mini|Neulautern von Westen gesehen. Im Hintergrund das Tal des Buchenbachs Neulautern ist ein Ort, der seit 1973 zur Gemeinde Wüstenrot im Landkreis Heilbronn im nordöstlichen Baden-Württemberg gehört. Er entstand um 1530 im Tal der namengebenden „Spiegelberger“ Lauter als Glashütte mit Wohnsiedlung und hat gegenwärtig rund 530 Einwohner.Einwohnerzahl und Fläche nach Wüstenrot. In: Der Landkreis Heilbronn. Herausgegeben vom Landesarchiv Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Heilbronn. Thorbecke, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7995-6188-4, S. 490–509 Die ehemals selbstständige Gemeinde ist heute im Wesentlichen ein Wohnort mit etwas Landwirtschaft und Tourismus.

Geographie Neulautern, der südlichste der fünf Wüstenroter Ortsteile, liegt auf etwa im oberen Tal der Lauter, eines weiter nördlich entspringenden kleinen Nebenflusses der Murr, in den dort der aus Nordosten zufließende Buchenbach mündet. Gegenüber der Buchenbachmündung erstreckt sich der Ort auch auf eine schmale Klinge, die Hansenklinge. Das Lautertal liegt in den Löwensteiner Bergen, die zum Naturraum Schwäbisch-Fränkische Waldberge gehören.

Das Gebiet der ehemaligen Gemeinde ist mit einer Fläche von 253 ha relativ klein und überwiegend mit Wald bedeckt, der die Höhen beiderseits des schmalen Wiesentals der Lauter bedeckt. Größere Nachbarorte sind Spiegelberg (Rems-Murr-Kreis) im Süden, Wüstenrot im Nordosten sowie der deutlich kleinere Beilsteiner Weiler Stocksberg im Westen. Die Stadt Löwenstein, bis 1806 Sitz der Neulauterner Herrschaft, liegt rund sieben Kilometer entfernt im Nordwesten. Direkte Nachbarorte im Tal der Lauter sind im Süden der zu Spiegelberg gehörende Weiler Eisenlautern, im Norden der Wüstenroter Weiler Lohmühle.

mini|Fabrikanlage Lautertal Zu Neulautern gehören die Weiler Altlautern (nördlich von Lohmühle) und Buchenbach (östlich der Lauter, an Neulautern direkt angrenzend, hieß früher Pfarrhaus Neulautern, bis 1970 zu Spiegelberg) sowie der 1850 als Fabrik errichtete Wohnplatz Lautertal am Südende der Gemarkung. Altlautern, eine Neulauterner Gemarkungs-Exklave, ist durch die Gemarkungen Wüstenrot und Stocksberg von der Hauptgemarkung Neulauterns getrennt; die Gemarkung Stocksberg reicht zwischen Alt- und Neulautern bis ins Lautertal und umfasst auch den Neulauterner Sportplatz.

Früher gehörten auch die weiter südlich, Richtung Spiegelberg, gelegenen Weiler Eisenlautern (seit 1857) und Gräfliche Roßstaig zu Neulautern; bei einem Gebietsausgleich am 1. Januar 1970 kamen sie zur Gemeinde Spiegelberg. Vom 26. Mai 1945 bis zum 1. Juli 1950 gehörte auch der Weiler Stocksberg zu Neulautern.Zusätzliche Quellen für den Abschnitt Geographie: Topographische Karte 1:25 000. Blatt 6922 Wüstenrot. 8. Auflage. Landesvermessungsamt Baden-Württemberg, Stuttgart 2001, ISBN 3-89021-071-6Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band II: Die Gemeinden vor und nach der Gebietsreform. Landeskundlich-statistische Grunddaten. Kohlhammer, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-002349-7, S. 135Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band IV: Regierungsbezirk Stuttgart, Regionalverbände Franken und Ostwürttemberg. Kohlhammer, Stuttgart 1980, ISBN 3-17-005708-1, S. 150–153Geodatenviewer bei www.geoportal-bw.de

Geschichte mini|hochkant|Die fragliche Stelle im Codex Eberhardi. Stangebach etwa in der Bildmitte, Luttera in der Zeile darunter Eine im Codex Eberhardi enthaltene, im Zeitraum 1150 bis 1160 entstandene Abschrift einer Urkunde aus dem Jahr 779 erwähnt anlässlich einer Schenkung an das Kloster Fulda diverse Orte, darunter neben dem heute zu Wüstenrot gehörenden Weiler Stange(n)bach auch einen Ort namens Luttera.In der Literatur auch als Stangbach und Luutra oder Lutera wiedergegeben. Abgedruckt u. a. in: Wirtembergisches Urkundenbuch, Band II, Stuttgart 1858, Nr. NA, S. 437–438, online hier (PDF, 283 kB) oder hier Gustav Bossert (Bearb.): Württembergisches aus dem Codex Laureshamensis, den Traditiones Fuldenses und aus Weissenburger Quellen, Stuttgart 1895, S. 236, online hier Diese Nennung wurde auf den später zu Neulautern gehörenden Weiler Altlautern bezogen,Wolfram Angerbauer: Erste urkundliche Nennung von Stangenbach und Lautern im Jahre 779. In: Wüstenroter Heimatbuch. Gemeindeverwaltung Wüstenrot, Wüstenrot 1979, S. 139–141 anders als bei Stangenbach ist aber eine sichere Bestimmung des gemeinten Ortes wegen der Häufigkeit des Ortsnamenselements Lautern hierfür kaum möglich.Sönke Lorenz: Von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter. In: Wüstenrot. Geschichte einer Gemeinde im Schwäbisch-Fränkischen Wald. (s. Literatur), S. 9–32

