Die Geschichte des Marxismus schildert die historische Entwicklung jener Form von Gesellschaftstheorie, welche sich auf die Schriften von Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) beruft und allgemein als Marxismus bezeichnet wird. Ebenso thematisiert werden die politischen Auswirkungen, gesellschaftlichen Bewegungen und staatsrechtlichen Veränderungen, die unter Bezugnahme auf die marxistische Theorie insbesondere im 20. Jahrhundert real umgesetzt wurden.
Grundlagen und Entstehung Um die Grundlagen des Marxismus besser zu verstehen, schlägt Lenin eine Einteilung der dafür wichtigsten theoretischen Auseinandersetzungen mit Denkern vor, die Marx und Engels führten:Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. Werke, Bd. 19, S. 3–9. die Auseinandersetzung mit dem Materialismus Feuerbachs und der Dialektik Hegels die Auseinandersetzung mit den englischen Nationalökonomen, wie Adam Smith und David Ricardo die Auseinandersetzung mit den französischen (utopischen) Sozialisten, wie Henri de Saint-Simon, Charles Fourier und Pierre-Joseph Proudhon.
Marx und Engels Die ersten Erscheinungsjahre der Schriften von Marx und Engels gelten als Entstehungszeit des Marxismus. Ab 1841 arbeitete Marx in der Rheinischen Zeitung, die er später leitete, und die schließlich 1843 wegen ihrer radikalen oppositionellen Haltung verboten wurde. Das Pamphlet Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Consorten veröffentlichte er 1845 zusammen mit Engels; 1847 verfasste Marx Das Elend der Philosophie als kritische Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“.
Im Februar 1848 schrieb er gemeinsam mit Engels im Auftrag des Bundes der Kommunisten, dem beide angehörten, das Manifest der Kommunistischen ParteiMarx; Engels, Manifest der Kommunistischen Partei. 1848., das dem Bund als Programm dienen sollte. Dieses bedeutende marxistische Werk, das neben dem Kapital das wohl bekannteste von Marx ist, enthält zunächst Beschreibungen der damaligen Lebensverhältnisse, besonders der Unterschiede zwischen der arbeitenden und der herrschenden Klasse. Darauf aufbauend fordert es die Abschaffung des Kapitalismus und die Schaffung neuer, kommunistischer Lebensverhältnisse: der „Sturz der Bourgeoisherrschaft“ sollte durch unumgängliche Klassenkämpfe erfolgen. Es geht zudem auch auf den Antisozialismus bzw. später Antikommunismus dieser Epoche ein. Von 1872 bis 1892 erschienen Neuauflagen mit neuen Vorworten, in denen meist ergänzende Bemerkungen gemacht wurden.
In den Jahren 1848/49 waren Marx und Engels außerdem in der Neuen Rheinischen Zeitung journalistisch tätig.
1852 veröffentlichte Marx die Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in der er den Staatsstreich Louis Napoleons 1851 aus historischer, aber vor allem gesellschaftsanalytischer Sichtweise betrachtet. Er erklärt den Verlauf der bürgerlichen Revolution durch seine Geschichtstheorie und setzt sich anlässlich des geführten Klassenkampfes außerdem mit seiner Theorie der proletarischen Revolution auseinander. Der Achtzehnte Brumaire übte Einfluss auf die Totalitarismusforschung aus. Nach marxistisch-leninistischer Sichtweise wird darin dargelegt, dass eine siegreiche proletarische Revolution den bürgerlichen Staatsapparat zerbrechen müsse.Theo Stammen, Gisela Riescher, Wilhelm Hofmann (Hrsg.): Hauptwerke der politischen Theorie (= Kröners Taschenausgabe. Band 379). Kröner, Stuttgart 1997, ISBN 3-520-37901-5, S. 320–323.
