Der Amerikanische Spitzmull (Neurotrichus gibbsii) ist eine Säugetierart aus der Familie der Maulwürfe (Talpidae). Sie kommt im westlichen Nordamerika vor, wo sie vom südwestlichen British Columbia in Kanada entlang der Pazifikküste bis in den mittleren Teil von Kalifornien in den Vereinigten Staaten verbreitet ist. Die Tiere bewohnen eine Vielzahl von Landschaften, die sowohl bewaldete Tieflande bis höhere Gebirgslagen einschließen. Bevorzugt werden Regionen mit mächtiger Humusdecke. Es handelt sich beim Amerikanischen Spitzmull um den kleinsten Vertreter der nordamerikanischen Maulwürfe. Er ähnelt äußerlich anderen Angehörigen der Familie, zeigt aber auch gewisse Ähnlichkeiten zu Spitzmäusen. Besondere Kennzeichen finden sich in seiner verhältnismäßig längeren Schnauze und dem längeren Schwanz. Seine Gliedmaßen weisen einen schlankeren Bau auf, wodurch die Tiere weniger gut an eine grabende Lebensweise angepasst sind. Das Fell ist dunkelgrau bis schwarz gefärbt.

Die Lebensweise ist nur in Teilen gut erforscht. Der Amerikanische Spitzmull ist tag- und nachtaktiv mit relativ kurz wechselnden Aktivitäts- und Ruhephasen. Er legt Tunnel und Pfade an, die wenig tief in das Erdreich reichen oder durch Laubfallschichten verlaufen. Dabei entstehen keine Maulwurfshügel. Möglicherweise treten die Tiere in kleinen Gruppen auf. Die Nahrung besteht überwiegend aus Regenwürmern und Insekten zuzüglich einigem pflanzlichen Material. Ein Großteil der aktiven Zeit wird mit der Nahrungssuche verbracht. Die Fortpflanzungsphase ist ausgedehnt, werdende Muttertiere tragen bis zu vier Embryonen aus. Die Jungen werden in einem Nest aufgezogen.

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung der Art erfolgte im Jahr 1857. Die heute gültige Gattungsbezeichnung wurde im Jahr 1880 eingeführt. Die genauen Verwandtschaftsverhältnisse des Amerikanischen Spitzmulls innerhalb der Maulwürfe waren lange Zeit ungeklärt. Genetische Untersuchungen sprechen für nähere Beziehungen zu den Japanischen Spitzmullen und zu den Langschwanzmaulwürfen. Innerhalb der Art werden drei Unterarten unterschieden. Fossilfunde liegen bisher nicht vor. Aus dem näheren Verwandtschaftsumfeld des Amerikanischen Spitzmulls sind jedoch Reste überliefert, die bis in das Untere Miozän zurückreichen. Sie stammen zum größten Teil aus Europa und Ostasien. Der Bestand der Art ist nicht gefährdet.

Merkmale Habitus Der Amerikanische Spitzmull ist der kleinste Vertreter der Maulwürfe Nordamerikas. Seine Kopf-Rumpf-Länge beträgt 6,3 bis 7,1 cm. Der Schwanz wird 2,9 bis 5,0 cm lang, was etwa 35 % der Länge des restlichen Körpers entspricht. Das Gewicht variiert von 6 bis 14,5 g. Ein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus besteht nicht. Das äußere Erscheinungsbild weist gewisse Ähnlichkeiten mit dem der Spitzmäuse auf. Der Schwanz ist verhältnismäßig lang, der Kopf groß und die Schnauze gestreckt sowie spitz. Die Augen sind sehr klein, ihr Durchmesser liegt bei 0,7 bis 1 mm. Sie werden von einer durchsichtigen Haut bedeckt, wodurch keine Lidspalte besteht. Als einzigartiges Merkmal kann die Pigmentierung der Pars ciliaris retinae hervorgehoben werden, die als vorderer Abschnitt der Netzhaut den Ziliarkörper bedeckt. Äußere Ohrmuscheln sind nicht erkennbar. Der Gehörgang ist schlitzartig in Kopflängsrichtung orientiert mit Ausmaßen von 4 × 2 mm. Die Nasenlöcher öffnen seitwärts. An der Nasenspitze tritt ein Bündel an borstenartigen Haaren von nur 0,5 mm Länge auf. Kurz vor den Augen wiederum wachsen acht Paare an Vibrissen mit Längen bis zu 12 mm. Das weiche, dichte Körperfell ist einheitlich dunkelgrau oder schwarz bis rußig blaugrau gefärbt. Die einzelnen Haare des Deckfells erreichen 10 mm Länge und sind etwa doppelt so dick wie jene der Unterwolle. Der Schwanz beginnt dick und verjüngt sich zur Spitze. Er ist mit Schuppen in ringförmiger Anordnung bedeckt, trägt aber auch ein lockeres Fellkleid aus 2,5 mm langen Haaren. An der Schwanzspitze besteht eine Quaste aus 4,4 mm langen Haaren. Die Füße sind moderat klein und bestehen aus je fünf Strahlen. Die nackte Handfläche ist länger (rund 5,4 mm) als breit (rund 4 mm). Alle Strahlen tragen Krallen, im Gegensatz zu jenen der grabenden Maulwürfe sind diese beim Amerikanischen Spitzmull schmal und wenig gebogen. Die Rückseite der Füße ist mit Schuppen bedeckt. Die Länge der Hinterfüße liegt bei 1,3 bis 1,8 cm. Weibliche Tiere haben fünf Zitzenpaare, von denen sich eins im Brust- und je zwei im Bauch- und Lendenbereich befinden.

Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel wird 21,1 bis 23,7 mm lang und am Hirnschädel 9,7 bis 10,5 mm breit. Kurz hinter den Orbitae engt er sich auf 4,9 bis 5,5 mm ein. Insgesamt wirkt er in Seitenansicht flach, im Bereich der Stirnhöhlen ist er nur merklich geschwollen. An der Schädelbasis zeigen sich die Paukenblasen unvollständig. Am Mittelohr sind die Gehörknöchelchen im Vergleich zu einigen grabenden Maulwürfen kaum vergrößert, der Hammer ist nicht hypertrophiert. Die gesamte Konfiguration steht möglicherweise mit einem Hören im höheren Frequenzbereich in Verbindung. Das Gebiss setzt sich aus 36 Zähnen mit folgender Zahnformel zusammen: Der vorderste obere Schneidezahn ist vergrößert, die nachfolgenden sind sehr klein. Gleiches kann zu den unteren Pendants gesagt werden. Der obere Eckzahn übertrifft den letzten Schneidezahn an Größe und hat einen dreieckigen Querschnitt, ist jedoch seitlich verschmälert. In der unteren Zahnreihe entspricht der Eckzahn etwa dem vordersten Schneidezahn. Im hinteren Gebiss fehlen zwei Prämolaren, unklar ist jedoch ob neben dem definitiven Verlust des ersten Vormahlzahns der zweite oder dritte reduziert wurde. Die verbliebenen Prämolaren und die Molaren sind relativ robust, wobei der jeweils letzte Mahlzahn sehr klein wirkt. Gelegentlich treten einzelne zusätzliche Zähne im Oberkiefer auf. Die Länge der oberen Zahnreihe variiert von 9.5 bis 10,5 mm.

Skelettmerkmale Im Skelettbau zeigt der Amerikanische Spitzmull einzelne Besonderheiten, die auf eine weniger starke Anpassung an eine grabende Lebensweise schließen lassen. Auffällig ist dies unter anderem am Schlüsselbein, das bei den grabenden Maulwürfen extrem kurz und hoch ist. Beim Amerikanischen Spitzmull weist es die zweieinhalbfache Länge der Höhe auf, im Vergleich dazu liegt der Längenwert bei den Westamerikanischen Maulwürfen (Scapanus) bei etwa drei Viertel der Höhe. Wiederum abweichend zu den grabenden Maulwürfen fehlt dem Schulterblatt des Amerikanischen Spitzmulls das Metacromion, ein Fortsatz am Acromion zur Aufnahme eines Teils des Musculus trapezius. Der Oberarmknochen ist deutlich schlanker als bei den Westamerikanischen Maulwürfen. Des Weiteren ist das Große Tuberkel neben dem Oberarmkopf weniger aufgebläht und der dort ansetzende Deltoid-Fortsatz verkleinert. Ebenso ist die innere Gelenkrolle am unteren Gelenkende weniger massiv. Elle und Speiche sind schlanker und länger als bei den Westamerikanischen Maulwürfen, sowie das Olecranon, der obere Gelenkfortsatz der Elle, kürzer. Der für die grabenden Maulwürfe typische Präpollex („Vordaumen“), auch Os falciforme genannt, – ein stark vergrößertes Sesambein, das die Handfläche seitlich verbreitert – ist beim Amerikanischen Spitzmull eher klein ausgeprägt.

Eimersches Organ Auf der unbehaarten Nase des Amerikanischen Spitzmulles zeigen sich zahlreiche kleine buckelartige Aufwölbungen von rund 50 μm Durchmesser. Ihre höchste Erhebung wird durch eine Scheibe markiert. Die Buckel oder Papillen, die bienenwabenartig angeordnet sind, stellen Rezeptoren dar und werden als Eimersches Organ bezeichnet. Die jeweils darin endenden Nervenbahnen formen ein feinfühliges Tastwerkzeug, das vor allem bei grabenden Maulwürfen typisch ist. Insgesamt sind beim Amerikanischen Spitzmull rund 1560 Buckel ausgebildet. Sie verteilen sich regelhaft um die Nasenlöcher, ein jeweils kleiner seitlicher Fleck umfasst rund 50 Buckel.

