mini|Charles Sanders Peirce um 1870rahmenlos|zentriert Charles Santiago Sanders Peirce (ausgesprochen: /'pɜrs/ wie pörs) (* 10. September 1839 in Cambridge, Massachusetts; † 19. April 1914 in Milford, Pennsylvania) war ein US-amerikanischer Mathematiker, Philosoph, Logiker und Semiotiker.
Peirce gehört neben William James und John Dewey zu den maßgeblichen Denkern des Pragmatismus, wobei er sich später deutlich von den Entwicklungen der pragmatischen Philosophie distanzierte. Insbesondere wendete er sich gegen die relativistische Nützlichkeitsphilosophie, die von vielen Pragmatisten als Grundprinzip der Wahrheit mit dem Pragmatismus gelehrt wurde. Sein philosophisches Konzept nannte er fortan Pragmatizismus, um sich von James, Dewey, F. C. S. Schiller und Josiah Royce abzugrenzen.„I proposed that the word ‚pragmatism‘ should hereafter be used somewhat loosely to signify affiliation with Schiller, James, Dewey, Royce, and the rest of us, while the particular doctrine which I invented the word to denote, which is your first kind of pragmatism, should be called ‚pragmaticism.‘ The extra syllable will indicate the narrower meaning.“ (Letter to Calderoni, CP 8.205). Außerdem gilt Peirce als Begründer der modernen Semiotik. Bertrand RussellBertrand Russell: Wisdom of the West. A historical survey of Western philosophy in its social and political setting. Doubleday 1959, S. 276. und Karl-Otto ApelKarl-Otto Apel (Hrsg.): Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. Band 1, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967, S. 19. bezeichneten ihn als den „größten amerikanischen Denker“, Karl Popper betrachtete ihn als „einen der größten Philosophen aller Zeiten“.Karl Popper: Objective Knowledge. Oxford 1979, S. 212.
Peirce leistete wichtige Beiträge zur modernen Logik, unter anderem: Er wies nach, dass aus der logischen Nicht-Und- (NAND) beziehungsweise der logischen Nicht-Oder-Operation (NOR, zu seinen Ehren auch Peirce-Operator genannt) alle anderen aussagenlogischen Junktoren abgeleitet werden können. Er führte die Standardnotation für die Prädikatenlogik erster Ordnung ein. Er formulierte die wichtigsten Theorien in der Semiotik: Theory of signs und Theory of meaning. Oft wird ihm zugeschrieben, 1885 die Wahrheitstabellen als Mittel eingeführt zu haben, um zu überprüfen, ob eine zusammengesetzte Aussage eine Tautologie ist. Man findet aber dieses semantische Entscheidungsverfahren etwas abstrakt schon bei Boole. Peirce stellte jedoch den Zweck der Tautologiegewinnung deutlich heraus.
Peirce beschäftigte sich auch mit logischen Schlussfolgerungsweisen und führte neben der bekannten Induktion und Deduktion die Abduktion (Hypothese) als dritte Schlussfolgerungsweise in die Logik ein. Aus der Abfolge von Abduktion, Deduktion und Induktion entwickelte er einen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Ansatz.
Leben mini|Benjamin Peirce mini|Das Geburtshaus von Peirce. Jetzt Teil der Lesley University's Graduate School of Arts and Social Sciences Peirce wurde in Cambridge, Massachusetts, als zweites von fünf Kindern von Sarah und Benjamin Peirce (1809–1880) geboren. Sein Vater war Professor für Astronomie und Mathematik an der Harvard University und nachweislich der erste ernsthaft forschende Mathematiker in den USA. Sein Lebensumfeld war das eines gut situierten Bildungsbürgertums. Schon als Junge erhielt Peirce von einem Onkel die Einrichtung eines Chemielabors. Sein Vater erkannte seine Begabung und bemühte sich, ihm eine umfassende Bildung zu vermitteln. Mit 16 Jahren begann er die Kritik der reinen Vernunft zu lesen. Er benötigte für das Studium des Werkes, mit dem er sich täglich mehrere Stunden auseinandersetzte, drei Jahre, nach denen er nach eigener Aussage das Buch fast auswendig konnte.
alternativtext=Charles Sanders Peirce|mini|Charles Sanders Peirce im Jahr 1859 Peirce litt seit seiner späten Jugend an Schmerzattacken, die man heute als Trigeminusneuralgie diagnostizieren würde. Sein Biograph Joseph Brent berichtet, dass er während dieser Schmerzen „zuerst fast betäubt war, dann distanziert, kalt, deprimiert, extrem misstrauisch, ungeduldig bei der kleinsten Berührung und zu heftigen Wutausbrüchen neigend“.
Peirce studierte an der Harvard University und an der Lawrence Scientific School. Er bestand 1862 den Master of Arts und war einer der ersten (1863), die den Bachelor of Science im Fach Chemie ablegten – mit Summa cum laude. Noch während seines Chemiestudiums heiratete er Harriett Melusina Fay, die aus einer prominenten Pfarrersfamilie stammte. Sie veröffentlichte Bücher zu allgemein politischen Themen und war in der Frauenrechtsbewegung aktiv.
