Die Nazca-Linien, oft auch Nasca-Linien geschrieben, sind über 1500 riesige, nur aus der Luft und von umliegenden Hügeln aus sicht- und erkennbare Scharrbilder (Geoglyphen) in der Wüste bei Nazca und Palpa in Peru. Benannt sind die Linien, die Wüste und die Kultur nach der unweit der Ebene liegenden Stadt Nazca. Als Urheber der Linien gelten die Paracas-Kultur und die Nazca-Kultur. Die Nazca-Ebene zeigt auf einer Fläche von 500 km² schnurgerade, bis zu 20 km lange Linien, Dreiecke und trapezförmige Flächen sowie Figuren mit einer Größe von etwa zehn bis mehreren hundert Metern, z. B. Abbilder von Menschen, Affen, Vögeln und Walen. Oft sind die figurbildenden Linien nur wenige Zentimeter tief. Durch die enorme Größe sind sie nur aus großer Entfernung zu erkennen, von den Hügeln in der Umgebung oder aus Flugzeugen.Katherine Reece: Grounding the Nasca Balloon hallofmaat.com

Eine systematische Erkundung und Vermessung zusammen mit archäologischen Grabungen zwischen 2004 und 2009 im Umfeld und zum Teil in den Linien konnte ihre Entstehung und ihren Zweck mit hoher Wahrscheinlichkeit klären: Es handelt sich demnach um Gestaltungen im Rahmen von Fruchtbarkeitsritualen, die zwischen 800 v. Chr. und 600 n. Chr. angelegt und durch periodische Klimaschwankungen veranlasst wurden.Archäologisches Projekt Nasca-Palpa, Peru Deutsches Archäologisches InstitutKeine antike Raketenrampe: Archäologe entschlüsselt das Geheimnis der Geoglyphen von Nasca deutschlandfunk.de, 10. September 2009.

Beschaffenheit und Alter Entstanden sind die Bilder durch Entfernung der oberen Gesteinsschicht, die von Wüstenlack überzogen ist (negatives Relief). Dieser Wüstenlack besteht aus einem rostroten Gemisch aus Eisen- und Manganoxiden. Dadurch kommt das hellere Sedimentgemisch zum Vorschein und bildet beigegelbe Linien. Teilweise wurden auch Linien markiert, indem Steine aus der Umgebung aufgehäuft wurden (positives Relief).

Anhand archäologischer Vergleiche der Bilder in der Wüste mit Motiven auf Keramiken der Nazca-Periode nahm man lange an, dass die Geoglyphen in der Zeit der Nazca-Kultur zwischen 200 v. Chr. und 600 n. Chr. entstanden, doch gilt heute als Entstehungszeit der ältesten Figuren die Paracas-Periode von 800 v. Chr. bis 200 v. Chr. Die Schöpfer der Scharrbilder lebten in den Tälern des Río Nazca, Río Palpa und Río Ingenio. Die Pyramidenstadt Cahuáchi soll ein religiöses Zentrum der Nazca-Kultur gewesen sein. Als Erklärung für die lange Besiedlungszeit vermuten italienische Forscher um Rosa Lasaponara ein System aus unterirdischen Wasserkanälen mit trichterförmigen Zugängen (puquios), das unterirdische wasserführende Schichten für die Bewässerung nutzbar machte und in Staubecken speicherte.The ancient peruvian mystery solved from space bbc.com, 8. April 2016.

Entdeckungen und Forschungsgeschichte mini|Nazca-Linien bei Nazca, Peru mini|Nazca-Linien in der Nazca-Wüste zwischen Nacza und Palpa (Satellitenbild, rechts ist Norden). Die grünen Bereiche sind Felder bei Changuillo und El Ingenio. Die diagonale Linie, die auf den unteren Bildrand trifft, ist die Panamericana.Zum Vergleich: Satellitenbild bei Google Maps. Hier ist Norden oben.

Schon der spanische Conquistador Pedro de Cieza de León berichtete in seiner Chronik von Peru (1553) von den Nazca-Linien, allerdings deutete er sie irrtümlich als Wegmarkierungen.Pedro de Cieza de León Chronica del Peru (1553), Ausgabe Antwerpen 1558, S. 141. Zitat: y por algunas partes delos arenales se veen señales, paraque atinen el camino que han de lleuar („und in einigen Gebieten der Wüste sind Zeichen zu sehen, damit sie [= die Indios] den Weg finden, den sie nehmen müssen“). Der spanische Verwaltungsbeamte (Corregidor) Luis Monzón, der die Linien im Jahr 1586 erwähnte, hielt sie für Überreste von alten Straßen.Luis Monzón: Descripcion de la tierra del repartimiento de los rucanas antamarcas de la corona real, jurisdicion de la ciudad de Guamanga. año de 1586. Zitiert in: Marcos Jiménez de la Espada (Hg.): Relaciones geográficas de Indias: Peru, Band 1. Madrid 1881, S. 197–216, hier S. 210.

Die vollständigen Figuren kann man nur aus der Luft erkennen. In diesem Sinne entdeckt wurden die Nazca-Linien erst in den 1920er Jahren oder spätestens in den 1930er Jahren,Jason Golomb: Nasca Lines. nationalgeographic.comOwen Jarus: Nazca Lines: Mysterious Geoglyphs in Peru. livescience.com, 14. August 2012. als regelmäßig Flugzeuge die Nazca-Wüste überflogen. Die Beobachtungen von Piloten und Passagieren lösten aber zunächst noch keine intensiven Nachforschungen aus.

Im Jahr 1926 wurden Nazca-Linien erstmals wissenschaftlich beschrieben.Archäologisches Projekt Nasca-Palpa, Peru Deutsches Archäologisches Institut, siehe Menüpunkt Geschichte. In diesem Jahr erforschte Alfred Kroeber bei seiner Peru-Expedition vor allem die Keramik der Nazca-Kultur. Er bemerkte auch die Bodenlinien und beschrieb einige von ihnen. Seine Texte, Fotografien und Zeichnungen, wahrscheinlich die erste Dokumentation der Nazca-Linien, wurden allerdings erst 1998 publiziert.Alfred L. Kroeber, Donald Collier: The Archaeology and Pottery of Nazca, Peru. Alfred L. Kroeber’s 1926 Expedition. Rowman Altamira, 1998, S. 20 (siehe Auszüge bei Google Books).

Ungefähr zur selben Zeit – 1926Bernd Teichert: Die Geoglyphen von Nasca: Ist die astronomische Theorie zu den Linien und Figuren von Nasca noch relevant? archaeologie-online.de, 11. Oktober 2007. oder 1927Jack McClintock: The Nasca Lines Solution: Demystifying South America’s gigantic archaeological puzzle. In: Discover, 1. Dezember 2000. – entdeckte der peruanische Archäologe Toribio Mejía Xesspe gerade Linien, Zickzacklinien und Trapeze bei Wanderungen in den umliegenden Hügeln. Er interpretierte sie als Straßen mit religiöser Bedeutung. Mejía Xesspe stellte seine Erkenntnisse 1939 bei einer Konferenz in Lima vor.Toribio Mejía Xesspe: Acueductos y caminos antiguos de la hoya del Río Grande de Nazca. In: Actas y Trabajos Cientificos del 27 Congreso Internacional de Americanistas 1939 (1), S. 559–669.Helaine Silverman, Donald Proulx: The Nasca. Blackwell Publishing 2002.

Der Historiker Paul Kosok von der Long Island University in Brooklyn kam 1940 nach Peru, um antike Bewässerungssysteme zu untersuchen. Er erkannte, dass es sich bei den Linien nicht darum handeln konnte, da sie großteils schnurgerade über Hügel und Vertiefungen hinweg verliefen. Bei einem Flug über das Gelände erkannte er eine Vogelfigur. Zufällig beobachtete er zusammen mit seiner Frau von einer Anhöhe aus den Sonnenuntergang zur Zeit der Sonnenwende am 21. Juni 1941. Sie bemerkten, dass eine der langen Linien von ihrem Standort genau in Richtung des Sonnenuntergangs zeigte. Kosok glaubte begeistert, die Lösung des Rätsels gefunden zu haben: Wenig später hielt er die Nazca-Ebene für „das größte Astronomiebuch der Welt“.Anthony F. Aveni, Helaine Silverman: Between the Lines. Reading the Nazca Markings as Rituals Writ Large. In: The Sciences, Juli/August 1991, S. 36–42, hier S. 36 (online).

Erfassung durch Maria Reiche Die deutsche Lehrerin und Archäologin Maria Reiche traf Paul Kosok in Lima, als dieser eine Spanisch-Übersetzerin für seine englischen Texte suchte, und wurde seine Assistentin. Nach einer Unterbrechung wegen des Zweiten Weltkriegs verfolgte sie Kosoks Ansatz weiter, in den Linien und Figuren einen riesigen astronomischen Kalender zu sehen. Sie vermaß unzählige Linien mit Maßband, Sextant und Kompass, später auch mit einem Theodolit. Sie reinigte die teils verdeckten Linien, entdeckte immer mehr Figuren, zeichnete sie, suchte nach Zusammenhängen mit dem Lauf der Sonne und der Sterne. Durch ihre leidenschaftliche Arbeit wurden die Nazca-Linien weltweit bekannt. Sie setzte sich bis zu ihrem Lebensende 1998 unermüdlich für den Schutz und Erhalt dieser Wüstenfiguren ein und bemühte sich um deren Interpretation. Viele Figuren wurden durch Fuß- und Autospuren zerstört. Durch die Initiative Reiches ergriff die peruanische Regierung Maßnahmen, um eine weitere Zerstörung zu verhindern. So wurden die Geoglyphen 1994 von der UNESCO als „Linien und Bodenzeichnungen von Nasca und Pampa de Jumana“ zum Weltkulturerbe erklärt.

