mini|Wilhelm Canaris, von 1935 bis 1944 Leiter der Abwehrmini|Schlüsselraum (Deckname: „Domäne“) des Geheimen Funkmeldedienstes der Abwehr (Referat I/i) mit Soldaten beim Ver- oder Entschlüsseln von Nachrichten mithilfe der Schlüsselmaschine Enigma

Das Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht, kurz Abwehr genannt, war der Nachrichtendienst der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs. Es ging 1939 aus der Amtsgruppe Auslandsnachrichten und Abwehr (kurz Amtsgruppe Ausland/Abwehr) hervor und 1944 großteils im Reichssicherheitshauptamt auf. Abwehr war im deutschen Sprachgebrauch seit 1920 die verbreitete Bezeichnung für den Militärnachrichtendienst im Deutschen Reich. Die Zuständigkeiten erstreckten sich auf den Geheimen Meldedienst, Sabotage und Spionage im Feindesland, Diversion (Ablenkung) und die Abwehr von Spionage und Sabotage.

Unter seinem Chef Admiral Wilhelm Canaris wurde das Amt Ausland/Abwehr auch für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus genutzt, darunter Attentate auf Hitler und Rettung von Juden vor dem Holocaust.

Vorgeschichte

Bereits kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs waren Teile der aufgelösten Abteilung III b in den als Truppenamt getarnten Generalstab übernommen worden und bildeten hier ab 1920 eine sogenannte Abwehrgruppe.

Diese Abwehrgruppe wurde 1921 als Spionage-Abwehrstelle in das Reichswehrministerium überführt und wurde 1928 zu einer eigenständigen Abwehrabteilung.

Die Hauptaufgabe der „Abwehr“ bestand in der Beschaffung von Informationen mit nachrichtendienstlichen Mitteln und Methoden zur Einschätzung und Beobachtung gegnerischer Militärformationen. Erst in zweiter Linie standen Fragen der Geheimhaltung und des Schutz der Truppe im Mittelpunkt. In den Fragen der Spionageabwehr bestand von Anfang an eine unmittelbare Zusammenarbeit mit dem Reichskommissar für öffentliche Ordnung (RKO) und den örtlichen Polizeibehörden, in diesem Fall der Staatspolizei Centralstellen (C.St.), wie sie 1907 in Preußen gegründet worden waren.

Mit der Aufrüstung der Wehrmacht wuchs auch die Zahl der Abwehrmitarbeiter. Während die Abwehrabteilung im Jahr 1933 nur über knapp 150 Mitarbeiter verfügte, waren es Mitte 1937 bereits fast 1000. Bis zum Kriegsbeginn 1939 verdoppelte sich die Zahl auf etwa 2000.Uwe Brammer: Spionageabwehr und „Geheimer Meldedienst“. 1989, S. 13.

Gründung des Amts Ausland/Abwehr mini|Soldat des Geheimen Funkmeldedienstes des OKW-Amts Ausland/AbwehrAm 4. Februar 1938 wurde die Abwehrabteilung zur Amtsgruppe Auslandsnachrichten und Abwehr des neu geschaffenen Oberkommandos der Wehrmacht ernannt. Kurz nach Kriegsbeginn, am 18. Oktober 1939, erfolgte die Erhebung der Amtsgruppe zum Amt Ausland/Abwehr, welches unmittelbar dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, General Wilhelm Keitel, unterstellt war. Das Hauptquartier des Amtes befand sich im Gebäude des Oberkommandos der Wehrmacht am Tirpitzufer 75–76 (heute Reichpietschufer) in Berlin-Tiergarten.

Chef des Amtes Ausland/Abwehr wurde Konteradmiral Wilhelm Canaris, der zuvor bereits Leiter der Abwehrabteilung war.

Gliederung mini|Angehörige des Geheimen Funkmeldedienstes Gegliedert war die Abwehr seit September 1938 in fünf Bereiche: Die Zentralabteilung (Abteilung Z) war für Organisation und Verwaltung zuständig. Leiter der Abteilung Z war von September 1938 bis April 1943 Oberstleutnant, später Oberst, Hans Oster, sein Nachfolger wurde Oberst Jacobsen. Die Zentralabteilung umfasste folgende Arbeitsgebiete: ZO: Allgemeine Angelegenheiten und Zentralkartei ZR: Recht ZF: Finanzen ZB: Außenpolitische und militärische Berichterstattung Die Abteilung Ausland unter dem späteren Vizeadmiral Leopold Bürkner war in acht Gruppen unterteilt: Gruppe I: Außen- und Wehrpolitik mit sieben Länderreferaten (Britisches Weltreich, Südosteuropa mit Italien, Asien mit Ägypten, Westeuropa, Osteuropa mit Sowjetisch-Asien, Amerika, Nordeuropa), einem Referat Allgemeine politische Fragen und einem Statistikreferat Gruppe II: Beziehungen zu fremden Wehrmächten, Allgemeines und Registratur mit vier Fachreferaten Gruppe III: Fremde Wehrmächte und Meldesammelstelle mit zehn Referaten Gruppe IV: Marinesonderdienst mit vier Fach- und drei Länderreferaten Gruppe V: Auslandspresse mit drei Fachreferaten Gruppe VI: Kriegsvölkerrechtsfragen mit sieben Fachreferaten Gruppe VII: Kolonialfragen mit drei Referaten (Heer, Luftwaffe, Marine) Gruppe VIII: Informationen mit einem Referat Wehrmachtspropaganda und fünf Länderreferaten

