mini|350px|Neue Kirche und Gemeindehaus an der Hollerallee, 2007 St. Ansgarii ist eine evangelische Kirchengemeinde im Bremer Stadtteil Schwachhausen. Sie bildete historisch den Ausgangsort der Reformation in Bremen. Ihre aus dem Mittelalter stammende Kirche in der Bremer Altstadt war jahrhundertelang mit ihrem 98 Meter hohen Turm der höchste Punkt und ein Wahrzeichen der Stadt. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg bei den Luftangriffen auf Bremen schwer beschädigt und die Ruine in den 1950er Jahren abgerissen. Gleichzeitig wurde das heute bestehende Gotteshaus an der Kreuzung Hollerallee/Schwachhauser Heerstraße in Schwachhausen errichtet.
Geschichte Gründung mini|hochkant|Die alte St.-Ansgarii-Kirche um 1839 mini|hochkant|Farbfotografie Ende der 1930er Jahre Name und Tradition von St. Ansgarii (St. Anscharii) reichen zurück in die Zeit um 850, als Bischof Ansgar Erzbischof von Bremen war und hier eine Stiftung für zwölf bedürftige Geistliche ins Leben rief. Erzbischof Hartwig II. um 1200 richtete ein Kollegiatstift mit zwölf Kanonikern ein, mit dem Auftrag, auf dem einst für die Versorgung von Bedürftigen gestifteten „Gelände im Westen eine Basilika zu Ehren des heiligen Ansgar“ zu errichten.Bremer Urkundenbuch Bd. I: Nr. 66 (S. 73 ff.): Gründungsurkunde des Ansgarikapitels vom 1. Mai 1187 (lateinisch) Nr. 67 (S. 77): Einkünfte und Nutznießer der 12 vom seligen Ansgarius gestifteten Präbenden (Pfründen), ohne Datum (lateinisch) Zur Ausstattung des Stiftes gehörten außer drei Flächen des Hollerlandes die Kirchen in Horn, (Wasser-) Horst und Stuhr. Wohl nicht zuletzt auf Betreiben des Ansgarikapitels erteilte Papst Gregor IX., dem der Unmut der Bevölkerung Bremens über geistliche Unterversorgung zugetragen worden war, am 31. Juli 1227 dem Erzbischof Gerhard II. die Anweisung zu einer Aufteilung des Kirchspiels der Marktkirche St. Veit, heute Unser Lieben Frauen. Von diesem wurden mit der Neueinteilung von 1229 die Kirchspiele St. Ansgarii und St. Martini abgetrennt.
Reformation Als Ausgangspunkt der Reformation in dieser Stadt, damit für die St.-Ansgarii-Gemeinde und für die Geschichte Bremens von theologisch-historischer Bedeutung, gilt eine Predigt des holländischen Augustinermönchs Heinrich von Zütphen, eines Mitstreiters und Freundes Martin Luthers, vom 9. November 1522 in der südlichen Chorseitenkapelle der St.-Ansgarii-Kirche. Dessen Worte hatten nicht nur in der breiten Bevölkerung, sondern auch bei Angehörigen des Bremer Rates offene Ohren gefunden. Die Geistlichkeit, gegen die er gewettert hatte, protestierte daraufhin beim Erzbischof in Verden, worauf dieser unter Mithilfe seiner Verwandten aus Braunschweig sowie des dänischen Königs dem Rat der Stadt mit Krieg drohte. Die Überzeugungskraft von Zütphens war jedoch so groß, dass es schon 1525 in allen vier Stadtpfarren „reformierte“ Prediger gab; nur das Domkapitel bekannte sich erst später zu der neuen Lehre. Vom 16. bis 18. Jahrhundert war die Ansgarii-Gemeinde eine Hochburg des reformierten Glaubens (Christoph Pezel, Urban Pierius).
Bremer Kirchenstreit
Im Juli 1840 fand in der St.-Ansgarii-Kirche der erste Bremer Kirchenstreit statt. Der Elberfelder reformierte pietistische Theologe und Erweckungsprediger Friedrich Wilhelm Krummacher hielt zwei Gastpredigten zu den Themen Gerichtstag über die Irrlehren und die Verfluchungspredigt. Gegner war der theologisch rationalistische Pastor Carl Friedrich Wilhelm Paniel, der von 1839 bis 1856 an der St. Ansgarii predigte. Er hielt drei Predigten als Antwort zu Krummacher. Der Streit fand ein breites Echo in Norddeutschland, u. a. berichtete mehrfach der junge Friedrich Engels. 22 Bremer Pastoren verfassten zudem ein Bekenntnis bremischer Pastoren, in dem sie sich einerseits zur pietistisch-konservativen Linie bekannten, jedoch andererseits den anmaßenden Ton Krummachers kritisierten. Nur drei Bremer Pastoren vertraten die rationalistische Linie.
