mini|418x418px|Die Engel begegnen Adam und teilen mit Iblīs, obgleich in geringerem Maße, eine abgeneigte Haltung gegenüber Gottes neuer Schöpfung. Iblīs wendet sich trotzend von Adam ab und dreht seinen Kopf zur Seite. Nach manchen Traditionen wurde Iblīs als ein schöner Engel namens ʿAzāzīl erschaffen und wird als solcher hier dargestellt. Seine dunkle Haut zeigt seinen bevorstehenden Fall, aber er trägt noch immer die Flügel und die Haare eines Engels. Darstellung aus einem Manuskript aus Manṭiq al-ṭayr (Die Konferenz der Vögel) von Farīd al-Dīn ʿAṭṭār. Iran, Schiraz, 899/1494. Iblis oder Eblis (persisch und ; als Kontraktionsform vermutlich abgeleitet von )Der Name wird zuweilen auch mit dem arabischen Wort balasa erklärt, was so viel wie „verzweifelt“ bedeutet. Demnach gehe der Name auf die Funktion des Teufels zurück, Verzweiflung zu bringen, oder betont seine Rolle, selbst verzweifelt oder enttäuscht zu sein (Kurt Bangert: Muhammad: Eine historisch-kritische Studie zur Entstehung des Islams und seines Propheten. Springer-Verlag, 2016, ISBN 978-3-658-12956-9, S. 242). Auch wird sein Name auf talbīs () zurückgeführt (Richard Gramlich: Der eine Gott: Grundzüge der Mystik des islamischen Monotheismus. Otto Harrassowitz Verlag, 1998, ISBN 3-447-04025-4, S. 39.) – in islamischer Tradition namentlich auch Azazil () – ist eine mit dem Satan des Tanachs vergleichbare Gestalt im Islam und der iranischen Mythologie.Jürgen Ehlers (Hrsg. und Übers.): Abū'l-Qāsem Ferdausi: Rostam – Die Legenden aus dem Šāhnāme. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2002, S. 366. Anders als der christliche Teufel, ist er kein Feind Gottes, sondern sein Werkzeug zur Prüfung der Menschen (und Dschinn). Zudem gilt er als Oberhaupt der Diw. Die Bezeichnungen Satan und Iblis sind im Islam meist austauschbar.Ursula Spuler-Stegemann: Die 101 wichtigsten Fragen – Islam. C. H. Beck, 2007, S. 87. In einer symbolischen Auslegung steht Iblis für jemanden, der zwar Gott verehrt, die Menschen aber nicht als dessen Geschöpfe würdigt.Mouhanad Kchorchide: Islam ist Barmherzigkeit. 2. Auflage. Herder, Freiburg im Breisgau 2016, ISBN 978-3-451-30572-6, S. 113. In Teilen des Sufismus übernimmt Iblis die Rolle des Meisters der kosmischen Illusion und fungiert ähnlich wie das indische Prinzip Maya oder Mara.Meddeb, Abdelwahab, and Benjamin Stora, eds. A History of Jewish-Muslim Relations: From the Origins to the Present Day. Princeton University Press, 2013.p. 885 Als solches verkörpert Iblis einen kosmischen Schleier, der den immanenten Aspekt Gottes (Liebe) verbirgt und von seinem transzendenten Aspekt (Zorn) trennt.

Iblis im Koran Mehrere Male wird er im Koran genannt. Hier ist Iblis ein aus Feuer geschaffenes Wesen, das im Himmel residiert. Als ihm Allah die Niederwerfung vor Adam befiehlt, verweigert er diese und wird aus dem Himmel verstoßen. Darauf wird er als Führer der Ungläubigen erwähnt (Sure 26:95), welcher deren Hochmut bestärkt (Sure 34:20). Als Gott sagte, er werde einen Nachfolger auf Erden erschaffen, sprachen die Engel: „Willst Du auf ihr jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet und Blut vergießt, wo wir doch Dein Lob preisen und Deine Herrlichkeit rühmen?“ (Sure 2:30). Gott erzählte den Engeln, dass er etwas wisse, was die Engel nicht wüssten, und befahl den Anwesenden, sich vor Adam niederzuwerfen. Da Iblis den Menschen jedoch als minderwertig betrachtete, weigerte er sich und bat Gott um eine Frist, zu beweisen, dass die Menschen unwürdig seien, indem er sie irreführen würde: „O mein Herr, gewähre mir eine Frist bis zu dem Tage, an dem sie auferweckt werden. Gott sprach: Also wird dir die Frist gewährt, bis zum Tage einer vorbestimmten Zeit.“ (Sure 38:80). So wurde er zum Satan, der die Menschen zum bösen und unrechten Handeln bewegt.Tilman Nagel: Der Koran: Einführung – Texte – Erläuterungen. C. H. Beck, 1998, ISBN 3-406-43886-5, S. 257.

