische Viertel von Mazzola zeigt allerdings, dass Pithekoussai nicht nur ein Handels-, sondern auch ein industrielles Zentrum war,Buchner1972, S. 373. was durch viele weitere griechische Gründungen auf dem Weg zum Golf von Neapel gestützt wird: „Die (…) Koloniegründungen in Korkyra (Eretria), Naxos, Zankle, Messana und Rhegion (durch Chalkis) liegen (…) nicht zufällig an wesentlichen Etappen des Seeweges vom korinthischen Golf nach Pithekoussai – einem Weg, dem Korinth mit Eroberung Korkyras, der Gründung von Syrakusai und seinen späteren Gründungen an der Adria (Leukas, Ambrakia, Anaktrion) ebenso folgte wie Megara und besonders die Gemeinden Achaias, die Kroton und Sybaris im Golf von Tarent gründeten. Sybaris dürfte nicht zufällig an der kürzesten Landverbindung zwischen dem Golf von Tarent und dem Tyrrhenischen Meer liegen – was die gefährliche Durchquerung der Straße von Messina vermied und ihm sprichwörtlichen Reichtum verschaffte (…).“Boardman1981, S. 663
Emporion oder Apoikie? Eine wichtige, wissenschaftlich bislang ungeklärte Frage ist, ob es sich bei Pithekoussai um einen Handelsstützpunkt, ein Emporion, oder um eine Kolonie, eine Apoikia, handelt.
Generell definiert man die beiden Begriffe folgendermaßen: Während ein Emporion als Marktumschlagplatz einen heterogenen, möglicherweise auf mehrere Städte zurückgehenden Ursprung hat und durch eine gemischte Population gekennzeichnet ist, handelt es sich im Fall einer Apoikia um eine autarke Stadt als Gründung einer einzelnen griechischen Polis, mit allen Implikationen, die dies mit sich bringt. Pithekoussai hatte zwar eine gemischte Population, aber keinen heterogenen Ursprung. Deswegen lässt sich die Stadt eindeutig weder als Emporion noch als Apoikia bezeichnen.
Zur Zeit der Gründung von Pithekoussai war die griechische Polis als organisatorisches Gebilde wahrscheinlich noch nicht entwickelt. Selbst Korinth war noch um das Jahr 730 v. Chr. nur ein Konglomerat von Dörfern. Deswegen kann Pithekoussai nicht als eine Kolonie im vollen Wortsinn bezeichnet werden. Allerdings ist die Diskussion bis heute nicht abgeschlossen, da noch nicht alle Spezifika der Begriffe Emporion und Apoikia klar definiert werden konnten. Sicher ist, dass in der neueren Literatur der Begriff Emporion als Bezeichnung von Pithekoussai bevorzugt wird.De Iuliis 1996, S. 48
Soziale Struktur Mit Hilfe der Ausgrabungen aus der Nekropolis lassen sich bestimmte Hypothesen über die soziale Struktur der Stadt aufstellen, wie z. B. dass Erwachsene, die ohne Beigaben bestattet wurden, in der Gesellschaft einen niedrigeren Rang einnahmen, und dass es wohl in Pithekoussai mindestens zwei unterschiedliche soziale Klassen gab. Ebenfalls lässt sich vermuten, dass Kinder in der Gesellschaft ein niedrigeres Ansehen als Erwachsene hatten, da sie weniger Beigaben erhielten. Da jedoch die Bedeutung von Grabbeigaben in Pithekoussai nicht eindeutig gesichert ist, haben die obigen Vermutungen nur einen begrenzten Wert.
Pithekoussai und ihre Mutterstädte Chalkis und Eretria