Kenosis ( „Leerwerden“, „Entäußerung“), auch Kenose, ist das Substantiv zu dem von Paulus im Brief an die Philipper gebrauchten Verb „er entäußerte sich“ (Phil. 2, 7). Über Jesus Christus ausgesagt, bedeutet der Begriff den Verzicht auf göttliche Attribute bei der Menschwerdung. Darüber hinaus kann er das „Leerwerden“ des einzelnen Gläubigen für den Empfang der göttlichen Gnade bezeichnen. Der jüdische Philosoph Hans Jonas bezog die Kenosis-Vorstellung auf die „Selbstentäußerung des Schöpfergeistes im Anfang der Dinge“Hans Jonas: Geist, Natur und Schöpfung. Kosmologischer Befund und kosmogonische Vermutung, in: Hans-Peter Dürr, Walther Christoph Zimmerli (Hrsg.): Geist und Natur. Über den Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Welterfahrung, Scherz, München 1989, S. 61–77, bes. S. 72..
Herkunft Der Bezugstext, dem das Substantiv Kenosis entlehnt ist, findet sich im Philipperbrief. Paulus zitiert in wahrscheinlich einen ihm schon vorliegenden HymnusBegründung und Literatur bei: Ulrich B. Müller: Der Brief des Paulus an die Philipper, Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament, hg. von Erich Faschert, Joachim Rohde, Udo Schnelle und Christian Wolff, Leipzig Evangelische Verlagsanstalt 2. Auflage 2002, ISBN 3-374-01463-1, S. 92f. Zu Zweifeln am hymnischen Charakter des Textes vgl. S. 95. (hier nach der revidierten Luther-Übersetzung von 2017):
Der Hymnus steht im Zusammenhang eines Werbens um Einheit in der Gemeinde: „Dazu achte in Demut einer den anderen höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht oft das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient“ ()."Wenn Gott seiner selbst nicht geachtet hat, wer kann dann noch auf sich selber bedacht sein?" - Erik Peterson: Apostel und Zeuge Christi. Auslegung des Philipperbriefes, Freiburg Herder 2. Auflage 1941, S. 15. Vgl. auch Erik Peterson: Der Name über Allen Namen (Phil 2,6-11), in: Ausgewählte Schriften, Würzburg Echter 2006, ISBN 978-3-429-02835-0, S. 451–457. Für Christus, aber auch für die, die ihm in seiner Kenosis nachfolgen, ist die Selbsterniedrigung in Demut nicht ein Ziel in sich, sondern hat ihr Ziel in der Verherrlichung des Vaters, weil Christus nicht nach der Weise irdischer Herrscher die Herrschaft erlangt"The self-humiliating Christ (who did not claim equality with God) is conceived as an antitypos of the self-elevating rulers of the world", aus dem Summary zu Samuel Vollenweider: Der „Raub“ der Gottgleichheit. Ein religionsgeschichtlicher Vorschlag zu Phil 2,6(–11), Horizonte neutestamentlicher Christologie, Studien zu Paulus und zur frühchristlichen Theologie, Tübingen 2002 (WUNT 144), 263–284., sondern durch Demut und Liebe, auf „dass Jesus Christus der Herr ist, zu Ehre Gottes des Vaters“ ().Teresa Kuo-Yu Tsui, "Kenosis" in the letter of Paul to the Philippians: The way of the suffering Philippian community to salvation, in: Louvain studies, 31(3/4), S. 306–321.
Auch wenn in der Theologie seit ältester Zeit zumeist die hier beschriebene Kenosis als „Selbstentäußerung des präexistenten“ Christus gedeutet wird,Ulrich B. Müller: Der Brief des Paulus an die Philipper, Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament, hg. von Erich Faschert, Joachim Rohde, Udo Schnelle und Christian Wolff, Leipzig Evangelische Verlagsanstalt 2. Auflage 2002, ISBN 3-374-01463-1, S. 96–98. kann der Hymnus auch verstanden werden als ein Lobpreis des menschengewordenen Gottessohnes, der sich als Mensch seiner von seinem Vater gegebenen Möglichkeiten entleert."Die 'kenosis' ist also nicht Entäußerung von seiner Gottheit, weder durch die Menschwerdung noch durch sein Sterben, sondern der Verzicht des Menschen Jesus auf die Ausübung seiner göttlichen Macht, besonders in seiner letzten Phase, und in der Hingabe seines Menschseins in den Tod, wie Paulus auch in Röm 6,3-10 nicht vom Präexistenten spricht, sondern von 'Jesus Christus'." Norbert Baumert: Der Weg des Trauens: Übersetzung und Auslegung des Briefes an die Galater und des Briefes an die Philipper, Würzburg Echter 2009, ISBN 978-3-429-03156-5, S. 295.