Ansgarii-Kirchspielschule Die Schule war am Kollegiatstift im Haus Ansgariikirchhof Nr. 8 untergebracht, wo auch der Schullehrer wohnte, der zugleich Küster der Kirche war. Die Zahl der Schüler betrug 1848 etwa 170. Ein Neubau entstand 1856 am Ansgariikirchhof Nr. 14 als Anbau an der Nordseite der Kirche. 1863 unterrichteten dort 5 bis 6 Lehrer in sechs Klassenräumen 332 Schüler. Die Schule hatte zuletzt 210 Schüler in 6 Klassen, wurde 1895 vom Staat übernommen und dann aufgelöst. Das Gebäude, in dem später Organist und Küster wohnten, wurde am 1. September 1944 zerstört.
Der wohl bekannteste Lehrer an St. Ansgarii war der Schreib- und Rechenmeister Peter Koster. Sein Rechenbuch Die Bremer-Münze, 1664 geschrieben (etwa 120 Jahre nach Erscheinen der Rechenbücher von Adam Ries), war in mehreren Auflagen zirka 150 bis 180 Jahre im Gebrauch. Als eine herausragende geistige Leistung wird auch seine Bremische Chronik des 17. Jahrhunderts bezeichnet.
Baugeschichte
1229 bis 1939
mini|hochkant|Epitaph des Detmar Kenckel († 1584), Bürgermeister Position des historischen Kirchengebäudes: mini|hochkant=1.1|Oberer Teil des Chorgiebels, zeichnerische Aufnahme 1876
Für den Baubeginn der Kirche nehmen die meisten Autoren 1229 an, das Jahr der Kirchspieleinteilung daneben wird auch 1224 genannt. Sie wurde zunächst als Basilika errichtet und erhielt, in Bremen eine Ausnahme, zunächst einen Halbkreis-Chor mit Chorumgang. Sie wurde 1243 geweiht. Jedoch stürzte schon 1244 der Chor ein. Der neue Chor erhielt einen rechteckigen Grundriss und keinen Umgang, wie bei den anderen großen Kirchen Bremens. Die Große Ähnlichkeit des Chorgiebels mit dem von St. Stephani fiel schon Wilhelm von Bippen auf, der letzteren aber noch für romanisch rechtete.Arthur Fitger, Johann Georg Kohl (Hrsg.): Denkmale der Geschichte und Kunst der Freien Hansestadt Bremen. (Bremer Künstlerverein, 1876): S. 16 ff., St. Stephani Kirche. und S. 24 ff., Die Kirche St. Anscharii. Der Turm an der Westseite wurde erst im 14. Jahrhundert vollendet. Gegen Ende desselben Jahrhunderts wurde das Schiff zu einer Hallenkirche umgebaut. Die fast quadratischen Grundrisse der vier alten Pfarrkirchen aus jeweils drei quadratischen Jochen, der lange Chor mit gerader Abschlusswand, die quer gestellten Dächer über den westlichen drei Jochen und zahlreiche Details in der Gestaltung der Innenräume wiesen auf westfälischen Einfluss hin (Westfälisches Quadrat). Das Kirchenschiff war schon als Basilika wie auch dann als Hallenkirche ein Backsteinbau. Die Südseite von Schiff und Chor war durch angebaute mehrstöckige Häuser verstellt. Der Turm, ebenfalls aus Ziegeln errichtet, war mit Portasandstein verblendet.
Mit dem Umbau zur Hallenkirche wurden die Wände ausgemalt und die Ausstattung mit Epitaphien nahm zu. Bedeutend war der figürliche Grabdeckel des 1304 erschlagenen Arnd von Gröpelingen, der sich heute im Focke-Museum befindet. An den 27 Altären lasen Chorherren und Vikare Messen.
Die geschichtsträchtige St.-Ansgarii-Kapelle entstand 1403–1422 an der Südseite des Chores.
Am Ende des 16. Jahrhunderts befand sich auf dem Turm die „Schlange“ St. Maria, ein Geschütz mit langem Rohr, aus dem Salut geschossen wurde. Beim Abfeuern 1580 bekam der Turm einen Riss, noch einmal wurde 1601 ein Schuss bei einem Fürstenbesuch abgegeben. Nach einem Brand 1590 erhielt der Turm eine welsche Haube und war mit 97 MeternFranz Buchenau: Die Freie Hansestadt Bremen – Eine Heimatkunde. 4. Auflage, 1934, S. 305; mit weiteren Angaben zur Bemessung der Turmhöhe in der Fußnote 1 auf dieser Seite. der höchste in Bremen.