1488 wurde Altlautern in einer Beschreibung der Grafschaft Löwenstein, zu der es nun gehörte, wieder erwähnt. Es bestand dort eine Glashütte, die Waldglas produzierte. Das abgelegene Lautertal war zwar reich bewaldet, aber unwegsam, wegen der stark zerklüfteten Hänge lohnten sich die Holzwirtschaft und der Abtransport des hier wachsenden Holzes kaum. Die Glasmacher fanden hingegen hier alles, was sie zur Glasherstellung brauchten, neben dem Holz noch Quarz (in Form von Sand oder Kieseln) und viel Wasser zum Betrieb von Stampfmühlen, und siedelten sich deswegen hier an. Auch anderswo in den Löwensteiner Bergen und im Mainhardter Wald entstanden Glashütten.Regina Keyler: Glasmacher und Glashütten. In: Wüstenrot. Geschichte einer Gemeinde im Schwäbisch-Fränkischen Wald. (s. Literatur), S. 67–85

Ab 1530 wurde die Glashütte im eine Viertelwegstunde flussabwärts von Altlautern gelegenen Neulautern betrieben.Marianne Hasenmayer: Die Glashütten im Mainhardter Wald und in den Löwensteiner Bergen. In: Paul Strähle: Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald. 4. Auflage. Theiss, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-2033-6, S. 108–128. In einem Zinsverzeichnis wurde 1545 Neulautern als „Newe Hutten genannt die Mittellauter“ erstmals genannt. 1551 trat zum ersten Mal der Name „in der Newen Lauter“ auf. Zeitweise hieß der Ort wegen der Glashütte auch Glaslautern. Um die Hütte siedelten sich ihre Beschäftigten an, der Ort Neulautern entstand.

Die Hütte gehörte den Grafen von Löwenstein, die sie verpachteten. In den ersten etwa 150 Jahren war sie anscheinend sehr lohnend, sie durfte 1588 Fenster für das Stuttgarter Lusthaus liefern, und 1643 war ihr Hüttmeister mit 1.600 Römern auf der Frankfurter Messe. Nach dem Dreißigjährigen Krieg begann der Niedergang der Glashütten in den Löwensteiner Bergen und im Mainhardter Wald. Die Neulauterner Hütte konnte sich mit Mühe halten.

mini|hochkant|Nach Süden ausgerichteter Lageplan von Neulautern im 18. Jahrhundert. Das große Gebäude C ist die Glashütte, die Gebäude D (Scheune) und E (Haus des Hüttmeisters) gehören ebenfalls zur Hütte. Um 1746 sorgte in Neulautern und Umgebung eine Räuberbande um Caspar „Kasperle“ Neumeister für Unruhe, die sich in den leerstehenden Gebäuden der naheliegenden Neuhütte im Joachimstal einquartiert hatte. Am 19. Februar 1746 wurden zwei der Brüder Neumeisters von Militäreinheiten in Neulautern gefasst, Caspar Neumeister selbst entkam.

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war die Familie Wenzel weit in Wüstenrot verbreitet. Aus ihr entstammten neben mehreren Schultheißen und Gastwirten vor allem zahlreiche Hüttenmeister der Glashütte in Neulautern. Der Bundeskanzler Helmut Schmidt, dessen Vater anfangs noch den Nachnamen Wenzel trug, stammt von dem um 1800 aus Wüstenrot nach Hamburg verzogenen Christian Heinrich Wenzel ab.Klaus Irmscher: Die Wenzel-Ahnen des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt und die Wanderungsbewegung der Glasmacher Wenzel im deutschen Südwesten. In: Genealogie, Heft 7–8/1997, S. 597–625. Johann Conrad I. Wentzel, ein Bruder des Schmidt-Ahnen Leonhard Friedrich Wentzel, gründete außerdem 1736 die Glashütte in Erlach.Klaus Irmscher: Johann Conrad I. Wentzel, der Gründer der Erlacher Glashütte, und die Wanderungsbewegung der Glasmacher Wenzel im deutschen Südwesten. In: Genealogie, Heft 1–2/1998, S. 19–35.

