alt=Das Foto zeigt eine Straße mit mehrstöckigen Häusern auf beiden Seiten, aufgenommen bei Tageslicht unter blauem Himmel. Die Gebäude links und rechts haben helle oder pastellfarbene Fassaden, teils mit Schildern und Markisen. Im Vordergrund steht ein blaues Straßenschild mit der Aufschrift „Keupstr.“ über der Straße. Auf beiden Straßenseiten sind zahlreiche Autos parallel geparkt, darunter weiße, silberne und dunkle Fahrzeuge. Links im Bild befindet sich ein Döner-Imbiss mit der Aufschrift „Yaprak Döner“, daneben weitere Geschäfte mit auffälliger Beschriftung, unter anderem ein Laden mit rotem Leuchtschild „Chef“. Einige Fahrräder stehen am Rand. Bäume mit grünem Laub stehen beidseitig der Straße, ihre Kronen reichen teilweise über die Fahrbahn. Stromleitungen und Lichterketten spannen sich über die Straße hinweg. Die Perspektive zeigt die Straße in Tiefe und verjüngt sich leicht zum Horizont hin.|mini|Keupstraße 19–21/Schanzenstraße (2025) Die Keupstraße ist eine 890 Meter lange Straße im rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Mülheim. Sie entstand im späten 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung und entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einer Wohn- und Geschäftsstraße mit stark migrantisch geprägter Bevölkerung und Geschäftsstruktur. Heute ist sie vor allem für ihr Einzelhandels- und Gastronomieangebot bekannt, das überwiegend von türkisch- und kurdischstämmigen Unternehmern getragen wird.

Bundesweite Bekanntheit erlangte die Keupstraße durch den Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004, bei dem 22 Menschen verletzt wurden. Die Tat wurde später der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugerechnet und gilt als ein zentrales Ereignis in der deutschen Auseinandersetzung mit rechtsextremem Terrorismus und institutionellem Rassismus.

Lage Die Keupstraße beginnt am Zusammentreffen der Dünnwalder Straße mit der Mülheimer Freiheit und verläuft in einem Bogen zur Bergisch Gladbacher Straße in unmittelbarer Nähe zum Wiener Platz. In der Nähe liegt das Schanzenviertel, ein ehemaliges Industrieviertel des 19. Jahrhunderts, in dem mittlerweile mehrere kulturelle Einrichtungen (Kölner Schauspiel, E-Werk u. a.) sowie junge Unternehmen, u. a. der Medienbranche, ansässig sind. Sie wird durch die wichtigste Kreuzung Clevischer Ring (Teil der Bundesstraße 8) durchtrennt.

Namensgebung Die Keupstraße wurde am Ende des 19. Jahrhunderts als Wolfsstraße bebaut. Im Kölner Stadtplan von 1899 ist sie so auch noch verzeichnet. Am 9. April 1913 wurde sie nach Maria Sibylle Petronella Keup (* 23. März 1811 als Sibylle Petronella Wolff; † 7. Juni 1890) umbenannt. Mit ihrem Ehemann Kaspar Keup wohnte sie am Beginn der Wolfsstraße, wo die beiden einen Getreidehandel betrieben.Ulrich S. Soénius/Jürgen Wilhelm (Hrsg.), Kölner Personen-Lexikon, 2008, S. 279; ISBN 978-3-7743-0400-0 Die Grundbesitzer Keup verkauften ihre Agrarflächen an die Eisenbahngesellschaften und an das Unternehmen Guilleaume, wodurch sie erhebliches Vermögen erwarben. Nach dem Tod ihres Mannes stiftete die kinderlose Witwe Keup 1870 ihr Haus mit Garten und Geld für den Bau des katholischen Dreikönigshospitals. Hier fanden 1880 bereits 60 Kranke Aufnahme.Bernhard Kempkes, Köln-Mülheim in alten Bildern, 2002, S. 67 1930 erfolgte die Grundsteinlegung für einen Erweiterungsbau.Bernhard Kempkes, Köln-Mülheim in alten Bildern, 2002, S. 67 Es existierte als ältestes Mülheimer Krankenhaus bis 1975 und wurde 1979 niedergelegt. Seit 1984 steht dort (Nr. 2a/4) das Norbert-Burger-Seniorenzentrum, ein Altenheim des Arbeiter-Samariter-Bundes, errichtet vom Architekten Gisbert Brovot.

