mini|Altes Rathaus mit Zwischenbau am Alten Markt
Das Alte Rathaus ist ein palladianischer Profanbau am Alten Markt in Potsdam in Nachbarschaft der Nikolaikirche, dem Museum Barberini und vis-à-vis dem Stadtschloss. Es entstand in den Jahren 1753 bis 1755 im Auftrag von Friedrich dem Großen nach Entwürfen von Johann Boumann und Carl Ludwig Hildebrandt erbaut. Als Vorlage diente der von Andrea Palladio entworfene, aber nicht ausgeführte Palazzo Angarano in Vicenza. Bis 1945 wurde das Alte Rathaus für die Stadtverwaltung und Stadtkasse genutzt, nach den schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg baute man es als 1961 bis 1966 als Kulturhaus wieder auf. Seit 2012 beherbergt das Gebäude das Potsdam Museum.
Geschichte Vorgeschichte Bereits seit dem Mittelalter kann ein Rathaus am Alten Markt von Potsdam nachgewiesen werden. Dieses stand vermutlich noch in der Mitte des Marktes, der damals weiter nach Osten reichte. Seine Position ist jedoch vergleichbar mit der des heutigen Alten Rathauses. Die Bausubstanz wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrfach komplett erneuert, auch bedingt durch Zerstörungen oder aus Gründen der Repräsentation. Der erste Rathausbau wird auf das Jahr 1524 datiert und existierte nur für kurze Zeit. Bei einer der schlimmsten Brandkatastrophen in der Potsdamer Stadtgeschichte brannte er am 24. Juni 1536 mit zahlreichen weiteren Gebäuden der Stadt komplett ab. Für den anschließenden Wiederaufbau wurde erneut der Standort des ersten Rathauses gewählt.
Knapp zweihundert Jahre später, unter Friedrich Wilhelm I., entstand an der Stelle des zweiten Rathauses der dritte Rathausbau um 1720/1722 unter Leitung des Architekten Peter de Gayette. Bekannt ist, dass das Rathaus als Fachwerkbau ausgeführt wurde und über eine massive Fassade sowie einen hölzernen Turm verfügte. In zwei nach Osten angrenzenden Seitenflügeln befanden sich an Händler vermietete Scharren (Verkaufsstände) und die Waage zur Kontrolle der in der Stadt ankommenden Waren, bevor diese auf dem Alten Markt zum Verkauf angeboten werden konnten. In diesem Rathausbau hatte man von Anfang an mit Platzproblemen zu kämpfen. Umbauten, wie sie u. a. 1736 stattfanden, konnten zwar die räumliche Enge etwas mildern, allerdings zeigten sich im Lauf der Zeit auch Schäden an der Bausubstanz. Ein abermaliger Abriss und Neubau war daher absehbar und erfolgte schließlich unter Friedrich II.
Der Neubau des Rathauses mini|Andrea Palladio: Entwurf für den Palazzo Angarano in Vicenza (1564) mini|Gerrit Berckheyde, Amsterdamer Rathaus, 1650–1700, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden mini|Seiten- und Rückansicht des Amsterdamer Rathauses mit der Atlasfigur mini|Altes Rathaus, mit Erweiterung und Lehmannsches Haus, heute Potsdam Museum (2023)
Das heutige, nunmehr vierte Rathaus entstand in den Jahren 1753 bis 1755 nach Ideen und im Auftrag Friedrichs des Großen und nach Plänen der Baumeister Johann Boumann, der maßgeblich am Holländischen Viertel in Potsdam mitgewirkt hatte und später Oberbaudirektor in Berlin wurde, und Christian Ludwig Hildebrandt. Wie auch bei anderen Gebäuden in Potsdam, diente hier die italienische Barockarchitektur als Vorbild. Im Zuge der unter Friedrich II. vorgenommenen Umgestaltung Potsdams zu einer repräsentativen Residenzstadt sollte der Alte Markt zu einer „römischen Platzanlage“ aufgewertet werden.