Geschichte Iblis’ in islamischen Sagen und Koranexegese Zugehörigkeit Bezüglich der Zugehörigkeit Iblis' gibt es im Islam unterschiedliche Auffassungen. Entscheidende Kriterien seiner Zuordnung sind sein Aufenthalt im Himmel, der an die Engel adressierte Befehl, seine Erschaffung aus Feuer und die Erwähnung des Wortes 'Dschinn' in Sure 18:50. Der Disput über die Bedeutung des Verses in Sure 18:50, in dem es heißt „kana min al ginni“, geht auf die unterschiedliche Leseart von ʿAbdallāh ibn ʿAbbās und Al-Hasan al-Basrī zurück. Während Al-Hasan al-Basrī den Begriff verstand, um Iblis von den Engeln zu unterscheiden, deutet ʿAbdallāh ibn ʿAbbās den Vers als eine nisba für den Begriff Dschanna und bezeichnet ein Wesen, das im Paradies erschaffen wurde (i.e. ein Engel), während die Dschinnen auf der Erde aus einem Gemisch aus Luft und Feuer erschaffen wurden.Erdağı, Deniz Özkan. "Evil in Turkish Muslim horror film: the demonic in “Semum”." SN Social Sciences 4.2 (2024): 1-22.

Auch wenn viele zeitgenössische Vertreter, insbesondere unter Vertretern salafistischer Auslegungen,Richard Gauvain Salafi Ritual Purity: In the Presence of God. Routledge, 2013, ISBN 978-0-7103-1356-0, S. 69. auf die Unfehlbarkeit der Engel bestehen, war die Vorstellung von einer möglichen Fehlbarkeit der Engel im klassischen Islam verbreitet. Bei At-Tabarī taucht, in der Diskussion um das Wesen von Iblis, die Vorstellung von sündlosen Engeln nicht auf. Die Interpretation des Korans nach ʿAbdallāh ibn ʿAbbās hält Engel nicht für sündlos und erlaubt ihre Fehlbarkeit. Je nach Leseart, Auslegung und Tradition etablierten sich unter islamischen Gelehrten unterschiedliche Auffassungen bezüglich seiner Zugehörigkeit, die in etwa in den folgenden Auslegungen zusammengefasst werden können:Patrick Hughes, Thomas Patrick Hughes: Dictionary of Islam. Asian Educational Services, 1995, ISBN 81-206-0672-8, S. 135.

Nach Ibn Abbas gehörte Iblis einer Gruppe von aus Feuer erschaffenen Engeln an, die Dschinn genannt wurden.Tobias Nünlist: Dämonenglaube im Islam. Walter de Gruyter, 2015, ISBN 978-3-11-033154-7, S. 52. Dschinn bezieht sich hierbei nicht auf die Spezies der Dschinn, die ebenfalls im Koran genannt werden. Stattdessen würden sie nach den Paradiestoren benannt worden sein. Sowohl diese Gattung der Engel wie auch die Dschinnen seien aus Feuer erschaffen, doch die Dschinnen aus einem Gemisch von Feuer und Wind, und jene Gruppe von Engeln aus dem Feuer des Samums. Die übrigen Engel seien aus Licht erschaffen. Aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit zwischen der Worte Feuer (nar) und Licht (nur) konnten Engel, erschaffen aus nar, auch als aus heißem Licht erschaffen gedeutet und in Einklang mit der generellen Vorstellung, dass Engel aus Licht erschaffen wurden, gebracht werden.Jane Dammen McAuliffe: Encyclopaedia of the Qurʾān. Volume 3, Georgetown University, Washington DC, S. 45.

Nach al-Hasan al-Basrī war Iblis ausdrücklich nie ein Engel gewesen. Stattdessen sei er Stammvater der Dschinn, so wie Adam als Stammvater der Menschheit gilt. Somit war Iblis der einzige der Dschinn, der im Himmel erschaffen wurde und der einzige unter den Engeln, der aus Feuer erschaffen wurde und über einen freien Willen verfügte. Da er zu den anwesenden Geistwesen gehörte, gelte der Befehl an die Engel sich zu verneigen auch ihm.Tobias Nünlist: Dämonenglaube im Islam. Walter de Gruyter, 2015, ISBN 978-3-11-033154-7, S. 53.

Eine weitere Tradition hält fest, dass Iblis ein Engel war, der seinem Verhalten nach ein Dschinn gewesen sei und daher in einen solchen verwandelt wurde. Da er sich vor niemandem außer Gott verneigen wollte, verweigerte er Gottes Befehl und wurde somit aus dem Himmel verbannt. Auf Erden wurde sein Name aufgrund seiner Enttäuschung zu Iblis. Diese Vorstellung begründete Al-Baidāwī damit, dass Iblis in Sure 2 eindeutig ein Engel sei, während er in Sure 18, zu einem späteren Zeitpunkt, eindeutig zu den Dschinnen gehöre.

