Halle-Neustadt, im Volksmund auch Ha-Neu oder Neustadt genannt, war eine Stadt im Bezirk Halle der Deutschen Demokratischen Republik und bezeichnet heute den Stadtteil Neustadt der Stadt Halle (Saale) mit seinen vier Stadtvierteln Nördliche Neustadt, Südliche Neustadt, Westliche Neustadt und Gewerbegebiet Neustadt.

Halle-Neustadt wurde am 12. Mai 1967 von Halle abgetrennt und gleichzeitig zum Stadtkreis erklärtErlaß des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik über die Veränderung der territorialen Gliederung der Städte Halle und Suhl vom 12. Mai 1967 (Gesetzblatt der DDR, Teil I, Nr. 7/1967, S. 64), nachdem es ursprünglich als neuer Stadtteil Halle-West erbaut worden war. Die Einwohnerzahl betrug Ende 1972 ca. 51.600 und erreichte am Jahresende 1980 mit 93.578 Einwohnern ihren Höchstwert. Am 6. Mai 1990 wurde Halle-Neustadt in die Stadt Halle (Saale) eingemeindet. Die Bevölkerungszahl hat sich seitdem etwa halbiert und lag im März 2024 auf einem Wert von 47.270 Einwohnern.

Geografie mini|Blick auf Halle-Neustadt von einem Punkthochhaus. Links im Hintergrund sind die sog. Scheiben zu sehen. Rechts im Hintergrund ist das Waldgebiet der Dölauer Heide zu erkennen.

Geografische Lage Halle-Neustadt liegt im Süden des Landes Sachsen-Anhalt innerhalb der Stadt Halle (Saale). Das Stadtviertel liegt am Westrand der Saaleaue auf der orographisch linken Flussseite, gegenüber und ca. 2 km westlich der Altstadt von Halle. Das Gebiet ist morphologisch flach auf Höhen von ca. 77 m NHN (Rennbahnkreuz im Osten) bis 100 m NHN (Westrand in der Soltauer Straße). Die Ost-West-Ausdehnung der Wohnbebauung beträgt ca. 4 km und die Nord-Süd-Ausdehnung ca. 2,5 km. Zu DDR-Zeiten war der jetzige Stadtteil Halle-Neustadt (ohne Nietleben und Heide-Süd) eine kreisfreie Stadt, die in drei Richtungen von Halle umschlossen war und in einer Richtung an die Gemeinden des Saalkreises (ungleich dem heutigen Saalekreis) grenzte.

Gliederung Das Wohngebiet besteht aus acht, vorwiegend aus Plattenbauten bestehenden Wohnkomplexen. Jeder dieser Wohnkomplexe enthielt früher jeweils eine Polytechnische Oberschule (POS), Kindergarten und Kinderkrippe in Form einer Kinderkombination, einen Jugendklub, eine Buchhandlung sowie eine Bibliothek, eine Kaufhalle und verschiedene Arztpraxen„Komplexrichtlinie für die städtebauliche Planung und Gestaltung von Wohngebieten“ 1986–1990 und heute mindestens einen Supermarkt.

Im Süden des Stadtteils liegt zusätzlich noch das Wohngebiet Südpark, das einem eigenen Wohnkomplex entspricht.Peer Pasternack u. a.: 50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt. Idee und Experiment. Lebensort und Provokation (siehe Literatur)

Unmittelbar am Nordwestrand von Halle-Neustadt liegt der dörflich geprägte Stadtteil Nietleben. Während Nietleben beim Bau von Halle-Neustadt bestehen bleiben durfte, sind von der Ortschaft Passendorf im südlichen Teil der Neustadt nur noch wenige kleinere Häuser zu finden (siehe dazu Südliche Neustadt (Halle)).

Geologie Halle-Neustadt liegt regionalgeologisch auf der Halle-Merseburg-Scholle, ca. 1 km südlich der Halleschen Marktplatzverwerfung. Die östliche Hälfte des Stadtteils liegt in den natürlichen Überflutungsgebieten der Saale. Dort kommen im Untergrund die Lockersedimente des Auelehms und Saalekieses vor. Im Westen dominieren die Lockersedimente des pleistozänen Flugsandes (Löß) sowie Sedimente des Tertiärs, die Braunkohle enthalten. Der tiefere Untergrund wird südöstlich des Neustadtzentrums von den Festgesteinseinheiten des Oberen und Mittleren Buntsandsteins gebildet. Nordwestlich davon bildet der Muschelkalk den oberen Festgesteinshorizont.LAGB Sachsen-Anhalt: Digitale Geologische Oberflächenkarte 1:25.000 (WMS-Darstellungsdienst), WMS-Link: geodatenportal.sachsen-anhalt.de (GIS benötigt), abgerufen am 30. Oktober 2022.