1772/73 erfasste ein „Silberrausch“ Wüstenrot und Umgebung, und auch in Neulautern wurde – vergeblich – nach Silber gegraben. 1806 kam die Grafschaft Löwenstein ganz zum Königreich Württemberg und bildete dort zunächst die Altwürttembergische Reservaten-Vogtei Löwenstein. Neulautern wurde eine eigene Gemeinde und 1810 zunächst dem Oberamt Backnang, 1812 dem Oberamt Weinsberg zugeteilt.

Nach dem Jahr ohne Sommer 1816 kam es in Württemberg zu einer Auswanderungswelle, von der auch Neulautern erfasst wurde. Nach Anwerbung durch die russische Krone wanderten 1817 ein Landwirt, ein Glasfabrikant, ein Arbeiter und ein Maurer mit ihren Familien nach Südrussland aus.Axel Hindemith: Hindemith – ein schlesischer Familienname in Bessarabien, Mitbegründer von Hoffnungstal. (PDF; 333 kB)

1821 kam das endgültige Ende der Glashütte. Erfolglos wurde nach Steinkohle gegraben. Die Bevölkerung, die sich von kärglicher Landwirtschaft und als Hausierer ernähren musste, verarmte zunehmend. 1835 wurde eine Armenkasse gegründet. Durch einen hohen Geburtenüberschuss nahm die Bevölkerung von 1824 bis 1847 um 20 Prozent zu, 1847 verzeichnete das württembergische Staatshandbuch 547 Ortsangehörige in Neulautern, 63 in Altlautern. Um 1850 erreichte die Einwohnerzahl ihren Höchststand und nahm dann durch Abwanderung und – teils staatlich geförderte – Auswanderung wieder ab. 1910 verzeichnete eine Zählung des Zollvereins noch 287 Einwohner in Neulautern und 20 in Altlautern.Raimund Waibel: Vom Zeitalter Napoleons bis zum Ersten Weltkrieg. In: Wüstenrot. Geschichte einer Gemeinde im Schwäbisch-Fränkischen Wald. (s. Literatur), S. 95–145 1855 kam Neulautern zusammen mit einer Reihe benachbarter Gemeinden wegen großer Armut der Bevölkerung und infolgedessen ungenügender Finanzen unter Staatsaufsicht, die in Neulautern bis 1876 andauerte.

Eine 1850 errichtete neue Fabrik südlich des Ortes (heute der Wohnplatz Lautertal) stellte zunächst Steingut her und fungierte dann bis 1897 als Weberei. 1905 übernahm der Heilbronner Fabrikant Gustav Hauck mit seinem Unternehmen Joh. Ludw. Reiner die Fabrik und stellte dort Zigarren her, was mit Unterbrechungen bis 1951 anhielt.

mini|Briefkopf der Weberei mit Ansicht des Fabrikgebäudes Ende des 19. Jahrhunderts Mit der Auflösung des Oberamts Weinsberg kam Neulautern 1926 zum Oberamt Heilbronn (ab 1934 Kreis Heilbronn, ab 1938 Landkreis Heilbronn). Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich, u. a. durch die Schließung der Zigarrenfabrik 1930/31, auch auf Neulautern aus; bei der Volkszählung im Juni 1933 waren von 226 Berufstätigen im Ort 11,9 % arbeitslos.

Die Zeit des Nationalsozialismus brachte neben staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen einen verkleinerten und gleichgeschalteten, nur noch mit NSDAP-Mitgliedern besetzten Gemeinderat sowie eine NSDAP-Ortsgruppe (ab 1937, vorher Stützpunkt bzw. Zelle der Ortsgruppe Wüstenrot). 1935 bis 1937 betriebene Versuche der Nachbargemeinde Spiegelberg, Neulautern eingemeinden zu lassen, führten nicht zum Erfolg. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kam Neulautern vom 14. bis 18. April 1945 unter amerikanischen Artilleriebeschuss, der die Kirche schwer beschädigte. Die beschossenen deutschen Truppen zogen sich, nachdem sie in der Nacht zum 17. April alle drei in den Ort führenden Brücken gesprengt hatten, zurück, sodass die US-Truppen Neulautern am 18. April ohne Widerstand besetzen konnten.

Der zur Stadt Beilstein gehörende Weiler Stocksberg, westlich und oberhalb von Neulautern gelegen, kam durch eine Eingemeindungsverfügung des von den Amerikanern eingesetzten Heilbronner Landrats Emil Beutinger vom 26. Mai 1945 zu Neulautern. Nach einer Bürgerversammlung und Abstimmung in Stocksberg, die zu Gunsten Beilsteins ausging, hob das württemberg-badische Innenministerium diese Verfügung zum 1. Juli 1950 auf, und Stocksberg kehrte zu Beilstein zurück.