Genetische Merkmale Der diploide Chromosomensatz lautet 2n = 38. Er setzt sich aus 15 zweiarmigen und 3 kleinen subtelozentrischen Autosomenpaaren zusammen. Das erste Chromosom ist nur unwesentlich größer als die nachfolgenden. Sowohl das Y-Chromosom als auch das X-Chromosom sind klein, ersteres ist fleckenartig, letzteres metazentrisch. Die Anzahl an Armen der Autosomen (fundamentale Anzahl) lautet 72.

Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet des Amerikanischen Spitzmulls Das Verbreitungsgebiet des Amerikanischen Spitzmulls umfasst das westliche Nordamerika. Im Norden reicht die Grenze des Vorkommens bis in den südwestlichen Teil des kanadischen Bundesstaates British Columbia beidseits des Fraser Rivers. Das gesamte Verbreitungsareal nimmt hier etwa 10.000 km² ein. Es zieht sich dann entlang der Westküste südwärts bis auf Höhe des Fremont Peak der Gabilan Range im Monterey County im mittleren Bereich des US-Bundesstaates Kalifornien. Im Osten begrenzen die Kaskadenkette und die Sierra Nevada in den Bundesstaaten Washington, Oregon und Kalifornien das Verbreitungsgebiet. Eine kleine Population lebt zudem auf Destruction Island, einer kleinen, nur 14 ha großen gras- und buschbewachsenen Insel rund 5,3 km vor der Westküste von Washington südwestlich der Mündung des Hoh Rivers.

Der Lebensraum umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Habitate. Bevorzugt werden in tieferen Lagen Schwarzerden mit mächtiger Humusdecke von wenigstens 30 cm, die mit einer Schicht aus Blättern, Zweigen und Ästen bedeckt sein kann. Hierzu gehören vor allem Schluchten und Täler, deren Vegetation aus Ahorn-, Erlen- und Hartriegelgemeinschaften durchsetzt mit Pracht-Himbeeren oder Rotem Holunder besteht. Hinzu kommen Feuchtlandschaften in Flussufernähe bestanden mit Weidendickichten. Als weitere Landschaftsräume dienen Uferwälder aus Hartholz-Nadelbäumen, Douglasien und Gelbkiefern. Ebenso bewohnt der Amerikanische Spitzmull feuchtes Weiden- sowie Buschland und ist auch am unmittelbaren Flussufer zu finden. Generell meiden die Tiere aber trockene Gebiete. In Gebirgslagen können die Tiere in Gebieten mit dünner Flechtenbedeckung angetroffen werden. Hier reicht die Höhenverbreitung bis auf rund 2440 m über den Meeresspiegel. Aufgrund der Vielzahl an genutzten Landschaften kann der Amerikanische Spitzmull als Habitat-Generalist angesehen werden. Die Populationsdichte beträgt in zuträglichen Landschaften 12 bis 15 Individuen je Hektar.

Lebensweise Territorialverhalten mini|Amerikanischer Spitzmull Die Lebensweise des Amerikanischen Spitzmulls ist nur bedingt gut untersucht. Die Tiere sind sowohl tag- als auch nachtaktiv. Hierbei wechseln sich kurze Perioden der Aktivität von 2 bis 18 Minuten Dauer von noch kürzeren Phasen der Ruhe mit 1 bis 8 Minuten Länge ab. Im Gegensatz zu vielen anderen Maulwürfen ist der Amerikanische Spitzmull häufiger an der Erdoberfläche anzutreffen. Sein Körperbau zeigt zwar weniger gute Grabeigenschaften als im Vergleich die teils sympatrisch vorkommenden Westamerikanischen Maulwürfen, dennoch legt er teils unterirdische Gänge an, die mitunter auch durch verrottendes Pflanzenmaterial am Erdboden verlaufen können. Die Eingänge sind stets offen. Oberflächennahe Pfade haben häufig eine Weite von 3,8 cm und sind nur 2,0 cm in den Boden eingetieft. Sie werden von Laub bedeckt und enthalten in gewissen Abständen kleine Löcher für die Luftzufuhr. In der Regel entstehen diese Gänge bei der Nahrungssuche und werden von den Tieren regelmäßig aufgesucht. Tiefer in den Untergrund reichende Tunnel sind mit 2,5 cm Durchmesser etwas schmaler. Insgesamt zeigen sich die Tunnelsysteme weniger komplex, maximale Tiefen werden bei 12,7 bis 30,5 cm erreicht. Häufig enthalten sie eine größere Kammer mit Ausmaßen von 12,7 × 7,5 cm. Diese befindet sich nahe dem Grundwasserspiegel, was eine gewisse Feuchtigkeit gewährt.