Die marxistische Wirtschaftstheorie – die politische Ökonomie auf der Grundlage von Das Kapital von Marx – bildet sowohl ihrem Umfang als auch ihrem Inhalt nach den Hauptteil der marxistischen Gesellschaftstheorie, deren philosophische Grundlage der Dialektische und Historische Materialismus ist. Sie untersucht die ökonomische Funktionsweise der Gesellschaft gemäß der Ansicht von der historischen Begrenztheit einer jeden Gesellschaftsformation. Diese werden seiner Meinung nach wesentlich durch die Entwicklung der Produktivkräfte vorangetrieben und durch spezifische Produktionsverhältnisse gekennzeichnet. Eine wesentliche Grundhypothese ist dabei die Entwicklung der Menschheit von der Urgesellschaft über die Sklavenhaltergesellschaft, den Feudalismus und Kapitalismus bis zum Sozialismus. Speziell setzt sich Marx mit den theoretischen Ansätzen der klassischen Nationalökonomie auseinander, insbesondere mit Adam Smith und David Ricardo. Von diesen unterscheidet er die „Vulgärökonomie“, die er im Gegensatz dazu wegen deren oberflächlichen Anschauungen vom Wirtschaften und der Apologetik der bestehenden Verhältnisse grundsätzlich ablehnt. Die marxistische Wirtschaftstheorie selbst weist, wie jede groß-angelegte ökonomische Theorie, noch viele ungeklärte Fragen und umstrittene Punkte auf.

„Kritik der politischen Ökonomie“ mini|Der erste Band der Trilogie Das Kapital mini|Manuskriptseite des Kapitals

Ziel, Methode und Konzept des Kapital Schon mit dem Titel „Das Kapital“ bringt Karl Marx deutlich zum Ausdruck, was seit der Quesnayschen Revolution in der ökonomischen Theorie deren zentrale Kategorie darstellt: das Kapital.Robert E. Eagly: The Structure of Classical Economic Theory. Oxford University Press, New York London Toronto 1974, S. 3. Marx integriert in seine theoriegeleitete Darstellung zwar auch die geschichtliche Dimension, so etwa die „ursprüngliche Akkumulation“ oder das Arbeitsrecht in England im 19. Jahrhundert und die Problemgeschichte der ökonomischen Theorien. Daraus kann aber nicht geschlossen werden, das Kapital sei „wesentlich ein historisches Werk“.Karl Kautsky: Karl Marx’ ökonomische Lehren. 20. Auflage. 1921, S. VIII, zit. nach Henryk Grossman: Aufsätze zur Krisentheorie. S. 13. Denn Marx sieht dessen Schwerpunkt in der Analyse und theoretischen Darstellung der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Wirtschaft:

Daher sagt er auch im Band I des Kapital:

Dabei ging es ihm um einen

Seine grundsätzliche Methode bezeichnete er in der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie als von den einzelnen Bestimmungen der Ökonomie (wie Ware, Tauschwert usw.) zu den komplexen Zusammenhängen aufsteigend:

mini|Theorien über den Mehrwert, 1956 Diese Konzeption der Darstellung lag auch dem ursprünglichen Plan für sein ökonomisches Werk zugrunde, das mit der „Kritik der politischen Ökonomie“ beginnen und in sechs Teilen die Themen „Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit, Staat, auswärtiger Handel, Weltmarkt“ umfassen sollte,siehe Karl Marx „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ (MEW 13), S. 7. wobei er den ersten Band des Kapital anfänglich noch als Fortsetzung seiner Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ ansah. Später änderte er dieses Konzept seines Werkes zugunsten der jetzigen vierbändigen Darstellung des Kapital ab (Produktionsprozess des Kapital im Band I, Zirkulationsprozess des Kapitals in Band II, Gesamtprozess des Kapitals im Band III und Theoriegeschichte in den „Theorien über den Mehrwert“ als Band IV des Kapital), behielt aber die Methode bei. Die historischen Darstellungen dienten ihm dabei zur Illustration, so wie er bereits in der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie geschrieben hatte, dass das Abstrakte zum Konkreten entwickelt werden muss.

