Die Lohmann & Co. AG (PHW-Gruppe) ist das größte Unternehmen der Geflügelwirtschaft in Deutschland und das viertgrößte in Europa. Es ist damit eines der größten Unternehmen der deutschen Lebensmittelindustrie (Rang 10 unter den größten Lieferanten des deutschen Lebensmitteleinzelhandels; Stand 2016) und eines der bedeutendsten Unternehmen in Niedersachsen. Jährlich schlachtet die PHW-Gruppe 350 Mio. Hühner.
Bekannteste Marken sind Wiesenhof (Marktführer bei Geflügelfleisch in Deutschland) und Bruzzzler (Geflügelbratwurst). Verwaltungssitz der PHW-Gruppe ist in Visbek, Satzungssitz in Vaduz, Liechtenstein. Der konsolidierte und bereinigte Gruppenumsatz liegt bei 4,033 Milliarden Euro (Geschäftsjahr 2022/2023), davon erzielt allein das Geschäftsfeld Wiesenhof einen Umsatz von rund 1,4 Milliarden Euro (Geschäftsjahr 2020/2021). Rund 10.500 Mitarbeiter sind bei der PHW-Gruppe beschäftigt.
Das Unternehmen ist wiederholt in die Kritik geraten, da es in Subunternehmen zu Tierquälerei gekommen sein soll. Außerdem wird dem Unternehmen vorgeworfen, osteuropäische Arbeiter zugunsten der Gewinnoptimierung auszunutzen und Raubbau an (Grund-)Wasservorräten zu betreiben.
Geschichte 1932 bis zur Teilung
Im Jahr 1932 gründeten unabhängig voneinander Paul Wesjohann (1905–1989) in Rechterfeld einen kleinen Landhandel mit Brüterei und Heinz Lohmann (1901–1975) in Cuxhaven die Deutsche Fischmehlfabrik. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten beide ihre Betriebe neu aufbauen, Paul Wesjohann konzentrierte sein Geschäft dabei zunehmend auf die Geflügelzucht. Die entscheidende Geschäftsidee für die Geflügelzucht kam aus den USA, wo der Geflügelzüchter Frederick S. Nichols seit 1943 durch systematische Kreuzungen Masthähnchen auf größtmöglichen, gleichmäßig hohen Fleischertrag hin gezüchtet hatte.Nicholas Badger: Nichols Poultry Farm, Inc. (Shoreline Industries 2). In: The Shoreliner Magazine, Feb. 1951, bei Lane Memorial Library, Hampton NH, abgerufen am 18. Februar 2017 Nichols' Hochleistungsküken erreichten in nur 54 Tagen ihr Schlachtgewicht von 1000 Gramm. Lohmann erwarb die Lizenz für Europa und ließ die ersten Zuchtstämme zum Aufbau eigener Elternherden aus den USA einfliegen. Auf dieser Grundlage konnte er 1956 mit „Goldhähnchen“ das erste deutsche Markenhähnchen in den Handel bringen. 1965 gründete er ein Geflügel-Kontor in Frankfurt am Main und baute die Marke „Wiesenhof“ auf.
1965 gründeten Lohmann und Wesjohann gemeinsam die Broilerbrüterei in Rechterfeld, die heutige Brüterei Weser-Ems GmbH & Co. KG (BWE). Schon im ersten Geschäftsjahr erreichte sie einen Umsatz von 20 Millionen Deutsche Mark. 1965 übernahmen die beiden Söhne von Paul Wesjohann, Paul-Heinz und Erich, dort Führungspositionen. 1966 gründete Lohmann seine zweite Brüterei im bayerischen Regenstauf. 1967 folgte die „Lohmann Tierernährung“, 1968 die „TAD Pharma“ (beide in Cuxhaven), die zum Lohmann-Konzern gehörten – mit der 1970 entstandenen Obergesellschaft „Lohmann & Co. AG“. Im gleichen Jahr bildete sich in Rechterfeld die Paul Wesjohann & Co. GmbH. 1972 beteiligte sich Wesjohann an Schlachtereien in Holte und Lohne und gründete in Rechterfeld den Mischfutterbetrieb MEGA. 1978 investierten beide in US-amerikanische Agrarunternehmen. 1982 gründete die Lohmann & Co. AG die „Allfein“ und entwickelte Convenience-Produkte, 1984 folgte die Nutrilo zur Produktion von Nahrungsergänzungsmitteln für die menschliche Ernährung.
Im April 1987 erwarben die Söhne Paul-Heinz und Erich Wesjohann die Anteilsmehrheit an der „Lohmann & Co. AG“. Es entstand die international agierende „Lohmann-Wesjohann-Gruppe“ mit 3400 Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz von etwa 1,5 Milliarden DM. Die weitere Entwicklung war geprägt durch ein US-Engagement in der Impfstoffproduktion und die Übernahme mehrerer Betriebe in den neuen Bundesländern. 1995 führte PHW für die Marke „Wiesenhof“ als erster Hähnchenerzeuger in Deutschland eine Herkunftsgarantie ein. 1996 fusionierten „Lohmann Tierernährung“ (LTE) und „TAD-Veterinär“ zur „Lohmann Animal Health“ (LAH). 1997 gingen die Anteile der Firmengruppe vollständig in den Besitz der Familie Wesjohann über. Die Heinz-Lohmann-Stiftung wurde gegründet.
