mini|Die Belagerung Konstantinopels (Jean Chartier, 15. Jahrhundert) Die Belagerung ist eine Sonderform des Angriffs mit dem Ziel, befestigte Anlagen zu erobern oder die Kampfkraft der Verteidiger abzunutzen und sie zumindest zeitweise zu neutralisieren. Dabei wird der Ort so von eigenen Truppen umschlossen, dass möglichst jeder Verkehr zwischen dem Inneren und dem Äußeren des Belagerungsrings unterbunden wird. Insbesondere soll der Nachschub an Soldaten, Waffen und Nahrung unterbunden werden. Belagerungen sind zumeist mit dem Einsatz von Belagerungsgerät, Artillerie und Sappeuren verbunden.

Verlässt ein Teil der Belagerten die Festung, um die Belagerer anzugreifen oder um Belagerungsgerät zu zerstören, nennt man das einen Ausfall. Zu diesem Zweck wurden versteckte Ausfalltore angelegt. Kommen den Belagerten Truppen von außen zu Hilfe, spricht man von Entsatz. In belagerten Gebieten kann die Regierung den Belagerungszustand verhängen, eine spezielle Form des Ausnahmezustandes.

Allgemeines mini|Erstürmung einer Stadt (Detail eines Stichs aus dem späten 15. Jahrhundert) Ziel einer Belagerung ist, eine befestigte Anlage des Gegners so weit zu schwächen, dass ein Sturmangriff erfolgversprechend wird oder die Verteidiger in eine Kapitulation einwilligen. Dazu dienen Belagerungsgerät und Artillerie sowie die Zermürbung der Verteidiger durch Aushungern und Demoralisieren.

Da eine Belagerung zu allen Zeiten aufwendig und langwierig war, wurde häufig versucht, durch Ausnutzung eines Überraschungsmoments, List oder Verrat eine Belagerung zu vermeiden. Überraschungsangriffe und handstreichartige Überfälle auf intakte Festungsanlagen waren jedoch riskant, scheiterten häufig und konnten für den Angreifer sehr verlustreich verlaufen.

Sunzi beurteilte das Belagerungswesen generell negativ: „Wenn du eine Stadt belagerst, wirst du deine Stärke verausgaben“Sunzi: Kunst des Krieges. 2.2 und „Die höchste Feldherrnkunst durchkreuzt die Pläne des Gegners, die zweitbeste hindert ihn, seine Kräfte zu sammeln, die drittbeste führt in die Feldschlacht, die schlechteste zur Belagerung von befestigten Städten.“Sunzi: Kunst des Krieges. 3.3 Carl von Clausewitz drückte seine Skepsis vorsichtiger aus: „Indessen ist eine Belagerung eines nicht ganz unbedeutenden Platzes immer ein bedeutendes Unternehmen, weil es große Geldausgaben verursacht, und bei Kriegen, wo sichs nicht immer um das Ganze handelt, diese sehr berücksichtigt werden müssen.“

mini|hochkant=0.9|Braunauer Belagerungsmünze

Ein besonderes Zeugnis von Belagerungen sind die gelegentlich geprägten Belagerungsmünzen, eine besondere Form von Notmünzen, die häufig nur mit den einfachen Mitteln des Belagerungsortes gefertigt wurden und deshalb primitiver als regulär geprägte Münzen wirken.

Eine Besonderheit sind die Belagerungsmünzen von Zamość von 1813 im Wert von 2 złote in Silber. Sie wurden während der Belagerung durch russische Truppen von der polnisch-sächsischen Garnison unter General Haucke provisorisch geprägt. Einmalig dürfte der Wert dieser Notmünzen sein, der nach Prüfung dieser Stücke als höherwertig als die regulären Münzen festgestellt wurde. Daraufhin wurden sie von Geschäftsleuten aufgekauft und sofort eingeschmolzen.August Brause-Mansfeld: Feld-, Noth- und Belagerungsmünzen … (1897), S. 73

mini|120px|Leipziger Belagerungsmünze mini|links|Brandtaler von 1629

Eine weitere Besonderheit sind die Leipziger Belagerungsmünzen von 1547. Als sich Kaiser Karl V. (1500–1558) 1546/47 militärisch gegen den Schmalkaldischen Bund wandte, trat Herzog Moritz aus dem Bund aus, ging auf die Seite des Kaisers über und fiel in das kursächsische Land ein. Kurfürst Johann Friedrich belagerte daraufhin die von Herzog Moritz stark befestigte Stadt Leipzig. Herzog Moritz setzte der Belagerung mit Hilfe kaiserlicher Truppen ein Ende. Die Leipziger Belagerungsmünzen sind der numismatische Beleg für die Belagerung der stark befestigten Stadt Leipzig.Walther Haupt: Sächsische Münzkunde (1974), S. 117.

