Titelblatt von Il Principe und La Vita di Castruccio Castracani da Lucca, 1550|miniatur Der Fürst (; ursprünglich De principatibus), um 1513 von Niccolò Machiavelli verfasst, gilt als eines der ersten – wenn nicht als das erste – Werk der modernen politischen Philosophie. Stilistisch in der Tradition mittelalterlicher Fürstenspiegel stehend, formuliert es die modernen, von moralischen und religiösen Vorstellungen losgelösten, Grundsätze der Staatsraison. Zusammen mit den gleichzeitig entstandenen Discorsi stellt es das Hauptwerk Machiavellis dar. Von ihm leitet sich sowohl der Begriff des Machiavellismus als auch der des Antimachiavellismus her.

Während Il Principe den neuen Fürsten lobt, der die Macht nicht ererbt, sondern durch eigene Leistung erworben hat, plädieren die Discorsi für die republikanische Staatsform. Trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtung antworten beide Werke auf dieselbe Grundfrage: „Wie kann man in einer feindlichen politischen Umwelt erfolgreich sein, namentlich die Macht erwerben, sie erhalten und zu Größe steigern?“Otfried Höffe (Hrsg.): Niccolò Machiavelli: Der Fürst, Berlin 2012, S. 10. Nach Alessandro Pinzani besteht der Hauptunterschied zwischen dem Fürstenbuch und den Discorsi darin, dass „es dem ersteren … um die Machterreichung und -erhaltung geht, … die letztere gemäß den Discorsi [um] die Erhaltung der eigenen Freiheit.“Alessandro Pinzani: Doch ein Republikaner? In: Otfried Höffe (Hrsg.): Niccolò Machiavelli: Der Fürst. Berlin 2012, S. 164. Ob Machiavelli damit „die individuelle Freiheit der Bürger oder die allgemeine Freiheit der Republik“Alessandro Pinzani: Doch ein Republikaner? In: Otfried Höffe (Hrsg.): Niccolò Machiavelli: Der Fürst. Berlin 2012, S. 165. meinte, machte er nicht ganz deutlich.

Zu Machiavellis Lebzeiten kursierte Der Fürst nur in wenigen Abschriften. Im Druck erschien das Werk erst fünf Jahre nach dem Tod des Autors. Die päpstliche Druckgenehmigung stammt vom 4. Januar 1532.Machiavelli: Der Fürst. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 1995, S. 148. Doch bereits 1557 ließ die Kirche das Fürstenbuch auf den Index verbotener Bücher setzen.

Hintergrund mini|Lorenzo di Piero de’ Medici, Herzog von Urbino Il Principe ist Lorenzo di Piero de’ Medici gewidmet. Zuerst sollte es Giuliano di Lorenzo de’ Medici gewidmet werden, aber Machiavelli entschied sich um.Maurizio Viroli: Niccolò's Smile: A Biography of Machiavelli, S. 159.

Otfried Höffe behauptet, dass einige Interpreten des Fürsten dieses als eine Gelegenheitsschrift ansehen, da es aus „einer persönlichen Not und einer politischen Not“Otfried Höffe (Hrsg.): Niccolò Machiavelli: Der Fürst, Berlin 2012, S. 5. verfasst worden ist. Denn am 7. November 1512 verlor Machiavelli durch die Rückkehr der Medici alle seine Ämter, wurde dadurch ins politische Abseits gestellt und zog auf sein kleines Landgut Albergaccio in dem Dorf Sant’Andrea in Percussina, das 15 Kilometer südwestlich von Florenz liegt. Höffe jedoch widerspricht dieser Ansicht und meint, dass Der Fürst keine Gelegenheitsschrift war, sondern das Werk „gut komponiert, in den einzelnen Gedankenschritten wohlüberlegt und vor allem von einem reichen Erfahrungsmaterial getragen [ist], das sich der Autor sowohl dank seiner humanistischen Bildung als auch aus eigener politischen Tätigkeit erworben hat.“

Eines der Motive des Autors, eines überzeugten Republikaners, war, die Gunst der Medici zu erwerben, die zu dieser Zeit Florenz regierten. Nach dem Sturz der Republik Florenz hatten ihn diese in den Kerker werfen und mehrfach foltern lassen. Nach seiner Freilassung 1513 schickten sie ihn ins Exil, und selbst von Machiavelli verfasste Bettelbriefe hatten sie bis dahin nicht bewegen können, den ehemaligen Staatsbediensteten zu begnadigen.

