Der chinesische Spielfilm Tuyas Hochzeit (Originaltitel: ) aus dem Jahr 2006 spielt im nördlichen Autonomen Gebiet Innere Mongolei. Regisseur Wang Quan’an inszenierte den Film als Drama mit komischen Elementen und erzählt darin von traditionell lebenden Hirten, deren Lebensform durch den raschen wirtschaftlichen Wandel sowie durch Verstädterung und ökologische Probleme in Frage gestellt ist. Die Rolle der selbstbewussten Titelheldin besetzte Wang mit der chinesischen Berufsschauspielerin Yu Nan, für die übrigen Rollen wurden ortsansässige mongolische Laien engagiert. An der Kamera stand der Deutsche Lutz Reitemeier. Bei den 57. Internationalen Filmfestspielen in Berlin zeichnete die Jury das Werk mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären aus. Am 23. August 2007 kam der Film in die deutschen Kinos.

Handlung Die mongolische Hirtin Tuya unterhält eine Schafherde. Sie muss nahezu allein für ihre zwei Kinder und ihren Mann Bater sorgen, der beim Versuch, einen Brunnen zu graben, verunglückt und seither behindert ist. Dabei geht sie jeden Tag an ihre Grenzen. Daneben liest sie auch mal ihren Nachbarn Sen’ge von der Straße auf, wenn er betrunken vom Motorrad gefallen ist. Der gutmütige Versager wird von seiner Frau betrogen und ist heimlich in Tuya verliebt. Eines Tages bricht sie unter der Arbeitslast zusammen und darf keine schwere körperliche Arbeit mehr verrichten. In dieser Lage kommt sie auf eine ungewöhnliche Lösung: Sie lässt sich von Bater scheiden und erklärt sich zu einer neuen Ehe bereit, sofern der Mann auch für Bater zu sorgen bereit ist.

mini|Mongolische Jurte Zwar sprechen zahlreiche Interessenten bei ihr vor, doch wegen der gestellten Bedingung lehnen sie alle ab. Erst Baolier, ein ehemaliger Schulkamerad Tuyas, der im Ölgeschäft zu Reichtum gekommen ist, geht darauf ein. Er bringt Bater in einem Pflegeheim unter und hat für Tuya und ihre Kinder ein Leben in seiner Villa vorgesehen. Doch Bater, der zeitlebens in der Steppe gelebt hat, kommt mit dem Leben im Heim nicht zurecht und unternimmt einen Versuch, sich zu töten. Sen’ge rettet ihn und ruft Tuya zurück, die auf dem Weg in ihr neues Heim gewesen ist. Sie verzichtet auf die Ehe mit Baolier und kehrt mit Bater in ihre Jurte zurück. Für Tuya beginnt die beschwerliche Arbeit von Neuem. Um sie zu entlasten, beginnt Sen’ge, ihr hinter dem Haus einen Brunnen zu bauen, damit die anstrengende Arbeit der Wasserbeschaffung entfällt. Zunächst reagiert sie mit Unwillen auf seine Bemühungen. Schließlich macht er ihr einen offenen Heiratsantrag, ist aber tagsdrauf verschwunden, weil seine Ehefrau in einer nahen Stadt aufgetaucht ist. Darüber enttäuscht willigt Tuya freudlos dem Antrag eines plumpen, aber zu einer wohlhabenden Familie gehörenden Mannes ein, der sich einverstanden erklärt, für Bater zu sorgen. Bald nähert sich der Hochzeitstermin, die Schafherde ist verkauft, als plötzlich Sen’ge mit einem Lastwagen mit Bohrgerätschaften auftaucht. Er ist zu seiner Frau gefahren, um sich von ihr scheiden zu lassen. So kommt es doch noch zur Hochzeit Tuyas mit Sen’ge – die aber durch einen Streit zwischen Sen’ge und Bater getrübt ist. Tuya weint.

Zum Werk Einordnung und Entstehung Regisseur Wang Quan’an gehört der so genannten „sechsten Generation“ chinesischer Filmemacher an. Die Leistung der vorangegangenen fünften Generation bestand in der Überwindung des maoistischen Verständnisses von Film als Propagandamittel und der Wiederherstellung seines Ranges als Kunst und persönliche Vision. Ihr gehörten Künstler wie Chen Kaige und Zhang Yimou an, deren Werke ab Mitte der 1980er Jahre bis Ende der 1990er Jahre an westlichen Filmfestspielen viel Anerkennung fanden. Kennzeichnend waren historische Stoffe in geschliffener Ästhetik. Die sechste Generation kann darauf aufbauen, setzt aber auf einen ungekünstelten, dokumentarischen Stil und widmet sich dem Alltagsleben der Gegenwart.Positif, September 2007, S. 22: Wang Quan’an, Einleitung, und Elise Domenach: Le Mariage de Tuya. La mariée était en larmes, im selben Heft, S. 23 Diese Regisseure orientieren sich stark an europäischen Vorbildern wie dem italienischen Neorealismus und der Nouvelle Vague. Sie zeigen Figuren, meist Frauen, zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Zukunftshoffnungen einerseits und persönlicher Unsicherheit und Not anderseits.Karsten Visarius: Einleitung. In: Made in China. Schüren, Marburg 2009, S. 7–8 und 10 Sowohl Wangs erster (2002) wie auch sein zweiter (2004) Spielfilm waren an der Berlinale zu sehen.

Der Film wurde privat finanziert, ohne Beteiligung des chinesischen Staats.Lutz Reitemeier im Gespräch mit der Welt, 25. August 2007, S. 24: „Am ersten Drehtag wird die Kamera geweiht“ Er zählt zu jenen kleinen Produktionen in China, die junge Filmemacher fernab staatlicher Strukturen, mit bescheidenen Mitteln und oft in der Provinz verwirklichen, um so eher von der Zensur in Ruhe gelassen zu werden.Urs Jenny: Braut zu verkaufen. In: Der Spiegel, 20. August 2007, S. 152 Die Kulturbehörde entsandte zwar Mitarbeiter zu den Dreharbeiten, doch hätten diese meist jungen Leute keine Aufsehermentalität, meinte Reitemeier. Eine eigentliche Zensur werde erst wirksam, wenn man den Film auf den Markt bringen oder für ein Festspiel im Ausland anmelden will.Lutz Reitemeier im Gespräch mit der Berliner Zeitung, 23. August 2007, Kulturkalender S. 2: Die Funktionäre spielten mit Die Hauptrolle ist mit Yu Nan, einer Berufsschauspielerin besetzt, die schon in Wangs beiden älteren Filmen eine Rolle innehatte. Um sich auf ihre Rolle vorzubereiten, lebte sie drei Monate bei einer mongolischen Hirtenfamilie, nahm deren Gestik an und lernte Pferd und Kamel reiten.Yu Nan bei der Pressekonferenz an der Berlinale 2007, enthalten auf der DVD, 3:20 und 8:50 Bei den anderen handelt es sich um Laiendarsteller, die Wang in der Umgebung des Drehorts rekrutierte. Sie treten im Film mit ihrem richtigen Namen auf. Wie Wang berichtete, war Sen’ge ein verheirateter Reiter mit einer Vorliebe fürs Süßholzraspeln, ein Zug, den Wang in die Erzählung einfließen ließ. Bater war tatsächlich körperbehindert.Yu Nan bei der Pressekonferenz an der Berlinale 2007, enthalten auf der DVD, 11:20 Sie sprechen allerdings nicht ihr gewohntes Mongolisch, sondern das in der Schule gelehrte Mandarin. Mit den Laien wolle er ein Maximum an Wirklichkeit erreichen, verriet Wang, doch benötige er zugleich eine professionelle Aktrice, die den dramatischen Aspekt zu zeigen fähig sei.Wang Quan’an im Gespräch mit Positif, September 2007, S. 27–28: Entretiens avec Wang Quan’an

Ein deutscher Kameramann Tuyas Hochzeit war, neben Dokumentararbeiten, der vierte Spielfilm, den der deutsche Kameramann Lutz Reitemeier in China drehte, zugleich sein zweiter mit Regisseur Wang. Er verdiente mit dieser Arbeit etwa die Hälfte dessen, was er in Deutschland bekommen hätte, es standen ihm dafür mehr Assistenten zur Verfügung als in Deutschland üblich. Wang habe ihn deshalb eingesetzt, weil es in China kaum dokumentarisch geschulte Kameraleute gebe, denn im Zuge der Kulturrevolution seien zwar Propagandafilme, aber keine Dokumentarfilme gedreht worden.Lutz Reitemeier in Gesprächen mit der Berliner Zeitung, 23. August 2007, Kulturkalender S. 2: Die Funktionäre spielten mit, und mit der Welt, 25. August 2007, S. 24: „Am ersten Drehtag wird die Kamera geweiht“ Wang selbst erklärte, im chinesischen Film werde der Mensch sehr weit weggeschoben, man sehe ihn nicht. In Tuyas Hochzeit sollte die Kamera möglichst nahe an die Protagonisten herankommen, so Reitemeier, das lerne man beim Dokumentarfilm. Bei emotionalen Szenen setzte er eine Handkamera ein, bei Landschaftsaufnahmen Kamerawagen und Kran.Lutz Reitemeier bei der Pressekonferenz an der Berlinale 2007, enthalten auf der DVD, 14:40 „Tendenziell habe ich die schönen Ansichten gesucht, die schneeverhangenen Berge im Hintergrund, während Wang Quan’an eher die Trockenheit der Wüste wollte.“ Er bewog Wang, dem westlichen Publikum zuliebe die schönen Landschaften dennoch zu zeigen. „Das chinesische Bildverständnis versucht, alles symmetrisch zu halten und die Personen in der Mitte zu platzieren. Wir im Westen vermeiden die Mitte.“ Eher ungewöhnlich für Filmemacher der sechsten Generation, konnte man auf 35-mm-Filmmaterial drehen – meistens müssen sie digital aufzeichnen, weil es kostengünstiger ist, fehlende Drehbewilligungen zu heimlichem Vorgehen zwingen und Film im staatlichen Kopierwerk entwickelt werden muss, was Eingriffe der Zensur ermöglichte. Wegen der niedrigen Temperaturen vor Ort befürchtete Reitemeier, die Perforation des Materials könnte in der Kamera brüchig werden. Er habe die Aufnahmen während des Drehs, fast drei Monate lang, nicht sichten können.

Traditionelle Lebensform unter Modernisierungsdruck In der Inneren Mongolei machen die Han-Chinesen etwa 80 Prozent der Bevölkerung aus, die ethnischen Mongolen stellen eine Minderheit von etwa 15 Prozent dar.Brunhild Staiger, Stefan Friedrich und Hans-Wilm Schütte (Hrsg.): Das große China-Lexikon. Primus Verlag, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-462-5, S. 333; Tara Boland-Crewe, David Lea (Hrsg.): The Territories of the People's Republic of China. Europa Publications, London 2002, ISBN 1-85743-149-9, S. 221 (gemäß der Volkszählung im Jahr 2000). Tuyas Hochzeit hat einen beinahe völkerkundlerischen Aspekt. Wie WojtkoNikolai Wojtko: Allein zwischen zwei Männern. In: Margrit Fröhlich, Klaus Grenenborn, Karsten Visarius: Made in China. Das aktuelle chinesische Kino im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche. Schüren, Marburg 2009, ISBN 978-3-89472-688-1, S. 129–130 analysierte, kann die vordergründig prächtige Zeichnung des einfachen Hirtenlebens die Vermutung nahelegen, Wang habe es verklären wollen. Tatsächlich werfe der Filmemacher aber grundsätzliche Fragen auf, die er offen lasse. Ebenso sahen einige Kritiker nicht in der Folklore einer Lebensform den Gegenstand des Films, sondern in ihrem allmählichen Verschwinden.Christoph Egger: Tuyas Ehen, Tuyas Heirat. In: Neue Zürcher Zeitung, 17. August 2007, S. 39 Es ist „einer jener Filme, die überall spielen könnten, wo eine traditionelle, in Jahrhunderten gewachsene Kultur durch Einflüsse von außen zersetzt wird, in den vielen Übergangszonen, in denen die Welt von gestern auf die technische Zivilisation von morgen trifft.“Andreas Kilb: Ich brauche keinen Dschingis Khan. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. August 2007, S. 29 Teils wurde der Film so verstanden, er äußere Zweifel an der Moderne ebenso wie an der Tradition, teils stellte man fest, Wang wähle die Erzählperspektive der traditionellen Kultur und nehme für sie Partei.Gerhard Midding: Tuyas Hochzeit. In: epd Film Nr. 8/2007, S. 32–33