Zum 1. Oktober 1942 wurde die Abteilung zur Amtsgruppe Ausland und ihrerseits in Abteilungen gegliedert. Abteilung Abwehr I, der „Geheime Meldedienst“, wurde von 1937 bis Mitte 1943 von Oberstleutnant Hans Piekenbrock geleitet, sein Nachfolger wurde Oberst Georg Alexander Hansen. Aufgabe der Abteilung Abwehr I war die Spionage: Beschaffung von Informationen über das Militär und die Rüstungsindustrien aller potentiellen Gegner Deutschlands sowie über ihre möglichen militärischen Absichten, außerdem der Aufbau und die Kontrolle eines Agentennetzes. Die operative Arbeit wurde von vier Gruppen geleistet: Gruppe I/H (Geheimer Meldedienst Heer) Gruppe I/M (Geheimer Meldedienst Marine) Gruppe I/L (Geheimer Meldedienst Luftwaffe) Gruppe I/G (Technische Abwehrmittel) Hinzu kamen drei selbständige Referate: I/Wi (Wirtschaft) I/P (Presseauswertung) I/i (Funknetz, Geheimer Funkmeldedienst) Abteilung Abwehr II (Sabotage und Zersetzung der Wehrkraft im Feindesland) wurde 1938 von Hauptmann Helmuth Groscurth geleitet, ab Ende 1938/Anfang 1939 von Oberstleutnant, später Generalmajor, Erwin Lahousen und seit Ende 1943 von Oberst Wessel Freytag von Loringhoven. Sie bestand aus drei Gruppen: Chefgruppe: Personalangelegenheiten, Ausbildung der V-Leute, Ausarbeitung von Sabotageanweisungen Gruppe 1: Erkundung und Einsatz von oppositionellen Organisationen und nationalen Minderheiten in verschiedenen Ländern Gruppe 2: Sabotage und Zersetzung 1940 kam eine Gruppe 3 (Ausbildung) hinzu. 1941 wurde die Abteilung neu gegliedert: Dem Abteilungschef waren der Ia, der IVa, das Lehr-Regiment Brandenburg und das Lager Quenzsee direkt unterstellt Gruppe W (West) Verwaltung Untergruppe J (Insurgierung, Einsatz nationaler Minderheiten und staatsfeindlicher Bewegungen) mit den Referaten J (Insurgierungsmaterial), W (Westeuropa) und Üb (Übersee) Untergruppe S (Sabotage) mit den Referaten WN (West Nord), WS (West Süd) und Mar (Marineangelegenheiten) Referat z. b. V. Gruppe O (Ost) Verwaltung Untergruppe J (Insurgierung) mit den Referaten JON (Schweden, Sowjetunion, Ferner Osten) und JOS (Balkan, restliches Asien, Ägypten) Untergruppe S (Sabotage) mit den Referaten SON (Schweden, Sowjetunion, Ferner Osten) und SOS (Balkan, restliches Asien, Ägypten) Gruppe T (Technik) mit den Referaten Waffen und Gerät, Fertigung und zwei Laboren Abteilung Abwehr III hatte als Aufgaben die Spionageabwehr, die Bekämpfung des Landesverrats, der Sabotage und der Wehrmittelbeschädigung sowie der Korruption und der Wehrkraftzersetzung. Geleitet wurde sie bis Ende 1934 von Kurt Himer, welchem bis zum Frühjahr 1939 der Oberstleutnant Rudolf Bamler folgte. Sein Nachfolger wurde Oberstleutnant, später Generalleutnant, Franz Eccard von Bentivegni. Gruppe III A (Chefgruppe): Allgemeine Angelegenheiten Führungsgruppe III H: Spionageabwehr im Heer, Befragung von Kriegsgefangenen Gruppe III M: Spionageabwehr in der Marine Gruppe III L: Abwehr in der Luftwaffe Gruppe III Wi: Abwehr in der Wirtschaft Gruppe III C: Abwehr bei Behörden im Inland Gruppe III F: Abwehr im Ausland Gruppe III D: Diversion, Feindtäuschung Gruppe III S: Bekämpfung von Sabotage Gruppe III G: Gutachten und Sachverständige Gruppe III N: Auslandsbriefprüfstelle und -telegrammprüfstelle Gruppe III K: Funkabwehr Gruppe III Kgf: Abwehr in Kriegsgefangenenlagern Gruppe III U: Interne Auswertung

Die Außenorganisation der Abwehr-Zentrale in Berlin stützte sich auf Abwehrstellen (Ast) in den Wehrkreisen mit Abwehrnebenstellen (Nest) sowie Abwehraußenstellen in den besetzten Ländern und sogenannte Kriegsorganisationen (KO) in den verbündeten und neutralen Ländern. 1939 gab es folgende Abwehrstellen (und Nebenstellen), denen jeweils einzelne geografische Bereiche zur Bearbeitung zugeteilt waren: Abwehrstellen I Königsberg, II Stettin und VIII Breslau – Hauptarbeit gegen Osten, Abwehrstelle III Berlin – Hauptarbeit gegen Osten und Diplomatisches Korps, Abwehrstelle IV Dresden – Hauptarbeit Polen, Tschechoslowakei, Abwehrstelle XIII Nürnberg – Hauptarbeit Balkan sowie Polen und Tschechoslowakei, Abwehrstelle X Hamburg – Hauptarbeit England, Frankreich und Übersee, dazu gehörig die Übersee-Funkzentrale, die in die genannten Länder und darüber hinaus Funkverbindungen herstellen konnte Abwehrstellen VI Münster, XI Hannover, IX Kassel, V Stuttgart und XII Wiesbaden, Nebenstellen Köln und Trier – Hauptarbeit gegen Westen, Abwehrstellen XVIII Salzburg und XVII Wien, Nebenstelle Graz – Hauptarbeit Balkan und Mittelmeerraum, Nebenstellen Wilhelmshaven, Bremen und Kiel – England und Übersee in Marineangelegenheiten.Gert Buchheit: Der deutsche Geheimdienst. 1966, S. 111.

Kriegsorganisationen entstanden während des Kriegsverlaufs z. B. in Spanien, Portugal und der Türkei, Abwehraußenstellen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Die Organisationsstruktur der Abwehrstellen und Kriegsorganisationen entsprach der Abwehr-Zentrale in Berlin mit ihrer Gliederung in Gruppe I (Geheimer Meldedienst), Gruppe II (Sabotage und Zersetzung) und Gruppe III (Spionageabwehr). Ihre Leiter unterstanden den jeweiligen Gruppenleitern in der Zentrale.

Zuständigkeiten und Tätigkeiten Die Abteilung/Amtsgruppe Ausland war die Auswertestelle für alle politischen und militärischen Nachrichten. Auch der Verbindungsreferent des Auswärtigen Amts war hier angesiedelt. Die Aufgabe war die Unterrichtung des OKW über die außenpolitische Lage. Dazu zählte die Sammlung, Auswertung und Weitergabe der außen- und wehrpolitischen Nachrichten, die Sammlung, Sichtung und Zusammenfassung von militärischen Meldungen und Nachrichten, die Auswertung der Auslandspresse, die Bearbeitung der völkerrechtlichen Fragen der Kriegsführung und die Herausgabe entsprechender Weisungen an das OKH, die Seekriegsleitung und das OKL. Darüber hinaus hielt die Abteilung/Amtsgruppe Verbindung zu den deutschen Militärattachés, -beratern und -missionen im Ausland und den ausländischen Militärattachés in Berlin. Auch war sie zuständig für den Marinesonderdienst, Kolonialfragen und Auslandspropaganda, die sie an die Abteilung für Wehrmachtpropaganda und die Informationsabteilung des Auswärtigen Amts weiterzuleiten hatte.

Abwehr I (Spionage) konzentrierte sich auf die Hauptkriegsgegner Frankreich, Großbritannien, USA und Sowjetunion, hinzu kamen der Nahe und Mittlere Osten bis Ostasien. Stützpunkte waren dabei die neutralen Staaten Spanien, Portugal, die Schweiz und die Türkei. Schwerpunkt des Einsatzes gegen Frankreich war seit 1937 bis zur Kapitulation im Sommer 1940 die Erkundung der Heeres- und Marinerüstung sowie der Maginot-Linie. Die Nachrichtenbeschaffung aus Großbritannien und den USA erwies sich als Fehlschlag, denn die dort vor dem Krieg aufgebauten Kontakte wurden nach 1939 von der Spionageabwehr dieser Staaten entdeckt und unterbunden. Für den Angriff auf die Sowjetunion wurden im Frühjahr 1941 drei Aufklärungsstellen (Tarnnamen Walli I, II und III) gebildet, außerdem gab es Frontaufklärungskommandos und -trupps bei den Heeresgruppen und Armeen bzw. Panzergruppen sowie, nach Beginn der Kampfhandlungen, V-Mann-Gruppen, die hinter den feindlichen Linien aufklären sollten.