Katholische Theologie und Spiritualität In der katholischen und orthodoxen Theologie ist die Kenosis einerseits ein grundlegender Bestandteil der Christologie. Sie erklärt, wie Gott, der allmächtig und unendlich ist, sich auf eine Weise dem Menschen annähern konnte, die eine echte Beziehung ermöglichte. Die Kenosis betont die Einheit von göttlicher und menschlicher Natur in Christus. Sie ist Ausdruck der Liebe Gottes zur Menschheit und seiner Bereitschaft, sich der Sterblichkeit zu unterwerfen.Internationale Katholische Zeitschrift COMMUNIO, Heft 3/2015: Kenosis: Die Macht der Ohnmacht, abgerufen am 20. September 2024
Andererseits wurde eine von der katholischen Sichtweise abweichende Lesart der Kenosis, wie sie unter anderem in protestantischen Kreisen entwickelt wurde (siehe unten), verworfen. Noch 1951 lehnte Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Sempiternus rex Christus die „Lehre von der sogenannten Kenose“ rundweg als nicht-chalcedonisch ab:
Hans Urs von Balthasar Hans Urs von Balthasar hat in seiner Theodramatik wie kein anderer die Kenosis zum Mittelpunkt seiner Theologie gemacht. Gegenüber einer augustinischen Trinitätstheologie betont er, dass "die Grundbewegung, die im dreifaltigen Gott anzunehmen ist, (...) Hingabe, ja Entäußerung heißt, nicht aber Ansichhalten 'und Selbstbehauptung ist."Werner Löser: Kleine Hinführung zu Hans Urs von Balthasar. Freiburg Herder 2005, ISBN 978-3-451-28781-7, S. 109. Der schweizerische Theologe hat dabei Anregungen von russisch-orthodoxen Theologen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere Sergej Bulgakow aufgegriffen. Balthasar hat die kenotische Entäußerungsbewegung bis an die Grenzen des Denkbaren verfolgt: In einer Theologie des Karsamstags, da Gott tot ist, da der Logos verstummt zum Wort, das kein Wort mehr ist, wendet sich Balthasar von dem in der Tradition breit vertretenen Triumphalismus ab. Der tote Gottessohn lässt sich im Gehorsam in den Abstieg zur Unterwelt (descensus ad inferos) verfügen, er hinterlegt seine Gottheit in die Hände des Vaters, um denen nahe zu sein, die keine Nähe mehr kennen.Werner Löser: Kleine Hinführung zu Hans Urs von Balthasar. Freiburg Herder 2005, ISBN 978-3-451-28781-7, S. 149–153.
Spiritualität Die Lehre von der Kenosis ermutigt dazu, sich selbst aufzuopfern und den Nächsten zu dienen. Sie zeigt, dass Gott nicht fern und unnahbar ist, sondern den Menschen in Christus ganz nahegekommen ist.
Das Apostolische Schreiben "Dies Domini" (1998) von Papst Johannes Paul II. nimmt Bezug auf die Kenosis-Lehre, insbesondere im Zusammenhang mit der Eucharistie. Diese wird vom Papst als lebendige Vergegenwärtigung des Opfers von Golgota beschrieben, bei dem Christus sich in einer Haltung der Kenosis dem Vater darbringt. Diese Selbsthingabe Christi wird in der Eucharistie gefeiert und erinnert, was die Gläubigen dazu aufruft, sich ebenfalls in einer Haltung der Demut und Hingabe zu üben und die gleiche Haltung der Selbsthingabe und Demut anzunehmen, die Christus vorgelebt hat.
Protestantismus Die Frage, wie das Verhältnis der göttlichen und menschlichen Natur Jesu zueinander zu denken sei, wurde vor allem in der protestantischen Theologie des 16. und dann des 19. Jahrhunderts diskutiert und unterschiedlich beantwortet, ist aber bis heute aktuell.
16. und 17. Jahrhundert Martin Chemnitz (1522–1586) vertrat die Auffassung, dass Jesus Christus bei der Menschwerdung großenteils auf seine göttlichen Eigenschaften verzichtet habe. Diese kenotische Christologie wurde dann vor allem an der Universität Gießen vertreten.
Dagegen stand eine Christologie, die auf Johannes Brenz (1499–1570) fußend vor allem an der Universität Tübingen vertreten wurde, nämlich „daß Jesus Christus nicht nur […] im Besitz der göttlichen Eigenschaften […] sei, sondern daß er sie tatsächlich auch […] gebraucht habe“.Wolfhart Pannenberg: Grundzüge der Christologie, 6. Auflage, Gütersloh 1982, S. 318.
