mini|Georg Fahrbach (1938)
Georg Fahrbach (* 6. April 1903 in Criesbach; † 12. Februar 1976 in Stuttgart) war ein deutscher Verwaltungsbeamter und Bankier aus Württemberg und hatte jahrzehntelang eine bedeutende Stellung in der deutschen, später auch europäischen Wander- und Naturschutzbewegung. Dem Schwäbischen Albverein gehörte er von 1923 bis zu seinem Tod mehr als fünf Jahrzehnte an. Zur Zeit des Nationalsozialismus war Fahrbach, der 1933 der NSDAP beigetreten war, als Mitglied des Albvereins-Hauptvorstands und ab 1939 als Vereinsvorsitzender ein prominenter Vertreter des Naturschutz im Nationalsozialismus. Nach seiner Einstufung als Mitläufer im Entnazifizierungsverfahren 1948Frohn (siehe Literatur), S. 104–111 war Fahrbach von 1949 bis 1973 erneut Vorsitzender des Schwäbischen Albvereins.Walter (siehe Literatur), S. 22 ff. Seine umfangreichen Aktivitäten und Veröffentlichungen zum Wandern und zum Naturschutz in diesen Jahrzehnten brachten Fahrbach zahlreiche hohe Ehrungen ein und machten ihn als Wanderer und Naturschützer weit über Württemberg hinaus bekannt.
Leben Herkunft und Ausbildung Georg Fahrbach wurde am 6. April 1903 als siebtes und letztes Kind des Weingärtners Christian Fahrbach und seiner Frau Katharina geb. Most im hohenlohischen Criesbach am Kocher geboren. Als er vier Jahre alt war, starb sein Vater. Da Fahrbachs körperliche Konstitution für nicht robust genug gehalten wurde, den Weingärtnerberuf zu ergreifen, wurde er nach dem Besuch der Volksschule im benachbarten Ingelfingen auf die Ingelfinger Lateinschule geschickt. 1918 besuchte er das Realgymnasium in Heilbronn. Er wollte ursprünglich Lehrer oder Pfarrer werden und war ein guter Schüler, verließ das Realgymnasium aber dennoch nach nur einem Jahr mit der Mittleren Reife, um in der unsicheren Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einen „etwas realeren Beruf zu ergreifen.“nach Dr. Georg Fahrbach, S. 38. Statt des beabsichtigten Studiums der Landwirtschaft kam er durch einen Zufall zur Verwaltungslaufbahn des gehobenen Dienstes. 1919 trat er als Lehrling auf dem Rathaus von Niedernhall ein. Dort, im Rathaus von Unterrot und bei der Verwaltung des Oberamts Hall in Schwäbisch Hall bereitete er sich auf die eigentliche Ausbildung an der Höheren Verwaltungsschule in Stuttgart vor, die er 1924/1925 absolvierte und mit der württembergischen Staatsprüfung abschloss.
Weiterer beruflicher Werdegang Von Juni bis Dezember 1925 war Fahrbach Stadtschultheißen-Amtsverweser in Niedernhall. Nach kurzem Dienst beim Oberamt Waiblingen wurde er 1926 vom württembergischen Innenministerium zur Abwicklung von Reichskrediten für die Landwirtschaft ein halbes Jahr zur Württembergischen Hypothekenbank abgestellt. Die Bank war von seinen Fähigkeiten angetan und wollte ihn bei sich behalten. Ein Angebot, in den konsularischen Dienst des Auswärtigen Amtes zu treten, schlug er aus und trat stattdessen ganz in die Dienste der Bank, bei der er bis zum Ruhestand blieb. Ende 1931, im Alter von 28 Jahren, erhielt er Prokura, 1934 wurde er stellvertretendes, 1938 ordentliches Mitglied des Vorstands. Am 27. April 1939 heiratete er seine Frau Elisabeth, mit der er in der Folge vier Kinder hatte.
Regelmäßiges Wandern und erste Jahre im Albverein Fahrbach ging seit seiner Jugendzeit 1919 jahrzehntelang regelmäßig wandern. Auch der Naturschutz war Fahrbach schon früh ein Anliegen, und er setzte sich zeit seines Lebens für ihn ein.
Den Schwäbischen Albverein lernte er erstmals während seiner Ingelfinger Schulzeit kennen, als ihm ein Lehrer das Albvereinsblatt vermittelte. Seine Verwaltungsausbildung fiel in die Zeit der Bündischen Jugend, der er nicht angehörte, deren Freude am Wandern er aber teilte. Während seiner Zeit in Unterrot 1923 trat Fahrbach dem Schwäbischen Albverein bei. Im Mai 1923 begegnete er bei einem Wandertreffen dem damaligen Vereinsvorsitzenden Eugen Nägele sowie Wilhelm Mattes, dem Obmann des Öhringer Albvereinsgaus, mit denen er Freundschaft schloss.