Die Vorlage für den Bau kam, wie bei vielen Bauwerken dieser Zeit, aus Italien. Ein nicht ausgeführter Entwurf des Renaissancebaumeisters Andrea Palladio für den Palazzo Angarano in Vicenza (Oberitalien) wurde in leicht abgeänderter Form für den Baukörper verwendet. Hinzu kamen noch Details aus Amsterdam und Rom: Eine Atlasfigur befindet sich auch auf dem hinteren Giebel des Amsterdamer Rathauses, während der Dachaufbau das in der friderizianischen Architektur bekannte Pantheonmotiv variiert. Das siebenachsige Rathaus erhielt eine mit acht korinthischen Dreiviertelsäulen versehene Schaufassade zum Alten Markt, es ist unterkellert und erstreckt sich über zwei Hauptgeschosse und ein Halbgeschoss hinter der Attika. Die Dreiviertelsäulen werden in der Attikazone als Pfeilervorlagen weitergeführt und tragen sechs bekrönende Sandsteinfiguren, welche in allegorischer Form die bürgerlichen Tugenden Wachsamkeit, Standhaftigkeit, Überfluss, Gerechtigkeit, Kaufmannschaft und Vorsicht darstellen. Die Allegorie der Kaufmannschaft als letzte erhaltene Originalskulptur ist heute im Treppenaufgang des Alten Rathauses ausgestellt. Alle Statuen wurden beim Wiederaufbau in achtjähriger Arbeit durch Kopien von dem Caputher Bildhauer Horst Misch ersetzt, die anderen Statuen wurden beim Bombenangriff so stark zerstört, dass sie nicht mehr restauriert werden konnten.
In der zentralen Achse der beiden Mittelsäulen befindet sich der Eingang mit vorgelagerter Freitreppe sowie in der Attika das von Putten gehaltene Stadtwappen in einer großen Kartusche. Der Skulpturenschmuck wurde 1753 von Gottlieb Heymüller geschaffen.S. 837 f. Dehio Brandenburg, 2012.Putto. bildindex.deKartusche. bildindex.de Über dem flachen Dach erhebt sich der mit acht großen Fenstern ausgestattete hohe Kuppeltambour, der durch korinthische Pilaster gegliedert ist und von einem gestuften kupferverkleideten Kuppelaufbau abgeschlossen wird. In der Verwendung der Säulen, der durchfensterten Attika und dem runden Kuppelaufsatz ist der klassizistische Einfluss des niederländischen Architekten Philips Vingboons zu erkennen.Vermeulen. In: Biographisch Portal van Nederland. Die Kuppel wurde ursprünglich von einer Bleifigur des Atlas von Benjamin Giese von 1754 bekrönt. Die Figur wog etwa 120 Zentner und stürzte 1776 auf die Straße. Der Potsdamer Kupferschmied Friedrich Jury und Johann Christoph Wohler erhielten den Auftrag, an ihrer Stelle eine Kupferfigur zu schaffen, die nur 12 Zentner wog und wieder vergoldet wurde.Waltraud Volk: Potsdam, Kulturhaus „Hans Marchwitza“. VEB E.A. Seemann, Buch- und Kunstverlag, Leipzig 1978. Ratskeller sowie Seitenflügel des Vorgängerbaues wurden in den Neubau integriert und erst später durch massivere Bauten ersetzt. Die Gesamtkosten für den vierten Rathausbau beliefen sich auf 31.620 Taler.
Die schon beim Vorgängerbau auftretenden Platzprobleme konnten durch das neue Rathaus allerdings nur teilweise gemildert werden. Die ursprüngliche Planung sah vor, das benachbarte Grundstück des Bäckers Windelband für den Neubau zu nutzen. Der Besitzer lehnte aber einen Grundstückstausch und die angebotene Entschädigungszahlung ab, so dass für den Rathausbau mit seinen nunmehr massiven und damit stärkeren Wänden nur die bisherige Grundstücksfläche verwendet werden konnte. Erschwerend kam der durch den runden, sich durch alle Geschosse erstreckenden Unterbau der Tambourkuppel nur eingeschränkt nutzbare Grundriss hinzu. Zusätzliche Räume konnten lediglich im Mezzaningeschoss der Attika untergebracht werden. 1775 erfolgte daher der Anbau eines dreigeschossigen Seitenflügels an der Scharrenstraße.
