mini|Titelblatt der Erstausgabe der Aviso, Relation oder Zeitung vom 15. Januar 1609
Die Geschichte der Zeitung als periodisch erscheinendes Medium ist eng mit der Frühen Neuzeit verwoben. Einen Höhepunkt erlebte das Zeitungswesen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Entwicklung des Begriffs Zeitung
Der Begriff Zeitung tauchte als zidunge mit der Bedeutung Kunde oder Nachricht im Raum Köln bereits am Anfang des 14. Jahrhunderts auf und wurde für mündliche oder schriftliche Botschaften bis ins 19. Jahrhundert gebraucht. Das Wort tidinge aus dem Mittelniederdeutschen oder Mittelniederländischen bedeutet so viel wie Botschaft oder Nachricht.Grundlegende Literatur für den gesamten Beitrag: Rudolf Stöber: Deutsche Pressegeschichte. Konstanz 2005. Es wurden Botschaften, ursprünglich nur über Angelegenheiten des Handels, zwischen Handelspartnern an unterschiedlichen Orten versandt. Erst später kamen Berichte von Begebenheiten allgemeiner Art hinzu.
Deutschland
Nach der Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts (1445) waren neben der Buchproduktion bald auch Pressedrucke im eigentlichen Sinn, die Einblattdrucke aufgekommen – teilweise mit Grafiken (Holzschnitten, Kupferstichen) illustrierte, einseitig bedruckte, ereignisbezogene, also nicht-periodisch erscheinende Blätter. Solche Einblattdrucke (wie auch mehrseitige Flugschriften jener Zeit) trugen gelegentlich den Titel Newe Zeytung von … = „neue Nachricht von …“. Die Bedeutung des Begriffs Zeitung verschob sich von Nachricht auf den Nachrichtenträger selbst, das Medium (die Zeitungen = Nachrichten).
Seither versteht man unter einer Zeitung ein mit Nachrichten aus aller Welt gefülltes mehrseitiges Druckwerk, das mindestens einmal in der Woche öffentlich vertrieben wird. Doch gibt es zwei historische Sonderfälle:
Im 16. Jahrhundert wurde in Europa eine Briefform üblich, die aus zwei Teilen bestand: dem privaten Teil, der sich in einem eigenen Umschlag innerhalb des größeren Briefumschlags befand, sowie einem lose ins Couvert gelegten halböffentlichen Teil, den der Adressat an Bekannte und Gleichgesinnte weiterreichen sollte. Dieser Teil enthielt handschriftliche, subjektive Zusammenstellungen von Nachrichten und hieß Avise, Beylage, Pagelle, Zeddel, Nova und schließlich nur noch Zeitung. „Die Form, in welcher die Schreiber dieser ‚Zeitungen‘ ihre Neuigkeiten berichteten, war fast immer nur die rein relatorische“, schrieb der Zeitungschronist Ludwig Solomon 1906.Ludwig Solomon: Geschichte des Deutschen Zeitungswesens. Erster Band, S. 3 f., Oldenburg, Leipzig 1906.
Der zweite Sonderfall betrifft die erste, weit über den deutschsprachigen Raum verbreitete deutsche Zeitung, die Gazette de Cologne. Deren Herausgeber, Jean Ignace Roderique, gab zusätzlich zu der gedruckten Ausgabe viel teurere „geschriebenen Zeitungen“ heraus, die er von Lohnschreibern handschriftlich anfertigen ließ. Sie enthielten Meldungen, die Roderique besonderen Kunden vertraulich zukommen lassen wollte.
Neben der Gattung des Flugblattes existiert seit dem 15. Jahrhundert auch die Pressegattung der Flugschriften. Hierbei handelte es sich um mehr- bis vielseitige, ungebundene, nicht periodisch erscheinende Druckwerke, in denen Ereignisse und Gegenstände beliebiger Art thematisiert wurden. Im Zeitalter der Reformation spielten Flugschriften eine überaus bedeutende Rolle im öffentlichen Streit der konfessionellen und politisch-sozialen Parteiungen. Eine weitere nicht-periodische Pressegattung der Frühen Neuzeit sind die Mess- oder Semestralrelationen. Zur Pressegeschichte im weiteren Sinne zählen auch die Kaufmannsbriefe, die seit 1380 nachweisbar versandt wurden.
