Die Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig und der die Stadt umgebenden Lagune reicht, wie die Besiedlungsgeschichte, bis in das Neolithikum zurück. Am äußersten Ende der Adria gelegen, profitierte die Stadt seit dem Frühmittelalter von ihrer Lage nahe an den MärktenDer Begriff ist hier nicht im modernen Sinne zu verstehen (vgl. Kapitalismus, Markt), wenn auch die Tauschbeziehungen gerade innerhalb Venedigs sehr früh und stark marktvermittelt waren. Mitteleuropas und von der formalen Zugehörigkeit zum Byzantinischen Reich. Sie errang bei zunehmender Autonomie Handelsvorrechte sowohl in Byzanz als auch im Römisch-deutschen Reich. Mit dem 4. Kreuzzug wurde der Doge Enrico Dandolo 1204 nominell zum Herrn von drei Achteln des Byzantinischen Reiches, und ein Kolonialreich entstand zwischen Istrien und Kreta, das schließlich bis nach Zypern reichte. Es bildete das logistische Rückgrat der Schiffskonvois und des freien HandelsMit „freiem“ Handel ist hier der nicht der Steuerung durch Vorschriften der Kommune und durch von der Kommune bestellte Schiffsführer unterworfene Handel gemeint, der auch außerhalb von Konvois fahren durfte. sowie der Versorgung Venedigs mit Salz und dem Grundnahrungsmittel Weizen.
mini|Neptun bietet Venedig Gaben, Giambattista Tiepolo 1748–50, Öl auf Leinwand, 135 × 275 cm, Dogenpalast Die kommerzielle RevolutionDiesen Begriff brachte Raymond de Roover 1942 in die Fachdiskussion, in: Ders.: The Commercial Revolution of the Thirteenth Century. Diskussionsbeitrag zu N. S. B. Grass: Capitalism – Concept and History, in: Business History Review 16 (1942) 34–39. Einen knappen Überblick bietet der Abschnitt Kommerzielle Revolution und Ausbreitung der Geldwirtschaft, in: Michael North: Das Geld und seine Geschichte, C. H. Beck, München 1994, S. 17–37, ISBN 3-406-38072-7. mit ihren neuen Organisations-, Lebens- und Kulturformen führte zu einer zuvor nie gesehenen Dominanz des Wirtschaftlichen, des Rechenhaften (Max Weber) und der Kontrollmechanismen. Venedigs Handelstechniken, Gesellschaftsformen und Finanzierungsmethoden,Zum Finanzmarkt vgl. Hans-Jürgen Hübner: Quia bonum sit anticipare tempus. Die kommunale Versorgung Venedigs mit Brot und Getreide vom späten 12. bis ins 15. Jahrhundert, Frankfurt u. a. 1998, ISBN 978-3-631-32870-5, S. 111–198, leicht überarbeitet online (ohne Anm.). aber auch Mittel der Wirtschaftsförderung, sind der Entwicklung im restlichen Europa oft weit vorausgeeilt.
Kreuzzüge und die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1204 öffneten für mehrere Jahrhunderte zugleich den direkten Handel bis tief nach Asien. Doch erforderten diese Handelsreisen, ebenso wie die Ausstattung der regelmäßigen Schiffskonvois, Kapitalmengen, die überwiegend als Kredite bereitgestellt wurden. Dabei verfügte nur der AdelIn der Literatur wird der Stadtadel häufig als Patriziat bezeichnet, jedoch hat sich in der deutschsprachigen Literatur der Begriff Adel zur Bezeichnung der im Fernhandel tätigen und politisch führenden Familien weitgehend etabliert (Girgensohn, Rösch). über das Recht, den Fernhandel zu betreiben – bekannt ist das Quasi-Monopol im Pfefferhandel.Zu Monopolen im 15. Jahrhundert: Helmut Schippel: La storia delle privative industriali nella Venezia del ’400, Venedig 1989. Derselbe Adel monopolisierte auch die politische Führung.
