mini|hochkant|Erstausgabe von 1907 mit einer Illustration von Karl Walser mini|hochkant|Robert Walser Geschwister Tanner ist der erste Roman von Robert Walser. Walser schrieb ihn Anfang 1906 in nur sechs Wochen in Berlin. Er erschien dort Anfang 1907 bei Bruno Cassirer.

Handlung Der 20-jährige verhinderte Bankangestellte Simon Tanner ist auf der Suche nach dem passenden Platz im Leben. Seine vier Geschwister, die Schullehrerin Hedwig Tanner, der Gelehrte Dr. Klaus Tanner, der Maler Kaspar Tanner und der „Irrenhäusler“ Emil Tanner, können ihm dabei wenig helfen.

Simon Tanner

Die Vorsteherin des gut geheizten „Kurhauses für das Volk“, in das sich Simon Tanner auf der Flucht vor eisiger Winterskälte am Romanende rettet, verwundert sich über den „jungen, knabenhaften Mann“Alle folgenden Seitenangaben ohne Nennung des Autors beziehen sich auf die Textausgabe von Jochen Greven (1985)Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 7, ja sie macht sich sogar „unwillkürlich Kummer“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 318 Obwohl sich die Vorsteherin als die „Überlegene“ fühlt und Simon für unbedeutend hält, vermutet sie sofort, der Ankömmling müsse „bedeutende Menschen zu Geschwistern“ haben. So ist es beinahe. Simon erzählt der Dame, „Klaus, der Älteste“, nehme „eine bedeutende Stellung in der Gelehrtenwelt“ ein. Bruder Kaspar hingegen lebe sehr zurückgezogen als Maler in Paris, und die einzige Schwester Hedwig unterrichte auf dem Dorfe Kinder. Hedwig sei es auch gewesen, die die Mutter bis zu deren Tode gepflegt habe. Zu dem Zeitpunkt sei Simon vierzehn Jahre alt gewesen. Der Vater sei mittlerweile achtzig Jahre alt. Der dritte Bruder allerdings sitze im „Irrenhaus“. Nach dem Tode seiner Mutter sei Simon „in eine Bank als Lehrling gegeben“ worden. Im dritten Lehrjahr sei er vom „Direktor zum Teufel“ gejagt worden.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 328 Als er „noch eine bestimmte Sehnsucht trug“, erzählt Simon weiter über sich, seien ihm „die Menschen gleichgültig“ gewesen. Nun aber kenne er „keine Sehnsucht mehr“ und „jetzt liebe“ er die Menschen.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 330

Bruder Klaus

Simon wechselt die „Bankanstalten“ wie die Hemden. Allerdings wird er meist nicht hinausgeworfen, sondern geht, weil ihm irgendetwas nicht passt. Er bleibt nicht in seinem Beruf, sondern wird „Buchhandlungsgehilfe“, verlässt aber bald den „nichtsnutzigen Bücherladen“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 16, meldet sich beim „Stellenvermittlungsbureau“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 18, wird „Krankenwärter“ und arbeitet bei einem „Advokaten“ als Aushilfe. Simon findet doch noch Anstellung bei einem „Bankhaus von weltbedeutendem Umfang“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 34, legt sich aber mit dem Direktor an und wird prompt entlassen. Simon verschmäht das angebotene Zeugnis. Er „will sich von nun an nur noch auf sich selbst berufen“. Er „will keine Zukunft“, er „will eine Gegenwart haben“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 44 Simon versucht sich erfolglos als JournalistTextausgabe von Jochen Greven (1985), S. 100 und beteiligt sich an der Inventur „in einer großen Maschinenfabrik“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 192

Der „immerwährende Berufswechsel“ missfällt dem ältesten Bruder Klaus, der sich für seinen jüngsten Bruder Simon verantwortlich fühlt, sehr. Zwar nennt Klaus den Bruder Simon einen „Müssiggänger“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 154, doch ist der Gelehrte so rücksichtsvoll und feinfühlig, dass es über den ganzen Roman hinweg nie zu einer heftigen Kontroverse zwischen den beiden Brüdern kommt. Simon, nachlässig, verspricht Klaus, „daß es bald aufhört“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 155 mit der Faulenzerei. Klaus nimmt das leere Versprechen gutgläubig hin und leistet somit dem Schlendrian Vorschub.

Klara Agappaia

Mit ein klein wenig Geld in der Tasche sucht Simon die Pension der schönen Frau Klara Agappaia – fast außerhalb der Stadt „am Waldesrande“ – auf, um für sich und seinen Bruder Kaspar ein Zimmer zu mieten. Das wird für die beiden armen Schlucker unerschwinglich. Klara, von dem jungen Mann beeindruckt, lässt die zwei Brüder unentgeltlich in ein „prachtvolles Chambre“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 32 [Zimmer] einziehen und verliebt sich in Kaspar. Ihre Liebe dehnt Klara gleich noch auf Simon aus. Sie küsst den Jungen mit der Begründung, er sei ja der Bruder des Geliebten.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 58 Simon soll immer Klaras Freund bleiben. Er sei ihr „süßer Knabe“, mit einem „Kopf voll so unergründlicher Gedanken“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 87

Klaras Gatte, der schießwütige Forschungsreisende Agappaia, hat gerade sein Vermögen verspieltTextausgabe von Jochen Greven (1985), S. 105 und sucht das Weite. Klara muss die Pension aufgeben. Die Brüder verlieren ihr komfortables Zimmer.

Bruder Kaspar

Kaspar, der Maler, will sich nicht an eine Frau binden, denn er muss der Kunst dienen, also „hart zu denen sein, von denen er am meisten geliebt“ wird.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 91 Mit dem künstlerischen „Schaffen“ ist das so: Alles Liebe muss abgetötet werden. Somit wird Liebe fürs Schaffen freigesetzt.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 224 Eine schwerere Aufgabe als Kunstproduktion kann sich nämlich kein Mensch vorstellen.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 225 „Kaspar malt für die Lust späterer Geschlechter.“ Wohl dürfe man einem Künstler zusehen, sollte ihn aber ja nicht beeinflussen wollen. Simon, der Taugenichts, kann nicht begreifen, was für ein Arbeiter sein Bruder, der Maler, ist. „Kunst“ wird definiert als Erklärungsversuch des Unerklärlichen.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 112 Kaspar trennt sich von Klara, obwohl sie nicht von ihm lassen will und nimmt außerhalb der Stadt Gelegenheitsaufträge an. Simon freut sich, weil Klara Kaspar unglücklich liebt.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 114 Doch Simon will „ein besserer Mensch werden“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 128

Schwester Hedwig

Für drei Monate kommt Simon bei seiner Schwester unter. Zwar begrüßt Hedwig den Bruder stürmisch, doch sie erkennt alsdann ernüchtert: Sonst hat sich Simon nicht um sie gekümmert, aber für das Bereitstellen von Kost und Logis ist sie gut genug.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 136 Simon trägt abgerissene Kleidung mit „kleidsamer Eleganz“. Die „sanfte“ Hedwig fühlt sich beglückt. Der Bruder erledigt die Hausarbeit und macht sich darüber seine Gedanken: Dankbarkeit will er der Schwester nicht zeigen. Damit beleidigte er sie nur. Wann wird die „seßhafte Schwester“ den „Tagedieb“ fortjagen, sinniert er weiter. Dann geht auch Hedwig das Geld aus. Auf dem Lande ist das kein Problem. Die Eltern der Schulkinder versorgen den Haushalt der Lehrerin mit Naturalien. Klaus kommt zu Besuch und nimmt sich Simon vor. Hedwig und Simon sind froh, als der „gestrenge Inspektor“ wieder fort ist. Beide vertändeln viel Zeit miteinander. Hedwig verachtet Simon „ein ganz klein wenig“,Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 175 denn er habe „etwas Unbekümmert-Läppisches“ an sich. Hedwig jagt den Bruder schließlich fort und will sich nicht nach ihm sehnen.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 180 Von besonderer Bedeutung ist die Begegnung Simons mit Hedwigs Freund Sebastian. Eines Abends findet er dessen durch die Winterkälte gefrorene Leiche in einem Bergwald. Simon bewundert Sebastian für die Umstände seines Todes. Auf die im Roman beschriebene Art kam Walser selbst 1956 zu Tode, der nach einem einsamen Spaziergang tot im verschneiten Wald liegen blieb.Timo Stein: Robert Walser: Ziellosigkeit als Prinzip. Cicero. 25. Dezember 2011

