Susianna „Susi“ Kentikian (; ; * 11. September 1987 in Jerewan, Armenische SSR, Sowjetunion) ist eine deutsche Boxsportlerin armenischer Abstammung.
Sie wurde 2007 Weltmeisterin im Fliegengewicht. Von Oktober 2009 bis Mai 2012 war sie dreifache Weltmeisterin im Fliegengewicht – nämlich nach Version der World Boxing Association (WBA), der World Boxing Organization (WBO) und der Women’s International Boxing Federation (WIBF). Kentikian ist mit bis zu 400 Schlägen pro Minute die schnellste Boxerin der Welt.
Leben Susianna Kentikian verließ im Alter von fünf Jahren gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder Armenien, weil dort die Einberufung ihres Vaters zum Militärdienst im damals umkämpften Bergkarabach drohte.Ina Bösecke. „Ich bin ein Killer, ich kämpfe wie ein Mann“. SPIEGEL ONLINE. 16. Februar 2007. Die Familie zog zunächst in ein Wohnheim nach Berlin, begab sich dann jedoch wegen der dort vorherrschenden Gewalt und fehlender Deutschkenntnisse nach Moldawien und später nach Russland, wo Kentikian kurzzeitig die Schule besuchte.Julia Treptow. Ein Fliegengewicht boxt sich nach oben. SPIEGEL ONLINE. 18. Januar 2006. Im Jahr 1996 kehrte die Familie nach Deutschland zurück und zog nach Hamburg. Kentikian lebte zunächst auf der Bibby Altona, einem Wohnschiff für Asylbewerber, und danach mit Eltern und Bruder in einem Asylbewerberheim.Anne-Dore Krohn. Durchgeboxt. Die Zeit. 15. Februar 2007. Ihr Aufenthaltsstatus blieb lange unsicher; erst ihr Profivertrag für drei Jahre sicherte ihr und ihrer Familie im Jahr 2005 ein dauerhaftes Bleiberecht.
Neben dem Schulbesuch begann Kentikian im Alter von 16 Jahren, in einem Fitnessstudio als Reinigungskraft zu arbeiten, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Im Sommer 2006 machte sie an einer Berufsfachschule für Ernährung und Hauswirtschaft den RealschulabschlussJosef Seitz. Der lächelnde Pitbull. FOCUS-Reportage. 7. Dezember 2007. und erhielt im Juni 2008 die deutsche Staatsbürgerschaft.Hamburg. Hamburger Abendblatt. 16. Juni 2008. Sie stellte einen Antrag auf Genehmigung einer doppelten Staatsbürgerschaft, um ihre armenische Staatsangehörigkeit zu behalten (bis Juni 2024 war eine Einbürgerung in Deutschland grundsätzlich nur bei Verzicht auf die bisherige Staatsangehörigkeit möglich).Endlich passt die Hymne. Hamburger Abendblatt. 26. August 2008.
Kentikian lebt heute zusammen mit ihrer Familie in einer Wohnung in der Nähe ihres Hamburger Boxstalls.
Amateurkarriere Mit zwölf Jahren entdeckte Kentikian ihre Begeisterung für das Boxen, nachdem sie ihren Bruder einmal zum Training begleitet hatte. Sie begann selbst mit regelmäßigem Training und erklärte, das Boxen habe ihr die Gelegenheit geboten, private Schwierigkeiten für kurze Zeit zu vergessen:
Zwischen 2001 und 2004 war Kentikian Hamburger Juniorenmeisterin.Andreas Hardt. . Die Welt. 31. März 2005. Als Amateurin wurde sie 2003 und 2004 außerdem norddeutsche Juniorenmeisterin im Regionalverband. Im Oktober 2004 errang sie ihren wichtigsten Titel bei den Amateuren, die Deutsche Meisterschaft der Juniorinnen.Björn Jensen: Die kleinste Profiboxerin Deutschlands. Hamburger Abendblatt. 10. Januar 2005. Mit wachsendem Erfolg wurde es für Kentikian zunehmend schwieriger, Gegnerinnen im Amateurbereich zu finden. Der Status als geduldete Asylbewerberin verbot ihr, außerhalb Hamburgs zu boxen, was ihre Situation erschwerte.Susi Kentikian. taz Hamburg. 2. Januar 2003. Während ihrer Amateurzeit erzielte Kentikian eine Bilanz von 24 Siegen bei einer Niederlage. Später erklärte sie diese mit ihrem Übereifer, da sie trotz gesundheitlicher Probleme zu jenem Kampf angetreten sei.Andreas Kötter. . ProSieben.de. Ihr aggressiver Kampfstil mit schnellen Kombinationen und ihr Bestreben, die Gegnerin bis zum Knockout zu attackieren, brachte ihr den Kampfnamen „Killer Queen“ ein; das gleichnamige Lied Killer Queen der Rockband Queen diente ihr häufig als Einmarschmusik.