Weitere Referenzen zu Iblis im Koran Während der Koran Iblis namentlich fast ausschließlich im Zusammenhang mit der verweigerten Verneigung vor Adam nennt, kennt die Koranexegese noch weitere Referenzen zu Iblis. So würde das in al-Mutaffifīn genannte Wort Sidschdschin, den Grund der Hölle bezeichnen, auf dem Iblis, seit seinem Fall, angekettet weilt. Von dort aus entsendet er seine Armee von Satanen aus, um die Menschen und Dschinnen irrezuleiten.Erdağı, Deniz Özkan. "Evil in Turkish Muslim horror film: the demonic in “Semum”." SN Social Sciences 4.2 (2024): 1-22.

Al-Anbiya bezeichnet Gottes Engel als seine loyalen Boten und warnt davor, sollten sie sich selbst Göttlichkeit zu schreiben, dass sie mit der Hölle bestraft werden. Die Warnung habe sich mit Iblis' Arroganz erfüllt. Diese Deutung taucht hauptsächlich bei jenen Gelehrten auf, die ihn zu den Engeln zählen.Erdağı, Deniz Özkan. "Evil in Turkish Muslim horror film: the demonic in “Semum”." SN Social Sciences 4.2 (2024): 1-22.

Ein Unterschied zwischen der christlichen Vorstellung des Höllensturzes und dem Verständnis des Engelfalls der islamischen Tradition besteht darin, dass sich der christlichen Glaubensauffassung nach die Engel gegen Gott erhoben haben, während die islamische Tradition festhält, dass Allah die Engel ihres Dienstes entlassen habe nach dem diese ihren Zweck nicht länger erfüllen wollten.Erdağı, Deniz Özkan. "Evil in Turkish Muslim horror film: the demonic in “Semum”." SN Social Sciences 4.2 (2024): 1-22.

In den islamischen Legenden mini|178x178px|Darstellung des Iblis in einer Schahname-Ausgabe mini|Iblis (oben rechts) verweigert sich der Niederwerfung, Illustration aus einer persischen Handschrift des 16. Jahrhundertsmini|300px|Darstellung von Iblis aus den Annalen von al-Tabari Islamische Legenden erzählen von dem Aufstieg von Iblis, der letztendlich in seinem Fall münden soll. Demnach hätten eine Vielzahl von Dämonen vor der Erschaffung der Menschen auf Erden gelebt. Diese wurden Tausende von Jahren von dem König Al Dschann regiert, dessen Name dabei aus dem Koran stammt und auch in der islamischen Exegese als Stammvater des Dämonengeschlechts gilt. Auch die Pyramiden von Gizeh gelten als Überreste aus der Herrschaftszeit des Dschanns. Als Dschann den Himmel erboste, wurde dieser von Iblis im Auftrag Gottes gestürzt. Dabei wird er von den Diw unter den Dämonen unterstützt. Fortan regierte Iblis über die irdische Welt und steigerte seinen Hochmut, der den eigenen Sturz nach sich zog, als er den Befehl, sich vor dem neu erschaffenen Adam zu verneigen, verweigerte. Die ihm treuesten Dämonen seien daraufhin mit ihm in die Hölle geworfen worden.

Sufistische Exegese Sufistische Konzepte leiten sich aus den Diskussionen des Kalām ab und entwickelten zwei Ausrichtungen der Bewertung der islamischen Teufelsfigur.Idel, Moshe, and Bernard McGinn, eds. Mystical union in Judaism, Christianity, and Islam: An ecumenical dialogue. Bloomsbury Publishing, 2016. p. 98 Eine davon interpretiert Iblis' Weigerung, sich vor Adam zu verneigen, als ein Zeichen seiner Loyalität gegenüber Gott und schreibt ihm damit eine positive Rolle zu. Der androhenden Strafe trotzend beharrt Iblis darauf, sich vor niemanden außer Gott niederzuwerfen. In der Verbannung habe Iblis schließlich die wahre Einheit mit Gott gefunden (Coincidentia oppositorum). Diese Interpretation ist in der islamischen Scholastik als Tawḥīd-i Iblīs (Satans Monotheismus) bekannt.Rustom, Mohammed (September 2020). Touati, Houari (ed.). "Devil's Advocate: ʿAyn al-Quḍāt's Defence of Iblis in Context". Studia Islamica. 115 (1). Leiden and Boston: Brill Publishers: 65–100. doi:10.1163/19585705-12341408. S2CID 226540873. Die andere Interpretation beschreibt Iblis weniger löblich. Diese führt Iblis' Weigerung nicht auf übermäßige Liebe zu Gott, sondern auf aus Hochmut resultierender spiritueller Blindheit zurück. In diesem Zusammenhang spricht Rumi auch von dem einäugigen Engel, der unfähig ist, die spirituelle Wirklichkeit zu sehen.Reza Aslan: Kein Gott außer Gott: Der Glaube der Muslime bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck, 2006, ISBN 3-406-54487-8, S. 45.