Reckingen ist ein Ortsteil der baden-württembergischen Gemeinde Küssaberg im Klettgau im Landkreis Waldshut. Der Ortsteil hatte 2022 339 Einwohner.
Die Ortschaft liegt direkt am Hochrhein und ist Namensgeberin des in der Nähe liegenden deutsch-schweizerischen Kraftwerks Reckingen.
Name Reckingen – „bei den Angehörigen des Raco“, nach H.W. Mayer, 1926.H. W. Mayer (Hrsg.): Heimatbuch für den Amtsbezirk Waldshut, Verlag R. Philipp, Waldshut 1926, S. 209.
Heimatforscher Emil Müller-Ettikon schreibt, dass im St. Galler Urkundenbuch „im Jahre 885 ein Recco genannt (wird)“, und auch im Schweizer Rekingen AG gegenüber am Rhein wird der Namensursprung mit „bei den Leuten des Recco“ interpretiert. Der Ort dort hieß früher „Reccingun“.
Lage und Zugehörigkeiten Der Hochrhein zwischen Reckingen und Rekingen bildet hier die Deutsch-Schweizer Grenze. Westlich mit der Landesstraße L 163 verbunden liegt als Nachbarort Rheinheim, nach Osten hin Lienheim. Nördlich verläuft eine Hügelkette des Südranden, der östlich der Ortschaft direkt das Flussufer erreicht. Die Uferstraße wurde wahrscheinlich schon in der Römerzeit trassiert.
Seit frühen Zeiten bestand eine Fährverbindung zwischen Reckingen und Rekingen (Schweiz), nach Hans Matt-Willmatt wurde eine Drahtseilfähre 1865 eingerichtet und durch den Bau des Kraftwerks ab 1936 mit seinem Brückenweg überflüssig.Hrsg.: Landkreis Waldshut, bearbeitet von Hans Matt-Willmatt: Die Chronik des Kreises Waldshut, Vocke-Verlag, Waldshut 1957, S. 74.
mini|Gasthaus zum Rheintal 1925
Dorfleben In einer amtlichen Aufstellung 1809 wird in Reckingen ein „Zapfenwirtshaus“ genannt.Brigitte Matt-Willmatt/Karl-Friedrich Hoggenmüller: Lauchringen. Chronik einer Gemeinde. Hrsg.: Gemeinde Lauchringen, Verlag K. Zimmermann, Konstanz 1986, S. 354. Heute befindet sich im Ort das Gasthaus zum Rheintal. „Dort besteht seit 50 Jahren ein Stammtisch, begründet von Hermann Schwab, von November 1969 bis 1. Januar 1973 Bürgermeister der Gemeinde Reckingen.“S. Kurczynski: Anregende Gespräche seit 50 Jahren, Alb-Bote, 23. Dezember 2019.
Geschäfte sind im Ort nicht mehr vorhanden. Öffentliche Einrichtungen sind das Dorfgemeinschaftshaus und eine Waldhütte mit Rastplatz. In Reckingen aktiv sind ein Turnverein, ein Narrenverein, die Guggemusik „Schnörri Plätzer“ und eine DLRG Ortsgruppe. Weit über den Ort hinaus bekannt ist das Freibad, in dem auch Veranstaltungen und Jugendzeltlager stattfinden. In der Saison 2019 wurden knapp 20.000 Besucher erwartet.Tina Prause: Reckinger Freibad im grünen Bereich, Alb-Bote, 17. August 2019.
„Reckingen gehört zur Pfarrei Rheinheim. Die Ortskapelle ist dem hl. Josef geweiht (19.3.). Sie liegt mitten im Dorf und trägt die Jahreszahl 1795. Bis 1806 gehörte der Ort zur Landgrafschaft Klettgau. Nach der Volkszählung im Juni 1925 hatte Reckingen 138 Einwohner.“H. W. Mayer (Hrsg.): Heimatbuch für den Amtsbezirk Waldshut, 1926, S. 210 und 267.
Geschichte Durch die günstige Lage am Rhein mit Übersetzmöglichkeit (eventuell auch einer Furt) war der Ort schon urzeitlicher Siedlungsplatz und frühalamannisches Dorf. In seiner geografischen Lage als Grenzort nach Osten war Reckingen für die Herrschaften der Küssaburg von Bedeutung.
Frühgeschichte Im „Gewann ‚Oberhofen‘ (konnte) 1939 bei den Baggerarbeiten für das Kraftwerk Reckingen das Bruchstück einer Streitaxt aus dem Rheinkies geborgen werden. […] Vermutlich einer doppelschneidigen Streitaxt vom Typus Grenzach […] Verbleib: Heimatmuseum Waldshut, Inv. Nr. Wa 476.“Egon Gersbach: Urgeschichte des Hochrheins. Funde und Fundstellen in den Landkreisen Säckingen und Waldshut, Badische Fundberichte, Freiburg 1969. S. 153 f.
Römer „In römischer Zeit (dienten) dem Übergang über den Strom […] 3 Brücken, die heute einwandfrei nachgewiesen sind. Die östliche befand sich ungefähr in der Mitte zwischen Rheinheim und Reckingen beim Mühlacker.“ Die beiden anderen befanden sich zwischen dem heutigen Bad Zurzach und Rheinheim.H. W. Mayer (Hrsg.): Heimatbuch für den Amtsbezirk Waldshut, S. 205.
Den Flurnamen „Unterwiehlen“ – im Grundbuch 1631: „Hanffeld in Unterweilen“, 1774: „zu unterwylen“ deutete Emil Müller-Ettikon: „Der Name deutet auf eine Römersiedlung hin, wie sie in Gurtweil oder Weilheim gefunden wurde.“ (Römischer Gutshof (Gurtweil)). Die Begriffe wyl, wiehl, weil sind von ‚villa‘ abgeleitet. Im Matzental – „im mazen dal gelägen“ (1629): „Dort soll früher ein Hof gestanden haben.“Emil Müller-Ettikon: Geschichte Küssabergs, Hrsg.: Gemeinde Küssaberg, 1981, S. 157. Der Klettgau-Archäologe Jürgen Trumm vermutet, dass dies bereits schon ein römischer Gutshof gewesen sein könnte.
Gegenüber Reckingen – auf der anderen Seite des Flusses – wurde 1956 bei Bauarbeiten für die Turnhalle in Rekingen ein römischer Gutshof entdeckt, der um 50 n. Chr. entstanden sein soll. Er wurde bei der zweiten großen Angriffswelle der Alamannen um 260 n. Chr. niedergebrannt. Bis 370 n. Chr. hielten die Römer vermutlich noch Regionen nördlich des Rheins, bevor sie sich dann hinter den Fluss als Grenzlinie zurückzogen (zwei Wachturmfundamente wurden gegenüber bei Rekingen entdeckt) und Mitte des 5. Jahrhunderts vollständig abzogen.
Durch das lange, auch friedliche Gegenüber war es zu Austausch und Handel zwischen beiden Seiten gekommen, und auch die keltisch-romanische Bevölkerung blieb verschont. Das Grenzland sei jedoch dann erst allmählich besiedelt worden und – nach Ortsnamenforschern (so Emil Müller-Ettikon) – sei der erste alamannische Ort in der Raumschaft Reckingen gewesen.Emil Müller-Ettikon: Geschichte Küssabergs, 1981, S. 22.
Mittelalter mini|Ausstellung einer Urkunde im Mittelalter. (Zeichnung Wolf Pabst)
„In der Vergabeurkunde des Grafen Gotsberg an das Kloster Rheinau vom Jahre 876 ist neben anderen Orten im Klettgau auch Reckingen erstmals genannt.“Hans Matt-Willmatt: Chronik des Kreises Waldshut, 1957, S. 74. Der Klettgauer Landgraf „schenkte“ sein Gebiet an das Kloster und machte sich danach zum Abt des Klosters – es war eine in dieser Zeit häufig praktizierte Maßnahme des mittleren und kleinen Adels, um in dem zerfallenden Frankenreich eigenen Besitz vor dem Zugriff stärkerer Adelshäuser zu retten.
HintergrundAb dem Jahre 800 hatte Karl der Große als Kaiser das Fränkische Reich zur bestimmenden Macht in Mittel- und Südeuropa ausgebaut, die Christianisierung war durchgesetzt, die Dynastie der Karolinger baute erstmals einen umfassend organisierten Staat auf. Das Teilungsprinzip in der Erbschaftsfolge führte jedoch allmählich zu mehreren Reichsteilungen, die zu inneren Kämpfen und Krisen und schließlich zum Zerfall der „weltlichen Macht“ führten. Bestand hatten die auch zu wirtschaftlichen Mittelpunkten herangewachsenen Klöster. In den Nachfolgekämpfen konnte die Dynastie der ursprünglich sächsischen Ottonen den Reichsverbund ab Mitte des 10. Jahrhunderts wieder stabilisieren. Zuvor war es auch im Süden der damaligen Alamannia um 920 und 944 zu grausamen Plünderungszügen asiatischer Reiterheere („Ungarn“) gekommen, die erst Otto der Große in der Schlacht auf dem Lechfeld vernichtend schlagen konnte. Viele Urkunden in den Klöstern gingen damals verloren.
Der Weinbau von Reckingen soll – nach Hans Matt-Willmatt – „schon um das Jahr 1000 erwähnt“ worden sein (Lauchringer Chronik, 74).
Machtzentrum Küssaburg Ein geschichtlicher Zusammenhang bildet sich erst wieder mit den Herren von Küssenberg heraus, die wahrscheinlich von einer Familie bei Häusern abstammten – den „Wittlisbergern“ nach einem dort genannten Hof – und durch die Expansion des Klosters St. Blasien ihren Besitz an Wutach und Rhein verlagerten und im 12. Jahrhundert hier die Burg von ihren Untertanen bauen ließen. Sie sind mit „Heinricus de Cussachberc“ 1141 erstmals genannt und hatten 1177 bereits die Grafenwürde inne: „Es wird vermutet, dass die Küssenberger sich den Grafentitel sicherten, indem sie durch Erbe oder Kauf an die Grafschaft Stühlingen gelangten. […] Schon der im 19. Jahrhundert forschende Tiengener Historiker Joseph Bader vermutete, dass die Stühlinger um die Mitte des 12. Jahrhunderts ausstarben und ihr Erbe an die Küssenberger fiel.“Andreas Weiß und Christian Ruch: Die Küssabburg, Hrsg.: Küssaburg-Bund e.V., Druckerei Herbstritt, Wutöschingen 2009, S. 22.
Herrschaft Küssenberger Tal Nach dem Tod des letzten Grafen von Küssenberg (zwischen 1245 und 1251) ging die Küssaburg an den Bischof von Konstanz, Heinrich II. von Tanne (1233–1248), dessen Herrschaftsbereich allmählich von Kadelburg und Rheinheim nach Dangstetten, Bechtersbohl und Geißlingen reichte und auch Höfe und Orte östlich bis Stetten sowie auch Lienheim und Reckingen umfasste. (E. Müller-Ettikon, S. 26 ff.).
In der Folge kam es zu Besitzkorrekturen, doch unter der Hoheit des Hochstiftes Konstanz – die weltliche Herrschaft des Bistums – entwickelte sich für zwei Jahrhunderte ein stabiler Bereich – „zusammen mit den Dörfern Dangstetten, Küßnach, Reckingen und Rheinheim, später auch Bechtersbohl, bildete die Küssaburg die Herrschaft ‚Küssenberger Schloß und Tal“ (Lauchringer Chronik, 44). Diese Hoheit bedeutete den Besitz der Hohen Gerichtsbarkeit, wobei die Niedere Gerichtsbarkeit je nach den Verhältnissen in den Ortschaften von verschiedenen Herrschaften und ihren Vögten ausgeübt werden konnte.
Die Vogtei Reckingen – der Vogt war ein früher Vorläufer des Bürgermeisters, der einem Kloster oder Adelshaus dienstverpflichtet war – „ging 1294 mit der Stadt Kaiserstuhl, der Burg Rötteln und den Vogteien Hohentengen, Herdern, Rheinheim und Lienheim käuflich von Lüthold von Regensberg an Heinrich von Klingenberg, dem damaligen Bischof von Konstanz über. […] Die Herrschaft ‚Küssachberger Schloß und Tal‘ (wurde) im Tausch gegen die Herrschaft Bahlingen 1497 von den Grafen von Sulz erworben“ (Chronik Landkreis Waldshut, 74).
HintergrundIn der Zeit des Todes des letzten Küssenberger Grafen – um 1250 – gab es im Reich große Verwerfungen, da die Kaisermacht der Staufer gegenüber dem Papst unterlag, verfiel und in der „kaiserlosen, der schrecklichen Zeit“, dem Interregnum, in Mitteleuropa eine Adels-Anarchie überhandnahm (Raubritter), die erst der Habsburger Rudolf I. Ende des 13. Jahrhunderts energisch-gewaltsam beenden konnte. Deshalb ist wahrscheinlich, dass der Küssenberger versuchte, den Besitz als Einheit zusammen zu halten und ihn ohne eigene Erben 1241 noch vor seinem Tod dem mächtigen Bischof von Konstanz überantwortete – urkundlich als „Schenkung“.
Rudolf, auf den sich die großen Adelshäuser 1273 als römisch-deutschen König einigten, führte eine Neuerung ein, die als Habsburger Urbar in die Geschichte einging. Da die früheren Krongüter der Könige und Kaiser von den umwohnenden Adligen okkupiert worden waren, holte er sich diese zurück und ließ eine akribische, allgemeine Besitzstandsaufnahme fertigen, die als Urbar der Jahre 1300/1303 überliefert ist – auch detailgenau zu den Dörfern und Orten am Hochrhein. So sind zahlreiche Besitzer bekannt, vor allem Klöster, wie außer Rheinau und St. Blasien auch das Frauenkloster Berau und schließlich das Chorherrenstift Zurzach. Später gehörten neben Klöstern und Adel auch Bürger und Handelsmänner zu den Besitzern von Gütern und Rechten in den Dörfern.
Bereits vor der Hoheit des Bistums Konstanz hatte sich im 12. Jahrhundert das Kloster Rheinau in der Region mit seinen zahlreichen Besitztümern in der ‚niederen‘ Verwaltung durchgesetzt: „Oberlauchringen zählte mit Dangstetten, Küßnach, Lienheim, Bechtersbohl, Reckingen, Baldingen (südlich von Rheinheim) und Unterlauchringen zu Rheinheim, dessen Hof Zentrum der Verwaltungseinheit war und dessen Kirche 1437 dem Kloster inkorporiert wurde. Die gesamte rheinauische Güterverwaltung war in der Frühzeit in Höfen dezentralisiert.“
Das Kloster St. Blasien (eine Gründung von Rheinau) wird ab Mitte des 13. Jahrhunderts mit seinem Amt Klingnau ebenfalls als Güter- und Rechteinhaber in Reckingen genannt (Lauchringer Chronik, 73 und 78).
Reckinger Eigenständigkeiten