Das Johanneum ist das älteste und traditionsreichste der noch bestehenden Gymnasien der Hansestadt Lüneburg. Im Schuljahr 2023/24 wurden rund 1100 Schüler von 95 Lehrern unterrichtet. Schulträger ist die Hansestadt Lüneburg.

Geschichte des Johanneums Gründungszeit Die Gründung einer städtischen Schule in Lüneburg gestaltete sich anfangs schwierig. Herzog Otto hatte 1350 den Benediktinern der „Schola externa“ des Michaelisklosters ein Schulmonopol verliehen: keine andere Schule dürfe in oder außerhalb der Stadt eingerichtet werden.Matthaei: Lüneburgs Kirchen und Schulen. 1956, S. 49. Der Rat erreichte mit „einem erstaunlichen diplomatischen Geschick“ dennoch sein Ziel, eine eigene Schule zu gründen. Dazu gestattete er zunächst den Prämonstratensermönchen aus Heiligenthal, ihr Kloster in die Stadt zu verlegen und dann im neuen Kloster eine „weltliche“ Schule einzurichten. Nach einem langen Rechtsstreit, in dem selbst der Papst Partei ergriff, und zwar für die Benediktiner, der Rat hingegen für die Prämonstratenser, kam es mit viel Verhandlungsgeschick des Rates am 15. September 1406 zu einer gütlichen Übereinkunft zwischen der Stadt und dem Michaeliskloster, und die Prämonstratenser konnten ihre Schule weiterführen; sie soll bis kurz vor Auflösung des Klosters (1530) bestanden haben.Peter: Lüneburg. Geschichte einer 1000jährigen Stadt 956-1956. 2. Auflage. 1999, S. 127.

So wurde die Geschichte des Heiligenthaler Gymnasiums die Vorgeschichte des Johanneums. Denn der Rat der Stadt verfolgte weitergehende Ziele: Er wollte die Einrichtung einer eigenen Stadtschule, die allein ihm unterstellt war. So wurde der Tag der Einigung, der 15. September 1406, zum Ende des Schulmonopols des Klosters Michaelis und gleichzeitig die Geburtsstunde der städtischen Schule. Sie stand von Anfang an in enger Verbindung mit der St. Johanniskirche, über die die Stadt das Patronat gerade verliehen bekommen hatte. Allen Schichten der Bevölkerung sollte die „sunte Johannis schole“ (Sankt-Johannis-Schule) offenstehen; weniger bemittelte Schüler zahlten ein ermäßigtes Schulgeld, für gänzlich Unbemittelte gab es Stipendien wohlhabender Bürger.

Die Stadt hatte aus verschiedenen Gründen ein großes Interesse an einer eigenen Schule: da war zunächst die Aufgabe, den „gelehrten Nachwuchs für Verwaltung, Rechtsprechung und Gesundheitsdienst in der ständig wachsenden Stadt sicherzustellen.“Matthaei: Lüneburgs Kirchen und Schulen. 1956, S. 50. Für die Hansestadt war zweitens die Vermittlung lateinischer Sprachkenntnisse von elementarer Bedeutung – Latein war wichtige Verkehrssprache für den hansischen Kaufmann, der auch im Ausland oder mit dem Ausland Geschäfte machte.

Aber mindestens genauso wichtig war drittens, dass die Schule die Aufgabe hatte, die regelmäßigen Gottesdienste und sonstigen Feiern – insbesondere die Totenfeiern – durch den Gesang der Schüler auszugestalten – das konnte nur ein dauerhafter Chor gewährleisten, der damals allein an einer Schule ausgebildet werden konnte.Görges, Nebe: Geschichte des Johanneums zu Lüneburg. 1906, S. 1.

Wie wichtig diese Aufgabe war, erkennt man daran, dass in der ältesten überlieferten Schulordnung des Johanneums von 1501 außer dem Rektor nur von einer festen Lehrerstelle die Rede war: der des Succentors – später Cantor genannt. Dieser stand unmittelbar im Dienste der Kirche – insofern kann man nicht im heutigen Sinne von einer „weltlichen“ Schule sprechen. Daneben gab es nur einige Hilfslehrer, Baccalarii oder Locati genannt.

Auch erste Hinweise auf Lerninhalte und Erziehungsziele lassen sich der Schulordnung von 1501Ordnung „wegen des Regiments des scholmesters und succentors to sannte Johannis“, zit. nach: Görges, Nebe: Geschichte des Johanneums zu Lüneburg. 1906, S. 4. entnehmen: Der Direktor („scholmester“) hat die Oberaufsicht; er soll darüber wachen, dass die Schüler „in guter Zucht, feiner Sitte, ernster Lehre und Lebensauffassung, dazu in Latein, in der Grammatik, Logik, Rhetorik und anderen freien Künsten fördersam unterwiesen werden … Die Lehrkräfte sollten sich brüderlicher Eintracht befleißigen, sich fein benehmen, zumal gegenüber den Schülern, gewöhnliche Kneipen, Krüge oder Stätten der Unzucht ebenso meiden wie unziemliche Spiele.“zit. bei Reinecke: Geschichte der Stadt Lüneburg. Band 2. 1977, S. 181 f.

