mini|Peter Schäfer (2022)

Peter Schäfer (* 29. Juni 1943 in Hückeswagen) ist ein deutscher Judaist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der führenden Experten für das Judentum der Antike und des frühen Mittelalters. Von 1983 bis 2008 leitete er das Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin und war von 1998 bis 2013 Ronald O. Perelman Professor of Jewish Studies und Professor of Religion sowie von 2005 bis 2013 Direktor des Program in Judaic Studies an der Princeton University. Seit 2013 ist er Honorarprofessor für Judaistik an der Humboldt Universität Berlin und von 2014 bis 2019 leitete er als Direktor das Jüdische Museum Berlin.Jüdisches Museum Berlin Pressemitteilung vom 19. Juni 2014: Wechsel an der Spitze des Jüdischen Museums Berlin, abgerufen am 19. Juni 2014

Wirken als Hochschullehrer Ausbildung und Laufbahn Nach seinem Abitur 1962 am altsprachlichen Zweig des nachmaligen Otto-Pankok-Gymnasiums in Mülheim an der Ruhr studierte Peter Schäfer vier Semester katholische Theologie,Barbara Beuys: Ein Talmud aus deutscher Hand. Der Judaist Peter Schäfer hat es schwer, seine Wissenschaft hier zu etablieren. In: Die Zeit, Nr. 47 vom 18. November 1994. Philosophie und Judaistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, danach zwei Jahre mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes Judaistik und Semitistik an der Hebräischen Universität Jerusalem und zuletzt Judaistik, Philosophie und Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 1968 wurde er in Freiburg bei Arnold Goldberg zum Dr. phil. promoviert. Nach einer Tätigkeit als Wissenschaftlicher Assistent am Institutum Judaicum an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen habilitierte er sich 1973 in Judaistik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

1974 wechselte Schäfer an die Universität zu Köln und wurde dort Akademischer Rat und außerplanmäßiger Professor am Martin-Buber-Institut für Judaistik; 1982 wurde er dort zum Professor ernannt. 1983 erhielt er einen Ruf an die Freie Universität Berlin (FU) und wurde dort als Nachfolger von Jacob Taubes Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Judaistik. 1988 lehnte er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Judaic Studies an der Duke University in North Carolina ab, ebenso 1992 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und antikes Judentum am Jewish Theological Seminary of America in New York.

1993 wurde Schäfer Member am Institute for Advanced Study in Princeton und war dort zudem von 1994 bis 1996 Visiting Mellon Professor. Von 1998 bis 2013 war er an der Princeton University als erster Lehrstuhlinhaber Ronald O. Perelman Professor of Jewish Studies und zugleich Professor of Religion. Von 2005 bis 2013 war er dort auch Direktor des Studienprogramms Judaistik. An der FU Berlin war er bis zu seiner Emeritierung (2008) beurlaubt.

Peter Schäfer war Gastprofessor an mehreren Universitäten und ist in zahlreichen Gremien engagiert. Von 1983 bis 1985 war er Vorsitzender des Verbandes der Judaisten in der Bundesrepublik Deutschland e. V. Seit 1987 ist er korrespondierendes Mitglied (Corresponding Fellow) der British Academy und seit 1997 Foreign Member der American Philosophical Society sowie seit 2006 Fellow an der American Academy for Jewish Research. 2002/2003 wurde er Fellow am Historischen Kolleg in München und 2007/2008 am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Schäfer ist seit 1994 ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und war dort in der Kommission Martin Buber-Werkausgabe engagiert. 2017 wurde er als auswärtiges Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Sciences gewählt und 2020/2021 war er Fellow der Siemens Stiftung in München.

Schäfer gehört zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die eine Neudefinition und Präzisierung des Antisemitismusbegriffs vornimmt.The Jerusalem Declaration On Antisemitism

Schäfer hat zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Arbeiten auf seinem engeren Fachgebiet und epochenübergreifend auf dem gesamten Gebiet der Jüdischen Studien publiziert.

