Ivar Arthur Nicolai Lissner (* 23. April 1909 in Lievenhof, Gouvernement Witebsk, Russisches Kaiserreich, heute Līvāni, Lettland; † 4. September 1967 in Chesières sur Ollon bei Montreuxnach Höhne, Der Fall Lissner, in Lissner Mein Gefährlicher Weg, Knaur 1975, S. 221, manchmal wird auch Les Ecovets sur Ollon angegeben. in der Schweiz) war ein deutscher Publizist und Autor.
Leben Lissner war Deutschbalte mit jüdischen Vorfahren. Seine Eltern waren Kommerzienrat Dr. Robert Lissner, ein Geschäftsmann, der unter anderem Korkfabriken besaß,Höhne Der Fall Lissner, S. 223. und Charlotte Lissner, geb. Gensz. Die Familie zog vor dem Ersten Weltkrieg nach Moskau, wurde während des Krieges in das Wolga-Gebiet verbannt und kehrte 1917 nach Moskau zurück. Den politischen Unruhen der Nachkriegszeit ausweichend, zog die Familie erst nach Riga und dann weiter nach Berlin, wo Lissner das Gymnasium besuchte. Er studierte Sprachen, Geschichte, Völkerkunde und Jura in Greifswald, Berlin, Göttingen, Erlangen, Lyon (1931/32) und an der Sorbonne in Paris und promovierte im April 1936 in Erlangen über ausländisches Handelsrecht.Matrikel Verzeichnis der Studierenden der Univ. Erlangen; Universitätsarchiv Erlangen, auch Höhne Der Fall Lissner, S. 225.
Zum 1. April 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.790.809).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/26130592Höhne Der Fall Lissner, S. 225. Gleichzeitig trat sein Bruder Percy der NSDAP bei. Ein 1935 bei der Hanseatischen Verlagsanstalt erschienenes Buch, in dem er die in seinen Augen erzielten Errungenschaften des Nationalsozialismus vor internationalem Hintergrund präsentierte (Blick nach Draußen),Höhne Der Fall Lissner S. 226. führte dazu, dass er 1936 im Auftrag des Verlags als Reiseschriftsteller in die USA und nach Kanada ging. Daraus entstand sein Buch Völker und Kontinente, das damals ein Bestseller war. Lissner schrieb nun auch für den Hanseatischen Dienst, den Pressedienst seines Verlages, und einige seiner Artikel wurden laut Heinz Höhne auch von der DAF-Zeitung Der Angriff nachgedruckt. Er ging wieder auf Weltreise nach Asien (woraus sein Buch Menschen und Mächte am Pazifik entstand), erlebte aber einen Schock, als er bei seiner Rückkehr Januar 1937 erfuhr, dass sein Vater aufgrund einer Denunziation beschuldigt wurde, einen für den Ariernachweis notwendigen Nachweis aus den Kirchenbüchern der evangelisch-lutherischen St.-Petri-Gemeinde zu Riga mit der Hilfe des dortigen Pastors gefälscht zu haben. Die Gestapo, die ihn verhaftet hatte, verdächtigte Lissner, Jude zu sein, konnte aber zunächst nichts beweisen, so dass er wieder freikam. Lissner begann sich innerlich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, behielt aber nach seinen Erfahrungen in Russland eine anti-sowjetische Einstellung.Höhne Der Fall Lissner, S. 229, er zitiert einen Freund von Lissner, Werner Crome, der wie er im Zweiten Weltkrieg Korrespondent in Tokio war. Dieser Darstellung Höhnes wird in einem auf der Lissner-Website erschienenen Artikel widersprochen. Demnach habe Lissner immer von seiner jüdischen Herkunft gewusst. Eine pro-nationalsozialistische Einstellung habe bei ihm zu keinem Zeitpunkt bestanden."Der angebliche „Schulfreund“ Lissners: „Hauptmann Werner Schulz“ Ein Konstrukt des Journalisten und Historikers Heinz Höhne?", erschienen auf https://ivar-lissner.de/Projekt-Ivar-Lissner/, abgerufen am 18. Dezember 2016.