Paul-Heinz Wesjohann war von 1981 bis 2001 als Mitglied der CDU Abgeordneter des Kreistags des Landkreises Vechta, davon 15 Jahre als Fraktionsvorsitzender.Unternehmerpreis Oldenburger Münsterland – Unternehmerisches Lebenswerk Paul-Heinz Wesjohann & Erich Wesjohann Vorstandsvorsitzender der PHW-Gruppe - Präsident der EW Group, 2008.
Von der Teilung bis 2020 Ende 1998 wurde die „Lohmann-Wesjohann-Gruppe“ auf die Familien der beiden Brüder Paul-Heinz Wesjohann und Erich Wesjohann aufgeteilt, und die heutige PHW-Gruppe entstand (PHW = Initialen des Firmengründers Paul-Heinz Wesjohann). Die aus der Trennung entstandene Erich Wesjohann Gruppe gehört nicht zur PHW-Gruppe, hat jedoch intensive geschäftliche Beziehungen mit ihr und nutzte bis 2015 ebenfalls die Marke „Wiesenhof“. Die Lohmann SE und damit die Impfstoff- bzw. Futtermittelzusatzstoff-Hersteller Lohmann Animal Health GmbH in Cuxhaven und Lohmann Animal Health International in Winslow, Maine (USA) wurden 2014 an den amerikanischen Tierarzneimittelhersteller Elanco Animal Health verkauft.Unternehmensmitteilung vom 24. Februar 2014, aufgerufen am 2. Juni 2014.
Im August 2014 beantragte die PHW-Gruppe die wettbewerbsrechtliche Genehmigung für eine strategische Beteiligung an bzw. Übernahme der niederländischen Schlachterei Esbro. Esbro ist seit einem erweiternden Neubau 2013 in Doetinchem-Wehl eine der modernsten und mit einer Kapazität von bis zu 13.500 Schlachtungen pro Stunde bzw. 130.000 pro Tag, einer Jahresproduktion von 150.000 Tonnen Fleisch und einem Umsatz von 66 Mio. Euro (jeweils 2013) auch eine der größten Geflügelschlachtereien in den Niederlanden. 2015 erweiterte Esbro seine Kapazität auf täglich 235.000 Schlachtungen.
In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 2015 wurde der Schlachthof von Donautal Geflügelspezialitäten, Zweigniederlassung der Wiesenhof-Tochter Lohmann, im niederbayerischen Bogen-Hofweinzier, mit einer Kapazität von täglich 250.000 Geflügelschlachtungen einer der größten in Süddeutschland, durch einen Großbrand schwer beschädigt. Am 31. März 2016 kam es im wiederaufgebauten Betrieb zu ersten Probeschlachtungen. Im Laufe des Jahres 2016 soll die Zahl der geschlachteten Tiere wieder den vor dem Brand erzielten Wert erreichen. Vor dem Brand waren in Bogen ca. 800 Arbeitnehmer beschäftigt, von denen 534 zum Stammpersonal gehörten (ein im Vergleich zu den in der Branche üblichen Verhältnissen hoher Anteil). 240 Arbeitnehmer wurden im Laufe des Jahres 2015 entlassen.
mini|hochkant=1.6|Nach dem Brand auf dem Betriebsgelände der Schlachterei Oldenburger Geflügelspezialitäten in Lohne, 2016
Anfang 2016 erhielt die zu Wiesenhof gehörende Schlachterei Oldenburger Geflügelspezialitäten im niedersächsischen Lohne die Erlaubnis, ihre Kapazität von 320.000 auf über 430.000 Schlachtungen pro Tag zu erhöhen. Am 28. März 2016 zerstörte ein durch ein defektes Kälteaggregat ausgelöster Großbrand mindestens zwei Hallen in diesem Werk, es entstand ein Schaden in Höhe von bis zu 300 Millionen Euro. Bis zur vollständigen Betriebsaufnahme wurde eine Dauer von ein bis eineinhalb Jahren angenommen. Als Reaktion auf den Brand kündigte das Unternehmen an, einen Teil der rund 1200 Beschäftigten in Lohne nicht weiterbeschäftigen zu können. Bereits im April 2016 nahmen die Beschäftigten in den nicht von dem Brand betroffenen Abteilungen Zerlegung und Verpackung ihre Arbeit wieder auf. Unklar ist, wie viele Arbeitskräfte ihre Tätigkeit für die Oldenburger Geflügelspezialitäten GmbH wieder aufgenommen haben.
2016 übernahm die PHW-Gruppe die Unternehmensgruppe Wichmann Enten, den bis dahin neben der PHW-Gruppe größten deutschen Entenfleisch-Produzenten. Inzwischen ist die Wichmann Holding zu 100 % im Besitz der PHW-Gruppe.