Daraus entstand zwischen beiden Fakultäten der Kenosis-Krypsis-Streit, der in der Decisio Saxonica 1624 entschieden wurde.John Aquinas.Farren: The Lutheran Krypsis-kenosis Controversy: The Presence of Christ, 1619 - 1627, Washington 1974
19. Jahrhundert Im 19. Jahrhundert bildete sich eine eigene Schule von Kenotikern:
Gottfried Thomasius unterschied die „weltbezogenen“ Wesenszüge Gottes, nämlich Allmacht, Allgegenwart, Allwissenheit, von den „immanenten“ Wesenszügen Macht, Wahrheit, Heiligkeit, Liebe; letztere habe auch Jesus nicht ablegen können.
Wolfgang Friedrich Geß (oder Gess) vertrat darüber hinaus die Ansicht, dass Jesus auch diese immanenten Eigenschaften nicht besessen, ja nicht einmal das Bewusstsein gehabt habe, von jeher Gott zu sein. „Man muß bei Geß fragen, ob von einer Gegenwart Gottes in dem Menschen Jesus überhaupt noch etwas bleibt.“ (Paul Althaus)
20. Jahrhundert Sehr nachdrücklich bekannte sich Dietrich Bonhoeffer zur Kenosis (wenngleich er den Begriff selbst nicht verwendete). So beschrieb er 1937 Jesu Menschwerdung in seinem Buch Nachfolge:
Bonhoeffer bezeichnet es als das Wunder aller Wunder, dass Jesus, der „von Ewigkeit her bei dem Vater war und die Gottesgestalt trug“, auf die Erde kam und ,„menschliches Wesen, menschliche Natur, sündliches Fleisch und menschliche Gestalt“ annahm. Hinsichtlich des sündlichen Fleisches (Röm. 8,3) präzisiert Bonhoeffer: „Es ist das sündliche Fleisch, das er trägt – doch ohne Sünde [zu begehen].“ Er konnte nur darum Sünde vergeben, weil er unser sündiges Fleisch in seinem Leibe angenommen hatte. Darum ist der Leib Jesu Christi, so Bonhoeffer, der Grund unseres Heils.
21. Jahrhundert Der evangelische Theologe Klaus Berger greift im 21. Jahrhundert die Diskussionen auf und spricht von einer doppelten Kenosis:
Jüdisch inspirierte Philosophie Der Philosoph Hans Jonas knüpfte im 20. Jahrhundert an die im 16. Jahrhundert in der jüdischen Mystik entstandene Vorstellung vom Tzimtzum an.Christoph Schulte: Zimzum. Gott und Weltursprung, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, S. 405 ff. Hierzu führt er aus:
Kenosis in Kunst und Literatur
Botho Strauß gebraucht in Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit (2013) des Öfteren „Kenosis“, ebenso die Container-Metapher.
Literatur
A. J. Maas: Kenosis, in: The Catholic Encyclopedia, Bd. 8. New York 1910 (Digitalisat). Pius XII.: Sempiternus rex Christus, Vatikan 1951 (engl. Übersetzung).
Martin Seils: Kenose. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4. Schwabe Verlag, Basel 1976, Sp. 813–815.
Gianni Vattimo: Glauben – Philosophieren. Reclam, Stuttgart 1997. Onno Zijlstra (Hrsg.): Letting go. Rethinking Kenosis. Bern 2002, ISBN 3-906769-24-0. Klaus Berger: Ist Gott Person? Ein Weg zum Verstehen des christlichen Gottesbildes. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2004, ISBN 3-579-06402-9. Christian Reidenbach: Artikel Entäußerung, in: Hans Jonas: Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme (1984). 14. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2013 (1987), ISBN 978-3-518-38016-1. Jens Henning: Kenotisches Gottsein? eine christologische Anfrage, Dissertation, LMU München: Katholisch-Theologische Fakultät, 2011, Kenotisches Gottsein? David R. Law: Der erniedrigte Christus. Die lutherische und anglikanische Kenotik im Vergleich. In: ZThK 111,2 (Juni 2014), S. 179–202. Peter Godzik: Gott geht mit und entäußert sich. In: ders.: Erwachsener Glaube. Lebenseinsichten. Steimann, Rosengarten bei Hamburg 2018, ISBN 978-3-927043-70-1, S. 7–14. Botho Strauß: Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit. dtv, München (Neuauflage) 2023, ISBN 978-3-423-14862-7.
Weblinks Peter Godzik: Dem Geheimnis auf der Spur: Von der Selbstpreisgabe Gottes, seinem Rückzug und seiner Hingabe (PDF; 2,88 MB), 2015. Historisches Wörterbuch der Philosophie online: Kenose (1976)
Einzelnachweise
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