Wirtschaft und Infrastruktur Verkehr Halle-Neustadt wird verkehrstechnisch durch eine große vierspurige Allee, die Magistrale genannt wird, erschlossen. In der Mitte dieser Straße verläuft, stadtbahngerecht auf einem eigenen Gleiskörper, eine von mehreren Linien benutzte Straßenbahntrasse der HAVAG. Diese verbindet Neustadt mit der Altstadt von Halle. Von der Magistrale zweigen kleinere Erschließungsstraßen in die, Wohnkomplexe genannten, einzelnen Viertel des Stadtteils ab. Von diesen zweigen wiederum noch kleinere Straßen ab, an denen die meisten Wohnblöcke stehen. Im ganzen Gebiet existiert ein weit ausgedehntes Netz aus Fuß- und Radwegen. Die Bundesstraße 80 führt von Osten kommend südlich als fast kreuzungsfreie Schnellstraße um Halle-Neustadt herum, erreicht die Autobahnanschlussstelle Halle-Neustadt der Bundesautobahn 143 am westlichen Rand Halle-Neustadts und verlässt das Gebiet im Westen in Richtung Lutherstadt Eisleben.

Neben der Ost-West-verlaufenden Straßenbahnverbindung auf der Magistrale gibt es noch eine weitere am Nordostrand von Halle-Neustadt. Diese verbindet den Stadtteil mit den nördlich gelegenen Stadtteilen Heide-Süd und Kröllwitz.

Eine Strecke der S-Bahn Mitteldeutschland verläuft in einem Tunnel von Nord nach Süd durch Halle-Neustadt. An dieser Strecke befinden sich der als Tunnelbahnhof ausgeführte Bahnhof Halle-Neustadt und der S-Bahnhof Zscherbener Straße. Die Strecke wird von der Linie S3 der S-Bahn Mitteldeutschland bedient.

Das Stadtteilzentrum Das Zentrum von Halle-Neustadt liegt unmittelbar nördlich der Magistrale. Hier befindet sich die Fußgängerzone Neustädter Passage auf zwei Etagen mit Geschäften, die ihre Form bei einer Erneuerung zwischen 2005 und 2006 erhielt. Ihren Abschluss findet die Passage im Westen am Einkaufszentrum Neustadt Centrum, das auch ein großes Kino beherbergt. des Einkaufszentrums Neustadt Centrum Halle. Zugriff am 22. Mai 2019. Die dominanten Gebäude sind die ab 1970 in Hallescher Monolithbauweise errichteten Scheiben A, B, C, D und E. Dabei kam ein industrielles Schalungssystem mit einem Querwandraster von 3,6 Metern zum Einsatz. Die Scheibe A diente bis 1998 als Studentenwohnheim, danach stand sie leer. Seit 2021 nutzt die Stadt das Haus als Verwaltungsstandort. Die Scheibe C steht seit 1998 leer, sie wird saniert. Aufwändig werden Decken mit Stahlstreben verstärkt, um das Gewicht von mehr als 300 Wohnungen auszuhalten. In der Scheibe D befindet sich das Jobcenter Halle im Erdgeschoss. Die Scheibe B steht leer. In der Scheibe E wird nur das Erdgeschoss gewerblich genutzt, der Rest steht leer.Marquardt, Judith: Beschlusskontrolle zur Sitzung des Ausschusses für Planungsangelegenheiten am 16. Mai 2017, Vorlagen-Nr.: VI/2017/02799 Gesamtentwicklung des Scheibenensembles in Halle-Neustadt. online abrufbar: http://buergerinfo.halle.de/vo0050.asp?__kvonr=13688&search=1 Unter dem Zentrum von Halle-Neustadt befindet sich der Tunnelbahnhof der S-Bahnstrecke. In dem ehemals als Rathaus gebauten Gebäude südöstlich davon hat das Landesamt für Vermessung und Geoinformation Sachsen-Anhalt (LVermGeo) eine Außenstelle.Kontaktdaten auf der Website des Landesamts für Vermessung und Geoinformation, Zugriff am 22. Mai 2019.

Naherholung mini|alt=Die Kiesgrube ist heute ein naturnaher See, der von Laubbäumen gesäumt ist.|Kiesgrube südöstlich von Halle-Neustadt

Halle-Neustadt bietet vielseitige Erholungsmöglichkeiten. Zum einen sind die Wohnblöcke fast durchgängig in Grünflächen eingebettet. Zusätzlich gibt es noch größere Parks wie den Südpark. Dieser erstreckt sich auf beiden Seiten eines Altwassers der Saale (siehe Kirchteich). Südöstlich des Südparks liegt die Saaleaue mit einem alten Schifffahrtskanal und einer gefluteten, renaturierten Kiesgrube. Ein großer Teil des Nordrandes von Halle-Neustadt besteht aus einem lang gestreckten Landschaftspark. Nördlich des Zentrums gibt es dazu den Bruchsee in einem alten Muschelkalk-Steinbruch. Während des Winters ist eine Schwimmhalle geöffnet, und während des Sommers stehen drei Freibäder in der unmittelbaren Umgebung zur Verfügung. Verschiedene Sportvereine wie beispielsweise der Motoballverein 1. Motoballclub 70/90 Halle e. V. im ADAC unterhalten Sportplätze und Sportstätten in und um Halle-Neustadt. Zuletzt gibt es eine provisorische Eissporthalle und eine Pferderennbahn.