Würdigung 1993 wurde Schäfer mit der theologischen Ehrendoktorwürde der Universität Utrecht, Niederlande, 2007 mit der philosophischen Ehrendoktorwürde der Universität Tel Aviv, Israel, und 2026 mit einem Doctor of Hebrew Letters h.c. des Jewish Theological Seminary of America ausgezeichnet.

Schäfer erhielt 1994 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den höchsten deutschen Wissenschaftspreis. 2007 wurde er mit dem Andrew W. Mellon Foundation Distinguished Achievement Award, kurz: Mellon Award, ausgezeichnet für seine maßgebliche Initiative, die Tradition jüdischer Studien in Deutschland wiederzubeleben.Andrew W. Mellon Foundation: 2007 Annual Report Bei dem mit 1,5 Millionen Dollar dotierten Preis handelt es sich um die höchste Ehrung für Geisteswissenschaftler in den USA. Weitere Ehrungen, die Schäfer zuteilwurden, waren der Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft (2008), der Dr. Leopold Lucas-Preis (2014) und der Reuchlin-Preis (2015).

In der Begründung der Andrew W. Mellon Foundation zur Verleihung des Mellon Award 2007 heißt es, Schäfer zähle zu den bedeutendsten Judaistik-Forschern für die Zeit der Antike und des frühen Mittelalters. Der Einfluss seines wissenschaftlichen Werks reiche allerdings weit über das Fach der Judaistik hinaus. So prägten seine historischen und analytischen Arbeiten die Forschung in anderen geistes- und religionswissenschaftlichen Feldern, darunter die Forschung über Mystik, über die Literatur der Renaissance und über das frühe Christentum. Schäfer habe maßgeblich dazu beigetragen, die Tradition jüdischer Studien in Deutschland wiederzubeleben und damit die Wissenschaftslandschaft in anderen europäischen Staaten beeinflusst.

Mit dem ihm 2014 verliehenen Dr. Leopold Lucas-Preis der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen wurde Schäfers gewürdigt.uni-protokolle.de vom 15. April 2014: Der Judaist Peter Schäfer erhält den Dr. Leopold Lucas-Preis 2014, abgerufen am 15. April 2014

2015 bezeichnete die Stadt Pforzheim anlässlich der Ehrung mit dem Reuchlinpreis Schäfer als einen „der bedeutendsten Judaisten unserer Zeit, der sich mit seinen Forschungen zu den christlich-jüdischen Religionsbeziehungen herausragende Verdienste erworben hat“.

Im Jahr 2021 wurde er in den Orden Pour le mérite aufgenommen, 2023 erhielt er das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Zu seinen Ehren erschienen zwei Festschriften:

Jewish Studies between the Disciplines/Judaistik zwischen den Disziplinen: Papers in Honor of Peter Schäfer on the Occasion of his 60th Birthday, hrsg. v. Klaus Hermann, Margarete Schlüter, Giuseppe Veltri. Leiden-Boston: Brill, 2003, ISBN 90-04-13565-0.

Envisioning Judaism: Studies in Honor of Peter Schäfer on the Occasion of his Seventieth Birthday,hrsg. v. Ra'anan S. Boustan, Klaus Hermann, Reimund Leicht, Annette Yoshiko Reed, and Giuseppi Veltri, 2 Bde. Tübingen: Mohr Siebeck 2013, ISBN 978-3-16-152227-7.

Wirken als Museumsdirektor Im Juni 2014 beschloss der Stiftungsrat des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer als einen „weltweit angesehenen Spezialisten für die Geistesgeschichte des antiken und mittelalterlichen Judentums“Patrick Bahners: Aus Lektüre klug. Der Judaist Peter Schäfer wird achtzig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Juni 2023, S. 13. in der Nachfolge W. Michael Blumenthals zum Direktor zu bestellen. Schäfer, Katholik und Nichtjude,Deutschlandfunk 2018 trat sein Amt am 1. September desselben Jahres an.