2019 wurde der Satzungssitz des Unternehmens nach Vaduz in Liechtenstein verlegt; der Verwaltungssitz verblieb in Visbek.
COVID-19-Ausbrüche 2020 Während der COVID-19-Pandemie in Deutschland im Jahr 2020 kam es zu je einem Krankheits-Ausbruch bei Geestland in Wildeshausen und bei Wiesenhof in Lohne.
Am 23. Juni 2020 wurden 35 von 1100 Mitarbeiten in der Putenschlachterei Geestland in Wildeshausen positiv auf SARS-CoV-2, den Auslöser von COVID-19 getestet. Dieser Ausbruch führte dazu, dass das Robert Koch-Institut in seinen Tagesberichten den Landkreis Oldenburg am 27. Juni 2020 unter den ersten fünf Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland aufführte, in denen die Quote von Neuinfizierten mit SARS-CoV-2 während der letzten 7 Tage auf 100.000 Einwohner (7-Tage-Inzidenz) am höchsten lag. Am selben Tag kündigte die Geschäftsführung der PHW-Gruppe an, sie wolle alle Werkvertragsarbeiter in ein festes Arbeitsverhältnis übernehmen.
Nach einem COVID-19-Ausbruch bei Wiesenhof in Lohne meldete der Landkreis Vechta am 27. Juli 2020, dass sich bis zu diesem Zeitpunkt 66 Beschäftigte in dem Betrieb mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Durch den Ausbruch bei Wiesenhof Lohne stieg die 7-Tage-Inzidenz auf 41,13 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner des Landkreises. Am 20. Juli 2020 meldete das RKI in Deutschland keinen Landkreis und keine kreisfreie Stadt in Deutschland mit einer höheren 7-Tage-Inzidenz. Ein Überschreiten der Quote von 50 Neuinfizierten auf 100.000 Einwohner hätte dazu geführt, dass der Landkreis Vechta vom Robert Koch-Institut zum Risikogebiet erklärt worden wäre. Die gravierendste Folge wären Beherbergungsverbote bzw. -einschränkungen für die Bewohner des Landkreises Vechta in einigen Ländern Deutschlands gewesen. Sie hätten z. B. einen etwaigen Plan, an der deutschen Ostseeküste Urlaub zu machen, aufgeben müssen.
Struktur Die PHW-Gruppe setzt sich aus zwei Mutterunternehmen zusammen: Die Erste Paul-Heinz Wesjohann GmbH & Co. Kommanditgesellschaft (Erste PHW KG) mit 2.233 Mio. Euro UmsatzerlösKonzernabschluss zum Geschäftsjahr vom 1. Juli 2020 bis zum 30. Juni 2021 der Erste Paul-Heinz Wesjohann GmbH & Co. Kommanditgesellschaft, Rechterfeld. In: Bundesanzeiger, 14. Juli 2022. Abgerufen im Bundesanzeiger am 26. November 2022. und die Zweite Paul-Heinz Wesjohann GmbH & Co. Kommanditgesellschaft (Zweite PHW KG) mit 586 Mio. Euro Umsatzerlös im Geschäftsjahr 2020/2021Konzernabschluss zum Geschäftsjahr vom 1. Juli 2020 bis zum 30. Juni 2021 der Zweite Paul-Heinz Wesjohann GmbH & Co. Kommanditgesellschaft, Rechterfeld. In: Bundesanzeiger, 28. Juli 2022. Abgerufen im Bundesanzeiger am 26. November 2022., beide mit Sitz in Rechterfeld.
Des Weiteren bestehen mehrere Teilkonzerne, unter anderem die Lohmann & Co. AG mit Sitz in Vaduz, die wiederum mit einem Mehrheitsanteil von 62,95 % der Erste PHW KG gehört und für den öffentlichen Auftritt der Gruppe genutzt wird.
Das Kerngeschäftsfeld der PHW-Gruppe ist Geflügelfleischproduktion unter der Marke Wiesenhof. Darüber hinaus sind die Geschäftsbereiche wie folgt gegliedert: Geflügelspezialitäten mit 1.510,0 Mio. Euro (Erste PHW KG) bzw. 502,6 Mio. Euro (Zweite PHW KG) Umsatzerlös im Geschäftsjahr 2020/2021. Aufzucht/Vermehrung mit 163,1 Mio. Euro (Erste PHW KG) Umsatzerlös im Geschäftsjahr 2020/2021 Tierernährung/Tiergesundheit mit 483,4 Mio. Euro (Erste PHW KG) bzw. 12,6 Mio. Euro (Zweite PHW KG) Umsatzerlös im Geschäftsjahr 2020/2021 Lebensmitteltechnologie / Sonstiges mit 65,6 Mio. Euro (Erste PHW KG) bzw. 17,1 Mio. Euro (Zweite PHW KG) Umsatzerlös im Geschäftsjahr 2020/2021 Alternative Proteine mit 10,4 Mio. Euro (Erste PHW KG) bzw. 6,4 Mio. Euro (Zweite PHW KG) Umsatzerlös im Geschäftsjahr 2020/2021