Zu Beginn des 16. Jh. konnte der Scholmester, später Rektor genannt, noch selbst seine Lehrer (seine „Gesellen“) aussuchen und über den Unterricht und die Schulordnung selbst verfügen. Nur der Cantor stand etwa gleichberechtigt neben ihm. Der Unterricht fand zunächst im Hause des Ratsherren van der Mölen statt. 1483 bezog die Schule ein eigenes Gebäude an der Nordseite der Johanniskirche zwischen Johannisfriedhof und Papenstraße.

Das enge Verhältnis zur benachbarten Johanniskirche war vor allem ablesbar an der Pflege des Chorgesangs, mit dem die Schüler die Gottesdienste, kirchlichen Feiern und Leichenbegräbnisse ausgestalteten. Viele Schüler mussten für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen; eine Möglichkeit war der Kirchengesang, aber auch Begräbnisse waren eine willkommene Einnahmequelle, genauso wie das Kurrendesingen in der dunklen Jahreszeit zwischen Martini (10.11.) und Mariä Lichtmess (2.2.). Der Kirchgesang wurde am Johanneum bis 1926 gepflegt.Peter: Lüneburg. Geschichte einer 1000jährigen Stadt 956-1956. 2. Auflage. 1999, S. 128.

16. – 18. Jahrhundert Durch die Reformation wurde auch die Schule stark beeinflusst. Der Rat hatte sich der Einführung der neuen Lehre lange widersetzt, gab erst auf Drängen des Herzogs Ernst und der Bürgerschaft nach. Auf deren Begehren kam der schwäbische Hofprediger Urbanus Rhegius nach Lüneburg, führte die Reformation durch und erließ im Juni 1531 eine neue Kirchen- und Schulordnung. Darin formulierte er pädagogische Grundsätze, besonders für den Anfangsunterricht, und hob besonders die Rolle des Schulmeisters hervor.Görges, Nebe: Geschichte des Johanneums zu Lüneburg. 1906, S. 6. „Die Behandlung der Kinder soll lieblich angehen. Mit Grobheit und Zorn verleidet man ihnen die Schule, so daß sie lieber Kühe hüten möchten. Begabte Söhne armer Eltern sind aus öffentlichen Mitteln voranzubringen.“Reinecke: Geschichte der Stadt Lüneburg. Band 2. 1977, S. 184 f. Ganz falsch wäre es, so heißt es, Kosten sparen zu wollen und einen einfältigen Schulmeister einzustellen.

So waren denn auch herausragende Schulleiter maßgeblich daran beteiligt, dass das Johanneum im 16. Jahrhundert eine Blütezeit erlebte und bis zu 300 Schüler dort unterrichtet wurden. Hermann Tulich (latinisiert: Tullius oder Tulichius) aus Steinheim (Westfalen) vertauschte 1531 eine Professur in Wittenberg mit dem Amt des Rektors am Johanneum, das er bis zu seinem Tod 1540 ausfüllte. Später wirkte Lucas Lotze (Lossius) – zunächst als unterster Lehrer und dann als Rektor – zwischen 1532 und 1582 fünfzig Jahre am Johanneum und verfasste zahlreiche Schulbücher, die ein Bild davon zeichnen, wie in den unteren und mittleren Klassen unterrichtet wurde.Görges, Nebe: Geschichte des Johanneums zu Lüneburg. 1906, S. 13.

Lüneburg war in der Zeit der Reformation und in den Jahrzehnten darauf – vor allem durch seine lange Monopolstellung als Salzlieferant im nordeuropäischen Raum – eine reiche und blühende Stadt. Im letzten Drittel des 16. Jh. änderte sich das allerdings: mit dem Niedergang der Hanse – und dem Ausbleiben der Heringe um 1560 vor Falsterbo in Schonen – verlor die Stadt ihre großen Kunden im Salzhandel; Lüneburg verarmte rasch.

Zwar blieb die Stadt während des Dreißigjährigen Krieges weitgehend von Zerstörungen verschont, aber weil durch den Krieg und die veränderten politischen Verhältnisse der Handel sich verlagerte, musste Lüneburg weitere wirtschaftliche Einbußen hinnehmen und verlor 1635 auch ihre politische Freiheit. Lüneburg war jetzt nur noch eine „unbedeutende, mühsam um ihre Existenz ringende, unfreie Landstadt.“Matthaei: Lüneburgs Kirchen und Schulen. 1956, S. 57.