Nach Ende seiner Ausbildung schloss Fahrbach sich der Stuttgarter Ortsgruppe des Albvereins an. Im Frühjahr 1928 gründete er zusammen mit anderen Jungmitgliedern den Stuttgarter Jung-Albverein, dessen Leitung er übernahm. Nach anfänglichen Differenzen mit der Ortsgruppe wurde der Jung-Albverein bald akzeptiert. Fahrbach wurde 1931 in den Hauptausschuss des Albvereins berufen.
Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten trat Fahrbach zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.232.661).Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/8681576Frohn (siehe Literatur), S. 105 Im Herbst 1933 wurde er Mitglied des Albvereins-Hauptvorstands.Schönnamsgruber (siehe Literatur), S. 96 Der dem Reichsverband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine (später Teil des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibesübungen) angehörende Albverein wurde in dieser Zeit wie alle Vereine dieses Verbandes gleichgeschaltet. Nach der aufgrund einer Verfügung des Reichsverbands („Nichtarier und Marxisten können kein Vorstandsamt bekleiden und müssen aus den Vereinen und Ortsgruppen des Reichsverbandes ausscheiden“Rundschreiben des Reichsverbands-Vorsitzenden Werner vom 28. Juli 1933, abgedruckt bei Schönnamsgruber (siehe Literatur), S. 98) geänderten Vereinssatzung von 1933 wurden zu den Ämtern des Vereins „Mitglieder deutscher Abstammung“ berufen, die „keine Marxisten“ waren. Nach einer weiteren Änderung der Albvereinssatzung im Juni 1939 wurden als Vereinsziele nun ausdrücklich genannt: „die leibliche und geistige Erziehung seiner Mitglieder im Geiste nationalsozialistischer Weltanschauung durch planmäßige Pflege des Wanderns, des Natur- und Heimatschutzes, des Volkstums und aller damit zusammenhängender Bestrebungen“.Schönnamsgruber (siehe Literatur), S. 98Walter (siehe Literatur), S. 23
mini|hochkant|Georg Fahrbach als „Führer des Schwäbischen Albvereins“ auf dem Titelblatt des Taschenbuchs des Naturschutzes von Hans Schwenkel (1941)
Am 11./12. März 1939 wählte die Vereins-Hauptversammlung Fahrbach in Backnang einstimmig zum Ersten Vorsitzenden („Führer“) des Schwäbischen Albvereins.Josef Forderer: Hauptausschußsitzung und Mitgliederversammlung in Backnang. Wichtige Beschlüsse, Änderungen in der Vereinsleitung (...). In: Blätter des Schwäbischen Albvereins, 51. Jahrgang 1939, Nr. 4, S. 48–54 (online; TIFF, 985 kB). Als Vorsitzender des Schwäbischen Albvereins bis 1945 bediente sich Fahrbach einerseits der Sprache der Nationalsozialisten, gedachte bei einer „Heldengedenkfeier“ Hitlers und der Toten der (nationalsozialistischen) „Bewegung“, bezeichnete sich als „Führer“ des Albvereins, berief NS-Funktionäre wie den Stuttgarter Kreisleiter Wilhelm Fischer in Gremien des AlbvereinsFrohn (siehe Literatur), S. 108 und schickte Hitler am 20. April 1939 ein Glückwunschtelegramm zum 50. Geburtstag.Unserem Führer Adolf Hitler zum 50. Geburtstag. In: Blätter des Schwäbischen Albvereins, 51. Jahrgang, Nr. 5, Mai 1939, S. 61 (online; TIFF, 64 kB) Andererseits ermöglichte Fahrbach es einem kleinen, politisch links orientierten Wanderverein mit Mitgliedern, die SPD und KPD angehört hatten, sich unter das Dach des Albvereins zu begeben, so der Gleichschaltung zu entgehen und „dank Fahrbach“ sein Eigenleben weiterführen zu können.So laut Frohn (siehe Literatur), S. 107 Plänen des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) zum Ausbau der Solitude-Rennstrecke trat er in der Presse und durch Rundschreiben entgegen.Frohn (siehe Literatur), S. 106
Mit Vertretern der völkisch-antisemitisch geprägten Naturschutz-Ideologie der Nationalsozialisten im Albverein, wie Hans Schwenkel und Ludwig Finckh, arbeitete Fahrbach eng zusammen; nach seiner Wahl zum Vereinsführer 1939 berief er beide in den Hauptausschuss des Vereins. Als jahrzehntelanger Freund Finckhs und als Vorsitzender des Ludwig-Finckh-Freundeskreises e. V. versprach Fahrbach, über Finckhs Tod hinaus dessen „Erbe“ zu „wahren“.Vgl. Vorwort Fahrbachs in: Ludwig-Finckh-Freundeskreis e. V. (Hrsg.): Ludwig Finckh zum 100. Geburtstag am 21.3.1976. Ulm, Gerhard Hess Verlag 1976, , S. 5.