Ende 1938 lernte Ivar Lissner nach eigenen Angaben Vizeadmiral Canaris, Lahousen und Oberstleutnant Oster kennen Ivar Lissner "Vergessen aber nicht vergeben" 1970 Ullstein Verlag, S. 203 und wurde Agent der Abwehr. Getarnt als Korrespondent sollte er nach Tokio reisen und über Japan und die Mandschurei berichten.S. 204 in Ivar Lissner "Vergessen aber nicht vergeben" 1970 Ullstein Verlag Gegen diese Darstellung Lissners wandte sich 1975 der Journalist Heinz Höhne, der das Nachwort für die 2. Auflage der Memoiren Lissners verfasste.Heinz Höhne "Der Fall Lissner" in Ivar Lissner "Mein gefährlicher Weg" 1975 Knaur Verlag Höhne gibt an, dass Lissners Zusammenarbeit mit der Abwehr erst sehr viel später (nach dem 5. Juni 1940) erfolgte. Diese sei durch einen Schulfreund Lissners, einem Hauptmann Werner Schulz, zustande gekommen.S. 242 in Heinz Höhne "Der Fall Lissner" in Ivar Lissner "Mein gefährlicher Weg" 1975 Knaur Verlag Die Historiker Hans Coppi und Winfried Meyer belegen allerdings, dass diese Darstellung Höhnes unrichtig ist. Hauptmann Werner Schulz war weder bei der Abwehr für Lissner zuständig, noch kann er ein Schulfreund Lissners gewesen sein.siehe die Buchbesprechung „Der Herr der Ringe; Herrn Helmut Roewers Umwälzung der Geheimdienstgeschichte des Zweiten Weltkriegs“ von Hans Coppi und Winfried Meyer pdf Ein auf der Lissner-Website erschienener Artikel kommt zu dem Schluss, dass es sich bei „Hauptmann Werner Schulz“ „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ um eine „fiktive Konstruktion Heinz Höhnes“ handelt. Diese sei mit „anscheinend frei erfundene[n]“ Zitaten und „angebliche[m] Detailwissen“ auf „Basis von historischen Biografien“ entstanden. Tatsächlich wird aus den im Artikel genannten Quellen deutlich, dass es sich bei „Hauptmann Schulz“ um eine Kombination der Biografien der Abwehrmitarbeiter Dr. Julius Berthold Schultze und Gideon Richard Werner Schüler handelt. Beide können weder Schulfreunde Lissners gewesen sein, noch war einer von ihnen zur Rekrutierung Lissners – wie von Heinz Höhne behauptet – in Shanghai. Der Artikel zeigt des Weiteren anhand von Telegrammen des Auswärtigen Amtes, dass Ivar Lissner bereits weit vor dem von Höhne genannten Rekrutierungstermin für die Abwehr tätig war. Lissner sei, getarnt als Korrespondent für den Angriff und den Völkischen Beobachter (VB), nach Ostasien gereist. Dies erkläre auch, wie Lissner Artikel veröffentlichen konnte, ohne Mitglied in der Pflichtorganisation Reichspressekammer gewesen zu sein. Diese Tatsache sei von Höhne „durch die Streichung aller diesbezüglichen Passagen und gegenteiliger Beteuerungen Ivar Lissners aus dessen Memoiren und seine eigene mangelhafte Recherche“ verschleiert worden. Zudem habe Höhne in diesem Zusammenhang ein Zitat Lissners aus einem Brief an den britischen Historiker Deakin „in entstellender Form aus dem Zusammenhang gerissen“ und „als Beleg angeführt, Ivar Lissner habe wahrheitswidrig jegliche Pressetätigkeit für den „VB“ bestritten.“ Tatsächlich habe Lissner aber lediglich eine Mitgliedschaft in der Reichspressekammer verneint – die Voraussetzung für eine tatsächliche Korrespondententätigkeit – und eine 33 Tage andauernde vorgebliche Tätigkeit für den VB eingeräumt."Der angebliche „Schulfreund“ Lissners: „Hauptmann Werner Schulz“ Ein Konstrukt des Journalisten und Historikers Heinz Höhne?", erschienen auf https://ivar-lissner.de/Projekt-Ivar-Lissner/, abgerufen am 18. Dezember 2016.