Interessant sind auch Gedenkmünzen, die eine erfolgreiche Verteidigung einer Belagerung dokumentieren. Der Brandtaler ist ein Gedenktaler, den die Münzstätte der Stadt Thorn im Preussen königlichen Anteils im Jahr 1629 auf die erfolgreiche Verteidigung der Stadt gegen die schwedischen Belagerer prägte. Der silberne breite Taler zeigt Thorn mit dem Bild der brennenden Stadt nach der Beschießung.MK Berlin: Thorn, Stadt.Helmut Kahnt: Das große Münzlexikon von A bis Z. (2005), S. 58.

Geschichte

Von der frühgeschichtlichen Zeit bis in die Frühe Neuzeit stellte die Belagerung ein wesentliches Element der Kriegsführung dar. Bedeutende Wissenschaftler und Ingenieure waren an der Entwicklung geeigneter Waffen und Geräte beteiligt, so etwa in der Antike Archimedes oder Heron von Alexandria, in der Renaissance Leonardo da Vinci, der sowohl Festungsanlagen als auch Kriegsmaschinen entwarf. Die Belagerungstechnik wird mit dem Fachausdruck Poliorketik bezeichnet (von poliorkētikós „zur Städtebelagerung gehörig“).Rudolf Schneider: Griechische Poliorketiker. 3 Bände. Weidmann, Berlin 1908–1912 (griechischer Text und deutsche Übersetzung).

Während die Poliorketik sich entwickelte, wuchs auch die Wirksamkeit des Festungsbaus, der insbesondere in Frankreich einen hohen Stand erreichte. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts war die Verteidigung in den meisten Fällen dem Angreifer überlegen. Erst die Einführung und ständige Verbesserung der Fernwaffen und insbesondere der Feuerwaffen führte zu einem Gleichstand.

Der Stellenwert sowohl der Belagerung als auch des Festungsbaus als Teil der Kriegführung nahm mit zunehmender Verfügbarkeit wirksamer Artillerie langsam ab. Mit der wachsenden Bedeutung des Luftkriegs im 20. Jahrhundert wurde beides im Wesentlichen obsolet.

Frühgeschichte und Antike mini|Belagerung einer Stadt auf einem assyrischen Basrelief aus Nimrud (British Museum, London) mini|Einsatz eines Belagerungsturms auf einem assyrischen Basrelief aus Nimrud (British Museum, London) Städte wurden schon seit frühester geschichtlich bekannter Zeit mit Mauern umgeben, um möglichen Feinden die Eroberung zu erschweren. Dagegen bildete sich ebenso früh eine Technik der Belagerung aus. Mythische Berichte reichen bis zur Belagerung von Jericho im Alten Testament und zur Belagerung von Troja, die Homer in der Ilias schilderte, zurück.

Auch das Heer Alexanders des Großen führte viele Belagerungen durch, insbesondere die Belagerungen von Tyros und des Sogdischen Felsens. Tyros war eine phönizische Inselstadt, die einen Kilometer vom Festland entfernt war und für uneinnehmbar gehalten wurde. Die Makedonen errichteten einen Damm zur Insel, der Überlieferungen zufolge mindestens 60 m breit war. Sobald dieser Damm in den Artilleriebereich hineinreichte, ließ Alexander die Stadtmauern mit Steinschleudern und leichten Katapulten beschießen. Nach einer sieben Monate andauernden Belagerung fiel die Stadt unter die Kontrolle der Makedonen. Im Gegensatz hierzu wurde die hoch auf den Klippen stehende Festung des Sogdischen Felsens durch List eingenommen. Alexander befahl seinen Truppen, die Klippen zu erklimmen und die hochgelegenen Flächen einzunehmen. Daraufhin gaben die demoralisierten Verteidiger auf.

mini|Apollodor von Damaskus, Poliorketika 148: „Schildkröte“ (Chelone), ein fahrbares Schutzdach als Belagerungsgerät, in der Handschrift Paris, Bibliothèque Nationale, Graec. 2442, fol. 81v (11./12. Jahrhundert) mini|Apollodor von Damaskus, Poliorketika 170: Belagerungsturm mit Fallbrücke. Paris, Bibliothèque Nationale, Graec. 2442, fol. 97v (11./12. Jahrhundert) Der Belagerungskrieg war in der Antike von zentraler Bedeutung. Die einfachste Form der Belagerung besteht darin, den Feind einfach einzuschließen und abzuwarten, bis ihm die Nahrung oder das Wasser ausgeht. Die Dauer einer Belagerung führt aber sowohl bei den belagernden Truppen als auch bei den Belagerten häufig zu Seuchen wegen der mangelnden Hygiene.