Von 1859 bis 1891 war er mit Unterbrechungen bei der United States Coast and Geodetic Survey tätig. Ab 1861 hatte er eine reguläre Planstelle, so dass er nicht am amerikanischen Sezessionskrieg teilnehmen musste. Er erhielt diese Stelle auf Vermittlung seines Vaters, der als einer der Gründer dieser Behörde dort als Aufsichtsrat fungierte. Peirce' Aufgabenfeld lag im Bereich Geodäsie und Gravimetrie in der Weiterentwicklung der Anwendung von Pendeln zur Bestimmung von lokalen Abweichungen in der Erdgravitation. In Harvard hielt Peirce zwischen 1864 und 1870 nebenberuflich Vorlesungen über Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie. Schon zu diesem Zeitpunkt findet man in den Manuskripten der Vorlesungen fast alle Grundthemen der Philosophie, die ihn sein Leben lang beschäftigten. Zu Beginn war er sehr stark von Kant geprägt, setzte sich aber intensiv mit Fragen der Logik auseinander und entwickelte zunächst seine eigene Kategorienlehre. Die logischen Arbeiten standen in den ersten Jahren im Vordergrund. So befasste er sich 1865 mit der neuen Logik von George Boole und 1866 erhielt er einen Sonderdruck von Augustus De Morgans Logik der Relative, die seiner Denkentwicklung einen wesentlichen Impuls gab. 1867 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, 1877 in die National Academy of Sciences. 1868 veröffentlichte Peirce eine Artikelserie in den Proceedings der American Academy of Arts and Sciences (PAAAS, Band 7, 1868). On an Improvement in Boole's Calculus of Logic On the Natural Classification of Arguments On a New List of Categories Upon the Logic of Mathematics Kurz darauf publizierte er im Journal of Speculative Philosophy die zweite Artikelserie Nominalism versus Realism What is Meant by 'Determined'? Questions Concerning Certain Faculties Claimed for Man Some Consequences of Four Incapacities Grounds of the Validity of the Laws of Logic. Further Consequences of Four Incapacities mini|Charles Sanders Peirce,Foto: Napoleon Sarony, 1891 Ab 1869 schrieb Peirce in unregelmäßigen Abständen eine Vielzahl von Rezensionen und kleineren Beiträgen in The Nation, der Sonntagsausgabe der New York Evening Post. Zum Jahreswechsel 1869/70 hielt Peirce erneut Vorlesungen über die Geschichte der Logik mit Schwerpunkt „British Logicians“ an der Harvard-Universität.
In den 1860er Jahren begleitete Peirce interessiert die astronomischen Forschungen des gleichaltrigen George Mary Searle, der in dieser Zeit ebenfalls für die Coast Survey und am Harvard Observatory tätig war. Von 1869 bis 1872 arbeitete Peirce dann selbst im astronomischen Observatorium von Harvard als Assistent über Fragen der Photometrie zur Bestimmung der Helligkeit von Sternen und der Struktur der Milchstraße. 1870 erschien eine kleine, für Peirce und Logiker aber wichtige Schrift über die Logik der Verwandten (Begriffe), die auch als Vortrag vor der American Academy of Arts and Sciences veröffentlicht wurde unter dem Titel Description of a Notation for the Logic of Relatives, Resulting from the Amplification of Boole's Calculus of Logic (CP 3.45–148). Wichtig für Peirce und auch für William James war ein Zirkel junger Wissenschaftler verschiedener Disziplinen Anfang der 1870er Jahre, der als „metaphysischer Club“ bezeichnet wurde. Hier lernte Peirce die Philosophie von Alexander Bain kennen, von dem er das Prinzip des Zweifels und der Überzeugungen, die das Handeln der Menschen bestimmen, übernahm. Peirce trug seine Grundgedanken zum Pragmatismus vor und stellte sie zur Debatte, woraus später seine wichtige Aufsatzreihe von 1877/78 entstand. Diese Veröffentlichung in Popular Science wird gewöhnlich als die Geburtsstunde des Pragmatismus bezeichnet. Die Aufsatzreihe umfasst die Titel The Fixation of Belief (1877) How to Make Our Ideas Clear (1878) The Doctrine of Chances (1878) The Probability of Induction (1878) The Order of Nature (1878) Deduction, Induction, and Hypothesis (1878)
Zwischen 1871 und 1888 konnte Peirce im Rahmen seiner geodätischen Aufgabenstellung insgesamt fünf jeweils mehrmonatige Forschungsreisen nach Europa unternehmen, wo er eine Reihe prominenter Wissenschaftler traf. In einem Bericht an den Coast Survey legte Peirce 1879 eine neue Methode der Kartenprojektion vor, die er „Quincunx“ oder auch „quincunial projection“ nannte. Diese Art der Projektion wurde (in erweiterter Fassung) noch im Zweiten Weltkrieg von der Coast Survey als besonders geeignet zur Aufzeichnung internationaler Flugrouten vorgeschlagen. 1879 wurde Peirce „half-time lecturer of logic“ an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, seine einzige akademische Festanstellung. Dort waren unter anderem John Dewey und Josiah Royce seine Hörer. In dieser Zeit kam es zur Veröffentlichung von A Brief Description of the Algebra of Relatives (1882, Privatdruck) und der Herausgabe der Studies in Logic by Members of the Johns Hopkins University (1883).
Peirce hatte außer dieser Anstellung niemals wieder eine feste akademische Stelle. Von seinen Biographen wird als Ursache seine schwierige Persönlichkeit gesehen. Es gibt Vermutungen, dass er manisch-depressiv gewesen sei (Brent). Seine erste Frau verließ ihn 1876 während eines Europaaufenthaltes, von dem sie allein zurückkehrte. Über den Grund haben sich beide nie geäußert. Schon bald darauf ging er ein Verhältnis mit Juliette Froissy (Geburtsname nicht gesichert) ein, mit der er bis zu seiner Scheidung von Fay 1883 unverheiratet zusammenlebte. Schon zwei Tage nach der Scheidung heiratete er Juliette. Vermutlich aufgrund des damit verbundenen Skandals verlor er 1884 seinen Posten an der Johns-Hopkins-Universität.
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