Dieser Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten resultiert aus der dialektischen Darstellungsmethode Hegels. Dessen Methode übertrug Marx nach einer grundsätzlichen Kritik in den Frühschriften, insbesondere in der Heiligen Familie, auf die Ökonomie, in der es ihm um die systematische Darstellung der ökonomischen Kategorien, d. h. der ökonomischen Formen, gehe, wie es Helmut Reichelt in einem bekannten Zitat formulierte:

Die Neuerungen gegenüber der klassischen Ökonomie 1.) In seinem Brief an Engels vom 8. Januar 1868 bezeichnet Marx als erstes der „drei grundneuen Elemente des Buches“ [= des 1. Bandes des „Kapital“, dass alle frühere Ökonomie die Teile, in die sich der Mehrwert als „Profit“, „Rente“ und „Zins“ teilt, als gegeben betrachtet hat, während sie von ihm erst in der allgemeinen Form des Mehrwerts behandelt wurden.Marx Engels Briefwechsel. Band IV, S. 9.

2.) In seiner Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ schrieb Marx bereits 1859:

Und in Band 1 des „Kapital“ führt er 1867 weiter aus:

Diese Unterscheidung wird auch in seinem bereits angeführten Brief an Engels vom 8. Januar 1868 als zweites der „drei grundneuen Elemente“ des Kapital bezeichnet. Er betrachtete dies also als eine wesentliche Neuerung gegenüber der klassischen politischen Ökonomie, die er sich selbst zurechnete. Auf der Grundlage dieser Unterscheidung formte Marx die von der klassischen politischen Ökonomie übernommenen Kategorien um und betrachtete sie jeweils getrennt unter ihrer Wert- und ihrer Stoffseite. Hierin liegt nach Henryk Grossmann Marx’ eigene Neuerung gegenüber seinen Vorgängern.Henryk Grossmann: Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik. S. 22 ff.

3.) Als dritte der drei Neuerungen gegenüber der klassischen Ökonomie gibt Marx in dem genannten Brief an Engels vom 8. Januar 1868 an, „zum erstenmal“ an den „beiden Formen des Arbeitslohns: Zeitlohn und Stücklohn“ den Arbeitslohn als eine „irrationale Erscheinungsform eines dahinter versteckten Verhältnisses“ dargestellt zu haben.

4.) Im Unterschied zur klassischen Ökonomie unterscheidet Marx die Begriffe Arbeit und Arbeitskraft. Die Arbeit hat keinen Wert oder Preis, sondern die Arbeiter verkaufen an die Kapitalisten ihre Arbeitskraft als eine Ware, deren Wert durch die Arbeitswertlehre bestimmt wird.Vgl. Kapital Band I, 2. Abschnitt, 4. Kapitel.Vgl. z. B. Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. 3. Auflage. 2003, Münster, S. 258. Der Kapitalist setzt die von ihm gekaufte Arbeitskraft im Produktionsprozess ein, und zwar nicht nur solange, bis der Wert der Arbeitskraft erstattet ist, sondern länger, so dass ihm ein Mehrwert entsteht.

5.) Eine weder von Marx noch von Engels besonders hervorgehobene, aber auf Marx zurückgehende Neuerung besteht in seiner Erkenntnis im Band I des „Kapital“, dass kapitalistische Gesellschaften zu großen Teilen von einem Warenfetisch bestimmt werden.Siehe Karl Marx: Das Kapital. Band I (MEW 23), S. 86f.: „Dies nenne ich“ (!) „den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt …“ Analog zur Projektionstheorie ist damit der Umstand gemeint, dass gesellschaftliche Produktionsverhältnisse als Eigenschaften der Arbeitsprodukte erscheinen und daher historische und durch gesellschaftliche Umstände geschaffene Kategorien und ihre Objekte wie Ware und (Tausch-)Wert als natürliche und unabhängig von den Menschen gegebene Tatsachen erscheinen.

6.) Nach Marx gebe es bei den Ökonomen die Tendenz, die herrschenden Produktionsverhältnisse als natürliche Gesetze aufzufassen und darzustellen, dem entgegnet er mit der Theorie, dass die ökonomischen Kategorien der Analyse nur theoretische, abstrakte Ausdrücke der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse darstellen und daher ebenso wenig ewig seien wie die Produktionsverhältnisse selbst, sie sind „historische, vergängliche, vorübergehende Produkte.“Marx: Elend der Philosophie. MEW 4: 130; vgl. auch Marx: Das Kapital. MEW 23: 95 f., speziell auch Fußnote 33.

7.) Im Band I des „Kapital“ nimmt Marx die Bildung der „Kategorien: variables und konstantes Kapital“ ausdrücklich für sich in Anspruch. Sie waren zwar schon vorher von der klassischen Ökonomie inhaltlich beschrieben, aber nicht benannt und mit den von Adam Smith gebildeten Kategorien „fixes“ und „zirkulierendes Kapital“ durcheinandergebracht worden.Karl Marx: Das Kapital. Band I (MEW 23), S. 638, Fußnote 67.