Gleichzeitig sah der Autor zur Zeit, da er den Principe verfasste, Italien in Not. Denn zum damaligen Zeitpunkt war Italien in zahlreiche Kleinstaaten und Fürstentümer zerfallen und ständig von seinen Nachbarn, den Spaniern, Franzosen und Deutschen, bedroht (Italienische Kriege). Als weitere Triebfeder für Machiavellis Werk kann somit der Wunsch angesehen werden, politische Lösungen zur Bewältigung dieser politischen Krise und deren negativen moralischen Folgen für den Einzelnen (Machiavelli nennt sie Verderbtheit) zu finden.Panajotis Kondylis: Machiavelli, Akademie Verlag, 2007, S. 20. Machiavelli schrieb Il principe also nicht aus reinem Eigennutz, sondern träumte von einem italienischen Staat und hoffte, dass ein Fürst kommen würde, der die Kraft und das Können besäße, Italien zu einen und zu seinem alten Ruhm zurückzuführen. Einen solchen sah er in dem für seine Grausamkeit berühmten Cesare Borgia, dessen Taten er zum Teil stark glorifizierte und ihn als „lebendes“ Beispiel für viele seiner Handlungsempfehlungen anführte. Einen weiteren Hoffnungsträger sah er im Fürsten Lorenzo di Piero de’ Medici, dem Enkel von Lorenzo il Magnifico, dem er sein Werk widmete. Ihm sollte es als eine Art politischer Leitfaden dienen. Dirk Hoeges geht davon aus, dass Moses „mehr als jeder andere“ dem Idealfürsten nahekommt.

Das Buch gefiel den Medici allerdings nicht, und so konnte Machiavelli keinen Nutzen daraus ziehen: Er stieg nicht in dem erhofften Maße in der Gunst der Herrscherfamilie, sondern musste bis 1521 warten, um als Bürger von Florenz rehabilitiert zu werden; und auch seinem Appell, die italienischen Fürstentümer zu einen und die fremden Besatzer zu verjagen, kamen die Medici nicht nach.

Zum Titel Die ersten Übersetzungen des Werkes in das Französische, Englische und Deutsche stammen aus Zeit und Vorstellungswelt des Barock, für welche der Träger der höchsten Gewalt im Staat selbstverständlich ein durch Abstammung legitimierter Herrscher sein musste. Viele dieser Übersetzungen eines in vielen Teilen Europas verbotenen Buches erfolgten nicht für das Publikum, sondern gleichsam „für den Dienstgebrauch“ nur für einen elitären Kreis am Hof. Die erste deutsche Übersetzung stammt von Christian Albrecht von Lenz und war für die Herrscher am Hof Oels (Schlesien) bestimmt.

Für Machiavellis politische Vorstellungen macht es jedoch keinen prinzipiellen Unterschied, ob das Staatsoberhaupt durch Abstammung legitimiert war oder ein zur Herrschaft gelangter Adliger bzw. Bürger, Kirchenfürst oder Condottiere war. Für ihn ist der principe im Sinne des römischen princeps Träger der höchsten Gewalt im Staat, und die principati mehr oder minder monarchisch regierte Staaten. Allerdings behandelt er ausführlich die spezifischen Probleme mit denen die jeweiligen Herrschaftsformen konfrontiert sind (Kapitel II, III, VI, VII, IX, und XI). Es ist daher wohl richtiger, den Begriff principe im Allgemeinen mit Herrscher und principati mit Herrschaft wiederzugeben.Einleitung von Rudolf Zorn in Machiavelli: Der Fürst „Il Principe“. übersetzt und herausgegeben von Rudolf Zorn. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1978, ISBN 3-520-23506-4, S. IX.

Inhalt

Struktur Das Buch ist in 26 Kapitel aufgeteilt, wobei Machiavelli zunächst von den verschiedenen Fürstentümern spricht und wie man sie erlangen kann, anschließend über die richtige Führung eines Heeres und abschließend über das richtige Verhalten eines Fürsten und welche Eigenschaften er aufweisen sollte. Hier liegt der Schwerpunkt des Buches. In der Widmung nennt Machiavelli „den Gegenstand und die Methode des Vorhabens, nämlich aus Erfahrung der politischen Gegenwart und antiker Verhältnisse Regeln für die Fürstenherrschaft zu gewinnen.“

Höffe teilt das Fürstenbuch in die Widmung, vier Hauptteile und den Schluss ein. Den ersten Hauptteil bilden nach Höffe die Kapitel 1 bis 11, die „die Arten der Herrschaft“Otfried Höffe (Hrsg.): Niccolò Machiavelli: Der Fürst, Berlin 2012, S. 6 klassifizieren. Für Höffe bildet Kapitel 6 einen Höhepunkt, da dieses Kapitel die neue, nicht erbliche, Fürstenherrschaft thematisiert und die wichtigsten Beispiele für Fürsten aufführt: Moses, Romulus, Kyros und Theseus.