Entwicklung im 19. Jahrhundert mini|Pläne des Umbaus 1922 mini|links|Der neu vergoldete Atlas mini|Die Kuppel des Alten Rathauses von Nahem betrachtet; auf der Spitze der vergoldete Atlas
Ab 1840 war für fast 100 Jahre die Sparkasse in den Räumen der Kämmereikasse im Alten Rathaus untergebracht.175 Jahre Sparkasse in Potsdam. sparkassengeschichtsblog.de Die Atlasfigur wurde auch als „Puppe“ bezeichnet und über die Gefangenen des Stadtgefängnisses, das sich hier bis 1875 befand, wurde die Wendung „Unter der Puppe sitzen“ geprägt. Ab 1875 benutzten dann die Stadtverordneten das Alte Rathaus für ihre Sitzungen, und 1885 zogen die Stadtverwaltung und die Stadtkasse nach. Durch Verhandlungen mit dem Eigentümer des neben dem Rathaus liegenden Windelbandschen Hauses konnte dieses ab 1898 für die Stadtverordneten mitbenutzt werden, denn inzwischen war der Platz im Alten Rathaus erneut knapp geworden. Daher gab es in den Jahren 1910 bis 1916 Pläne, einen Ausbau auf die doppelte Größe vorzunehmen und dafür das Windelbandsche und Knobelsdorffsche Haus abzureißen. Nach einem Ideenwettbewerb wurde keiner der Vorschläge realisiert und stattdessen der nahegelegene Palast Barberini ausgebaut.Friedrich Mielke: Potsdamer Baukunst. Das klassische Potsdam. Frankfurt am Main / Berlin 1981, ISBN 3-549-05668-0, S. 370 1916 zogen dann alle Stadtvertreter an den neuen Standort um. Nach dem Ende der Monarchie in Deutschland 1918 wurden Räume im Stadtschloss frei, so dass nur die Sparkasse und die Kasseneinrichtungen im Alten Rathaus verblieben. 1918–1919 führte der Platzmangel der Kassenräume zum Umbau des Rathauses und Erweiterung auch um das benachbarte Windelbandsche sowie das Knobelsdorffhaus. Der rechte Seitenflügel wurde abgerissen.
Die Nachbarbauten mini|hochkant|Zur Eröffnung des Kulturhauses angebrachte Kunstschmiedearbeit mit einem Zitat H. Marchwitzas
An das Alte Rathaus schloss vor der Zerstörung im Jahr 1945 das schmale Windelbandsche Haus an. Das Haus ist 1966 beim Wiederaufbau der gesamten Ostseite des Alten Marktes zum Kulturhaus „Hans Marchwitza“ mit einer modernen Fassade als Verbindungsbau errichtet worden. Verbürgt ist, dass der Bäcker Windelband sein Grundstück nicht für den Rathausneubau veräußern wollte. Da der Entwurf Andrea Palladios im Gegensatz zur ausgeführten Potsdamer Nachschöpfung neun statt sieben Fensterachsen besitzt wird spekuliert, dass das Windelbandsche Haus für den Rathausneubau mit einbezogen werden sollte, jedoch nicht konnte. Das Windelbandsche Haus war ein unterkellertes dreigeschossiges Gebäude mit fünf Fensterachsen und Mansarddach. Beiderseits der mittleren Fensterachse, in der sich auch der Eingang befand, und an den Außenkanten war die Fassade von einfachen Lisenen gegliedert, um deren oberen Abschluss das Traufgesims verkröpft wurde. Schlichte Faschen umrahmten die Fenster. Im unteren Teil des Dachs befanden sich zwei symmetrisch angeordnete stehende Gauben. Wiederum südlich schließt das bereits 1750 nach Plänen Georg Wenzeslaus von Knobelsdorffs erbaute Lehmannsche Haus an (Brauerstraße 10), das seit der Wiederherstellung der Fassade im Jahr 1966 nach dem Architekten als „Knobelsdorffhaus“ bezeichnet wird. Der Baumeister selbst hat in dem Bau nie gewohnt.
Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau Der britische Luftangriff auf Potsdam am Abend des 14. April 1945 verursachte nur leichte Schäden am Alten Rathaus. Der tagelange Artilleriebeschuss durch die Rote Armee während der Kämpfe um Potsdam, die bis zum 30. April andauerten, zerstörte jedoch den gesamten Gebäudekomplex und das anschließende Windelbandsche Haus sowie das Knobelsdorffhaus. Zunächst fehlte es an Mitteln, das Gebäudeensemble wiederaufzubauen, so dass erst 1960 mit den Arbeiten begonnen wurde. Lediglich die Fassaden und das Treppenhaus mit der Kuppel befanden sich in wiederaufbaufähigem Zustand. Da für das Alte Rathaus eine grundsätzlich neue Nutzung vorgesehen war, wurden auch nur diese Teile des Bauwerks gesichert, während die letzten Ruinenreste, insbesondere im hinteren Teil des Gebäudes, abgetragen wurden. 1966 konnte man dann die Wiedereinweihung als Kulturhaus feiern, das den Namen des Arbeiterdichters Hans Marchwitzas erhielt. Die Kopien der Sandsteinfiguren von Gottlieb Heymüller auf der Vorlage des Attikageschosses schufen Walter Bullert und Horst Misch.Ruth Pape et al.: Bildende Kunst + Architektur. Baukatalog Teil 4, Potsdam. Deutsche Bauakademie, Berlin, 1972, S. 12 Um den Anforderungen großer Veranstaltungen zu genügen, war ein großer Saal mit Glasfassade errichtet worden, der auch die neuen Treppenhäuser aufnehmen konnte. Als Fassadenfarbe zum Alten Markt wurde zunächst rosa gewählt, welches später in weiß geändert wurde.