Trotz der Dominanz des Zwischenhandels war der Schiffbau die herausragende „Industrie“ und der mit Abstand größte Arbeitgeber. Dazu kam im Spätmittelalter die Produktion von Tuch, Seide und Glas. Von größter Bedeutung waren ebenso der monopolisierte SalzhandelVgl. die einschlägigen Arbeiten von Hocquet. und der Getreidehandel,Zuletzt: Fabien Faugeron: Nourrir la ville. Ravitaillement, marché et métiers de l’alimentation à Venise dans les derniers siècles du Moyen Age, Rom 2014. der nicht weniger als der gesamte restliche Handel zum Vermögen des Adels beitrug.Hans-Jürgen Hübner: Quia bonum sit anticipare tempus. Die kommunale Versorgung Venedigs mit Brot und Getreide vom späten 12. bis ins 15. Jahrhundert, Frankfurt u. a. 1998, S. 132.
Von Anfang an hatte sich Venedig scharfer Konkurrenz zu erwehren und lieferte sich allein mit Genua vier umfassende Kriege. In der Frühen Neuzeit verlor Venedig nach und nach seine Kolonien an die Osmanen und büßte seine Monopolstellung in der Adria ein. Zudem verdrängten Holländer und Engländer die venezianische Konkurrenz und die Portugiesen zogen den Gewürzhandel an sich. Darüber hinaus erschwerte der Protektionismus in den Staaten Europas und im Osmanenreich den Marktzugang.
So basierte die Regionalmacht am Ende überwiegend auf der Produktion von Luxusartikeln und der Agrarproduktion des oberitalienischen Festlands.
Bis zum 9. Jahrhundert mini|Die Kathedrale auf dem heute fast unbewohnten Torcello, Michael Johanning 1985 Um 4000 v. Chr. entstand die Lagune von Venedig hinter den angeschwemmten Sandinseln am nördlichen Ende der Adria. Jagd und Fischfang sowie erste Siedlungen lassen sich für das 3. Jahrtausend v. Chr. belegen, wie etwa beim Fondaco dei Tedeschi, beim Markusplatz, aber auch auf Inseln wie Torcello oder Lazzaretto Nuovo.Bahnbrechend waren im Bereich der Archäologie die Arbeiten von Ernesto Canal.
In der Antike lag der Meeresspiegel mehrere Meter tiefer als heute, daher finden sich in der Lagune die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung in Bereichen, die heute vielfach unter Wasser liegen. Griechische und etruskische Spuren deuten auf frühere Besiedlung hin als lange angenommen.Graziano Tavan: Archeologia della Laguna di Venezia, in: Veneto Archeologico Januar/Februar 1999. Chioggia (Clodia) war eine römische Militärsiedlung und im Fontego dei Turchi am Canal Grande kam eine Münze aus der Zeit Kaiser Trajans zu Tage. 2013 führte Ernesto Canal allein 730 römische Fundstätten, etwa 200 römische Strukturen sowie 90.000 Fundstücke auf.Ernesto Canal: La Laguna «romana», in: Corriere del Veneto, 6. Oktober 2013.
Spätestens im 6. Jahrhundert spielen Fischerei, dazu vor allem Meersalz und Getreide erstmals in einer Quelle die Hauptrollen.Cassiodor, Variae, X, 27 und XII, 24. Um 750 untersagte allerdings der Langobardenkönig Aistulf jeden Handel mit den byzantinischen Untertanen, damit wohl auch mit den Orten der Lagune.Franz Beyerle, Leges Langobardorum, 195 (Ahistulfi leges I,4). Schon Papst Zacharias (741–752) hatte sich über venezianische Händler beklagt, die christliche Sklaven in Rom erwarben, um sie nach Afrika „ad paganam gentem“ weiterzuverkaufen.Louis Duchesne (Hrsg.): Le Liber pontificalis. Texte, introduction et commentaire, Bd. I, Paris 1886, S. 433 (Digitalisat bei Gallica).
