mini|Bau eines Plattenbaus in Tensta, Schweden, 2009
Als Plattenbau wird eine Bauweise bezeichnet, bei der Gebäude aus geschosshohen Betonfertigteilen errichtet werden, die zuvor in einem Werk hergestellt und als fertige Elemente auf der Baustelle nur noch montiert wurden. Die Bauweise entstand aus den Bemühungen um einen seriellen bzw. industriellen Wohnungsbau seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über Zwischenschritte wie Großblockbauweise und Streifenbauweise ab Anfang des 20. Jahrhunderts. Eine weiterentwickelte Form ist die Raumzellenbauweise, welche parallel ab den 1960er Jahren entwickelt wurde.
Voraussetzung für die Anwendbarkeit des Plattenbaus als effizienzsteigernde Baulösung ist wie bei allen seriellen Produktionsweisen Typisierung und Standardisierung sowie die Möglichkeit der industriellen Herstellung, des Transports und der Montage der großen und schweren Elemente. Durch die veränderten politischen und technischen Möglichkeiten setzte sich die Bauweise insbesondere in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch. Während der Plattenbau in Westeuropa, als Großtafelbauweise bezeichnet, meist auf Großwohnsiedlungen des sogenannten sozialen Wohnungsbaus beschränkt blieb, wurde er im sogenannten Ostblock von den frühen 1960er Jahren an zur dominanten Bauweise für fast alle Zwecke. Die Potenziale der zunehmend variabler und komplexer werdenden Serien konnten aufgrund der Situation der dortigen Volkswirtschaften allerdings nicht mehr ausgeschöpft werden.
Begriff Definition mini|Plattenbauten (Typ WBR 83) in der Rostocker Altstadt, 1986
Als Plattenbau wird eine industrialisierte Bauweise bezeichnet, bei der Gebäude – überwiegend Wohnbauten – aus werkseitig oder auf einem Feldwerk in der Nähe der Baustelle vorgefertigten, raum- bzw. wandgroßen Stahlbetonelementen errichtet werden, die per Kran montiert und an der Baustelle zu einem tragenden Gesamtsystem gefügt werden. Als Plattenbauten werden fachlich ausschließlich Gebäude bezeichnet, die aus industriell vorgefertigten, geschosshohen und wandbreiten Platten sowie entsprechenden Deckenplatten montiert sind.
Im historischen Kontext seriellen/industriellen Bauens werden häufig auch Vorläufertechniken wie die Block- und Großblocktechnik sowie die Streifenbauweise wie auch Halbfertigteilbauweise mit betrachtet. All diese Techniken verwendeten bereits größere Elemente, meist aus Beton, und konnten seriell, bei der Großblock- und Streifenbauweise auch bereits industriell, hergestellt werden. Sie waren jedoch kleiner und vor allem leichter als die späteren Platten/Großtafeln und konnten mit zeitgenössischen Tragkränen problemlos verarbeitet und mit Lastkraftwagen transportiert werden. Die technische Entwicklung, mit der die Montagekräne höhere Lasten heben konnten, verdrängte diese Vorläufer später weitgehend. Wurden frühe Konstruktionen noch in der Nähe der Baustelle hergestellt und nur von einem Kran an die Montagestelle gebracht, folgten später große ortsgebundene Fertigungswerke mit komplexen Fließlinien. Auch mobile Plattenwerke spielten z. B. für das ländliche Bauen eine Rolle.
Ebenfalls in den Umkreis der Plattenbautechnik zählen Fertigteilelemente, wie Fassaden, Treppen und Aufzugsschächte in Kombination mit Ortbetonkonstruktionen. Hierbei werden massive Schottenkonstruktionen vor Ort als zusammenhängendes Bauteil monolithisch gegossen und mit Voll- und Halbfertigteilen wie z. B. Sandwichwandplatten, die in einem Werk hergestellt wurden, belegt. Bekannte Beispiele sind der Gebäudekomplex Memhardstraße in Ostberlin, ausgeführt in Berliner Wandbauweise, sowie der Gebäudekomplex Wassertorstraße in Westberlin, ausgeführt in Schälerbauweise.
Begriffsgeschichte Der Begriff „Plattenbauweise“ wurde bereits in den 1920er Jahren verwendet und war sowohl in der DDR wie auch in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit fachlich üblich. Der Bauingenieur Robert von Halász schlug hingegen für die Grundmodule 1966 den Begriff „Tafeln“ und für die Bauten „Tafelbauten“ vor. Der Ausdruck „Plattenbau“ sei „sprachlich falsch und begrifflich ungenau“.Robert von Halász: Industrialisierung der Bautechnik. Bauen und Bauten mit Stahlbetonfertigteilen. Düsseldorf 1966, S. 253. Ausschlaggebend für diese Unterscheidung war, dass „Platten“ strenggenommen nur jene Bauelemente seien, die hauptsächlich auf Biegung beansprucht werden, insbesondere also Decken. Hingegen bezeichnete er Elemente wie Wände, die hauptsächlich auf Druck beansprucht werden, als „Scheiben“. Der Begriff „Tafel“ umfasse dann beide Gruppen. Sein Begriff hat sich zwar fachsprachlich etabliert, den Begriff „Plattenbau“ allerdings nicht verdrängt.
Seit den 1970er Jahren wurde der Begriff „Plattenbau“ im Westen allgemeinsprachlich als abwertender Begriff für Großwohnsiedlungen üblich. Nach der Wiedervereinigung wurde der Begriff dann auch auf die Neubaugebiete der DDR angewandt, medial in häufig abwertender Absicht. Dessen ungeachtet hat sich der Begriff fachlich wie in der Umgangssprache weitgehend durchgesetzt.
In Ostdeutschland wird er jedoch nach wie vor auch als abwertender Begriff verstanden. Der Soziologe Steffen Mau konstatiert in seinem Buch Lütten Klein (2019) z. B. über die gleichnamige Siedlung in Rostock, der Begriff „Plattenbau“ für die Gebäude werde von vielen Bewohnern seit der Wende als „westdeutscher Kampfbegriff“ verstanden. In der DDR war die Bezeichnung „Neubau“ gebräuchlich.
Bautechnik
Das Plattenbauverfahren gehört zur Gruppe des Fertigteilbaus und findet insbesondere bei Wohn- und Bürogebäuden Anwendung. Betonplatten werden in Fabriken hergestellt und zur Baustelle transportiert. Dort werden sie dann zusammengefügt.
Herstellung mini|Produktion in einem Plattenwerk, 1979 in Bautzen
Die Herstellung der Platten wird wetterunabhängig in Fabriken ausgeführt, entweder in stationären Werken, von denen aus die Elemente dann zum Bauplatz transportiert werden, oder auch als Feldfabrik, die bei großen Projekten sinnvoll ist, da der Transport entsprechend entfällt oder reduziert werden kann. Der Übergang zur Ortbetonbauweise ist hier fließend.
Die Produktion der Tafeln erfolgt in acht aufeinanderfolgenden Arbeitsgängen:
Vorbereitung der Schalung (Reinigen, Zusammensetzen, Einsprühen) Einbau von Aussparungen und Verlegen von Leerrohren für die Installation Einsetzen der vorbereiteten Bewehrung Einbringen und Verdichten des Betons auf dem Rütteltisch Erhärten Ausschalen und Transport aus der Halle Endkontrolle Lagern
Die Produktion erfolgt je nach Typ der Teile unterschiedlich. Flächige Teile wie Wand- und Deckenplatten werden in der Umlauffertigung produziert, bei der die Teile von Arbeitsstation zu Arbeitsstation verbracht werden. Andere Teile werden häufig in der Standfertigung produziert, bei der die Arbeitskolonnen von Element zu Element wandern.
mini|Transport von Wandelementen in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), 1975
Transport Für den Transport der Elemente müssen leistungsfähige Transportmittel zur Verfügung stehen, entweder LKWs auf guten Straßen ohne weitere Hindernisse oder Bahnen. Bei LKWs ist der Transport mit Tiefladern üblich, große Elemente werden dabei in der Regel aufrecht stehend transportiert. Der Transport muss auch gewährleisten, dass dabei keine Kräfte auf die Elemente wirken, die Schäden verursachen können.
Je nach Projekt kann der Transport entweder direkt zum Montageort erfolgen, wo die Elemente sofort verbaut werden, oder in ein Zwischenlager, das als Puffer für Unregelmäßigkeiten bei der Zulieferung dienen kann.
Montage Die Montage der Fertigteile erfolgt nach einem Montageplan in festgelegter Reihenfolge. Ausschlaggebend ist dabei die Qualität der Krane, die die Elemente an ihren Bestimmungsort heben. Sie müssen nicht nur hohe Lasten tragen, sondern auch mittels eines Feinhubwerks die Elemente ruckfrei bewegen können. Leichtere Platten werden dabei von Turmdrehkranen gehoben, schwerere durch Autokrane.
Beim Absetzen der Elemente können diese entweder per Unterlagsplatten oder mit Schraubenbolzen justiert werden. Anschließend werden die Platten mit Richtstützen und Montagestreben gesichert und zur Befestigung mit Fertigmörtel oder Beton vergossen. Sollen sie später demontierbar bzw. regulierbar sein, können die Befestigungen statt Verguss auch mit nicht rostendem Stahl ausgeführt werden, was jedoch deutlich teurer ist.
Bei entsprechend guter Vorplanung kann ein Bau in Plattenbauweise um bis zu 30 % schneller (und kostengünstiger) ausgeführt werden als ein Bau in Ortbetonbauweise.
Geschichte Vorläufer Mitte des 19. Jahrhunderts startete ein regelrechter Vorfertigungsboom durch den Export vorgefertigter Häuser als Holz- und Eisenkonstruktionen in die britischen Kolonien. Er endete mit dem Goldrausch um 1860, woraufhin sich die Hersteller wieder auf den Heimatmarkt konzentrierten. Dort hatte Vorfertigung aber nur eine Chance, wenn sie mit dem klassischen Mauerwerksbau konkurrieren konnte. Diese Situation führte zur Verbreitung des Gussbetons in England und Frankreich. Die Kunststeinfirma Lippmann, Schneckenburger und Cie. aus Batignolles bei Paris stellte als erste hohle Platten aus Beton her, mit denen man Häuser zusammensetzen konnte. Die Platten konnten aber kein allzu großes Gewicht aufweisen, um sie noch transportieren zu können, und fielen deswegen recht klein aus. 1875 erprobte W. H. Lascalles eine Blockbauweise, in der die bewehrten Elemente Abmessungen von 61 × 91 × 4 cm hatten. Für diese Bauweise wurde der englische Architekt Richard Norman Shaw beauftragt, um Cottages in rustikalem Stil für das System zu gestalten. Lascelles und Shaw erhielten für die Häuser, angelehnt an den Queen-Anne-Stil, eine Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung 1878. Um 1900 sind von Hennebique und Züblin vorgefertigte Bahnwärterhäuschen für die Staatliche Eisenbahnverwaltung mit Eisenbahnkränen errichtet worden.
Eldon Street Council Housing mini|Eldon Street Fertigteilbau John Alexander Brodie (1858–1934) war von 1898 bis 1925/26 „City Engineer“ von Liverpool und errichtete 1903–1905 an der Ecke Eldon Street/Vauxhall Road in Liverpool experimentelle Wohnbauten aus vorgefertigten Stahlbeton-Wandplatten, die von vornherein auf Serienproduktion angelegt waren und bei denen die Arbeitsabläufe fotografisch dokumentiert wurden. Als Mitarbeiter der Stadt ließ er die Arbeiterunterkünfte für das Housing Council mit dem Ziel errichten, schnell und günstig Wohnraum zu schaffen. Die Bauten bestanden zum Teil konstruktiv aus Ortbeton und Mauerwerk, zum Teil aus geschosshohen Platten mit Fensteröffnungen. Zur Montage errichtete man ein hausgroßes Gerüst. Die Wandplatten wurden teilweise auf die fertiggestellten Fertigteildecken gegossen und dann in Position gekippt. 1905 stellte Brodie ein weiteres Haus in Fertigteilbauweise bei der Cheap Cottages Exhibition im britischen Letchworth aus, womit seine Methodik weltweit bekannt wurde.
Aiken System Ein weiterer Zwischenschritt für den Einsatz von geschosshohen Platten war die Entwicklung von Oberst Robert Aiken. Bei dem nach ihm benannten Aiken-System wurden geschosshohe bis mehrgeschossige Hauswände von Gebäuden in einer horizontalen Position gegossen und in Position gehoben. Die US-Armee baute während des Spanisch-Amerikanischen Krieges damit Kasernen auf den Philippinen. Nach seiner militärischen Karriere patentierte Robert Aiken sein System 1908 und gründete die Firma Aiken Cement House. Aiken benutzte damit ein Kippverfahren, das ähnlich dem von Brodie ist und bis in die 1950er Jahre in Frankreich benutzt wurde.
mini|System Berard in Migennes
Das System Bérard