Aufgrund der mangelhaften veröffentlichten Quellenlage zu den Umständen des Eintritts Ivar Lissners in die AbwehrZum Eintritt Ivar Lissners in die Abwehr macht ausschließlich Heinz Höhne in seinem Nachwort zu den Lissner Memoiren Angaben; siehe „Der Fall Lissner“ in Ivar Lissner „Mein gefährlicher Weg“ 1975 Knaur Verlag ist unklar, ob die nachfolgend auf Heinz Höhne basierende Darstellung der geschichtlichen Abläufe zutreffend ist oder nicht. Dies gilt insbesondere für die Frage, ob die Aktivitäten Lissners bis zum September 1940S. 495, Fußnote 234, Mitteilung des 156. Polizeirevier in Berlin an Vermögensverwaltungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg: Robert Lissner „am 1. September 1940 unbekannt verzogen abgem.“ in Winfried Meyer „Unternehmen Sieben: eine Rettungsaktion für vom Holocaust Bedrohte aus dem Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht“. Verlag Anton Hain GmbH, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-445-08571-4 ursächlich mit dessen Abwehrtätigkeit (Tarnung als Korrespondent,S. 204 in Ivar Lissner „Vergessen aber nicht vergeben“ 1970 Ullstein Verlag Zugang zum Überläufer Genrich Samoilowitsch Ljuschkow) in Zusammenhang stehen. Festzustellen ist, dass Heinz Höhne in seinem Nachwort zu den Lissner-Memoiren diese Möglichkeit verneintS. 238 „[…], dennoch scheint es damals nicht zu einer festen Vereinbarung zwischen ihm [Lissner] und der Abwehr gekommen zu sein. Er hatte einen anderen Auftraggeber gefunden: Er ließ sich vom ‚Völkischen Beobachter‘ […], als Korrespondent anstellen“ in Heinz Höhne „Der Fall Lissner“ in Ivar Lissner "Mein gefährlicher Weg“ 1975 Knaur Verlag und als Begründung Lissners EhrgeizS. 239 „Das war genau der Posten, den sich der Globetrotter Lissner erträumt hatte.“ in Heinz Höhne „Der Fall Lissner“ in Ivar Lissner „Mein gefährlicher Weg“ 1975 Knaur Verlag sowie wörtliche Zitate eines angeblichen Schulfreundes Lissners, Hauptmann Werner SchulzS. 243 „Schulz schrieb nicht ohne Ungeduld zurück: „Hast du nichts anderes zu tun?“ in Heinz Höhne „Der Fall Lissner“ in Ivar Lissner „Mein gefährlicher Weg“ 1975 Knaur Verlag, angibt. Neben den bereits von Hans Coppi und Winfried Meyer in ihrer Buchbesprechung„Der Herr der Ringe; Herrn Helmut Roewers Umwälzung der Geheimdienstgeschichte des Zweiten Weltkriegs“ von Hans Coppi und Winfried Meyer pdf angeführten Argumenten zur mangelnden Stichhaltigkeit der Argumentation Höhnes, ist des Weiteren veröffentlichte Quellenlage, dass seine Datierung der wörtlichen Zitate des Hauptmanns Schulz (Juni 1940) sowie des Rekrutierungstreffens (5. Juni 1940 in Shanghai) der Aktenlage zur Freilassung Robert Lissners aus der Haft widersprechen. Diese fand bereits am 10. Oktober 1939 statt.S. 494, Fußnote 222, Geschäftsstelle 83, Haftliste 1937–1944, Eintrag 52/1939 in Winfried Meyer „Unternehmen Sieben: eine Rettungsaktion für vom Holocaust Bedrohte aus dem Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht“. Verlag Anton Hain GmbH, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-445-08571-4
1938 fuhr Lissner für die Hanseatische Verlagsanstalt nach Ostasien, wo er u. a. von den Kämpfen der japanischen Armee im Grenzkonflikt mit der Sowjetunion berichtete. Er wurde auch für japanische Zeitungen interviewt und versorgte den deutschen Gesandten mit Informationen. Während seines Aufenthalts in der Mandschurei im Sommer 1938 fungierte Lissner beim Überlaufen des NKWD-Chefs für den Fernen Osten Genrich Samoilowitsch Ljuschkow als Dolmetscher. Im Juli 1938 schrieb er einen Artikel über Ljuschkov der im Angriff abgedruckt wurde.Höhne Der Fall Lissner, S. 234.S. 494, Fußnote 219, „Intrigenkämpfe im Kreml. „Molotow oder Woroschilow Nachfolger Stalins“ sagt Ljuschkow“, Der Angriff, Nr. 174 v. 22.7.1938, S. 2. in Winfried Meyer „Unternehmen Sieben: eine Rettungsaktion für vom Holocaust Bedrohte aus dem Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht“. Verlag Anton Hain GmbH, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-445-08571-4