Doch um 780 lassen sich womöglich wieder Händler in Pavia fassen, die alle orientalischen Luxusgüter („omnes orientalium divitias“) zum Verkauf anboten, darunter Purpur aus Tyros.Hans F. Haefele (Hrsg.): Notkeri Balbuli Gesta Karoli Magni imperatoris, in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum, 12, Berlin 1959, S. 86 f. (Digitalisat, S. 86, ab Z. 15). Fraglich ist allerdings, ob Notker Balbulus nicht die Zustände seiner eigenen Zeit beschreibt, also eher die Zeit um 886/887. Bereits vor 785 residierten außerdem venezianische Händler in Ravenna und in der Pentapolis, die von den Franken 787/791 „vertrieben“ wurden.Wilhelm Gundlach (Hrsg.): Codex epistolaris Carolinus, in: Monumenta Germaniae Historica, Epistolae 3, n. 86, Epistolae III, S. 622 f. Um 800 erscheinen venezianische Reliquienhändler bereits in Jerusalem,Georg Waitz (Hrsg.): Commemoratio brevis de miraculis sancti Genesii martyris Christi, in: MGH, Scriptores 15.1, Hannover 1887, S. 169–172, hier: S. 170. Dort agierten venezianische Reliquienhändler im Auftrag Gebhards, des fränkischen Grafen von Treviso. 813 wiederum in Rom – dabei segelten sarazenische Gesandte auf venezianischen Schiffen nach Sizilien („in navigiis Beneticorum“), wie aus einem Brief Papst Leos III. hervorgeht.Karl Hampe (Hrsg.): Leonis III papae epistolae decem, in: MGH, Epistolae, 5. Epistolae Karolini aevi, 3, Berlin 1899, n. 7, S. 98. 823 entführen sie die Reliquien des Evangelisten Markus aus Alexandria in Ägypten. An diesen wenigen Quellen entspann sich eine Debatte, ab wann der Aufschwung Venedigs als Handelsmacht begann, eher gegen Ende des 8. Jahrhunderts (so etwa Roberto Sabatino Lopez), oder doch erst mehr als ein Jahrhundert später (Gino Luzzatto). In jüngerer Zeit neigt die Forschung zunehmend der Ansicht von Michael McCormick zu, der annahm, der Aufstieg habe sich gegen Ende des 8. Jahrhunderts in recht kurzer Zeit, nämlich nur einer Generation abgespielt.Michael McCormick: Where do the Trading Towns come from? Early Medieval Venice and the Northern Emporia, in: Joachim Henning (Hrsg.): Post-Roman Towns. Trade and Settlement in Europe and Byzantium, 2 Bde., Bd. 1: The Heirs of the Roman West, Berlin / New York 2007, S. 41–68. Jedoch wurden seine Belege, nämlich eine rapide anwachsende Zahl von Kirchengründungen und die Zirkulation arabischer Goldmünzen, in Frage gestellt. Eindeutig ist in jedem Falle der Aufschwung des weiteren Umfelds, etwa von Comacchio, archäologisch belegt, nämlich in Form von Werkstätten und eines rapiden Anwachsens der irdenen Transportgefäße, deren Scherben in großer Zahl ausgegraben wurden. Annamaria Pazienza konnte 2017 darüber hinaus zeigen, dass auf der Grundlage von militärischer, und das bedeutet in Venedig vor allem mariner Betätigung, wie etwa bei der Rückeroberung Ravennas (um 739), also auch Schiffbau, dazu dem expandierenden Handelsraum des Frankenreichs, aber auch von lokalem und Fernhandel Venetiens, die ökonomische Expansion der Lagunenstädte schnell Fahrt aufnahm.Annamaria Pazienza: Venice beyond Venice. Commercial Agreements and Pacta from the Origins to Pietro II Orseolo, in: Sauro Gelichi, Stefano Gasparri (Hrsg.): The Age of Affirmation. Venice, the Adriatic and the Hinterland between the 9th and 10th Centuries, Turnhout 2017, S. 147–177 (academia.edu). Deren Hauptstadt wurde dabei erst um 810 das heutige Venedig, während zuvor Metamaucum Sitz des Dogen war.
mini|Venezianischer Denar, eine Silbermünze aus der Zeit Ludwigs des Frommen, 1,13 g. Auf der Vorderseite HLVDOVVICVS IMP um ein Kreuz, auf der Rückseite VENECIAS Der Handel war dabei noch überwiegend Tauschhandel. Zwar kannte man Münzen, und man prägte sogar eigene, indem man die kaiserlichen, z. B. die Kaiser Ludwigs des Frommen, übernahm und auf der Rückseite „Venecias“ einprägte, doch bevorzugte man die Münzen Veronas. Eine eigene Münzprägestätte, die Zecca (arab. Münze), lässt sich zu Anfang des 9. Jahrhunderts fassen.