Wirtschaft Im Südwesten von Halle-Neustadt gibt es das Gewerbegebiet Neustadt. Hier betreibt die Coca-Cola Company eine Flaschenfabrik und Abfüllstation. Die 2006 gegründete Automatenfabrik Gollmann Kommissioniersysteme GmbH hat (Stand 2024gollmann.com: Gollmann in Zahlen (abgerufen am 14. Juli 2024)) 400 Mitarbeiter. Nördlich von Halle-Neustadt schließt sich auf der anderen Seite des Landschaftsparkes der Wissenschafts-, Forschungs- und Wirtschaftsstandort Weinberg Campus an, in dem mehrere Institute der Martin-Luther-Universität und weitere Forschungseinrichtungen stehen.

Bildung Es gibt in Halle-Neustadt Kindertagesstätten und Grundschulen in öffentlicher Trägerschaft; zudem die Berufsbildenden Schulen III Johann Christoph von Dreyhaupt, eine Förderschule und die Gemeinschaftsschule Kastanienallee. Das allgemeinbildende Christian-Wolff-Gymnasium ist benannt nach dem Philosophen der Aufklärung Christian Wolff. Es bietet als eine der wenigen Schulen Sachsen-Anhalts Italienisch als weiterführende Fremdsprache an.

Geschichte Frühere Überlegungen zur Bebauung mini|Landschaft bei Halle-Neustadt: Luftbild des einst nördlich gelegenen Flugplatzes

Bereits zur Wende zum 20. Jahrhundert bestand die Notwendigkeit, aufgrund der rasant wachsenden Bevölkerung nach neuen Flächen für Wohnungsbau zu suchen. Dabei war die Nord-Süd-Ausdehnung der Stadt Halle – eingezwängt zwischen Saale im Westen sowie Bahngleisen und Industriegebieten im Osten – eines der Hauptprobleme. Aus diesem Grund fielen Überlegungen auf Gebiete westlich der Altstadt im Bereich der Ortslage Passendorf und der Saale. Wegen der äußerst schwierigen geologischen und vor allem hydrologischen Bedingungen durch Grund- und Hochwasser wurde die Entwicklung dieses Gebietes zu einem weiteren Wohnstandort für die Stadt Halle verworfen. So bestand das Gebiet zum Ende des Zweiten Weltkriegs aus ländlichem Raum. Neben den Dörfern Nietleben und Passendorf sowie dem Flugplatz Halle-Nietleben war die Bahnstrecke Halle Klaustor–Hettstedt eines der wenigen raumgliedernden Elemente. In den 1920er Jahren wurde die Idee einer Bebauung nochmals aufgegriffen jedoch wieder ad acta gelegt. Zu einer größeren Neuanlage von Wohnraum in dieser Gegend kam es daher einzig nordöstlich des damals noch eigenständigen Vorortes Nietleben, wo eine Gartenstadt nach dem Vorbild der Dresdener Vorstadt Hellerau errichtet wurde.

Die DDR beschließt den Aufbau einer Chemiearbeiterstadt mini|Medaille mit dem Profil des Chefarchitekten Richard Paulick und lokalen Punkthochhäusern

Die eigentliche Stadtgeschichte begann 1958 mit einer Konferenz des ZK der SED zum Thema „Chemieprogramm der DDR“, auf der die Ansiedlung von Arbeitskräften in der Nähe der Chemiestandorte der Buna-Werke in Schkopau und der Leunawerke in Leuna beschlossen wurde. Nach umfangreichen Standortuntersuchungen und Planungen im Bezirk Halle beschloss das Politbüro der SED am 17. September 1963 den Aufbau der „Chemiearbeiterstadt“, wobei diese in größerer Entfernung von den Chemieanlagen errichtet wurde. Chefarchitekt von Halle-Neustadt war Richard Paulick; seine Stellvertreter und Leiter von Entwurfsgruppen waren Joachim Bach, Horst Siegel, Karl-Heinz Schlesier, Sigbert Fliegel und Harald Zaglmaier.

Die neue Stadt wurde am Rande der Saaleaue zwischen der kleinen Ortschaft Zscherben sowie den halleschen Ortsteilen Passendorf und Nietleben platziert, wobei Passendorf größtenteils abgerissen wurde. Reste des dörflichen Charakters jener Siedlung, darunter auch das ehemalige Rittergut, sind nur entlang der Kamm- und Teichstraße erhalten geblieben. Mit der Errichtung des Wohngebietes Südpark wurde diese Straße schließlich zu einer Art dörflichen Oase im sonst von Hochhäusern geprägten Stadtbild.

Baubeginn und erste Jahre