Das wirkte sich verheerend auch auf das Schulwesen aus. Für arme Schüler fehlten nun ganz Hospitia, und der gewohnte Zuzug von Schülern aus weiterer Ferne wegen des guten Rufes des Johanneums hatte so gut wie ganz aufgehört; die wenigen noch verbliebenen wohlhabenden Familien der Stadt ließen ihre Söhne im Hause unterrichten. Die Schülerzahl sank auf 200 ab, am Ende des Siebenjährigen Krieges waren es nur noch 49. 1758 musste das Schulhaus geräumt werden und diente als Gefangenenlager. Schule und Schüler gaben ein trostloses Bild ab.

„Geradezu erschütternd und fast unglaublich ist, was alte Akten und Chroniken über die innere Ordnung der Schule und die sittliche Haltung der Schüler berichten. … Geradezu unglaubliche Klagen werden geführt über das Verhalten der Schüler im Unterricht, soweit sie ihn überhaupt besuchen. Sie tun das nach Belieben. Bis zu hundertmal im Jahr, so heißt es 1686, schwänzen einige Schüler die Schule. 30 bis 60mal sei der Durchschnitt. … Das Betrüblichste dabei ist die Hilflosigkeit von Rektor und Lehrern.“Matthaei: Lüneburgs Kirchen und Schulen. 1956, S. 58.

19. und Beginn des 20. Jahrhunderts Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Schulgebäude wiederum zweckentfremdet: nach Einzug der napoleonischen Truppen am 27. Juni 1803 wurde es zunächst zum Militärhospital, dann französische Freimaurerloge, und während der Befreiungskriege wurde es bis 1814 als Lazarett genutzt. Der Unterricht fand während dieser Zeit in den Dienstwohnungen der Lehrer statt.Görges, Nebe: Geschichte des Johanneums zu Lüneburg. 1906, S. 75.

Danach ging es mit dem Johanneum langsam wieder aufwärts; die Schule wuchs auch wieder, seit 1819 die Michaelisschule aufgelöst worden war. Das Johanneum bekam 1828/29 nördlich der St. Johanniskirche ein neues Schulgebäude, in dem heute die Johannes-Rabeler-Schule untergebracht ist. Der Altbau hatte zu sehr unter seiner Zweckentfremdung Anfang des Jahrhunderts gelitten und genügte den räumlichen Anforderungen nicht mehr. Die Direktoren Johann Friedrich Wagner (Rektor 1794–1832) und vor allem Karl Haage der Ältere (1832–1842) reformierten den Unterricht nach Inhalten und Methoden. Unterrichtsschwerpunkte waren aber weiterhin die alten Sprachen. Die Inschrift doctrinae, virtuti, humanitati, die seit 1829 über dem Portal der Schule stand, war Haages Motto. 1830 fand die erste Reifeprüfung mit drei Abiturienten statt, darunter der spätere Bürgermeister Lüneburgs, G. F. W. Barckhausen.Peter: Lüneburg. Geschichte einer 1000jährigen Stadt 956-1956. 2. Auflage. 1999, S. 358.

1834 richtete der Nachfolger der Haages, Wilhelm Volger, in der bisherigen Dienstwohnung der Direktoren im ersten Stock des Kalandgebäudes zwei Realschulklassen ein, in denen Mathematik und Naturwissenschaften stärker berücksichtigt wurden. Die Schule, aus der das spätere Realgymnasium am Johanneum hervorging, entwickelte sich schnell. 1860 wurde das humanistische Gymnasium von 258, das Realgymnasium von 140 Schülern besucht. 1868 hatte sich dieser Realschulzweig zu einem Realgymnasium entwickelt, und man nahm 1870 sechs Prüflingen die Reifeprüfung ab.Peter: Lüneburg. Geschichte einer 1000jährigen Stadt 956-1956. 2. Auflage. 1999, S. 360.

Aus dem Wachstum der Schule ergab sich die Notwendigkeit, einen größeren Neubau zu errichten. Im Januar 1869 begannen die Bauarbeiten auf dem eingeebneten Roten Wall, 1872 konnte das neue Gebäude (heute: Oberschule am Wasserturm) bezogen werden. 1875 fand unter dem Lehrer Wilhelm Görges eines der ersten Spiele nach Fußballregeln innerhalb Deutschlands statt. Unter dem Direktor August Nebe wurde dem Johanneum 1904 ein pädagogisches Seminar zur praktischen Ausbildung von Kandidaten für das Lehramt an höheren Schulen angegliedert.