1940 gründete der Albverein unter Fahrbachs Vorsitz aus den Reihen des Albvereins einen „Naturschutzdienst“ (NDAV), der zur Durchsetzung des Reichsnaturschutzgesetzes (RNG) von 1935 als „Streifendienst“ im neu eingeführten „Albvereinsrock“ durch Wald und Flur patrouillieren und Verstöße an die staatlichen Naturschutzbehörden melden sollte.Vgl. Hans Schwenkel: Taschenbuch des Naturschutzes, hrsg. und mit einem Geleitwort von Georg Fahrbach, E. Kaißer, Salach 1941, hier das Kapitel: Georg Fahrbach: „Aufgaben und Aufbau des Naturschutzdienstes des Schwäbischen Albvereins“, S. 46–51. Im Geleitwort des Taschenbuchs des Naturschutzes schrieb er 1941:
Zu Beginn des Jahres 1941 wurde Fahrbach in die Wehrmacht eingezogen und kam zur Ausbildung in das Infanterie-Ersatz-Bataillon 460 nach Karlsruhe.90 Jahre Schwäbischer Albverein, Ortsgruppe Karlsruhe – ein Verein im Wandel der Zeiten, auf: Schwäbischer Albverein Karlsruhe e. v. (abgerufen am 10. August 2020) Als Kriegs-, ab 1944 Oberkriegsverwaltungsrat war er anschließend in leitenden Stellungen der Militärverwaltung im besetzten Frankreich und im besetzten Italien tätig. In Südtirol geriet er kurz vor Kriegsende in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er Ende 1945 zurückkehrte.
Entnazifizierung Die amerikanische Militärregierung suspendierte Fahrbach am 15. Mai 1945 aufgrund einer allgemeinen Anordnung von seinem Amt als Bankdirektor. Sein Entnazifizierungsverfahren begann am 19. April 1946 mit dem Ausfüllen des obligatorischen Fragebogens samt selbstverfasstem „Politischen Lebenslauf“. In diesem ordnete sich Fahrbach politisch als nationalliberal ein. Bis 1933 habe er keiner Partei angehört.Angaben zu Fahrbachs Entnazifizierungsverfahren nach Frohn (siehe Literatur), S. 105–111
Seinen Eintritt in die NSDAP – Fahrbach war am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten und später weiteren NS-Organisationen wie Deutsche Arbeitsfront (DAF, ab 1933), Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV, ab 1934) und Kraft durch Freude (KdF, ab 1934) – begründete er mit kritischen Äußerungen zur NSDAP vor 1933, aufgrund derer er persönliche Nachteile fürchtete, sodass er in die Partei eintrat. Seine Hoffnung, die „Schärfe des Parteiprogramms“ durch den Beitritt gemäßigterer Kreise mildern zu können, habe sich nicht erfüllt. Seinen Parteibeitritt beurteile er als Irrtum, den er aber nicht mehr habe berichtigen können, weil ihn ein Parteiaustritt seine Existenz gekostet hätte. Er sei nie ein richtiger Parteigänger gewesen, habe immer seine eigene Meinung vertreten und habe durch seine Opposition zu den NSKK-Plänen bezüglich des Rennstrecken-Ausbaus an der Solitude sogar „aktiven Widerstand“ geleistet, ebenso durch seinen Widerspruch zur 1940 verlangten Übernahme der Mustersatzung des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibesübungen (NSRL) für den Albverein, der zur Einleitung eines Parteigerichtsverfahrens geführt habe. Fahrbach stufte sich selbst in die Kategorie V der Entlasteten ein. Am 17. Juni 1946 beantragte er beim zuständigen Befreiungsminister Gottlob Kamm ein Eilverfahren, weil die Württembergische Hypothekenbank seit Mai 1945 über kein handlungsfähiges Vorstandsmitglied mehr verfüge. Dem Antrag fügte er 21 Entlastungsschreiben an, unter anderem von nicht NS-belasteten Naturschützern wie Wilhelm Münker und Josef Busey.