Geschichte alternativtext=Handgezeichnete Karte von Mülheim mit einem gelb markierten Straßenverlauf|mini|Der Verlauf der Keupstraße von der Freiheit zum ev. Friedhof vor ihrer Bebauung; Preußische Uraufnahme 1836–1850

Gründerzeit mini|Mietskaserne Keupstr. 97–99Der heutige Stadtteil Mülheim war zur Zeit des Baus der damaligen Wolfsstraße eine selbständige Stadt, die erst am 1. April 1914 nach Köln eingemeindet wurde. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts brachte einige Betriebe der Metallverarbeitung in die Stadt Mülheim, so 1851 die Bleiweißfabrik „Lindgens & Söhne“,Eduard Johannes Ernst Baron von Vietinghoff-Scheel/Walter Roth/Hermann Stadlinger/Ernst Baum (Hrsg.), Chemiker-Zeitung/Chemische Apparatur, Band 16, 1892, S. 690 1872 die Schamottefabrik „Martin & Pagenstecher“, 1872 das Walzwerk „Böcking & Cie“ und 1874 die Drahtseilerei „Felten & Guilleaume“.

Für die hier beschäftigten, meist ungelernten Arbeiter wurde die Wohnbebauung „in betrieblich günstiger Lage“ errichtet. Die Bebauung folgte den betrieblichen Grenzen entlang einer Landstraße von Mülheim nach Buchheim. Diese begann an der Freiheit (heute „Mülheimer Freiheit“) im Westen und führte über die Äcker und Wälder vor der Stadt im Südosten. Dort befand sich der Schänzchesweg (heute „Schanzenstraße“), wo damals die Mülheimer ihr Brennholz (ihre „Schänzchen“) beschafften. Bereits außerhalb der Stadtgrenze von Mülheim lag der evangelische Friedhof, wo heute die Keupstraße auf die Bergisch Gladbacher Straße trifft.Geschichtswerkstatt Mülheim (Hrsg.), Geschichte und Gegenwart der Keupstraße, Juni 2016, S. 5 Obschon im vorderen Teil der Wolfstraße auch Bürgerhäuser errichtet wurden, war sie überwiegend als Teil eines Arbeiterviertels geplant. So ließ das von Franz Carl Guilleaume gegründete Carlswerk, Hersteller von Drähten und Kabeln, zwischen 1874 und 1900 die heute noch existierenden Mietskasernen in der Keupstraße 97 bis 117 für die Arbeiter errichten.Hiltrud Kier/Ulrich Krings (Hrsg.), Stadtspuren: Denkmäler in Köln, Band 1, 1988, S. 32; ISBN 3-7616-0761-X Diese wiesen einen einfachen Wohnstandard auf. Das betraf beispielsweise die sanitären Anlagen. Viele Gebäude waren aber von Anfang an auch als Standort kleinerer Geschäfte und Produktionsstätten angelegt, mit einem Schwerpunkt auf Geschäften des täglichen Gebrauchs.

Die Straße mit ihrer proletarischen Bevölkerung und dem regen Straßenleben galt früh als „verrufen“. Zugleich entwickelte sie sich zur Einkaufsstraße für den einfachen Bedarf der Bevölkerung vor Ort und prosperierte daher wirtschaftlich.

In der Keupstraße Nr. 53 und Nr. 55 befand sich um 1902 das Restaurant „Zur Erholung“ von Jakob Saal. Im Nebengebäude hatte sein Bruder Thomas Saal eine Metzgerei.

Frühes 20. Jahrhundert 1908 eröffnete in der Keupstraße 69 der Gastwirt Josef Kühbach als sein zweites Mülheimer Kino das Central Lichtspielhaus. Es wurde 1925 in Lichtschauspiele umbenannt und schloss nach mehreren Besitzerwechseln vermutlich 1937.mini|Köln – Keupstraße 19–21/Schanzenstraße (1926)Zwischen 1911 und dem Ende der 1920er Jahre fuhr eine Straßenbahn durch die Keupstraße. Die elektrische Bahn fuhr als Ringbahn durch Buchheimer Straße, Mülheimer Straße, Keupstraße und Montanusstraße zum damals neuen Bahnhof Mülheim und durch die Frankfurter Straße wieder zurück zum Wiener Platz. Sie wurde von der 1908 bis 1932 existierenden Mülheimer Kleinbahnen AG betrieben.

Einen ersten Niedergang erlebte die Straße nach dem Ende des Ersten Weltkriegs infolge der hohen Arbeitslosigkeit in Köln. Es kam zu Verfallserscheinungen und teils zu Abrissen von Arbeiterwohnungen, denen auch ein Teil der Geschäftsstruktur zum Opfer fiel. Mit dem Wachstum der rüstungsrelevanten Industrie in den 1930er Jahren kehrte sich dieser Prozess um, und die Keupstraße gewann wieder an Bedeutung als Wohn- und Geschäftsstandort.