Der zweite Hauptteil, Kapitel 12 bis 14, behandelt das Militärwesen und der dritte, Kapitel 15 bis 19, handelt „über die provisorische Amoral“. Der vierte Hauptteil, Kapitel 20 bis 25, erscheint uneinheitlich. Themen sind unter anderem: Festungsbau, Reputation, „über den Herrschaftsverlust der Fürsten Italiens“ sowie Fortuna und Tüchtigkeit. mini|Cesare Borgia, Porträt wahrscheinlich von Giorgione, Bergamo, Galleria dell’ Accademia Carrara Bereits mit dem ausführlichen Inhaltsverzeichnis verdeutlicht Machiavelli seine Intention. Die Kapitelüberschriften sind nach der Übersetzung von Rudolf Zorn gehalten.Der Fürst „Il Principe“. Übersetzt und herausgegeben von Rudolf Zorn, Alfred Kröner, Stuttgart 1978.

Kapitelübersicht I. Kapitel: Von den Herrschaftsformen und den Mitteln zur Erwerbung einer Herrschaft

Im ersten Kapitel des Fürsten beginnt Machiavelli zu erläutern, dass nach seiner Ansicht eine Dichotomie der Herrschaftsformen besteht. So existieren für ihn zwei Kategorien – die der Alleinherrschaft und jene der Republik – und alle erdenklichen Herrschaftsformen lassen sich einer dieser beiden Gruppen zuordnen.

II. Kapitel: Von den ererbten Herrschaften

An dieser Stelle kündigt Machiavelli an, sich in der Folge ausschließlich mit denjenigen Herrschaftsformen befassen zu wollen, die der Kategorie der Alleinherrschaften zuzurechnen seien, da die thematische Auseinandersetzung mit den Republiken gesondert in den Discorsi erfolge.Rudolf Zorn (Hrsg.): Niccolò Machiavelli: Der Fürst. Kröner Taschenbuchausgabe. Stuttgart 1978, S. 115. Bezogen auf jene Alleinherrschaften, in denen die Macht vererbt wird, meint Machiavelli, dort sei es den Fürsten vergleichsweise einfach sich zu behaupten. Hier könne etwa selbst ein nur mittelmäßig begabter Herrscher erfolgreich regieren und brauche nur das Risiko einer plötzlichen Revolution fürchten. Dieses sei jedoch nur gering und darüber hinaus die Chancen des Erbfürsten erheblich, nach einem solchen Sturz schnell wieder auf den Thron zurückzukehren. Auch brauche der Monarch in solchen Staaten weniger Härte walten zu lassen als anderswo und habe die Gefahr progressiven Gedankenguts in weit geringerem Maße zu fürchten als die sonstigen Fürsten. Somit scheint die ererbte Regentschaft in Machiavellis Augen eine relativ dankbare Aufgabe darzustellen.

III. Kapitel: Vermischte Alleinherrschaften

Der Machterhalt eines Alleinherrschers in frisch eroberten Staaten (sogenannten vermischten Alleinherrschaften) gestaltet sich nach Einschätzung des Florentiners hingegen wesentlich komplizierter. Grund dafür sei, dass der Fürst in diesem Fall naturgemäß die Günstlinge des alten Systems fürchten müsse, und darüber hinaus oftmals auch seine einstigen Gefolgsleute schnell zu fürchten brauche. Jedoch sieht Machiavelli auch in solcher Situation den Machterhalt des Fürsten nicht als ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Seiner Meinung nach reicht es nämlich aus, die gegebenen Umstände richtig einzuordnen und dementsprechend zu handeln. Erobert der Fürst beispielsweise ein Gebiet, welches seinem angestammten Herrschaftsgebiet kulturell relativ nahesteht, so reicht es dem Autor zufolge aus, das vorherige Herrscherhaus zu neutralisieren und darüber hinaus die Fiskalpolitik sowie die Gesetzgebung unangetastet zu lassen. Steht das eroberte Gebiet hingegen dem Fürsten kulturell weit weniger nah, so rät Machiavelli zu weitreichenderen Schritten wie der Verlegung des Herrschaftssitzes oder dem Aufbau von Kolonien; auch scheint es ihm notwendig, sich in besagten Territorien die Unterstützung der weniger mächtigen Volksgruppen zu sichern, um so die alten Eliten in Schach halten zu können. Befolge der Fürst diese Anweisungen und agiere auch allgemein vorausschauend und entschlossen, so schließt Machiavelli, könne es diesem durchaus gelingen, auch die schwierige Aufgabe des Machterhalts in vermischten Alleinherrschaften zu meistern.