Schäfers Vertrag als Direktor des Museums wurde trotz der Kontroversen rund um die Gestaltung der Jerusalem-Ausstellung und den Besuch des iranischen Kulturrats (siehe unten) um ein Jahr (bis Ende August 2020) verlängert. Nach der zugespitzten Diskussion um einen Tweet der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Museums bezüglich des Beschlusses des Deutschen Bundestags zu BDS (siehe ebenfalls unten) trat Schäfer am 14. Juni 2019 vom Vertrag zurück, um Schaden vom Museum abzuwenden, wie es hieß.Direktor der Stiftung Jüdisches Museum zurückgetreten.

Aktivitäten des Museums unter Schäfers Direktorat Unter dem Direktorat von Peter Schäfer wurde stärker als zuvor die Bedeutung der Religion in der Geschichte des deutschen Judentums betont. Gleichzeitig verfolgte das Museum eine programmatische Öffnung. Fragen der Gegenwart wie das Verhältnis der Religionen zueinander (insbesondere von Judentum und Islam), die Kunst und die aktuellen politischen Debatten rückten stärker in den Mittelpunkt. DIe Akademie des Museums wurde zum Zentrum dieser Aktivitäten ausgebaut.

Die wichtigsten Ausstellungen in dieser Zeit waren „Haut ab! Haltungen zu rituellen Beschneidungen“ (2014/2015), „Gehorsam“ (zu Abraham und der Opferung Isaaks, 2015), „Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie“ (2016), „Golem“ (2016/2017), „Eran Shakine - A Muslim, a Christian and a Jew“ (2016/2017), „Cherchez la femme. Perücke, Burka, Ordenstracht“ (2017), „Welcome to Jerusalem“ (2017), „James Turell: Ganzfeld ‚Aural'“ (2018/2019), „A wie Jüdisch. In 22 Buchstaben durch die Gegenwart“ (2018 bis 2020) sowie „This Place“ (2019).

Die Hauptaufgabe Schäfers während seiner Amtszeit war die Konzeption und Installation der neuen Dauerausstellung und des neuen Kindermuseums. Die Dauerausstellung war zum Zeitpunkt seines Rücktritts weitgehend fertiggestellt. Dasselbe gilt für das Kindermuseum, dessen Eröffnung sich wegen der Corona-Beschränkungen verzögerte. Das Kindermuseum ist heute eine der größten Attraktionen des Museums.

Kontroversen Die Jerusalem-Ausstellung Die Ausstellung Welcome to Jerusalem wurde vom israelischen Ministerpräsidenten, Benjamin Netanjahu, und dem Zentralrat der Juden in Deutschland als einseitig kritisiert. Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount A. Königsberg, meinte, dass darin „durch systematisches Weglassen das Bild verzerrt“ werde. So werde Israel einseitig als Aggressor und die Palästinenser als sich auf legitime Weise in ihrem Befreiungskampf wehrende Opfer dargestellt. Der Kritik schloss sich der Vorsitzende der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages, der Grünen-Politiker Volker Beck, an: In der Ausstellung werde „behauptet, Israel hätte 1967 anlasslos Ostjerusalem erobert.“ Hingegen falle der Vormarsch der ägyptischen Armee, der jordanische Beschuss Westjerusalems und Israels Warnung an Jordanien vor einem Kriegseintritt „mehr oder minder unter den Tisch“ (Näheres siehe Sechstagekrieg). Für seinen Umgang mit diesen und ähnlichen Kritiken wurde Schäfer von Michael Wuliger, dem Kolumnisten der vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegebenen Wochenzeitung Jüdische Allgemeine, kritisiert.„Jüdisches Museum Krähwinkel“, Jüdische Allgemeine, 24. Januar 2019

Der Besuch des iranischen Kulturrats