Charlie Hebdo () ist eine französische Satirezeitschrift. Sie wurde zunächst von 1970 bis 1981 publiziert und erscheint seit 1992 wieder mit einer regulären, wöchentlichen Druckauflage von rund 60.000 Exemplaren in Paris. Der Name „Charlie“ stammt von der Comicfigur Charlie Brown von den „Peanuts“ und verweist auf die Ursprünge der Zeitschrift im Bereich der Comic-Magazine bzw. Präsident Charles de Gaulle,Pascale Santi: Cavanna et « les cons ». Le Monde, 14. Februar 2006 (französisch). „Hebdo“ ist die im Französischen geläufige Abkürzung für hebdomadaire (deutsch: Wochenzeitschrift, Wochenblatt).Übersetzung von hebdomadaire auf leo.org.

Charlie Hebdo wird in Übereinstimmung mit ihrem Selbstverständnis»Wir sind keine Provokateure«, Jungle World (45/2011), 10. November 2011. dem politisch linken Spektrum zugeordnet; ihre Herausgeber verstehen sich als dezidiert linksliberal.Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 40. Eine anfänglich linksradikale Orientierung wurde aufgegeben und man bewegte sich bei vielen Themen in die politische Mitte. Der das Profil prägende scharfe LaizismusDas Manifest der Zwölf. In: FAZ.net, 7. Januar 2015. und Antiklerikalismus wurde beibehalten.Frankreich: Ein Blatt für jede Gruppe, Jungle World (11/2013), 14. März 2013. Die Zeitschrift wurde unzählige Male – zumeist erfolglos – von rechtsextremen Politikern, Journalisten und religiösen Organisationen verklagt.« Charlie Hebdo », 22 ans de procès en tous genres. In: lemonde.fr, 8. Januar 2015 (französisch).

Bei einem Terroranschlag auf das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden zwölf Menschen, darunter fünf prominente Karikaturisten aus dem Redaktionsteam der Zeitschrift, einschließlich der Herausgeber, und somit ein Großteil der Redaktion ermordet.

Geschichte Anfänge miniatur|hochkant|Ehemaliger Sitz von Charlie Hebdo an der Rue Turbigo in Paris Die Vorgängerzeitschrift von Charlie Hebdo, das Wochenmagazin L’hebdo Hara-Kiri, ging 1969 aus dem seit 1960 monatlich erscheinenden anarchistischen Magazin Hara-Kiri hervor, das zeitweilig verboten war; einer der Gründer war François Cavanna. 1986 wurde das Monatsmagazin Hara-Kiri aus Mangel an Lesern eingestellt. Nachdem 1970 die parallel zu Hara-Kiri erscheinende, wöchentliche Ausgabe L’hebdo Hara-Kiri verboten wurde, gründeten die ursprünglichen Mitarbeiter von Hara-Kiri das Wochenmagazin Charlie Hebdo, dessen Name an das Monatsmagazin Charlie mensuel angelehnt war.

Wegen fehlender Finanzierung wurde die wöchentliche Ausgabe 1981 nach dem Erscheinen der Nummer 580 eingestellt. In: Tagesschau.de, 7. Januar 2015.

Wiederbelebung 1992 wurde die Redaktion von Charlie Hebdo von einigen ehemaligen Mitarbeitern wiederbelebt und die Satirezeitschrift nach Le Canard enchaîné bald die zweitbedeutendste in Frankreich.Jane Weston: Charlie Hebdo and Joyful Resistance, S. 209. Die linke Satirezeitschrift zeigte dabei zunächst ein kritisches und radikales Profil, die Auflage erreichte teilweise bis zu 90.000 Exemplare. 1995 initiierte man eine „Petition zum Verbot des Front National“, die insgesamt 150.000 Menschen unterschrieben. Im selben Jahr wurden die rechtskonservativen, katholischen Abtreibungsgegner der commandos anti-IVG („Kommandos gegen freiwilligen Schwangerschaftsabbruch“) zur Zielscheibe des ehemaligen Chefredakteurs Philippe Val. Er kündigte an, seinerseits Anti-Gott-Kommandos aufzustellen. Im Anschluss an eine Fernsehsendung, in der er dies äußerte, wurde er verprügelt.Was linke Franzosen lesen. In: jungle-world.com, 7. Juli 2004.

Ende der 1990er Jahre folgte ein Streit über die Ausrichtung des Magazins, der 1999 eskalierte. Anlass waren die Annäherung eines Teils der Redaktion unter Führung von Philippe Val an die französischen Grünen und deren damaligen Spitzenkandidaten für die Europawahl 1999, Daniel Cohn-Bendit, und Vals positive Haltung zum Kosovokrieg. Als Folge verließen zwei profilierte Redakteure die Zeitschrift, die Auflage fiel in dieser Zeit von 70.000 auf unter 60.000 Exemplare. Ein im Frühjahr von Val durchgeführter Relaunch reduzierte schließlich den Textanteil zugunsten der Zeichnungen und setzte den Weg in die politische Mitte fort.

miniatur|Die Gendarmerie überwacht das Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo infolge der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen (2006) Charlie Hebdo gehörte 2006 zu etlichen europäischen Zeitungen und Zeitschriften,Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 40. welche die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Jyllands-Posten nachdruckten, erweitert um eigene Karikaturen über Muslime. Das Redaktionsgebäude wurde daraufhin von der Gendarmerie bewacht. Die Union des Organisations Islamiques de France (UOIF) sowie die Große Pariser Moschee reichten Klage gegen Charlie Hebdo ein. 2007 sprach das zuständige Pariser Gericht die Zeitschrift vom Vorwurf der Beleidigung frei.

Am 1. März 2006 veröffentlichte Charlie Hebdo das Manifest der 12, in dem sich zwölf überwiegend aus dem islamischen Kulturkreis stammende Intellektuelle gegen den Islamismus als neue, weltweite, totalitäre Bedrohung aussprachen. Zu den Unterzeichnern gehörte neben Ayaan Hirsi Ali, Salman Rushdie und neun weiteren Personen auch der damalige Directeur von Redaktion und Verlag Philippe Val.

2008 wurde der Zeichner und Kolumnist Maurice Albert Sinet („Siné“) entlassen. Er hatte gegen Jean Sarkozy und mittelbar auch dessen Verlobte Jessica Sebaoun polemisiert, wodurch Charlie Hebdo u. a. durch LICRA Anschuldigungen des angeblichen Antisemitismus ausgesetzt war. Sinet verweigerte daraufhin die von Philippe Val eingeforderte öffentliche Entschuldigung. Später wurden ihm wegen seiner Entlassung gerichtlich 90.000 Euro Entschädigung von Charlie Hebdo zugesprochen. Auch den Antisemitismus-Prozess gegen die LICRA gewann er.

2010 gewann das Blatt einen Rechtsstreit gegen die ultrakonservative, katholische Organisation „Allgemeine Allianz gegen Rassismus und für Respekt der französischen und christlichen Identität“ (Agrif). Diese hatte geklagt, weil in einem Artikel zum Papstbesuch in Frankreich 2008 das Jesuswort „Lasset die Kinder zu mir kommen“ in einen pädophilen Kontext gerückt worden sei. Die katholische Kirche führte insgesamt bereits 14 Prozesse gegen die Zeitschrift, die sie alle verlor. In: Tagesschau.de, 7. Januar 2015.

Brandanschlag 2011 miniatur|Überreste nach dem Brandanschlag 2011 Am 2. November 2011 wurde auf die erst im April 2011 neu bezogenen Redaktionsräume des Magazins am Boulevard Davout in Paris ein Brandanschlag verübt. Der Anschlag stand Medienberichten zufolge in Verbindung mit dem Abdruck einer Karikatur Mohammeds auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe. Zudem wurde die Internetseite des Satiremagazins gehackt. Statt der Titelseite der damals neuen Ausgabe war dort einige Stunden lang ein Bild der Moschee im saudi-arabischen Pilgerort Mekka während des Haddsch zu sehen, mit der in türkischer und englischer Sprache verfassten Botschaft: „Unter dem Deckmantel der Pressefreiheit greift ihr mit euren gehässigen Karikaturen den großen Propheten des Islam an. Der Fluch Gottes soll euch treffen. Wir werden in der virtuellen Welt euer Fluch sein. Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.“Le siège de Charlie Hebdo incendié, son site internet piraté. (Mit der Abbildung der gehackten Site) Eine türkische Hackergruppe, die sich „Akıncılar“ (Sturmreiter des Osmanischen Reichs) nennt, sandte ein Bekennerschreiben an die französische Wochenzeitung Nouvel Observateur, gab aber an, mit dem Brandanschlag nichts zu tun zu haben.Qui sont les hackers de «Charlie Hebdo»? In: Nouvel Observateur, 3. November 2011.

Der unter seinem Künstlernamen Charb auftretende Chefredakteur Stéphane Charbonnier sprach auch von Droh-Mails vor dem Erscheinungstermin, die die Redaktion erhalten habe. Man hatte aufgrund des Erfolges der Islamisten (Ennahda) bei den ersten freien Wahlen in Tunesien (23. Oktober 2011) ein Sonderheft angekündigt: In Anspielung auf die Scharia wurde es Charia Hebdo genannt, als Gast-Chefredakteur war scherzhaft Mohammed auserkoren und von dem Zeichner Luz als Karikatur auf der Titelseite abgebildet worden mit den Worten: „100 coups de fouet, si vous n’êtes pas morts de rire!“ („100 Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totlachen!“). Der Chefredakteur betonte, dass niemand das Scharia-Sonderheft vor dem Brandanschlag gelesen haben konnte, da es erst Stunden später in den Handel kam, doch war die Titelseite schon zuvor im Internet sichtbar. Charbonnier bat nach dem Anschlag in einem Video vor den Trümmern um finanzielle Unterstützung.Aufrecht, furchtlos, radikal Publizistisch antwortete Charlie Hebdo mit einer auf den Titel der folgenden Ausgabe gesetzten Karikatur des Zeichners Luz, die einen Moslem mit Takke und einen Karikaturisten der Zeitschrift mit Charlie Hebdo-T-Shirt bei einem Zungenkuss unter der Titelzeile „L’amour plus fort que la haine“ („Die Liebe ist stärker als der Hass“) zeigte.

Bei dem Anschlag wurde niemand verletzt, doch der durch Brand und Löscharbeiten entstandene Schaden war beträchtlich: Büroräume auf zwei Stockwerken, sämtliches Equipment, das Layout- und das Computer-System wurden komplett zerstört, die Website ging offline. Die Zeitung Libération zeigte sich solidarisch, stellte der Redaktion von Charlie Hebdo ihre Räumlichkeiten zur Verfügung und widmete dem Magazin eine Spezialausgabe. Die Hackergruppe „Akincilar“ drohte Libération daraufhin mit weiteren Cyberattacken. Der belgische Internetprovider Host Bluevision wollte die Website wegen der Morddrohungen nicht mehr online stellen. Auch die Facebookseite der Zeitschrift wurde nach zahlreichen Drohungen aus dem radikalislamischen Umfeld mit der Begründung, Charlie Hebdo sei keine Person, vom Netz genommen.Charlie Hebdo: le compte Facebook bloqué, l’hebdo réimprimé. In: Ouest-France, 4. November 2011. Die Redaktion von Charlie Hebdo arbeitete etwa zwei Monate lang unter dem Dach der Libération und zog dann in ein Gebäude in der Rue Serpollet in Paris.

Die französische Öffentlichkeit reagierte mit einer großen Welle der Solidarität. Presseverbände, der Dachverband der französischen Muslime CFCM und Politiker verurteilten den Anschlag. Der Präsident des CFCM, Mohammed Moussaoui, kommentierte die Anschläge: „Wenn es sich um einen kriminellen Anschlag handelt, verurteilen wir diesen entschieden“, und stellte weiter fest, dass die Tatsache, den Propheten zu karikieren, eine Beleidigung für die Muslime darstelle. Die Karikaturen von Charlie Hebdo hätten für ihn aber keine vergleichbare Bedeutung mit den Karikaturen von 2006. Der Premierminister François Fillon verurteilte in einem Kommuniqué noch am selben Tag „den Angriff auf die Meinungsfreiheit“.

Mohammed-Karikaturen 2012 und 2013 Am 19. September 2012 veröffentlichte Charlie Hebdo neue Mohammed-Karikaturen. Die Karikaturen erschienen zu einem Zeitpunkt, als die Stimmung in muslimischen Ländern aufgeheizt war. Im Internet kursierende Ausschnitte aus dem islamfeindlichen Film Innocence of Muslims hatten in den Tagen zuvor wütende und blutige Proteste in den islamischen Ländern Libyen, Tunesien, Sudan und dem Jemen sowie auch in Frankreich ausgelöst, begleitet von einem bewaffneten Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi (Libyen) am 11. September 2012. Bei den Protesten und dem Angriff wurden mindestens 15 Menschen getötet, darunter der US-Botschafter in Libyen, J. Christopher Stevens, und drei weitere Mitarbeiter der Botschaft.