Beschädigung von 1943 Bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg am 20. Dezember 1943 schlug eine Sprengbombe schräg unten in die Fundamente des Kirchturms.Fritz Peters: Zwölf Jahre Bremen 1933–1945. Eine Chronik. Bremen 1951, S. 254. Rissbildungen und immer unbeherrschbarer werdende statische Probleme waren die Folge. Schließlich sank der Turm am 1. September 1944Bremer Zeitung. 2. September 1944. in sich zusammen, wobei er die gesamte Westfront zertrümmerte und auch Teile des Mittelschiffs schwer in Mitleidenschaft zog.Online Fotodokumentation des Staatsarchivs Bremen zu den Schäden durch Luftangriffe auf Bremen 1940–1945. Bei dem Luftangriff vom 6. Oktober 1944Fritz Peters: Zwölf Jahre Bremen 1933–1945. Eine Chronik. Bremen 1951, S. 266. gingen vor allem die restlichen Dächer und Gewölbe zugrunde.Siegfried Fliedner: Die Alte St.-Ansgarii Kirche zu Bremen. Bremen 1957, S. 59. Bei Kriegsende standen noch drei Außenwände, fast alle Giebel, sowie die Pfeiler und die Gurtbögen im Innern. Außerdem waren die Zütphen-Kapelle und das alte Schulhaus nördlich des Chores in ihren Umfassungsmauern erhalten. Bremen verlor mit dem höchsten Turm der Stadt ein Wahrzeichen seiner Silhouette.
Wiederaufbau 1946 warb der Bremer Baudirektor für eine Rekonstruktion des städtebaulich wünschenswerten Kirchturms.Wolfgang Dronke: Der Wiederaufbau historischer Altstadtkerne, dargelegt am Beispiel Bremens. In: Städtebauliche Aufgaben der Gegenwart mit besonderer Berücksichtigung Bremens. Bremen 1946, S. 72. 1948 waren zwei Auffassungen erkennbar: Rekonstruktion oder Neubau an anderer Stelle.
Im Juli 1948 wurde an der Ecke Schwachhauser Heerstraße / Holler Allee im Auftrag der Ansgarii-Gemeinde und nach Plänen von Fritz Brandt eine Baracke der ehemaligen Organisation Todt zu einer Notkirche umgebaut. Claus Liske hielt als junger Pastor die Weihepredigt und führte u. a. aus: „Es ist besser, einen bescheidenen Raum mit dem Worte Gottes zu erfüllen als ein stolzes Gebäude zu besitzen, das leer bleibt.“Einkehr. Bremer Kirchenzeitung, 3. Jahr, S. 28/29, 25. Juli 1948. mini|Brandt-Plan 1948 – Version ohne Querhaus-Südgiebel mini|Brandt-Plan 1949 – Version mit Querhaus-Südgiebel
Fritz Brandt legte im November 1948 einen Plan vor, der einen partiellen Wiederaufbau der alten Kirche vorsah mit dem stadtbildprägenden Turm, einem Innhof anstelle der Joche westlich des Querhauses, umgeben von dreigeschossigen Geschäftshäusern. Der Hauptzugang zum Innenhof und Kirche sollte durch den Turm geführt werden. Durch eine Wand vor Vierung und Querhaus wäre die Kirche nach Westen hin zum neuen Innenhof abgeschlossen worden.Nils Huschke: Zütphen-Kapelle ?! Eine Analyse zum Schauplatz des 9. November 1522. In: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte, 119./120. Band 2021/22, S. 59–60.
Die Gemeinde entschied sich dafür, auf dem Areal ihrer Notkirche ein neues Gotteshaus zu errichten.
1957 machte die Aufbaugemeinschaft Bremen den Vorschlag, die Ruine zu sanieren und zum zentralen Verwaltungssitz der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) zu machen.Der Wiederaufbau, 11. Jahrgang Heft 2, Bremen Oktober 1957, S. 16, 17, 20. Dieser Vorschlag wurde von der BEK jedoch nicht befürwortet. Die Ruine wurde 1959 gegen den Widerstand von Teilen der Bevölkerung beseitigt und machte dem Neubau des Hertie-Kaufhauses Platz.
An den Kirchenbau an der Obernstraße erinnern heute der Name Ansgarikirchhof, die Ansgar-Säule von Kurt-Wolf von Borries auf dem Platz sowie die „Anschari-Passage“ an der Hutfilterstraße. Eine Platte auf der südöstlichen Ecke des Platzes weist auf den nahegelegenen Gauß’schen Punkt hin: den Ort der Turmspitze, die Carl Friedrich Gauß, Johann Hieronymus Schroeter, Heinrich Wilhelm Olbers und Friedrich Wilhelm Bessel als trigonometrischen Vermessungspunkt genutzt haben. Der Verein Anschari e. V. – Vereinigung für das historische Stadtbild Bremens setzt sich für den Wiederaufbau der Ansgarii-Kirche unter Abriss des Bremen Carees ein.
mini|Ansgarikirchhof-Modell von Axel Spellenberg aus dem Jahre 2023 mit rekonstruierter Kirche
Neue Ansgariikirche mini|Blick von der Orgelempore, 2007
Position der neuen Ansgarikirche: