mini|Nekomata, die auf ihren Hinterbeinen läuft. Zwei jüngere Katzen versuchen erfolglos, ebenfalls auf zwei Beinen zu gehen. Sie scheitern jedoch daran, dass sie zu jung sind und sich noch nicht in Nekomata verwandelt haben. Illustration aus dem Gazu Hyakki Yagyō (; Bilderbuch der Nachtparade der 100 Dämonen) von Toriyama Sekien. Eine Nekomata ( oder ; von japanisch neko „Katze“ und mata „Gabelung“ oder „gegabelt“; vollständig also „Gegabelte Katze“) ist ein fiktives Wesen aus dem japanischen Volksglauben, das sich aus einer Hauskatze entwickeln kann, aber auch wild in bestimmten Bergregionen Japans und Chinas hausen soll. Sie gehört zur Gruppe der höheren Dämonen, der Yōkai.

Die Nekomata wird als eine Verwandte des Bakeneko (ebenfalls ein zauberkundiger Katzendämon) angesehen, wobei die Übergänge fließend sind und die Nekomata sehr oft mit den Bakeneko verwechselt werden. Erst der doppelte beziehungsweise gegabelte Schweif soll eine Unterscheidung sichern. Nekomata gelten im traditionellen Volksglauben als bösartig, im Gegensatz zur Maneki-neko, der „Winke-Katze“, die Glück bringen soll. Der Glaube an Nekomata ist sowohl im Buddhismus als auch im Shintoismus vertreten. Auch aus der chinesischen Mythologie sind mit Nekomata vergleichbare Katzendämonen bekannt. Erzählungen und Sagen über vorgebliche Begegnungen mit Nekomata sind mindestens seit dem frühen Autor Yoshida Kenkō (1283–1350) der Übergangszeit von der Kamakura-Zeit (1185–1333) zum Beginn der Muromachi-Zeit (1336–1573) überliefert.

Hintergründe Etymologie Von den unterschiedlichen zur Schreibung des Japanischen verwendeten Schriftsystemen sind zwei für die Etymologie von „Nekomata“ von Bedeutung: Kanji (aus der chinesischen Schrift übernommene Zeichen) und Hiragana (eine japanische Silbenschrift). Die älteste Schreibung des Namens „Nekomata“ war eine Kombination aus dem Kanji, (neko) für „Katze“ und den beiden Hiragana-Zeichen また (mata). Eine spätere Schreibung verwendete die beiden Kanji . Das zweite Kanji hat die Bedeutung „Gabelung“ bzw. „gegabelt“ und zusammen ergeben die Kanji – in Bezug auf den doppelten Schweif – die beschreibende Bezeichnung „gegabelte Katze“. Die am häufigsten gebrauchte Schreibung erfolgt jedoch mit den Kanji . Auch hier steht das erste Kanji für „Katze“. Zur Bedeutung des zweiten gibt es unterschiedliche Erklärungen. Eine erklärt das zweite Kanji mit der Bedeutung des Zählwortes mata wa („vielfach“, „wiederholen“, aber auch „entweder oder“) und bezieht sich auf den doppelten Schweif des Dämons. Die zweite Erklärung bezieht sich auf die Bedeutung des Kanji im Sinne von „wieder“ oder „auch“. Die „Wieder-Katze“ oder „Auch-Katze“, auch übersetzt als „Wiedergänger-Katze“, wäre demnach auf den im Volk verbreiteten Aberglauben zurückzuführen, dass eine Katze mehrere Leben besitze.

Beide Kanji, und , sind spätere Hinzufügungen. Höchstwahrscheinlich sind sie ein Versuch, Erklärungen für ein aus der Vergangenheit tradiertes Wort zu bieten, dessen eigentliche Bedeutung durch die Abweichungen innerhalb der Überlieferungen verloren ging (sogenanntes Stille-Post-Prinzip), sodass zwischen Wortherkunft und heutiger Bezeichnung kein klarer Bezug mehr hergestellt werden kann. Der genaue Ursprung des Namens Nekomata ist somit nicht überliefert. Da mata jedoch auch „Gabelung“ oder „gegabelt“ bedeutet, was dem Aussehen des Dämons am ehesten gerecht wird, wird der japanische Name Nekomata in moderner Literatur gemeinhin mit „gegabelte Katze“ übersetzt.

Traditionelle Beschreibung Der japanischen Folklore zufolge sollen Nekomata einer gewöhnlichen Katze sehr ähnlich sein, sie fallen jedoch durch ihre ungewöhnliche Größe und durch zwei Schweife auf. Sie sollen dann entstehen, wenn eine Hauskatze ungewöhnlich alt (meist älter als drei beziehungsweise dreizehn Jahre) oder fettleibig und schwerer als acht Pfund (entspricht 4 kg) wird. Es heißt zudem, dass Nekomata, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, aufrecht auf zwei Beinen gehen. Außerdem sollen sie sich in alte Frauen verwandeln können. Des Weiteren werden ihnen gewisse schwarzmagische Kräfte nachgesagt: So können sie nicht-magische Hauskatzen verhexen, Hitodama beschwören und sich vom Blut ihrer Besitzer ernähren (ähnlich wie Vampire). Im chinesischen Volksglauben heißt es, dass die Schweife einer Nekomata während der Nacht zu Schlangen würden, weshalb es bereits im frühen 11. Jahrhundert Mode wurde, den Hauskatzen die Schwänze zu kupieren. Um 1602 wurde dies durch kaiserlichen Beschluss verboten.Carl van Vechten: The Tiger In The House. S. 96.Peter Warner: Perfect Cats. S. 68.

Verschiedene Formen Der japanische Volksglaube unterscheidet zusätzlich grob zwischen zwei Formen der Nekomata: Die eine lebt als wildes Tier in den Bergen, während die andere Form in Häusern lebt und sich aus der Hauskatze entwickelt. Dabei ist zu beobachten, dass die Körpergröße der Nekomata im Laufe der Zeit in den Überlieferungen zunimmt. 1685 berichtet das Shinchomonshū von einer Nekomata, die in den Bergen der Provinz Kii gefangen wurde und die annähernd die Größe eines Wildschweins besessen haben soll; 1775 berichtet das Wakun no shiori vom Brüllen einer Nekomata, das aus den Bergen zu vernehmen war, worauf die Größe eines Löwen oder Panthers angenommen wurde. Das Gūisō () von 1809 weiß von einer 2,8 m großen Nekomata zu berichten, die einen Hund im Maul davontrug.Tada Kamitsu, Kyōgoku Natsuhiko: , S. 170–171.

Ähnlichkeiten mit der Bakeneko Nekomata werden recht häufig mit den ihnen ähnlichen Bakeneko ( „Monsterkatze“) verwechselt. Dies rührt daher, dass Bakeneko nicht nur äußerlich den Erstgenannten gleichen (auch sie haben das Aussehen einer Hauskatze), beide Dämonen sind zauberkundig, können ihre Gestalt ändern und entstehen auf die gleiche Art und Weise. Daher ist es für Unkundige oft nicht leicht zu erkennen, welche Legende oder Anekdote von einer Nekomata und welche von einer Bakeneko erzählt, es sei denn, der Dämon wird bei seiner Eigenbezeichnung genannt. Unterschiede zwischen beiden Wesen bestehen darin, dass Nekomata aufrecht auf zwei Beinen gehen und zwei oder mehr Schweife besitzen, während die Bakeneko nur einen Schweif besitzt und stets auf allen vieren läuft.Colette Balmain: Introduction to Japanese Horror Film. Edinburgh University Press, Edinburgh (UK) 2008, ISBN 978-0-7486-2475-1, S. 72–76.

Überlieferungen Wilde Nekomata mini|Nekomata im Tonoigusa (), um 1687. Ein Jäger tötet eine Nekomata (unten links), welche die Gestalt seiner Mutter angenommen hat. mini|Nekomata im Yamato Kaiiki; um 1709 mini|Kawaraban der Riesenkatze (Nekomata) von Azabu, um 1685 Die bislang früheste Nennung des Wortes „Nekomata“ findet sich im Zuihitsu Tsurezuregusa ( „Betrachtungen aus der Stille“) aus den Jahren 1334 bis 1339, verfasst von dem buddhistischen Mönch Yoshida Kenkō. Eines dieser Essays erzählt von einem frommen Priester und eifrigen Dichter namens Amedabutsu, der in der Nähe des Gyōgan-Tempels lebt. Von seinen Nachbarn erfährt er, dass in den nahegelegenen Bergen eine ‚Nekomata‘ gesichtet worden sei, ein Monster, das Menschen fresse. Die Leute berichten ihm: Amedabutsu sagt sich daraufhin: „Ich sollte wohl vorsichtig sein, wenn ich allein unterwegs bin.“ Als der Dichter spät abends von einer Vorlesung heimkehrt und im Dunkeln von einem zunächst undefinierbaren Wesen angefallen wird, hält er es für eine Nekomata und erschrickt. Der Mann stürzt in einen Bach und ruft um Hilfe. Im Schein der Fackeln der herbeieilenden Anwohner erkennt Amedabutsu, dass es in Wirklichkeit sein eigener Haushund war, der sein Herrchen im Dunkeln wiedererkannt, begrüßt und unbeabsichtigt in den Bach gestoßen hatte. Amedabutsu aber, obwohl er seine kostbaren Gedichte und Schreibutensilien bei dem Sturz verloren hatte, kehrt nach Hause zurück, als sei ihm soeben die Flucht seines Lebens geglückt, und er wird von den Dorfbewohnern gehörig ausgelacht.Yoshida Kenko, George Bailey Sansom: Essays in Idleness. S. 39. mini|Nekomata mit Shamisen im Hyakkai-Zukan () von 1737

Aus dem Jahr 1685 stammt ein Kawaraban (traditionelles japanisches Flugblatt), das von einer als Ōneko ( „Riesenkatze“) bezeichneten Nekomata berichtet: In der Ortschaft Azabu (heute Stadtteil von Tokio) sollen wiederholt Menschen angegriffen und Hunde und sogar Füchse verletzt oder getötet worden sein. Nach mehreren Versuchen, das Tier zu vertreiben oder zu erlegen, konnte die Kreatur in einem Käfig gefangen werden. Der Erzählung zufolge entpuppte sich das Tier als eine fast drei Fuß (entspricht ca. 91,0 cm) hohe Katze mit gegabeltem Schweif.

Begleiter des Menschen Im Yamato Kaiiki ( „Mysteriöse Geschichten Japans“), um 1709 von einem unbekannten Autor geschrieben, wird von dem Haus eines Samurai berichtet, in dem es immer wieder zu unerklärlichen Hitodama-Erscheinungen kommt: Unheimlich glühende Feuerbälle, welche knapp 8 cm über dem Boden schweben, werden im und um das Haus herum beobachtet, alle Versuche, sie zu erhaschen, bleiben erfolglos. Eines Abends beobachten die Bewohner des Wohnviertels einen ganzen Pulk von Hitodama in einem Baumwipfel eines Nachbargartens. Gleichzeitig werden die Dienerinnen des Samurai von Poltergeist-Aktivitäten erschreckt: Ihre Schlafkissen rotieren wie Kreisel und bei einer der Dienerinnen bewegt sich das Kissen in alle Himmelsrichtungen, bevor sie spurlos verschwindet. Der Samurai bittet unzählige Schamanen, Beschwörer und Priester um Hilfe, doch keiner findet die Quelle oder den Urheber des Spuks. Auch bleiben ihre Gebete und Bannsprüche wirkungslos. Eines Tages schließlich entdeckt der Hausherr eine sehr alte Katze, die auf ihren Hinterbeinen über das Dach spaziert und ein Kopftuch mit dem Namen der verschwundenen Dienerin trägt. Als der Mann die Katze mit Pfeil und Bogen tötet, entdecken die Anwohner, dass das Tier zwei Schweife besitzt und somit offenkundig eine Nekomata war. Mit dem Tod der Dämonenkatze sollen die Vorkommnisse umgehend geendet haben.Elli Kohen: World history and myths of cats. S. 48–51.M. W. de Visser: The Dog and the Cat in Japanese Superstition. S. 31.

Eine ähnliche Anekdote findet sich im Buson yōkai emaki ( „Busons bebilderte Erzählung der Yōkai“), das um 1754 von Yosa Buson (* 1716 – †1784) verfasst wurde. Darin heißt es, auf dem Anwesen Nagoya () des Fürsten Sakakibara () habe sich eine Nekomata herumgetrieben und die Bewohner schikaniert. Einer der Gefolgsleute, ein gewisser Inaba Rokurō, stellt das Wesen schließlich. Die Nekomata richtet sich auf, klopft sich mit den Pfoten auf den Bauch und ruft frech: „Schieß doch!“. Inaba beschießt das Monster über fünfzig Mal mit seiner Arkebuse, doch die Schrotkugeln prallen vom Bauch der Katze ab, ohne diese zu verletzen. Die Erzählung lässt offen, ob die Nekomata je vertrieben werden kann.Cheryl A. Crowley: Haikai poet Yosa Buson and the Bashō revival. S. 209.

Auch in Schriftstücken wie dem Taihei Hyaku Monogatari ( „Sammlung von 100 Märchen“) von Ichinaka Sanjin Yūsa aus dem Jahre 1732 wird von einer Nekomata berichtet. Ein Besucher des buddhistischen Hyongo-Tempels zu Kyōto nutzt die Abwesenheit des Abts, um sich im Tempel umzusehen. Durch einen Türspalt beobachtet er in einem Nebenzimmer drei wunderschöne, junge Frauen bei einer Konversation. Dies kommt dem Besucher seltsam vor, immerhin ist dies ein Tempel und der Abt ist eigentlich als asketisch lebender Kleriker bekannt. Als der Abt zurückkehrt und den jungen Mann in jenen Raum einlädt, in dem zuvor die Frauen waren, sitzen dort nun – zur großen Überraschung des Besuchers – drei Katzen. Der Mann alarmiert den Abt, als er die Katzen als Nekomata identifiziert, und der Abt jagt die Wesen aus dem Tempel. Aus Rache belegen die Nekomata den Besucher mit einem Fluch, an welchem der junge Mann zugrunde geht.