Novellanten schickten Nachrichten auf einzelnen Blättern, die für wohlhabende Abonnenten gesammelt wurden. Die in der Österreichischen Nationalbibliothek archivierten 16.000 Fuggerzeitungen entstanden um 1589 und wurden bis 2016 durch Historikerin Kathrin Keller et al. an der Uni Wien digitalisiert, beforscht und dabei mit einem Orts- und Namensindex versehen.Nachrichtenwesen älter als angenommen orf.at, 31. Oktober 2016, abgerufen am 31. Oktober 2016.
Das erste gedruckte periodische Nachrichtenblatt auf der ganzen Erde, das Zeitung genannt wird, ist die in Deutschland erschienene Relation aller Fuernemmen und gedenckwuerdigen Historien (häufig in der Forschung auch nur als Relation bezeichnet). Sie erschien ab der zweiten oder dritten Septemberwoche des Jahres 1605 durch den Drucker und Buchbinder Johann Carolus in Straßburg im Elsass.Martin Welke: Johann Carolus und der Beginn der periodischen Tagespresse. In: Welke, Martin, und Jürgen Wilke (Hrsg.): 400 Jahre Zeitung. Die Entwicklung der Tagespresse im internationalen Kontext. Edition lumière, Bremen 2008, ISBN 978-3-934686-37-3, S. 93. Carolus verfasste die Zeitung zuerst handschriftlich und ging 1605 zum Druck über, als die Zahl der Abonnenten stieg. Der Inhalt ergab sich aus Meldungen, die Carolus wöchentlich von Korrespondenten aus den wichtigsten Poststationen Deutschlands erhielt.Martin Welke: Darf man so was drucken? Kaum erfunden, schon zensiert: Die Geschichte der ersten Zeitung der Welt. In: Die Zeit, Nr. 1/2013, S. 17. Die Zeitung wurde wöchentlich herausgegeben, wie man an dem einzig überlieferten Jahrgang 1609 sehen kann, der Online einsehbar ist.Relation aller Fuernemmen und gedenckwuerdigen Historien (Reprofotografien, Universitätsbibliothek Heidelberg)
Die zweite regelmäßig erscheinende Zeitung in Deutschland war der Aviso, Relation oder Zeitung. Dies war eine Wochenzeitung, deren erste Nummer am 15. Januar 1609 in Wolfenbüttel erschien. Um 1615 entstand die Frankfurter Postzeitung, die in den folgenden 250 Jahren regelmäßig von Postillons verteilt wurde und kuriose Neuigkeiten, später auch amtliche Nachrichten, im ganzen Land verbreitete und erstmals eine mit heutigen Blättern vergleichbare überregionale Bekanntheit erreichte.Margot Lindemann: Deutsche Presse bis 1815 (Geschichte der deutschen Presse, Band 1). Berlin 1969.
Im Jahr 1650 erschien in Leipzig mit den Einkommenden Zeitungen zum ersten Mal eine Tageszeitung mit sechs Ausgaben pro Woche. Die älteste noch erscheinende Zeitung ist die seit 1645 in Schweden erscheinende Post- och Inrikes Tidningar.
Im 18. Jahrhundert erlebten insbesondere die Zeitschriften eine Blütezeit. Die Tageszeitung blieb zunächst eine Ausnahme, ihre interessanteste Funktion gewann sie vor dem 19. Jahrhundert mit der seit 1702 in London erscheinenden Daily Courant, dem Blatt, das die Funktionen des Veranstaltungskalenders der Großstadt übernahm (in kleineren Städten wurden die lokalen Veranstaltungen rascher durch den Ausruf vermeldet).
Der Göttinger Historiker August Ludwig von Schlözer begründete unter dem Einfluss der Aufklärung in seinem Zeitungskollegium die moderne Zeitungsforschung in Deutschland und regte seinen Schüler Joachim von Schwarzkopf – einen Diplomaten – zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen auf diesem Gebiet an, die bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein die Zeitungen in Deutschland mit bestimmten.
Die ältesten noch erscheinenden deutschsprachigen Zeitungen: Hildesheimer Allgemeine Zeitung (1705) Pfälzischer Merkur (1713) Hanauer Anzeiger (1725) Bremer Nachrichten (1743) Saarbrücker Zeitung (1761) Schaumburger Zeitung (1762) Hersfelder Zeitung (1763) Lippische Landeszeitung (1767) Neue Zürcher Zeitung (1780) Jeversches Wochenblatt (1791)
Zeitungen international
In Amsterdam wurde von dem Drucker Caspar Van Hilten 1618 die erste niederländische Wochenzeitung namens Courante uyt Italien, Dytsland & c. herausgegeben. Das wöchentlich erscheinende Blatt kann auch als erste Zeitung im Broadsheet-Format bezeichnet werden; frühere Nachrichtenpublikationen wurden gewöhnlich im Quart-Format gedruckt (heute definiert: 225 × 285 Millimeter). Das einzige noch existierende Exemplar der Erstausgabe (sie enthielt vier verschiedene Berichte, u. a. aus Venedig und Prag) wird in der Königlichen Bibliothek zu Stockholm aufbewahrt. Spätere Ausgaben von 1628 bis 1664 befinden sich in der Koninklijke Bibliotheek in Den Haag. Die erste gedruckte Zeitungsanzeige erschien 1626 in der niederländischen Zeitung Jansz’ Tydinghen uyt Verscheyde Quartieren.
Ab 1620 gab der belgische Drucker Abraham Verhoeven in Antwerpen die Nachrichtenblätter Nieuwe Tijdingen heraus. Dabei handelte es sich um die erste regelmäßig (mit Holzschnitten) illustrierte Zeitung. Der kaiserliche Postmeister Johann von der Birghden (1582–1645) verwendete 1621 in seinem in Frankfurt am Main herausgegebenen Blatt Unvergreiffliche Postzeitungen erstmals den Begriff Postzeitung. Dieses Blatt erschien, später unter dem Titel Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung, bis 1866. Die Postmeister verfügten in der Entstehungszeit der Zeitungen häufig über den besten Zugang zu aktuellem Nachrichtenmaterial.
Als die ersten Zeitungen Frankreichs gelten die Nachrichtenzeitung La Gazette bzw. die Wochenzeitung Nouvelles ordinaires de divers en-droits, letztere herausgegeben von den Buchhändlern L. Vendosme und J. Martin vom Januar bis Dezember 1631. La Gazette, herausgegeben von Théophraste Renaudot, erschien zunächst einmal pro Woche samstags im Umfang von acht bis zwölf Seiten, erstmals am 30. Mai 1631, gegliedert in das Hauptheft sowie die Nouvelles Ordinaires als Beilage.Ernst Probst: Superfrauen 14 – Medien und Astrologie. München 2015, ISBN 978-3-668-02242-3, S. 78 Digitalisat Durch Kardinal Richelieus Privilegierung gewann sie den Charakter der offiziellen Staatszeitung in Frankreich, einen Status, den sie bis 1789 fast ununterbrochen innehaben sollte. Die Zensurkommission Maître de la Librairie (wörtlich: Büchereimeister) gewährleistete insbesondere im Hinblick auf Berichte zu internationalen Angelegenheiten und Ereignissen, dass nichts veröffentlicht wurde, was den Auffassungen und Interessen der Regierung in Paris zuwiderlief. Die Zeitung nannte sich ab 1762 Gazette de France.
Gazeta, die erste Zeitung Portugals, erschien 1641 bis 1642 in Lissabon.
1645 wurde die erste Zeitung in schwedischer Sprache herausgegeben. Die Orinari Post Tijender des Postmeisters Johan von Beijer wurde von Ignatius Meurer, einem Deutschen, in Stockholm gedruckt.
1656 erschien in Haarlem die erste heute noch bestehende niederländische Zeitung als der Weeckelycke Courante van Europa. Heute heißt das Blatt Haarlems Dagblad.
Die erste polnische Zeitung, der Merkuriusz Polski (Polnischer Merkur), erschien ab dem 3. Januar 1661 wöchentlich in Krakau, ab dem 14. Mai 1661 auch in Warschau.
Die 1665 ins Leben gerufene London Gazette war während des Zweiten Englisch-Niederländischen Krieges die einzige in England offiziell zugelassene Zeitung. Das Blatt erschien zweimal wöchentlich montags und donnerstags im einblättrigen Folioformat; Vorder- und Rückseite eines jeden Blattes waren zweispaltig bedruckt. Die London Gazette hatte bis zu 105 Nummern mit rund 210 Seiten Umfang. Herausgeber in den 1670er-Jahren war Thomas Newcomb. Gegründet wurde das Blatt, das als erste reguläre englischsprachige Zeitung gilt, ursprünglich als Oxford Gazette, weil der englische Königshof wegen der Pest aus London geflohen war. Die Continuation of Our Weekly News, ein Newsbook im Quartformat mit acht bis 24 Seiten, war in London seit 1623 publiziert worden.
Die Geschichte der dänischen Presse begann mit der Monatszeitung Den Danske Mercurius, der in Kopenhagen von 1666 bis 1677 erschien.