8.) In seinem Nachwort zur zweiten Auflage von Band I des „Kapital“ weist Marx noch darauf hin, dass der Professor der politischen Ökonomie an der Universität Kiew, N. Sieber, 1871 in seiner Schrift „D. Ricardos Theorie des Werts und des Kapitals etc.“ ihm für seine „Theorie des Wertes, des Geldes und des Kapitals“ bescheinigte und „nachgewiesen“ habe, „in ihren Grundzügen“ eine „notwendige Fortbildung der Smith-Ricardoschen Lehre“ zu sein.Karl Marx: Das Kapital. Band I (MEW 23), S. 22, Text redigiert.

9.) In Band III des „Kapital“ führt Marx dann an, dass es „aller bisherigen Ökonomie“ nicht gelungen sei, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate „zu entdecken“,Karl Marx: Das Kapital. Band III (MEW 25), S. 233. beziehungsweise dass sie es „nicht zu erklären wusste“. Es handelt sich also ebenfalls um eine Neuerung von Marx gegenüber der klassischen Ökonomie, die er für sich in Anspruch nahm.

10.) Friedrich Engels führt in „Ergänzung und Nachtrag zum III.Buche des Kapital“ 1895 Conrad Schmidt an, der in einem Artikel über den 3. Band des „Kapital“ in Nr. 22 von „Sozialpolitisches Centralblatt“ vom 25. Februar 1895 den Nachweis führte, dass die

11.) Zu den Neuerungen von Marx gehört schließlich auch die Kritik der Ricardo’schen Grundrententheorie im Band III des „Kapital“ und ihre Weiterentwicklung. Lenin weist in seiner etwa 1913 geschriebenen Arbeit „Karl Marx (Kurzer biographischer Abriss mit einer Darlegung des Marxismus)“ darauf hin, dass Marx „restlos den Irrtum Ricardos“ aufgedeckt habe, die Differentialrente setze eine allmähliche Bodenverschlechterung voraus.Lenin: Karl Marx (Kurzer biographischer Abriss mit einer Darlegung des Marxismus). LW 21, S. 56 f. In diesem Zusammenhang entwickelte Marx seine Darstellung der absoluten Rente als Folge des Monopols des Bodeneigentums.

Wert- und Geldtheorie mini|130px|Adam Smith war Moralphilosoph und Begründer der Klassischen Nationalökonomie. mini|130px|David Ricardo war ein Vertreter der Klassischen Nationalökonomie.

Tauschwert und Gebrauchswert In „Das Kapital“ unterscheidet Marx zunächst zwischen dem Gebrauchswert und dem Tauschwert einer Ware. Der Gegensatz von Tauschwert und Gebrauchswert entsteht durch das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Privateigentümern, die privat produzieren, um die Produkte auszutauschen. Unter diesen Voraussetzungen haben die Produzenten [= die Eigentümer der Produktionsmittel] nur am Tauschwert, die Konsumenten nur am Gebrauchswert ihr eigentliches Interesse.

Während der Gebrauchswert die besondere Brauchbarkeit des stofflichen Körpers der Ware betrifft, die bestimmte Bedürfnisse befriedigen kann („Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert“Karl Marx: Das Kapital. Band I (MEW 23), S. 50.) ist der Tauschwert „das quantitative Verhältnis, die Proportion, worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen...“Karl Marx: Das Kapital Band 1, in: MEW Bd. 23, S. 50., wobei dem Tauschwert der abstrakte Wert der Waren zugrunde liegt, der ein Reflex der Produktionsverhältnisse ist („Tauschwert ist nichts als eine Beziehung der produktiven Tätigkeit der Personen untereinander“Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. (MEW 42) S. 94.) und erst im (Tausch-)Handel Bedeutung erlangt. So hat eine Ware einen bestimmten Wert, der es, kommt es zu einem Handel, ermöglicht, sie gegen eine andere Ware aus völlig anderem Material auszutauschen (x Ware A tauscht sich gegen y Ware B, wenn beide Warenmengen denselben Wert W haben). Den Wert jeder Ware sah Marx bestimmt durch die abstrakte Arbeit – gemessen in Arbeitszeit, die gesellschaftlich zur Herstellung der entsprechenden Ware durchschnittlich benötigt wird – wobei er dabei an die werttheoretische Tradition der klassischen politischen Ökonomie anknüpft: