mini|hochkant=1.5|Reste der Königshalle im ehemaligen Archäologischen Garten nebst älteren und jüngeren Siedlungsspuren, vom Domturm aus gesehen, September 2011 Die Königspfalz Frankfurt, historisch inkorrekt oft auch Kaiserpfalz Frankfurt, war ein wichtiger, auf dem Frankfurter Domhügel gelegener Stützpunkt der karolingischen und ottonischen Könige und Kaiser. Sie entstand Anfang des 9. Jahrhunderts unter Ludwig dem Frommen, dem Sohn Karls des Großen, und ersetzte einen Königshof der Merowinger des 7. Jahrhunderts, die die Gegend um Frankfurt am Main ihrerseits von den Alamannen erobert hatten. In den folgenden zwei Jahrhunderten kam es wiederholt zu Umbauten und Erweiterungen der Anlage, dabei entstanden auch die Vorgängerbauten des heutigen Kaiserdoms St. Bartholomäus.

Ab dem 11. Jahrhundert verlor die Pfalz ihre Bedeutung als Residenz deutscher Herrscher. Erst in staufischer Zeit, etwa der Mitte des 12. Jahrhunderts, wurde der Ort unter Konrad III. wieder Ort von Hoftagen. Ob der nach klassischer Deutung als Königsburg errichtete, aus dieser Zeit stammende Saalhof ein direkter Nachfolgebau war, oder die Pfalz auf dem Domhügel weiter genutzt wurde, ist umstritten. Die aufgelassene Pfalz verschwand unter der nachfolgenden bürgerlichen Bebauung des Spätmittelalters. Die Pfalzkirche ersetzte schrittweise der gotische Dom.

In der frühen Neuzeit setzte die Suche nach der Pfalz ein, die Gelehrte und Wissenschaftler mangels sichtbarer baulicher Reste über Jahrhunderte mit dem Saalhof gleichsetzten. Erst nach der Zerstörung der Frankfurter Altstadt durch die Luftangriffe auf Frankfurt am Main im Zweiten Weltkrieg konnten archäologische Ausgrabungen die Pfalz an ihrem tatsächlichen Standort aufdecken. Ihre Reste wurden seit Anfang der 1970er Jahre im Archäologischen Garten präsentiert. Er wurde im Zuge des Dom-Römer-Projektes 2013 bis 2016 bei Erhalt der Funde mit dem Stadthaus überbaut. Seit August 2018 werden die Funde in der neuen Ausstellung Kaiserpfalz Franconofurd als Außenstelle des Archäologischen Museums Frankfurt präsentiert.

Geographie und Topographie Frankfurt am Main liegt in der Untermainebene, einem Teil der hessischen Senke, die von der oberrheinischen Tiefebene den mitteleuropäischen Graben nach Norden fortsetzt. Im Pleistozän, also zwischen 2,5 Millionen und 10.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, bildeten sich dort drei wesentlich zu unterscheidende Geländeebenen aus, die als Haupt-, Mittel- und Niederterrasse bezeichnet werden. Die Niederterrasse in Flussnähe ist durch Ablagerungen von Schotter und Sanden geprägt.

mini|Verlauf der Braubach im Altstadtbereich(Chromolithografie von Friedrich August Ravenstein von 1862 mit Überlagerung nach Karl Nahrgang) Die Ebene der Hauptterrasse bildet das Plateau des Berger Rückens, die in einer geologischen Scholle als Kalksteinbarriere bis zum Sachsenhäuser Berg reichte. Die Scholle zerschnitt der Main zwischen dem Röderberg im Norden und dem Mühlberg im Süden, was eine über lange Zeit von Überschwemmungen, Sümpfen und Flussläufen geprägte Talenge begründete, welche jedoch zugleich die beste Zugangsmöglichkeit zum Fluss eröffnete.Orth, Gockel, Schwind 1985–1996, S. 134.

Im Holozän setzten sich einzelne Flüsse innerhalb der Niederterrasse ab und schnitten dann allmählich in den abgelagerten Schotter, was zur Ausbildung einzelner hochwasserfreier Anhöhen führte. In der gleichen Epoche lagerte sich ausgeschwemmter Auenlehm im gesamten jetzigen Stadtgebiet ab, der heute den geologischen Untergrund sämtlicher darüber befindlicher Kulturschichten darstellt.Stamm 2002, S. 63.

Der Domhügel, auf dem Königspfalz und der namensgebende Dom später errichtet wurden, war eine solche hochwasserfreie Anhöhe der Niederterrasse von etwa 325 Metern Länge und 125 Metern Breite. Im Norden schützte das Gelände ein vermoorter Altarm des Main, die Braubach, im ungefähren Zuge der heutigen Straße; im Osten, jenseits der heutigen Fahrgasse, das sumpfige Fischerfeld. Südlich begrenzte der etwa 100 Meter nördlich des heutigen Ufers verlaufende Main, und im Westen begann ungefähr am heutigen Römerberg abermals eine moorige Senke.

Nur auf Höhe des Römerberges führte ein schmaler Landsteg vom etwas weiter westlich gelegenen, ebenfalls hochwasserfreien Karmeliterhügel an der Stelle des jetzigen Klosters gefahrlos in das daher auch als Dominsel bezeichnete Gebiet.Orth, Gockel, Schwind 1985–1996, S. 144. Südwestlich des Landstegs lag die von Kalkfelsen gebildete Furt etwa am heutigen Fahrtor, der Frankfurt nicht nur den Namen, sondern überhaupt seine Existenz verdankt. Sie verschwand erst im 19. Jahrhundert bei der Ausbaggerung des Mains zugunsten des zunehmenden Schiffsverkehrs.Orth 1991, S. 11.

Geschichte Vorgeschichte und Vorgängerbauten Bodenfunde zeigen eine regelmäßige Besiedelung des Domhügels seit der Jungsteinzeit, eine Siedlungskontinuität bestand spätestens seit der Spätantike.Wintergerst 2007, S. 92. Nach der weitgehenden Zerstörung der römischen Niederlassung auf dem Domhügel im Zuge des Limesfalls ließen sich dort Mitte des 3. Jahrhunderts Alamannen nieder. Kurz nach 531 wurden diese von Franken, geführt vom Herrschergeschlecht der Merowinger, vertrieben.Orth 1991, S. 10.

Die Könige des anbrechenden Mittelalters hatten keinen festen Herrschaftssitz, sondern reisten mit ihrem großen Gefolge durch das Reichsgebiet, in dem sie eine größere Zahl von königlichen Fronhöfen besaßen. Dies war Folge eines anfänglichen Mangels an Verwaltungseinrichtungen, einer mündlichen Regierungsweise sowie der Tatsache, dass die Bewirtschaftung des gesamten Hofstabes einer Region immer nur für eine bestimmte Zeit zuzumuten war. Nur wirtschaftlich besonders leistungsfähige und zu Land und Wasser gut erschlossene Landgüter wurden durch Baulichkeiten in die Lage versetzt, auch über längere Zeiträume den königlichen Hof aufzunehmen.Picard 2004, S. 19 u. 20.

mini|Projektion der Befunde / Teilrekonstruktion des Zustandes im 7./8. Jahrhundert auf den Stadtplan des 19. Jahrhunderts, am oberen Tuchgaden die nicht rekonstruierbaren geringen Reste profaner merowingischer Bauten(Chromolithografie von Friedrich August Ravenstein von 1862 mit Überlagerung nach Magnus Wintergerst) Mehrere Fronhöfe wurden in sogenannten Fiskalbezirken zusammengefasst. Im Lorscher Reichsurbar, der zwar aus dem späten 12. Jahrhundert stammt, aber Urkunden seit der Mitte des 8. Jahrhunderts wiedergibt, erscheint Frankfurt als das Zentrum eines solchen Bezirks von etwa 20 × 22 km zwischen Kelsterbach und Bürgel mit Teilen des Reichsforstes Dreieich; der Kernbezirk war zwischen Main und Nidda, Nied bis Bischofsheim mit einer nördlichen Ausdehnung bis etwa Hausen und Seckbach abzugrenzen. Nebenhöfe lagen in Griesheim, Kelsterbach, Seckbach und Vilbel.Picard 2004, S. 38 u. 39.

Ein merowingischer Königshof in Frankfurt zur Verwaltung dieses weiträumigen Besitzes dürfte noch im 6. Jahrhundert relativ bald nach der fränkischen Landnahme errichtet worden sein. Anbetrachts seiner Bedeutung muss von einer weit größeren Anlage auf dem Domhügel ausgegangen werden, als die nur sehr spärlichen archäologischen Befunde – Schriftzeugnisse liegen für diese Zeit nicht vor – bisher zeigen konnten.Wintergerst 2007, S. 20 u. Plan 16.1.Wamers, Périn 2012, S. 163 u. 164. Die karolingische Königspfalz und vor allem tief greifende spätmittelalterliche Kelleranlagen haben einen Großteil der Spuren dieser Zeit getilgt.

Ergraben wurden die Reste einer rund 11,5 Meter langen und 7 Meter breiten Marienkirche im südlichen Bereich des heutigen Domturmes, in der Forschung auch als Apsidenbau bezeichnet.Wintergerst 2007, S. 27 u. 28. Nordöstlich davon fanden sich die Fundamente eines etwa 10 Meter langen und rund 4,5 Meter breiten, mit nachrömischer Fußbodenheizung ausgestatteten Gebäudes, der sogenannte Bau I. Seine Funktion ist von der Forschung nicht völlig geklärt, zur Darstellung siehe Die Domgrabungen 1991–1993 in der Kritik.

Geringe Reste weiterer Steinbauten wurden im Bereich des ehemaligen Tuchgadens und unter dem ehemals dort befindlichen Roten Haus aufgedeckt. In ihnen ist nach jüngster Forschungsmeinung ein weiterer Rechteckbau in Ost-West-Richtung sowie westlich davon ein senkrecht dazu stehendes Gebäude mit auffälliger halbrunder Apsis oder Nische zu sehen. Keramikfunde weisen in das 7. oder 8. Jahrhundert. Die Verbindung der Bauten am Dom und am Tuchgaden ergibt eine Gesamtanlage, die sich insgesamt über fast 100 Meter Breite auf dem Domhügel erstreckte.Wamers, Périn 2012, S. 164 mit Rekonstruktion

In dem nach Befund schon bald wieder verfallenden Bau I wurde zu Beginn des 8. Jahrhunderts ein hochadeliges Mädchen mit reichen Grabbeigaben bestattet, dessen ungestörtes Grab man erst 1992 wiederentdeckte. Das Mädchen stammte mit Sicherheit aus hohem fränkischen Adel, den der König zur Verwaltung seiner Güter eingesetzt hatte, vielleicht der Familie des zu Zeiten Karls des Großen in Frankfurt urkundlich genannten Fiskusverwalters Nantcarius, die in der Region schon seit dem frühen 7. Jahrhundert bezeugt ist.Hampel 1994, S. 112–152; Befunde zum Mädchengrab.Wintergerst 2007, S. 30–39; Interpretation der Befunde zum Mädchengrab.Wamers, Périn 2012, S. 178–180.

Karl der Große in Frankfurt Es liegt nahe, die Königspfalz Frankfurt mit dem legendären Gründer der Stadt, Karl dem Großen, in Zusammenhang zu bringen: Nach der Weihnachtsfeier 793 in Würzburg fuhr er den Main hinab und stellte am 22. Februar 794 „sup(er) fluvium Moin (in) loco nuncupante Francono furd“ dem Kloster Sankt Emmeram in Regensburg eine Urkunde aus, die heute das älteste original erhaltene Namenszeugnis Frankfurts darstellt. Aufgrund von nur unwesentlich jüngeren Quellen ist allerdings davon auszugehen, dass der karolingische Herrscher noch in den letzten Tagen des Jahres 793 dort eintraf und überwinterte.

mini|Karl der Große auf einer Münze des frühen 9. Jahrhunderts, die in Frankfurt am Main geschlagen wurde Wichtigste Ereignisse während seines anschließenden achtmonatigen Aufenthalts waren die Feier des Osterfestes und die Synode von Frankfurt, die dort im Juni 794 mit wohl mehreren tausend Teilnehmern aus ganz Europa zu 56 geistigen und politischen Fragen tagte. Am 10. August 794 starb Fastrada, die vierte Frau Karls des Großen, die zur Bestattung nach St. Alban vor Mainz überführt wurde. Nach seiner bald darauf erfolgten Abreise kehrte er, soweit bekannt, zeitlebens nicht nach Frankfurt zurück.MGH DD Kar. 1 S. 236–238; MGH SS 1 S. 35, 36, 45 u. 300–302; MGH SS rer. Germ. 6 S. 94 u. 95; MGH Capit 1. S. 73–78; MGH Conc. 2,1 S. 165–171; Urkunde vom 22. Februar 794, Berichte über Anreise, Aufenthalt und Abreise Karls des Großen in den Lorscher Annalen und den Reichsannalen sowie Protokolle der Synode (Frankfurter Kapitular).Fried 1994, S. 25–34.

Offen ist, wieso Karl der Große eine Stadt aufsuchte, die damals urkundlich aus dem Dunkel der Geschichte trat, sie zum Ort einer Synode von derartigem Rang machte, und sich dort für längere Zeit aufhielt. Spekuliert wird über eine kurzfristige, außerplanmäßige Entscheidung vor dem Hintergrund der für das Jahr 793 überlieferten Missernten, die demnach vor allem den Westen und Süden des Reiches schwer getroffen hatten. Auch war das durch Eroberungen schnell gewachsene Frankenreich in jener Zeit akut bedroht:

Von Osten drangen die Awaren, ein zentralasiatisches Reitervolk, zum wiederholten Male insbesondere gegen das erst 774 einverleibte langobardische Königreich in Italien und das 788 eroberte Bayern vor. 792/93 befand sich der Frankenherrscher daher von Regensburg aus in den Vorbereitungen für einen großen Feldzug gegen den größten Feind des Reiches. Doch die Missernten noch nicht genug fielen 793 erneut die im heutigen Norddeutschland ansässigen Sachsen sowie im Südwesten die Sarazenen ins Reich ein, weswegen der Awarenfeldzug zunächst verschoben werden musste, um gegen die Sachsen zu ziehen.