Ein Paternosteraufzug, kurz Paternoster, technisch Personen-Umlaufaufzug, ist eine Sonderform einer Aufzugsanlage zur Personenbeförderung.
mini|Paternoster im Detlev-Rohwedder-Haus in Berlin mini|Schematische Darstellung des Funktionsprinzips mini|Schematische Darstellung, animiert Beim Paternosteraufzug verkehren mehrere, an zwei parallel zueinander angeordneten Umlauf-Ketten hängend befestigte Einzelkabinen (üblicherweise für ein bis zwei Personen je Kabine) im ständigen Umlaufbetrieb. Die Kabinen werden am oberen und unteren Wendepunkt über große Scheiben in den jeweils anderen Aufzugsschacht umgesetzt. Die Beförderung von Personen beim Wendevorgang ist gefahrlos. Die Beförderungsgeschwindigkeit beträgt ca. 0,20 bis 0,45 Meter pro Sekunde.
Geschichte Die früher üblichen Sackaufzüge mit vertikalem Endlosförderband hatten ein ähnliches Konstruktionsprinzip. Ebenso gehören frühe, ebenfalls schon Paternoster genannte Becherwerke sowie Bandfördergeräte zu den Vorläufern.
Der heute bekannte Paternoster wurde in England entwickelt. Der erste bekannte Paternosteraufzug der Welt wurde 1876 in das General Post Office in London eingebaut. Er entsprach allerdings noch nicht vollständig der späteren Technik, diente dort dem Transport von Paketen und vereinte bereits alle Merkmale der Paternostertechnik: Die ständig zirkulierenden, stets aufrecht stehenden Kabinen (bzw. hier noch Behälter). Er diente später auch der Personenbeförderung.
1882 entwickelte der Engländer Peter Hart die Idee eines Umlaufaufzuges für Personen, seinen Cyclic Lift. Aus der Erfindung von Hart wurde J. E. Hall’s Cyclic Elevator, der von der Firma J. E. Hall 1884 erstmals installiert wurde. Auch diese Anlage entsprach – beispielsweise mit dem auf nur eine Kette beschränkten Antrieb – noch nicht der späteren Technik.
1886 wurde der neu errichtete Dovenhof in Hamburg eingeweiht. Der mit modernster Technik ausgestattete Prototyp der Hamburger Kontorhäuser hatte auch einen Paternoster. Diese erste Anlage außerhalb von Großbritannien verfügte bereits über die später übliche Technik, wurde aber noch wie die englischen Anlagen mit Dampfkraft angetrieben. Zu diesem Zeitpunkt wurden die hafennahen Bereiche Hamburgs mit den wachsenden Handelsbeziehungen zu Stadtvierteln mit modernen Geschäfts- und Kontorgebäuden umgestaltet, wodurch sich in der Folge um 1936 etwas mehr als die Hälfte der in Deutschland gezählten 679 Paternoster-Anlagen in Hamburg befanden. Sie wurden auch spöttisch als Proletenbagger bezeichnet, insbesondere dort, wo sich für den „gehobenen“ Bedarf auch separate, geschlossene Aufzüge (ugs. Bonzenheber) befanden.Daniel Tilgner: Kleines Lexikon Hamburger Begriffe, Zeiseverlag Hamburg, 2. Aufl. 1999, S. 117.
Der höchste Paternosteraufzug der Welt befand sich ab 1925 im Hansahochhaus in Köln, danach in Stuttgart im 1927 fertiggestellten Tagblatt-Turm, wo die Anlage in den 1960er Jahren durch zwei Personenaufzüge der Firma Füller & Knörzer ersetzt wurde. 2015 gab es rund 250 Paternoster in Deutschland.Kate Conolly: Lovin' their elevators: why Germans are loope about their revolving lifts. theguardian.com, 14. August 2015, abgerufen am 16. August 2015 2018 wurde hinter einer Verschalung im Hamburger Flüggerhaus von 1908 ein Paternoster wiederentdeckt. Im April 2026 wurde bekannt, dass der Paternoster ohne vorherige Genehmigung im Rahmen von Sanierungsarbeiten abgebaut wurde. Das Denkmalschutzamt Hamburg hat die Bauarbeiten bis zur weiteren Begutachtung gestoppt.Ältester Paternoster der Welt in Hamburg verschwunden ndr.de, 22. April 2026, abgerufen am 22. April 2026 Die bis 2022 instandgesetzte Anlage galt als ältester erhaltener Paternoster der Welt.Zufallsfund schreibt Geschichte in: Nordbayerischer Kurier vom 17. Mai 2022, S. 6.
Einer der bedeutendsten Entwickler von Paternostern in Österreich-Ungarn war Anton Freissler. In Österreich ist der Paternoster von 1910 im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz der älteste bestehende. Dieser ist auch noch in Betrieb. auf der Seite der Industriellenvereinigung am 24. Februar 2006, abgerufen am 16. März 2009.
In der Schweiz war der letzte öffentlich zugängliche Paternoster, eröffnet 1974 im Sportgeschäft Vaucher, als Publikumsmagnet im Modegeschäft Bayard in der Altstadt von Bern bis 2023 in Betrieb.Adrian Sulc: Paternoster-Lift darf weiter seine Runden drehen. In: Der Bund, 11. November 2014.Adrian Sulc: Das kleine Modeimperium. In: Der Bund, 11. November 2014.Grüsse vom deutschen Amtsschimmel – Paternoster nur noch für Profis in NZZ vom 30. Mai 2015, abgerufen am 1. Juni 2015.
Etymologie Die Bezeichnung Paternoster ( „unser Vater“) steht mit dem Rosenkranz im Zusammenhang, einer Zählkette für Gebete. Beim Rosenkranz folgt auf zehn kleinere Perlen für je ein Ave Maria eine davon abgesetzte größere für das Vaterunser (lateinisch Paternoster). Der Rosenkranz wurde regional früher auch als Paternosterschnur bezeichnet, deren Hersteller als Paternostermacher. Auf gleiche Weise sind bei einem Umlaufaufzug die Personenkabinen wie auf einer Schnur aufgefädelt. Die Bezeichnung wurde zuerst von Grubenarbeitern für die Lastenaufzüge verwendet, da diese der Anordnung der Perlen des Rosenkranzes ähnelten.
Scherzhaft wurde ein Paternoster in Deutschland teils auch Beamtenbagger oder Beamtenheber genannt.
Vor- und Nachteile Vorteile der Paternosteraufzüge gegenüber anderen Aufzügen sind die ohne längere Wartezeit ständige Verfügbarkeit für beide Richtungen (auf- und abwärts), wodurch insbesondere ein schneller Wechsel zwischen nahe beieinander liegenden Stockwerken möglich ist, sowie die sehr hohe Förderleistung, ähnlich der einer Fahrtreppe. Zwar liegt die Geschwindigkeit eines Paternosters mit etwa 0,25 Metern in der Sekunde unter der eines herkömmlichen Aufzuges, doch ist bei gleich geringem Platzbedarf in der Regel kein Aufzug in der Lage, eine ähnlich große Menge an Personen in der gleichen Zeit zu befördern.
Eine Fahrt über die oberen und unteren Endpunkte ist grundsätzlich ungefährlich, da die Kabine nur umgesetzt, nicht jedoch umgedreht wird. Ein weiterer Vorteil besteht eventuell für Personen, die sonstige Aufzüge wegen der Enge einer vollständig geschlossenen Kabine, wegen der höheren Geschwindigkeit oder wegen der beim Anfahren und Abbremsen wirkenden Kräfte nicht oder ungern nutzen.
mini|Nicht öffentlicher Paternoster im Neuen Rathaus Leipzig aus den 1980er Jahren Nachteilig ist aufgrund der geringeren Geschwindigkeit die längere Fahrzeit zwischen weiter entfernten Ausstiegen, weshalb ein Einbau in sehr hohe Hochhäuser ausscheidet. Bei stark frequentierten Aufzügen, die bei mehreren Etagen angehalten werden, relativiert sich jedoch die Fahrzeit wieder. Bei einem Paternoster ist zudem der Lastentransport verboten. Auch ist die Unfallgefahr größer; das Betreten bzw. Verlassen der Kabinen während der Fahrt kostet manche Benutzer eine gewisse Überwindung. Für behinderte Personen besteht Sturzgefahr; eine Nutzung durch Rollstuhlfahrer ist nahezu unmöglich. Auch erfordert das Aus- und Einsteigen ähnlich wie bei einer Fahrtreppe besonders für ungeübte Nutzer eine gewisse Konzentration. Aber auch durch Unachtsamkeit und unvorsichtiges Handeln bestehen Gefahren. So ist das Aussteigen tunlichst zu vermeiden, wenn die Kabine die Etage schon deutlich passiert hat, und das Herausklettern aus einem stehengebliebenen Paternoster kann gefährlich sein, wenn der Paternoster in diesem Moment wieder anfährt. Damit ein Einklemmen verhindert wird, sind Paternoster an den Einstiegen auf Höhe der Fußböden der Stockwerke mit nach oben öffnenden Klappen ausgestattet. Dies verhindert ein Einklemmen bei nach oben fahrenden Kabinen. Bei nach unten fahrenden Kabinen sorgt ein Scharnier für ein Wegklappen nach oben-hinten der Kabinenvorderseite.
Ein weiterer Nachteil ist der gegenüber herkömmlichen Aufzügen verminderte Brandschutz, da sich im Falle eines Brandes das Feuer einfach über mehrere Stockwerke eines Hauses ausbreiten kann. Dies ist bei anderen Aufzügen wegen der zumindest bei neueren Anlagen oftmals als Brandschutztüren fungierenden Einstiegstüren nicht so leicht möglich.
Energiebilanz und Geräuschpegel sind unterschiedlich zu beurteilen. Zwar hat ein Aufzug – da er nur fährt, wenn er gebraucht wird – eine bessere Energiebilanz als eine Paternosteranlage, die ständig in Betrieb ist bzw. in Bürogebäuden meist nur nachts abgestellt wird. Allerdings verbraucht auch ein Aufzug im Ruhezustand Strom (u. a. durch die Kabinenbeleuchtung, die bei Paternostern zumeist entfällt). Im direkten Vergleich spielen daher die unterschiedlichen Transportleistungen, verschiedenen Arten sowie Technik und Alter der Anlagen eine Rolle. Zudem verursacht die Paternostermechanik mit ihren Treibketten höhere Reibungsverluste, was eine stärkere Geräuschentwicklung im Verhältnis zu gewöhnlichen Aufzügen mit sich bringen kann. Auch hier spielen unter anderem die Anlageart, der Einbau, das jeweilige Gebäude und vorhandene Maßnahmen zur Schallisolierung sowie Nutzungshäufigkeit und -zeiten eine Rolle, da das klopfende Dauergeräusch des Paternosters nicht zwangsläufig als störender empfunden wird als das zeitweise auftretende Betriebsgeräusch eines anderen Aufzuges.
Rechtssituation in einzelnen Ländern mini|Öffentlicher Paternosteraufzug im Rathaus in Wuppertal
Deutschland Seit 1974 dürfen in Westdeutschland keine neuen Paternosteraufzüge mehr in Betrieb genommen werden.Claudia Zehrfeld: Paternoster: Wo gibt es die Aufzüge noch? In: t-online, 9. Juni 2022, abgerufen am 13. Juni 2022. 1994 war eine Änderung der Aufzugsverordnung geplant, die eine Stilllegung der bestehenden Anlagen bis 2004 vorsah. Gegen diese Befristung erhob sich Widerstand, unter anderem durch einen eigens in München gegründeten „Verein zur Rettung der letzten Personenumlaufaufzüge“. Der Bundesrat hob deshalb die geplante Änderung auf, so dass die bestehenden Paternoster bis auf Weiteres in Betrieb bleiben konnten. Paternosteraufzüge mussten nach dem Stand der Technik betrieben werden. Die entsprechenden Technischen Regeln wurden seit 1972 in der TRA 500 („Technische Regeln für Aufzüge – Personen-Umlaufaufzüge“) festgelegt (zuletzt 1985 geändert). In der DDR existierte keine solche Einschränkung. So wurde zum Beispiel im Haus der Ministerien, dem heutigen Detlev-Rohwedder-Haus, in dem jetzt das Bundesministerium der Finanzen seinen Sitz hat, noch 1982 der Paternoster erneuert. Bis Juni 2018 waren noch etwa 230 Paternoster in Deutschland in Betrieb.
2009 wurde im Gebäude der Firma Solon (Berlin-Adlershof) ein neuer Paternoster in Betrieb genommen. Er wurde nur genehmigt, weil in dem Gebäude kaum Publikumsverkehr herrscht und der Aufzug über mehrere Sicherheitsmerkmale verfügt. Seine Geschwindigkeit ist mit 0,15 m/s deutlich geringer als jene klassischer Paternoster. Zusätzlich regelt eine Art Ampel, wann ein- und ausgestiegen werden darf. Lichtschranken halten den Aufzug sofort an, falls Benutzer bei „Rot“ die Kabine betreten oder verlassen wollen.
mini|Paternoster im Gothaer Versicherungshaus in Göttingen der Firma Eggers-Kehrhahn Nach einem Unfall durch unsachgemäße Bedienung durften die Paternoster im I.G.-Farben-Haus in Frankfurt (Main) von Juli bis November 2011 von der Universitätsleitung aus nur noch von Angestellten und Studenten der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität einzeln und mit unterweisendem Berechtigungsschein („Paternoster-Führerschein“) Paternoster-Führerschein, Extra 3, 7. September 2011. benutzt werden, was durch Sicherheitspersonal überwacht wurde.Paternoster: Anleitung zum Liftfahren. In: Frankfurter Rundschau, 15. Juli 2011. Abgerufen am 30. November 2015. Im November 2011 wurde der „Paternoster-Führerschein“ wieder abgeschafft, da nun zusätzliche Warn- und Hinweisschilder für die Sicherheit der Paternoster-Benutzer ausreichend sein sollten.