Nachkriegszeit Die im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise wenig beschädigte, aber auch nicht wesentlich sanierte Arbeitersiedlung erlebte nach dem Krieg eine weitere Phase des Verfalls. Das Wohnviertel war aufgrund von Emissionen der rechtsrheinischen Industrie kaum attraktiv für wohlhabendere Menschen, sodass es als sozialer Brennpunkt der wirtschaftlichen Erholung der umliegenden Industrie hinterherhinkte. Letztere war nach wie vor Eigentümerin der meisten Immobilien. Als ab den 1960er Jahren sogar Arbeiter die Straße verließen, belegte die Kabelfabrik, die angesichts von Personalmangel im Wirtschaftswunder aktiv Gastarbeiter angeworben hatte, leere Wohnungen mit griechischen, spanischen und schließlich türkischen Gastarbeitern aus deren erster Unterkunft in Firmenbaracken. Dies führte zu einem weiteren Wandel der Bewohnerstruktur der Straße und zu einem Rückgang des Anteils von Menschen, die Sozialhilfe bezogen.

1970er Jahre In der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre entließ Felten & Guilleaume bei gedrosselter Produktion viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, wobei die zuletzt angeworbenen, meist türkischstämmigen Gastarbeiter zu den ersten Entlassenen gehörten. Migrantischen Arbeitnehmern aus anderen Nationen gelang häufig der Wegzug in „bessere“ Stadtteile, während Türken mit alteingesessenen Mülheimern im Viertel verblieben. Eine Möglichkeit zur Bestreitung des Lebensunterhalts war die Übernahme aufgegebener kleiner Geschäfte vor Ort, die auf diese Weise erhalten blieben – beinahe in jedem Haus gab es ein Ladenlokal oder sogar mehrere. Auf diese Weise gelang eine Überwindung der Strukturschwäche und ein Erhalt der Wohn- und Geschäftsstruktur mit weitgehend inhabergeführten Läden des einfachen und mittleren Bedarfs, was die Entwicklung der Straße bis heute von anderen unterscheidet, die sich zu reinen Wohnstraßen entwickelten.

Entwicklung ab den 1980er Jahren alternativtext=Mehrstöckige Wohnhäuser mit durchgehenden Ladenzeilen|mini|Blick in die Keupstraße von Südosten (2026) Es folgte ein bis heute bestehender Ausbau und Erhalt des kleinteiligen Geschäftsangebotes auf der Keupstraße durch zumeist türkisch- und kurdischstämmige Geschäftsinhaber und familiengeführte Betriebe in den Bereichen Gastronomie, Handel und Dienstleistungen. Einige Geschäfte und Geschäftsideen überdauerten Jahrzehnte, andere wie etwa Callshops, verschwanden mit der Zeit oder wurden angepasst. Inzwischen hat sich in der Straße ein geschäftlicher Schwerpunkt auf die Vorbereitung von Feierlichkeiten in puncto Schmuck, Mode und Konditoreien entwickelt. Weitgehend erspart blieb der Straße der Einzug von „Ein-Euro-Läden“ und Franchise-Ketten, wie er etwa in der nahen Hauptgeschäftsstraße Frankfurter Straße typisch ist. mini|Mietskaserne Keupstraße 109, 111 (2026) Im Jahr 1995 gründeten Anlieger die Interessensgemeinschaft (IG) Keupstraße, zunächst unter dem Vorsitz von Ali Demir, ab 2005 dann mit Seyran Erdogdu und ab 2008 mit Mitat Özdemir als Vorsitzenden. Nach einer Phase, in welcher der Verein nur noch wenig in Erscheinung trat, übernahm mit Meral Şahin erstmals eine Frau den Vorsitz. Sie wurde zur Stimme der IG, auch in den kritischen Auseinandersetzungen zu den Ermittlungen und zum Gedenken an den Bombenanschlag von 2004. Von ihr stammt das Zitat

bezogen auf die unterschiedlichen Ethnien der Anlieger und ihre sehr verschiedenen Haltungen zur politischen Lage in der Türkei.

Die IG Keupstraße kümmert sich um die Beleuchtung der Straße zu Weihnachten oder zum Ramadan und veranstaltet jährlich zum Iftar (Fastenbrechen) eine öffentliche Freiluftmahlzeit für 2500 Menschen, die an einer langen Tischreihe auf der Straße Platz finden.

Bombenanschlag 2004

alternativtext=Farbfotografie einer Ausstellungswand in einem Innenraum. Im Vordergrund liegt ein Fahrrad mit dunkel-metallisch glänzendem Rahmen und klar erkennbaren Speichenrädern. Das Fahrrad zeigt deutliche Dellen und Verformungen im Rahmen und an den Schutzblechen. Dahinter hängt eine große weiße Wandtafel mit Texten und Fotografien, die wie Informationstafeln wirken. Links ist ein Stück eines Monitors mit einem Ausschnitt aus einem Überwachungsvideo erkennbar. Rechts steht eine Frau, die etwas erklärt. |mini|Blick in die Ausstellung Von der Nagelbombe bis zum Mahnmal der Initiative Keupstraße ist überall. Im Mittelpunkt eine von Odo Rumpf erstellte Replik des für den Anschlag benutzten Fahrrades im Zustand nach der Explosion (2026)