1859 wurde die Schrift Zur Kritik der politischen ÖkonomieMarx, Zur Kritik der politischen Ökonomie. 1859. veröffentlicht, die bereits alle Hauptannahmen, die Marx später in seinem Hauptwerk Das Kapital darlegt, beinhaltet. 1867 erschien dann der erste Teil der knapp 3000 Seiten starken Trilogie Das Kapital. Band 1: Der Produktionsprozeß des KapitalsMarx, Das Kapital, Band 1: Der Produktionsprozeß des Kapitals. enthält die Definition einer „Ware“ und das Zustandekommen des Tauschwertes dieser Ware sowie umfangreiche Theorien zu Geld und Arbeit. Band 2: Der Zirkulationsprozeß des KapitalsMarx; Engels, Das Kapital, Band 2: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals., sowie Band 3: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen ProduktionMarx; Engels, Das Kapital, Band 3: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. wurden erst nach seinem Tod 1885 und 1894 von Engels herausgegeben. Engels gab mit der Herausgabe dieser Bände, wie auch mit eigenen populärwissenschaftlichen Zusammenfassungen, entscheidende Anstöße zur marxistischen Theoriebildung.
1878 veröffentlichte Engels Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, oder kurz, den Anti-Dühring. Ursprünglich auf Bitten Wilhelm Liebknechts verfasst, um den Einfluss Dührings zu schmälern, entwickelte sich der polemisch verfasste Anti-Dühring neben der Kurzfassung Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu den meistgelesenen Werken der Ur-Marxisten Karl Marx und Friedrich Engels, und nicht etwa Das Kapital. Die Bedeutung des „Anti-Dühring“ liegt nicht in seiner Auseinandersetzung mit Dühring, sondern in der Darlegung der „kommunistischen Weltanschauung“ (Vorwort zur 2. Auflage). Nicht nur die Grundzüge des Marxismus werden dargelegt, es werden auch Themen abgehandelt, die bisher unberührt blieben.
In Abgrenzung zu anderen Bestrebungen, wie dem utopischen Sozialismus oder Anarchismus, die auch die immer größer werdende Arbeiterklasse in ihre Theorien und Überlegungen einbezogen, prägte Friedrich Engels für seine und Marx’ Theorien den Begriff des Wissenschaftlichen Sozialismus.
Schon zu Lebzeiten von Marx bildete sich eine Gruppierung von Sozialisten, die sich „Marxisten“ nannte, aber bereits um die Jahrhundertwende schon stark inhaltlich abwich.
Marxismus in der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie 1848 bis 1933 Im Zuge der politischen Liberalisierungen der bürgerlichen Märzrevolution 1848/1849 in Deutschland begannen sich erstmals Arbeiter in gewerkschaftsähnlichen Vereinen zu organisieren. Daraufhin bildeten sich erste verschiedene Arbeiterorganisationen, die Vorläufer der Gewerkschaften und schließlich sozialdemokratische und sozialistische ParteienDie Parteien (politische Vereine) sind eine Errungenschaft der bürgerlichen Revolution und entsprechen in ihrem Charakter als Wahlvereine den Erfordernissen des Bürgertums. Weder Marx noch Engels gingen in ihrer Kritik der bürgerlichen Gesellschaft so weit, diese bürgerliche Organisationsform für das Proletariat in Frage zu stellen, wie der von Ferdinand Lassalle 1863 gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) und 1869 die marxistisch orientierte Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) um Wilhelm Liebknecht und August Bebel als deutsche Sektion der ersten Internationale.
ADAV und SDAP vereinigten sich 1875 in Gotha unter dem Namen Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) auf Basis des Gothaer Programms, welches von Marx wegen seiner kompromisslerischen Anpassung gegenüber dem reformorientierten ADAV kritisiert wurde (Kritik des Gothaer Programms). Unterdrückung, juristische Verfolgung und zeitweilige Verbote sowie die Sozialistengesetze zwischen 1878 und 1890 unter Reichskanzler Otto von Bismarck konnten die Mitgliederzuwächse von marxistischen Organisationen in diesem Zeitraum kaum stoppen und so ging dann 1890 aus der SAP die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) hervor, die sich mit dem von Karl Kautsky und Eduard Bernstein ausgearbeiteten Erfurter Programm wieder stärker am Marxismus orientierte. Sie war zum damaligen Zeitpunkt die größte, ideologisch von Marx geprägte Partei und vereinigte Anhänger verschiedener marxistischer Strömungen in sich. In ihren Anfängen wurde die Partei durch einen starken linken/marxistischen Flügel, teils um die Person Rosa Luxemburgs versammelt, beeinflusst. Es gab um die Jahrhundertwende eine sehr kontroverse Diskussion über die politische Zielsetzung innerhalb der SPD, die u. a. durch den Aufsatz Sozialreform oder Revolution von Rosa Luxemburg zugunsten der Marxisten und der „Revolution“ entschieden wurde. Jedoch verlief der praktische politische Kurs der Partei, auch nach dem Aufsatz Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie (1899) von Eduard Bernstein, in Richtung einer bürgerlichen Sozialdemokratie (Demokratischer Sozialismus, Reformismus bzw. Revisionismus).