Profikarriere Während eines Schaukampfes im Rahmen der WM-Ausscheidung der Amateure wurde Kentikian für die Profis entdeckt. Zu Beginn des Jahres 2005 unterschrieb sie einen Drei-Jahres-Vertrag mit dreijähriger Option beim Hamburger Boxstall Spotlight Boxing, einem Schwesterunternehmen der Universum Box-Promotion. Sie wird dort seitdem vom Universum-Trainer Magomed Schaburow betreut. Kentikian begann ihre Profikarriere am 15. Januar 2005 mit einem einstimmigen Punktsieg über die Bulgarin Iliana Boneva im Vorprogramm eines Weltmeisterschaftskampfs von Regina Halmich. In den folgenden 14 Monaten gewann Kentikian elf weitere Aufbaukämpfe, davon neun vorzeitig, und machte mit ihrer für das Frauenboxen – insbesondere in den unteren Gewichtsklassen – ausgesprochen hohen K.-o.-Quote auf sich aufmerksam. Am 25. Juli 2006 besiegte Kentikian Daniela Graf einstimmig nach Punkten und errang damit ihren ersten Profi-Titel, die Internationale Deutsche Meisterschaft im Fliegengewicht. In ihrem ersten internationalen Titelkampf am 9. September 2006 gewann sie die WIBF InterContinental Meisterschaft im Fliegengewicht; sie bezwang die US-Amerikanerin Maribel Zurita nach technischem K. o. in der vierten Runde, nachdem Zurita wegen einer Platzwunde an der linken Augenbraue aus dem Kampf genommen worden war.Torben Lodberg. . Womenboxing.com. 2. März 2008.
2007 Am 16. Februar 2007 bestritt Kentikian in Köln nach 14 gewonnenen Profikämpfen ihre erste Weltmeisterschaft. Sie besiegte Carolina Alvarez aus Venezuela durch technischen K. o. in der neunten Runde und errang damit den vakanten Weltmeistertitel des Verbandes WBA im Fliegengewicht. Der Kampf, der gleichzeitig ihren ersten Auftritt als Hauptkämpferin darstellte und erstmals live von ProSieben übertragen wurde, entwickelte sich nach einer zunächst ausgeglichenen ersten Runde klar zu Gunsten von Kentikian, und der Ringrichter brach das Gefecht wegen allzu großer Überlegenheit zum Schutz der stark gezeichneten Alvarez in Runde neun ab.Deutsche Killer-Queen Kentikian ist Weltmeisterin. SPIEGEL ONLINE. 16. Februar 2007. Bereits sechs Wochen später, am 30. März 2007, kämpfte Kentikian in ihrer ersten Titelverteidigung im Rahmenprogramm des Schaukampfes zwischen Regina Halmich und Stefan Raab vor 19.500 Zuschauern in der Kölnarena. Dabei gewann sie gegen María José Núñez aus Uruguay durch technischen K. o. in der dritten Runde. Kentikian schickte ihre deutlich unterlegene Gegnerin in Runde zwei zu Boden und der Ringrichter beendete den Kampf eine Runde später, als Núñez nach mehreren schweren Treffern nur noch von den Ringseilen auf den Beinen gehalten wurde.Schläge auf die Killerplauze. Die Welt. 31. März 2007. mini|Kentikian (rechts) im Rückkampf mit Nadia Hokmi, Dezember 2007
In ihrem nächsten Titelkampf stand sie am 25. Mai 2007 in Köln der Französin Nadia Hokmi gegenüber. Die Gegnerin erwies sich als erster harter Prüfstein in Kentikians Profikarriere und Hokmi gelang es, das Gefecht äußerst ausgeglichen zu gestalten. Nach schwächerem Beginn konnte die Französin mit Hilfe ihres deutlichen Größen- und Reichweitenvorteils besonders in der zweiten Kampfhälfte Runden für sich entscheiden und Kentikian gewann erstmals nur infolge einer geteilten 2:1 Punktentscheidung.Wolfgang Schiffbauer. Susianna Kentikian vs. Nadia Hockmi – Der Bericht. BoxingPress.de. 28. Mai 2007. Der Kampf wurde von der Frauenboxsportseite Womenboxing.com unter die fünf „Top Fights“ des Jahres gewählt.Women’s Boxing – WBAN Awards 2007. WomenBoxing.com. Am 7. September 2007 verteidigte sie ihren Titel im Burg-Wächter Castello in Düsseldorf gegen die Britin Shanee Martin und besiegte diese durch technischen K. o. in der dritten Runde. Kentikian dominierte Martin von Anfang an klar und der Ringrichter brach den Kampf nach einem Niederschlag in Runde drei ab.Susi Kentikian verteidigt WM-Titel. Hamburger Abendblatt. 26. Oktober 2007.
Nachdem die langjährige WIBF-Weltmeisterin Regina Halmich eine Woche zuvor ihre Karriere beendet hatte, vereinigte Kentikian am 7. Dezember 2007 in ihrer Heimatstadt Hamburg ihren WBA-Weltmeistertitel mit dem nach Halmichs Rücktritt vakanten Titel der WIBF. Dabei traf Kentikian in einem Rückkampf erneut auf Nadia Hokmi. Die Französin erwies sich wie schon sechs Monate zuvor als harte Gegnerin und der Kampf verlief ähnlich ihrem ersten Aufeinandertreffen. Wieder konnte Kentikian die ersten Runden für sich entscheiden, während Hokmi mit zunehmender Dauer besser zum Zuge kam und insgesamt ein ausgeglichener Kampf entstand. Diesmal sahen die Punktrichter Kentikian allerdings einstimmig als Gewinnerin.Susi Kentikian ist jetzt die neue Halmich. Die Welt. 8. Dezember 2007.
2008 mini|Kentikian vor ihrem Kampf gegen Sarah Goodson am 29. Februar 2008 Durch einen Sieg nach technischem K. o. in der dritten Runde gegen die Philippinin Sarah Goodson verteidigte sie am 29. Februar 2008 in Hamburg ihren Status als Doppelweltmeisterin. Goodson, die zuvor fast ausschließlich in niedrigeren Gewichtsklassen antrat, erwies sich von Beginn an als chancenlos und wurde vom Ringrichter in der dritten Runde aus dem Kampf genommen.Pavo Prskalo und Mike Glindmeier. Kurzarbeit für die Killer Queen. SPIEGEL ONLINE. 1. März 2008. Bei ihrer nächsten Titelverteidigung am 10. Mai 2008 in Halle besiegte Kentikian die US-Amerikanerin Mary Ortega durch technischen K. o. in der ersten Runde. Ortega ging nach rechten Geraden zwei Mal zu Boden und als Kentikian ihre Gegnerin erneut an den Ringseilen gestellt hatte, brach der Ringrichter den Kampf kurz vor Ende der ersten Runde ab. Das schnelle Aus kam überraschend, da Ortega im Vorfeld als starke Boxerin galt und unter anderem bereits gegen die damalige WIBA-Weltmeisterin Elena Reid trotz einer Punktniederlage überzeugen konnte.Kentikian verteidigt WM-Titel in der ersten Runde. SPIEGEL ONLINE. 10. Mai 2008.
Kentikian verteidigte ihre beiden Weltmeistertitel erneut am 29. August 2008 gegen die Israelin Hagar Finer, der letzten Gegnerin Regina Halmichs bei deren Abschied. Der Kampf im Düsseldorfer Burg-Wächter Castello entwickelte sich nach ausgeglichener erster Runde zunächst zu Gunsten von Finer, die während der ersten Kampfeshälfte die eindeutigeren Aktionen zeigte. Ab Runde fünf kam Kentikian besser zum Zuge und landete die klareren Treffer. Sie gewann das zum Teil unsaubere Gefecht letztlich einstimmig nach Punkten.„Killer Queen“ Kentikian verteidigt ihre WM-Titel. SPIEGEL ONLINE. 30. August 2008. In ihrem darauf folgenden Titelkampf traf Kentikian am 5. Dezember 2008 in Halle auf die amtierende russische GBU-Weltmeisterin Anastassija Toktaulowa, deren Titel jedoch nicht auf dem Spiel stand. Kentikian gelang es, ihre Gegnerin über weite Strecken des taktisch geführten Kampfes von der Ringmitte aus zu kontrollieren und erzielte einen einstimmigen Punktsieg.Kentikian verteidigt WM-Titel. SPIEGEL ONLINE. 6. Dezember 2008. Im Dezember 2008 wurde sie vom Fachmagazin BoxSport erstmals zu Deutschlands Boxerin des Jahres gekürt.„König Arthur“ sticht Klitschkos aus. FOCUS Online. 18. Dezember 2008.
2009 Am 20. März 2009 verteidigte Kentikian in Hamburg ihre Weltmeistertitel gegen die US-Amerikanerin Elena Reid einstimmig nach Punkten. Die Amerikanerin, die nach zwei umstrittenen Gefechten mit Regina Halmich 2004 und 2005 in Deutschland bereits für Aufsehen sorgte und neben Boxen auch zwei Mixed-Martial-Arts-Kämpfe bestritten hatte, blieb von Beginn an ungewohnt passiv und wurde von Kentikian klar kontrolliert. Auf den offiziellen Punktzetteln gewann Reid letztlich keine Runde.