Preisen will ich die großen Männer () ist ein Buch mit dem Text des amerikanischen Schriftstellers James Agee und den Fotografien des amerikanischen Fotografen Walker Evans, das zuerst 1941 in den USA veröffentlicht wurde. Die deutsche Erstausgabe in der Übersetzung von Karin Graf erschien 1989. Der Titel ist der Anfang einer Passage im Buch Jesus Sirach 44,1 Laßt uns nun preisen die großen Männer und unsere Väter, die uns zeugten.
Hintergrund Die Jahre von 1933 bis 1938 waren in den USA die Zeit von Präsident Franklin D. Roosevelts Reformen des New Deal, die u. a. mit „relief programs“ (Arbeitsbeschaffungsprogrammen / Notstandshilfen) die ärmsten Teile der Bevölkerung unterstützen sollten.
Ausgangspunkt des Buches war im Jahr 1936 ein Auftrag des Wirtschaftsmagazins Fortune an James Agee und Walker Evans für eine Reportage über die Lebensbedingungen weißer Pachtbauern in Alabama. Agee war zu diesem Zeitpunkt bei Fortune als Redakteur angestellt, Evans arbeitete für die staatliche Farm Security Administration und ließ sich für die Aufgabe freistellen.Walker Evans at Work. Thames and Hudson, London 1994. Darin: „Chronology“. Im Sommer 1936 lebten sie für ungefähr acht Wochen im Hale County unter drei in bitterer Armut lebenden weißen Farmerfamilien, um für ihren Artikel zu recherchieren.
Wie James Agee in der Einleitung des Buchs erklärt, bestand der ursprüngliche Auftrag darin, „einen Artikel über Baumwoll-Pachtwirtschaft in den Vereinigten Staaten vor(zu)bereiten, in Form eines Foto- und Wortbeitrags über das tägliche Leben und die Lebensbedingungen einer durchschnittlichen weißen Pachtbauernfamile.“ Die fertiggestellte Reportage – sein Manuskript und Evans’ Fotos – wurde von Fortune allerdings, „aus Gründen, die nicht hierhergehören“, wie er in der Einleitung schreibt, nicht veröffentlicht, und ebenso konnte auch für eine erste geplante Buchausgabe kein Verlag gefunden werden.
Obwohl er dann ein „umfassenderes Werk“ mit dem Titel Drei Pächterfamilien (Three Tenant Families) plante, wurde lediglich der erste Band abgeschlossen: Preisen will ich die großen Männer (Let us now Praise Famous Men).
Im Jahr 2005 wurde in den hinterlassenen Aufzeichnungen Agees ein umfangreiches Manuskript gefunden, bei dem es sich vermutlich um den Original-Text des vorgesehenen Fortune-Artikels handelt. Unter dem Titel Cotton Tenants: Three Families wurde es 2013 als Buch veröffentlicht.
Agee betonte, dass „das Unterfangen“ von Let us now Praise Famous Men, über sein nominelles Thema der Baumwoll-Pachtwirtschaft hinaus, „der Erkenntnis der Größenordnung einer unvorstellbaren Existenz und der Planung angemessener Techniken, um sie aufzuzeichnen, mitzuteilen, zu analysieren und zu verteidigen“ galt. „In der Hauptsache“ sei es „eine unabhängige Erforschung bestimmter normaler Notlagen des gottähnlichen menschlichen Wesens.“Darstellung des zeitlichen Ablaufs (vom nicht akzeptierten Artikel für Fortune 1936 über die zunächst gescheiterte Buchveröffentlichung zum 1941 erschienenen Let us now Praise Famous Men) gemäß und wörtliche Zitate aus James Agee, Walker Evans: Preisen will ich die großen Männer (2013; s. Literatur), S. 11–12.
Inhalt mini|links|Floyd Burroughs mini|Allie Mae Burroughs In allen Ausgaben von Let us now Praise Famous Men bzw. Preisen will ich die großen Männer ist dem umfangreichen, mehrere hundert Seiten langen Textteil eine Serie von Walker Evans aufgenommener Fotografien vorangestellt. In der Erstausgabe von 1941 waren es 31 Fotos, in späteren Ausgaben meist ca. 60 Fotos. Abgebildet sind auf ihnen die Mitglieder der drei Familien, bei denen Agee und Evans zu Gast waren, teils in Einzel-, teils in Gruppenaufnahmen, ihre Behausungen, einzelne ihrer Habseligkeiten, die ländliche Umgebung und einige wenige Eindrücke aus dem Leben nahegelegener Kleinstädte. Den Fotos sind keine Namen, Ortsangaben oder andere Bildlegenden hinzugefügt. Es gibt einzelne Passagen in Agees Text, in denen mit Worten beschrieben wird, was auf Evans’ Fotos zu sehen ist; aber die Fotos bebildern den Text nicht. Sie sind, so schreibt Agee in der Einleitung, „nicht illustrativ. Sie und der Text sind ebenbürtig, voneinander unabhängig und“, so hofft er, „von gemeinsamer Wirkung.“James Agee, Walker Evans: Preisen will ich die großen Männer (2013; s. Ausgaben), S. 13.
Im Zentrum von James Agees Bericht stehen die Personen und die Lebensbedingungen von drei Pachtbauern-Familien im Hale County – der Gudgers, der Woods und der Ricketts. Es sind dies Pseudonyme für die drei Familien, in deren Mitte Agee und Evans ein paar Wochen im Sommer des Jahres 1936 lebten – die Burroughs, die Fields und die Tengles. Die drei Familien sind durch zwei Verwandtschaften miteinander verbunden: Annie Mae, die Frau von George Gudger, ist eine Tochter von Bud Woods und Sadie, die Frau von Fred Ricketts, ist eine Halbschwester von Bud Woods.
Die längsten Abschnitte des Buches, die im Wesentlichen seinen zweiten Teil ausmachen, haben rein dokumentarischen Charakter. Die Kapitel „Geld“, in dem das ausbeuterische Landpacht-System dargestellt wird, sowie „Obdach“, „Kleidung“ und „Erziehung“ enthalten sehr genaue Beschreibungen der Lebensbedingungen der drei Familien, bis hin zu Inventar-ähnlichen Aufzählungen vom wenigen Mobiliar oder der Kleidungsstücke einzelner Familienmitglieder.
Daneben gibt es Passagen, die eher erzählerischen Charakter haben. Dabei hält sich Agee nicht an die Chronologie. Die Erzählung über die erste Begegnung mit Fred Ricketts in Centerboro findet sich in einem der letzten Kapitel des Buches, „Induktionen“, während der zeitlich einige Wochen später liegende Weggang Emma Woods, die bei einem Besuch ein letztes Mal bei ihrer Schwester Annie Mae Gudger geschlafen hat, am Anfang von Agees Bericht beschrieben wird.
Schließlich hat Agees Schreiben – teils eingewoben in die dokumentarischen, teils in separaten Kapiteln – eine essayistische Seite. In immer neuen Ansätzen und aus immer neuen Blickwinkeln fragt er nach methodischen und moralischen Aspekten ihres, seines und Walker Evans’, Vorhabens – methodisch im Sinne, ob und wie sich überhaupt Wirklichkeit mit Worten darstellen lasse, und bezüglich der fragwürdigen moralischen Berechtigung ihres Vorhabens schreibt er bereits im Prolog:
Pseudonyme und fiktive Ortsnamen Im gesamten Buch verwendete Agee Pseudonyme, um die Identität der drei Farmerfamilien nicht preiszugeben. Diese Übereinkunft wurde beibehalten in dem 1989 erschienenen Buch And Their Children After Them von Dale Maharidge und Michael Williamson, das eine Fortschreibung der Geschichte der drei Familien ist. Evans’ Fotos jedoch, die in der Library of Congress in der Abteilung American Memory Project archiviert sind, werden dort mit den wirklichen Namen der fotografierten Personen aufgelistet.
Auch für die Orte verwendete Agee fiktive Namen: fiktiver Ortsname realer OrtsnameHobe's Hill Mills HillCookstown MoundvilleCenterboro, Alabama Greensboro, AlabamaCherokee City, Alabama Tuscaloosa, Alabama
Rezeption rechts|mini|Frank Tengle, Bud Fields, Floyd Burroughs, Hale County, Alabama, 1936 Die Erstausgabe des Buches im Jahr 1941 war kommerziell ein großer Misserfolg; nur ungefähr 600 Exemplare wurden verkauft. Das Buch fand damals keine große Resonanz, erhielt jedoch, wie in der später berühmt gewordenen Rezension Greatness with One Fault in It von Lionel Trilling, auch einzelne lobende Erwähnungen. Trilling nannte es „die realistischste und wichtigste moralische Leistung unserer amerikanischen Generation.“Hier zitiert nach
Erst annähernd zwanzig Jahre später, 1960, erschien eine Neuausgabe von Let Us Now Praise Famous Men. James Agee, der bereits 1955 im Alter von 45 Jahren gestorben war, erlebte diese Neuausgabe und die Anerkennung, die das Buch nun fand, nicht mehr.
Heute gilt das Buch als einer der Klassiker der US-amerikanischen Sachliteratur. In einer Besprechung anlässlich der Veröffentlichung von Agees Manuskript Cotton Tenants hieß es 2013 in der Los Angeles Review of Books: „Welcher heutige Sachbuch-Leser auch nur das Geringste über das Universum der amerikanischen Literatur weiß, dem ist bekannt, dass Let Us Now Praise Famous Men sowohl das größte Scheitern im Bereich der Sachliteratur darstellt, zugleich aber der großartigste lyrische Essay in Buchlänge ist, der je verfasst wurde.“
Historiker haben betont, dass der anspruchsvolle Aufbau des Buchs und die Ablehnung traditionellen Schreibens parallel verliefen zu den kreativen, gleichfalls nicht traditionellen Programmen der US-Regierung unter Roosevelt, welche darauf abzielten, die Würde verarmter Familien zu bewahren oder wieder herzustellen.Siehe hierzu beispielsweise
Der Dokumentarfilm-Regisseur Hartmut Bitomsky hat in mehreren seiner Filme und Texte auf das Buch von Agee und Evans hingewiesen oder daraus zitiert. In seinem Film Das Kino und der Wind und die Photographie heißt es über Agees Sprache:
Ausgaben James Agee, Walker Evans: Let Us Now Praise Famous Men: Three Tenant Families. Erstausgabe. Houghton Mifflin Company, Boston 1941. James Agee, Walker Evans: Let Us Now Praise Famous Men. Mariner Books / Houghton Mifflin Harcourt, New York / Boston 2013, ISBN 978-0-547-52639-3. James Agee, Walker Evans: Preisen will ich die grossen Männer: drei Pächterfamilien. Aus dem Amerikanischen von Karin Graf. Schirmer-Mosel, München 1989, ISBN 3-88814-666-6. James Agee, Walker Evans: Preisen will ich die großen Männer. Drei Pächterfamilien. Aus dem Amerikanischen übertragen und durchgesehen von Karin Graf. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013, ISBN 978-3-8477-0344-0.
Literatur James Agee, Walker Evans: Cotton Tenants: Three Families. Herausgeber: John Summers. Einführung: Adam Haslett. Melville House Publishing, New York 2013, ISBN 978-1-61219-212-3. Michael Leicht: Wie Katie Tingle sich weigerte, ordentlich zu posieren und Walker Evans darüber nicht grollte. Eine kritische Bildbetrachtung sozialdokumentarischer Fotografie. transcript Verlag, Bielefeld 2006, ISBN 3-89942-436-0. (Als PDF verfügbar als kostenloser Download auf Website des Transcript Verlages.) Dale Maharidge, Michael Williamson: And their children after them. the legacy of "Let us now praise famous men": James Agee, Walker Evans and the rise and fall of cotton in the South. Pantheon Books, New York 1989, ISBN 0-394-57766-3. Greil Marcus: The Expanding Vacant Spot (über das Buch von Maharidge / Williamson); in: The Dustbin of History, Harvard University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-674-21857-4; deutsche Übersetzung in: Der Mülleimer der Geschichte, Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 1996, ISBN 3-8077-0349-7. Lionel Trilling: Greatness with One Fault in It. The Kenyon Review, Winter 1942. (Online verfügbar auf der Website der Kenyon Review.)
Weblinks David Whitford: The Most Famous Story We Never Told; ursprünglich in: Fortune, 19. September 2005 (englisch). Preisen will ich die großen Männer bei Perlentaucher.
Einzelnachweise
Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten) Kategorie:1930er