Beim Kriegsausbruch 1914 hatte die SPD die Vorkriegsbeschlüsse der II. Internationale missachtet und den Krieg durch Zustimmung zu den Kriegskrediten zunächst ohne Gegenstimme unterstützt. Ab September 1914 begannen die linken Oppositionellen sich zu sammeln und am 2. Dezember 1914 stimmte Karl Liebknecht als einziger Abgeordneter unter Missachtung des Fraktionszwangs der SPD gegen die Bewilligung der Kriegskredite. Die linken Kriegsgegner, unter ihnen Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring und andere, formierten sich zunächst in der Gruppe „Internationale“, die am 1. Januar 1916 in Berlin eine Reichskonferenz abhielt. Da ihre „Politischen Briefe“ ab dieser Konferenz mit „Spartakus“ unterzeichnet waren, erhielt sie den Namen „Spartakusgruppe“. An die Stelle der „Politischen Briefe“ trat ab September 1916 das illegale Organ „Spartacus“.
Im April 1917 gründeten die Führer der aus der SPD ausgeschlossenen „Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft“ die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (USPD), der sich die „Spartakusgruppe“ unter dem Vorbehalt politisch-ideologischer Selbständigkeit anschloss und auf deren Gründungsparteitag mit einem eigenen revolutionären Programm auftrat. Auf ihrer illegalen Reichskonferenz am 7. Oktober 1918 in Berlin beschloss die „Spartakusgruppe“ ein Programm, das die sofortige Beendigung des Krieges, die revolutionäre Erringung demokratischer Rechte und Freiheiten und den Sturz des Imperialismus und Militarismus als Voraussetzung der sozialistischen Revolution forderte. Während der Novemberrevolution 1918 widersetzten sich die Führungen von SPD und USPD einer Initiative zur Umwandlung des Kaiserreiches in einen sozialistischen Staat, woraufhin vom 30. Dezember 1918 bis zum 1. Januar 1919 im Festsaal des preußischen Abgeordnetenhauses der konstituierende Parteitag der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD) stattfand. Die Arbeiterbewegung spaltete sich endgültig in Reformisten (Sozialdemokraten) und Revolutionäre (Kommunisten)Alle Daten nach „Geschichte der deutschen Arbeiterjugendbewegung“, 1904–1945 Dortmund 1973, Seite 122 f., 142 f.,176 f.,216.
1933 bis heute 1956 wurde die KPD vom Bundesverfassungsgericht als „verfassungsfeindlich“ verboten. (KPD-Verbot) 1959 legte die SPD endgültig mit dem Godesberger Programm ihre marxistische Weltanschauung als theoretische Grundlage ab, verpflichtet sich aber weiterhin dem Sozialismus.
Der Austromarxismus war eine Strömung im Rahmen des Marxismus, die vor allem in der Sozialdemokratie Österreichs im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Unter dem Oberbegriff „Austromarxismus“ sind durchaus unterschiedliche Ansichten zu fassen. Insofern ist der Begriff tendenziell eher eine Herkunftsbeschreibung im Sinne einer österreichischen Schule des Marxismus als die klare Basis eines gemeinsamen inhaltlichen Nenners. Zum Austromarxismus können verschiedene Intellektuelle gerechnet werden, unter anderem Max Adler, Rudolf Hilferding, Otto Bauer, Karl Renner und Gustav Eckstein.
Ein gemeinsamer Nenner des Austromarxismus ist das Parteiprogramm der SDAP von 1926, das so genannte „Linzer Programm“. In diesem Programm, das hauptsächlich von Otto Bauer verfasst wurde, wurden die allgemeinen Grundprinzipien des Austromarxismus dargelegt. Dieses Programm der Austromarxisten versteht sich als Mittelweg zwischen sozialdemokratischem Reformismus und der damals vor allem von den Komintern-Parteien vertretenen revolutionären Orientierung.
siehe auch: Sozialdemokratie, Sozialistische Partei, Arbeiterbewegung, Arbeiterbewegung in Deutschland
Marxismus in der Sowjetunion