Neue Entdeckungen seit 2005 Im Jahre 2005 wurden ca. 50 weitere von 600 v. Chr. bis 100 v. Chr. entstandene Scharrbilder in einem Gebiet von rund 145 km² erstmals systematisch erfasst.

Durch Forschungen des Deutschen Archäologischen Instituts wurden erstmals Siedlungen, Gräber, Petroglyphen und Geoglyphen der Region systematisch erfasst und einige Fundorte ergraben. Unerwarteterweise war das Gebiet trotz harscher klimatischer Bedingungen von der frühen Formativzeit, ab ca. 1500 v. Chr., bis zum Kontakt mit Spaniern (1532) durchgehend besiedelt. Geoglyphen wurden erstmals in der Paracas-Zeit von 800 bis 200 v. Chr. angelegt, den Höhepunkt erreichten sie in der frühen und mittleren Nasca-Zeit zwischen der Zeitenwende und 450. Ab 600 entstanden keine Geoglyphen mehr. Auf der Hochfläche fand man Siedlungsbauten, Gräber und kleine Steingebäude unmittelbar an den Linien, in denen Opfergaben niedergelegt waren. Die Ausgräber nennen sie „Tempel“. Zudem wurden Pfostenlöcher gefunden. Bis einschließlich des Jahres 2007 sind mindestens 1500 Geoglyphen an der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts photogrammetrisch vermessen und mindestens 639 davon genau beschrieben und klassifiziert worden.

Im Jahr 2011 entdeckten japanische Wissenschaftler 138 weitere Hügel und Linien, darunter zwei Figuren, die einen menschlichen Kopf und ein Tier darstellen. Da sie relativ klein sind, waren sie vom Flugzeug aus kaum erkennbar.Neue Scharrbilder in Peru entdeckt zeit.de, 15. Februar 2011. Im Jahr 2018 und 2020 sind insgesamt mindestens 50 weitere Scharrbilder entdeckt worden. Nachdem 2020 der Fund eines Scharrbilds einer riesigen Katze („Nazca-Katze“) bekannt gemacht worden war, wurden 2022 ungefähr 170 neue Scharrbilder von einem japanischen Forschungsteam der Universität Yamagata entdeckt. Neben Scharrbildern von Katzen existieren auch Scharrbilder von anderen Tieren (darunter Kamele, Vögel, Schlangen, Orcawale). Stand Dezember sind insgesamt 358 Scharrbilder in der Wüste bei Nazca und Palpa bekannt.

2024 fanden japanische Forscher mithilfe von künstlicher Intelligenz mehrere hundert weitere Geoglyphen. Dabei identifizierte die KI über eintausend Kandidaten für noch unbekannte Nazca-Figuren. Diese wurden anschließend von Archäologen überprüft.Nadja Podbregar: Nazca-Linien: 303 neue Figuren entdeckt. In: scinexx, 24. September 2024 (abgerufen am 8. August 2025).

Heute werden Artefakte mit Drohnen und dem GPS genau vermessen und erforscht.

Deutungen Zur Erklärung der Frage, warum die geheimnisvollen Nazca-Linien erschaffen wurden, sind die verschiedensten Theorien und Hypothesen entwickelt worden. Markus Reindel, Nazca-Spezialist beim Deutschen Archäologischen Institut, spricht von einer „Unzahl von zum Teil phantastischen Hypothesen“. Die Deutungen gehen überwiegend von einem religiösen Hintergrund aus. Manche Erklärungsversuche nehmen einen Zusammenhang mit Bewässerungssystemen oder der Bedeutung des Wassers in der trockenen Umgebung an, andere sehen eine Verbindung zur Astronomie. So gibt es Zusammenhänge zwischen den Richtungen einiger Linien und Sonnwendpunkten.

Bevor die Luftfahrt einen besseren Blick auf die Nazca-Linien ermöglichte, hielt man sie für Pfade oder alte Straßen oder zumindest für Wegmarkierungen. Erst die genauere Betrachtung legte eine religiöse Bedeutung nahe. Toribio Mejía Xesspe, der sich 1926/1927 als Erster systematisch mit den Bildern beschäftigte, interpretierte sie als „große Artefakte der Inka-Zeremonien“ – und die Linien als Straßen für religiöse Handlungen. Die Tierfiguren erschienen nun als Pfade, auf denen möglicherweise Opfergaben hinterlegt wurden.