Die Zauberin

Simon geht zurück in die Stadt, wird der „Diener einer Frau“ und pflegt deren kranken kleinen Sohn.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 208 Zwar fordert die strenge Frau viel von Simon, doch sie lässt ihn auch an ihrem Schreibtisch einen Brief schreiben und bleibt geduldig daneben sitzen. Simon möchte gern eine Ohrfeige von der Herrin. Er provoziert sie, doch es bleibt offen, ob er die gewünschte Strafe bekommt. Jedenfalls ist er bald wieder stellenlos. Er nimmt ein Zimmer bei der Vermieterin „Frau Weiß“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 250 und bezahlt im Voraus. Sogleich legt er sich ins gemachte Bett und träumt von Klara. Die ist Zauberin geworden und führt ihm seine Geschwister einzeln vor. Klaus „schreibt fleißig an seinem Lebenswerk“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 222 Hedwig liegt tot da. Mädchen sein und leiden, das war zu viel.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 223 Kaspar, „der Schaffende“, darf beim Malen nicht gestört werden.

Als der Träumer, „ein Freund des Unglücks“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 240, erwacht, liest er „in dem Roman von Stendhal“ weiter.

Bruder Emil

Aus der Lebensgeschichte Emils wird mitgeteilt: Er besuchte zunächst ein Lehrerseminar, führte in München „ein ziemlich flottes Leben“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 234, unterrichtete „reicher Leute Kinder“, zerstritt sich mit seinem Direktor, ging nach Italien, dann nach England, versuchte sich als Politiker, Dichter, Dramatiker, Komponist und auch als Zeichner. Zuletzt übte er wieder den Lehrerberuf aus und wurde – geisteskrank geworden – ins Irrenhaus gebracht.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 237

Gefangene

Außer seinen Geschwistern und Klara begegnet Simon immer neuen Menschen. Denen gesteht er seine Konfession. Klug werden durch das Reisen – davon hält Simon nichts, denn er sei klug und wolle einst „im Lande mit Anstand sterben“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 256 „Lächeln beim Tode“ wolle er dann versuchen und innerliche Frömmigkeit sei für ihn gleichbedeutend mit „menschlichem Anstand“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 264 Simon „will Mensch bleiben“. Das heißt für ihn, er könne „mit ganz wenigem satt werden“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 257 Dazu passt seine letzte Stelle. Als Bedürftiger wird er Schreiber. Diese Arbeit bekommen nur solche, „denen die Kleider womöglich in Fetzen herunterhängen“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 277

Stellvertretend für jene Schar Unbekannter, denen Simon noch begegnet, sei die bereits ganz oben erwähnte „Vorsteherin“ aufgeführt. Die Vorsteherin hat ihren ersten Kurzauftritt als letzte Figur am Romanschluss. Zu Weihnachten wandert Simon, der „unverwüstliche Mensch, der allerhand Missgeschick zu ertragen versteht“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 239, an den Stadtrand hinauf zu „Klaras Waldhaus“, das inzwischen „Kurhaus für das Volk“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 309 geworden ist. Die Vorsteherin kann sich an Simon nicht sattsehen. Warum braucht Simon seine Zeche im Kurhaus nicht zu bezahlen? Wegen jener Freundlichkeit der Vorsteherin etwa, als sie fragt, ob „wir nicht alle Geschwister auf diesem verlorenen Planeten“ sind? In jener Frage wird ein Titelwort des Buches – Geschwister – angesprochen. Das ist es nicht nur. Simon, „scheinbar etwas verkommen, hat etwas Fesselndes“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 315 Die Vorsteherin steht für alle Figuren, denen Simon im Roman begegnet – sie ist seine „arme, glückliche Gefangene“.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 332

Zitate „Man paßt dahin, wohin man sich sehnt.“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 90 „Das Zufällige ist immer das Wertvollste.“Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 244

Selbstzeugnis Walser im Mai 1914 über das Schreiben der Geschwister Tanner: Der bessere Gedanke und der damit verbundene Schaffensmut tauchte nur langsam aus den Abgründen der Selbstnichtachtung und des leichtsinnigen Unglaubens hervor. Voller Entzücken hing ich an dem fröhlichen Grundgedanken, und indem ich nur fleißig immer weiter schrieb, fand ich den Zusammenhang.Textausgabe von Jochen Greven (1985), S. 336

Rezeption