Die hellenistischen Armeen entwickelten eine komplexe Belagerungstechnik auf rein mechanischen Grundlagen – Explosivwaffen waren im Altertum unbekannt. Insbesondere die römischen Armeen waren für ihre erfolgreichen Belagerungen bekannt. Julius Caesars Kampagne zur Einnahme Galliens beispielsweise basierte im Kern auf einer großen Zahl verschiedener Belagerungen. Während des Gallischen Kriegs beschrieb Caesar, wie die römischen Legionen in der Schlacht bei Alesia zwei befestigte Wälle um die Stadt errichteten. Die innere Circumvallation hielt mit einem Durchmesser von zehn Meilen die Kräfte Vercingetorix’ im Belagerungsbereich, während die äußere Contravallation verhinderte, dass diese von Nachschub erreicht werden konnte. Nachdem die Entsatztruppen der Gallier den römischen Kavallerie-Hilfstruppen unterlagen, gaben die Gallier im Angesicht des Hungertodes auf.

Die römischen Belagerungen vollzogen sich in mehreren Schritten. Wenn der praktisch obligatorische erste Sturmangriff zur Erprobung der Verteidigungsbereitschaft und des Verteidigungswillens gescheitert war, wurde die Festung von den angreifenden Truppen eingeschlossen. Danach wurden befestigte Lager für die Angriffstruppen errichtet. Als Nächstes wurde eine Gegenbefestigung angelegt, die die Eingeschlossenen hindern sollte, Ausfälle durchzuführen oder Boten auszuschicken. Wenn die Möglichkeit von Angriffen durch Entsatztruppen gegeben war, wurde noch eine Außenbefestigung errichtet. Dann erst begann die eigentliche Belagerung.

Zuerst musste die Annäherung an die Festung geschafft werden. Dazu mussten gegebenenfalls Hindernisse wie Wolfsgruben oder Abatis beseitigt und Gräben zugeschüttet werden. Hierbei kamen fahrbare oder tragbare Wände und Dächer, wie die Chelone (Schildkröte) und andere, verschiedene Typen zum Einsatz.

Die Römer setzten auch Rampen ein, um geographisch geschützte Stellungen zu stürmen (z. B. das auf einer Insel gelegene Tyros und die auf einem Plateau gelegene hebräische Festung Massada).

Danach mussten die Wälle oder Mauern der Festung überwunden werden. Dazu gab es prinzipiell vier Möglichkeiten: Sturmleiter oder Belagerungsturm, um die Mauer zu übersteigen/besteigen. Rammbock oder Mauerbohrer, um eine Bresche in die Mauer zu schlagen oder das Tor einzureißen. Beide Geräte wurden üblicherweise in fahrbare Schutzgestelle eingebaut. das Katapult, um eine Bresche in die Mauer zu schießen oder um in die Ummauerung hinein zu schießen. Zum Beschuss der Mauer wurden meist massive Steingeschosse benutzt (bei Holzwällen teilweise auch Brandgeschosse). In die Ummauerung wurde mit massiven oder Brand-Geschossen gefeuert, um demoralisierende Zerstörungen zu verursachen. Leichen oder Köpfe von Angehörigen der Verteidiger zur psychologischen Kriegsführung. Leichen und Unrat zur Biologischen Kriegsführung, um Krankheiten auszulösen. Man unterminiert Mauern, gräbt also einen Gang unter die Mauer. Entweder um durch Anlegen einer Minenkammer, in der nach der Fertigstellung die Stützelemente weggebrannt werden, überraschend die Mauer an dieser Stelle zum Einsturz zu bringen, oder um heimlich einen kleinen Trupp Soldaten in die Festung zu bringen, die dann einen Handstreich durchführen.

Mittelalter und Frühe Neuzeit mini|Belagerung einer Stadt, neben gepanzerten Reitern und Knechten finden auch Geschütze Verwendung (Holzschnitt 1502) mini|Belagerung von Nagykanizsa (Mai 1664) In der schwäbischen Stadt Crailsheim wurde 1380 die Belagerung angeblich durch folgende List beendet: Die Bürger warfen den Belagerern gebackene Hörnchen über die Stadtmauer, um über die knapp werdenden Lebensmittel hinwegzutäuschen, siehe Horaffensage.

Mit der Erfindung des Spreng- und Schießpulvers und von Kanonen (siehe auch Steinbüchse) ergaben sich neue Möglichkeiten für beide Seiten.