Als Alexanderhistoriker gelten alle antiken Autoren aus dem griechischen und römischen Kulturraum, die historische Werke über das Leben und die Feldzüge des Makedonenkönigs Alexander des Großen verfasst haben. Diese basierten letztlich auf den Berichten von Teilnehmern des Alexanderzuges, also auf der Perspektive der makedonischen Eroberer, die das achämenidische Perserreich sowie zahlreiche Völker Asiens unterwarfen und in den eroberten Gebieten die Zeit des Hellenismus einleiteten. Die meisten dieser Berichte sind uns jedoch nicht oder nur ansatzweise überliefert. Die wenigen (mehr oder weniger vollständig) erhaltenen Alexandergeschichten wiederum sind mit einiger zeitlicher Distanz zu den in ihnen geschilderten Ereignissen entstanden.

Generell hatten alle antiken Alexandergeschichten eine tendenziöse Ausrichtung und vermittelten ein dementsprechend mehr oder weniger positives oder negatives Alexanderbild. Heutige Althistoriker und Klassische Philologen beschäftigen sich mit der Rekonstruktion der verschiedenen Schichten der Überlieferung, um der historischen Wirklichkeit hinter den Berichten näherzukommen, wobei die Beurteilung Alexanders in der modernen Forschung starken Schwankungen unterliegt.

Das griechische Persienbild vor dem Alexanderzug In der griechischen Geschichtsschreibung waren vor dem Alexanderzug Darstellungen entstanden, in denen das Achämenidenreich im Mittelpunkt stand. Die dementsprechenden Monographien, Persika genannt, können als politisch-ethnographische Werke betrachtet werden.Dominique Lenfant: Greek Monographs on the Persian World. The Fourth Century BCE and its innovations. In: Giovanni Parmegianni: Between Thucydides and Polybius: The Golden Age of Greek Historiography. Washington, DC 2014, S. 197–210, hier insbes. S. 201; Dominique Lenfant: Greek Historians of Persia. In: John Marincola (Hrsg.): A Companion to Greek and Roman Historiography. Band 1. Oxford u. a. 2007, S. 200–209; Rosemary B. Stevenson: Persica. Greek Writing about Persia in the Fourth Century BC. Edinburgh 1997.

Das griechische Persienbild vor allem im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde durch sie maßgeblich geprägt. Zentrum all dieser Schilderungen war der Hof der Großkönige. Es handelte sich oft um reich ausgeschmückte Schilderungen, die den exotischen Charakter Persiens und des Orients betonten, mit teilweise spektakulär wirkenden Erzählungen über das prachtvolle Hofleben, die Intrigen und Ausschweifungen der Perser. Allerdings gilt beispielsweise der Bericht des Herakleides von Kyme als vertrauenswürdig. Der Wahrheitsgehalt manch anderer dieser (nur fragmentarisch) überlieferten Berichte ist jedoch eher niedrig zu veranschlagen. Besonders in den Persika des Ktesias von Knidos scheinen historische Tatsachen und fabelhafte Romanhandlung teilweise kaum voneinander unterscheidbar gewesen zu sein. Ktesias, der als Arzt am persischen Hof gelebt hatte, wird allerdings in der neueren Forschung mehr beachtet. Ihm selbst kam es wohl weniger darauf an, einen möglichst zuverlässigen Bericht zu liefern, vielmehr wollte er wohl eine „persische Geschichte“ basierend auf orientalischen Traditionen für ein griechisches Publikum schreiben.Vgl. Lloyd Llewellyn-Jones: Ctesias. In: The Oxford Classical Dictionary. 5. Auflage (Oxford Classical Dictionary Online). Die verschiedenen Persika verdeutlichen das große Interesse der Griechen am persischen Weltreich, denen die Griechen in den Perserkriegen erfolgreich getrotzt hatten. Gleichzeitig sind die Persika von Griechen geschrieben worden, die zumindest einen Teil ihres Lebens in Persien verbracht haben bzw. nähere Kenntnis über Persien besaßen. Durch den Alexanderzug wurde das griechische Weltbild noch einmal erheblich erweitert, speziell im Hinblick auf das „Wunderland“ Indien (Indika).Klaus Karttunen: India and the Hellenistic world. Helsinki 1997; Richard Stoneman: The Greek Experience of India. From Alexander to the Indo-Greeks. Princeton University Press, Princeton/Oxford 2019, ISBN 978-0-691-15403-9.

Alexanders Gefährten mini|Alexanders Feldzüge in Asien, 334–324 v. Chr. Auf seinem Feldzug nach Asien in den Jahren 334–324 v. Chr. führte Alexander ein großes Heer aus zunächst etwa 35.000 Makedonen und Griechen quer durch ein Gebiet, das sich vom Nahen Osten bis nach Nordafrika (Ägypten) und in die Kerngebiete des Alten Orients, danach auch bis nach Zentralasien und schließlich den Indischen Subkontinent erstreckte.Zur Ereignisgeschichte siehe aus der überaus reichhaltigen Fachliteratur zu Alexander unter anderem (jeweils mit weiterer Literatur): Albert Brian Bosworth: Conquest and Empire. The Reign of Alexander the Great. Cambridge 1988, S. 35 ff.; Waldemar Heckel: In the Path of Conquest. Resistance to Alexander the Great. Oxford 2020, S. 41 ff.; Sabine Müller: Alexander der Große. Eroberung – Politik – Rezeption. Stuttgart 2019, S. 79 ff. Dabei trafen die Teilnehmer des AlexanderzugsZu den diesbezüglichen Personen siehe knapp, aber zuverlässig die jeweiligen Einträge in Waldemar Heckel: Who’s Who in the Age of Alexander the Great. Prosopography of Alexander’s Empire. Malden MA u. a. 2006. auf Gebiete und Völker, die der griechischen Welt bis dahin weitgehend unbekannt waren. Einige der Teilnehmer verfassten, teils auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen, Bücher über den Feldzug, auf denen letztlich alle späteren griechischen und römischen Berichte beruhen.

Keiner dieser Berichte ist heute direkt erhalten. Es existieren aber Fragmente, das heißt direkte und indirekte Zitate in den Werken späterer Historiker und Schriftsteller sowie vereinzelt Textauszüge.Die Forschung hat diese Fragmente systematisch (d. h. nach Autoren sortiert) erschlossen, zunächst in Karl Müllers Fragmenta historicorum Graecorum (FHG, 1841–1884), dann in Felix Jacobys Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist, 1923–1958, später fortgesetzt) und nun in Brill’s New Jacoby (BNJ, seit 2009). Die Forschungen Jacobys, der auf der Grundlage der gesammelten Fragmente bereits systematische Überlegungen zu allen Autoren anstellte, sind bis heute grundlegend. Das Gemeinschaftswerk Brill’s New Jacoby enthält englische Übersetzungen, ausführliche Kommentare zu den einzelnen Fragmenten und biographische Essays auf dem aktuellen Forschungsstand zu allen griechischsprachigen Alexanderhistorikern. Auf Grundlage dieser Rekonstruktionen ist zumindest eine Tendenz deutlich zu erkennen: sie rücken Alexander als Eroberer des mächtigen Perserreichs in den Mittelpunkt.Vgl. Carlo Scardino: Die Alexanderhistoriker. In: Antonios Rengakos, Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 2. München 2014, hier S. 639. In teils ausgeschmückten Erzählungen werden heldenhaft anmutende Episoden dargestellt, während das Charakterbild Alexanders in Teilen der späteren Überlieferung (siehe unten zur Vulgata-Tradition) allerdings zwiespältig ausfällt.

Hauptausgangspunkt der meisten Alexandergeschichten (ob mittelbar oder unmittelbar) stellte vor allem das Werk des Kallisthenes von Olynth dar.Waldemar Heckel: Who’s Who in the Age of Alexander the Great. Prosopography of Alexander’s Empire. Malden MA u. a. 2006, S. 76 f. Zu seinen Werken siehe Carlo Scardino: Die Alexanderhistoriker. In: Antonios Rengakos, Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 2. München 2014, hier S. 640 f.; Lionel Pearson: The lost histories of Alexander the Great. New York 1960, S. 22 ff. Kallisthenes war wohl ein Großneffe des Aristoteles und der offizielle Hofhistoriker Alexanders. Er hatte bereits zuvor historische Werke verfasst, von denen keines erhalten ist, darunter eine griechische Geschichte (Helleniká) in zehn Büchern.Carlo Scardino: Die Alexanderhistoriker. In: Antonios Rengakos, Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 2. München 2014, hier S. 640; Klaus Meister: Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus. Stuttgart u. a. 1990, S. 105. Sein Hauptwerk stellt aber seine Alexandergeschichte dar. Kallisthenes nahm am Feldzug teil und veröffentlichte sein Werk sukzessive, er wurde aber 327 v. Chr. aufgrund seiner Verwicklung in die sogenannten Pagenverschwörung hingerichtet. Das unvollendete Werk des Kallisthenes hatte einen offensichtlich propagandistischen Charakter, in dem Alexander als epischer Held in der Tradition homerischer Heroen stilisiert und panegyrisch gepriesen wurde.Vgl. Carlo Scardino: Die Alexanderhistoriker. In: Antonios Rengakos, Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 2. München 2014, hier S. 640. Es behandelte wohl die Zeit bis 331/30 v. Chr. und war in einem dramatisierenden Stil verfasst, wobei neben den zentralen Feldzugs- und Schlachtbeschreibungen zahlreiche Exkurse eingebettet waren.

Die Alexandergeschichte des Kallisthenes hatte einen großen Einfluss auf alle nachfolgenden Alexanderhistoriker, zumal er hinsichtlich der Ereignisgeschichte wohl dennoch recht zuverlässig war.Carlo Scardino: Die Alexanderhistoriker. In: Antonios Rengakos, Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 2. München 2014, hier S. 641. Eine Ausnahme dürfte Anaximenes von Lampsakos gewesen sein, dessen heute verlorene Alexandergeschichte wohl ebenfalls während des Feldzugs verfasst wurde. Sie stellte Alexander ebenfalls sehr positiv dar, hatte aber keine größere Nachwirkung.Klaus Meister: Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus. Stuttgart u. a. 1990, S. 94. Des Weiteren sind mehrere andere Alexandergeschichten von Feldzugsteilnehmern belegt. Diese Werke schilderten Alexander weitgehend positiv, hatten aber unterschiedliche Schwerpunkte.

mini|Ptolemaios I., Alexanderhistoriker sowie König des von Alexander eroberten Ägypten und Begründer der Dynastie der Ptolemäer. Marmorbüste des 3. Jahrhunderts v. Chr. mit späteren Veränderungen, Louvre.