mini|Fein gemahlener Löss mini|Lösswand bei Dirmstein (Pfalz) mini|Lösswand bei Vicksburg (Mississippi) Löss (auch Löß) ist ein homogenes, ungeschichtetes, hellgelblich-graues Sediment, das vorwiegend aus Schluff besteht. Häufig wird daneben ein gewisser Karbonatanteil als wichtiges Kriterium zur Charakterisierung angesehen. Löss wurde überwiegend von Wind abgelagert, verändert sich danach aber meist weiter.
Löss bedeckt etwa zehn Prozent der Erdoberfläche und ist vor allem in der gemäßigten Klimazone verbreitet. Er wurde zum größten Teil in den quartären Kaltzeiten gebildet und ist Ausgangssubstrat für die ackerbaulich günstigsten Böden weltweit. Darüber hinaus werden Lösse und darin eingeschaltete fossile Böden (Paläoböden) als Archive für die Rekonstruktion quartärer Umweltveränderungen erforscht.
Wortherkunft, Aussprache und Schreibweise Der Begriff „Löß“ erschien erstmals 1821 im Zusammenhang mit Lössablagerungen im RheintalLöss. In: Encyclopaedia Britannica. und wurde 1823 von Karl Cäsar von Leonhard in die geologisch-mineralogische Literatur eingeführt.Löß. In: Karl Cäsar von Leonhard: Geologie: oder Naturgeschichte der Erde. Band 3, S. 454 ff. Er hat dabei wahrscheinlich den mundartlichen Ausdruck Lösch „lockerer Boden“ (von alemannisch lösch „lose“, „locker“) abgewandelt.Löss, Löß. bei: Duden online
Im süddeutschen Sprachraum wird Löß [] mit langem Vokal ausgesprochen, während im Norddeutschen die Aussprache Löss [] mit kurzem Vokal üblich ist. Die Heysesche Regel, wonach der stimmlose s-Laut nach langem Vokal als ß und nach kurzem Vokal als ss geschrieben wird, führt in diesem Fall zu zwei verschiedenen Schreibweisen, die beide zulässig sind. Sowohl Duden. 24. Auflage. als auch Wahrig Wörterbuch der deutschen Sprache, Ausgabe 2007, geben Löss als Hauptschreibweise und Löß als zweite Schreibweise an. Der Terminus ist als Fachbegriff in viele Sprachen eingegangen (, , ).
Forschungsgeschichte Löss wurde 1852 von Ernst Heinrich von Dechen im Siebengebirge beschrieben. Im 19. Jahrhundert gab es noch überwiegend die Auffassung, Löss sei eine Ablagerung von Eisrand-Stauseen in der Eiszeit (Felix Wahnschaffe, Gustav Steinmann, Friedrich Klockmann, August Leppla u. a.) bzw. noch früher von Fluss- oder Meeresablagerungen. Den äolischen Ursprung als Steppenstaub vertrat zuerst Ferdinand von Richthofen (1877) nach Beobachtungen auf seiner China-Reise (1868 bis 1872) und dann 1888 Adolf Sauer und Theodor Siegert nach Beobachtung rezenter Lößbildung in Sachsen.Über Ablagerung recenten Lösses durch den Wind. In: Zeitschrift der Deutsche Geologischen Gesellschaft. 40, 1888, S. 575–582. Die Erkenntnis des äolischen Ursprungs setzte sich aber nur langsam durch, Felix Wahnschaffe bekannte sich zum Beispiel erst 1908 dazu.Otfried Wagenbreth: Geschichte der Geologie in Deutschland. Enke, 1999, ISBN 3-13-118361-6, S. 125. Albrecht Penck stellte 1884 erstmals eine Verbreitungskarte auf und interpretierte Löß als mehrfach umgelagerten verwehten eiszeitlichen Flusslehm.Albrecht Penck: Über den Löss in Deutschland. In: Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft. Band 35, Heft 2, 1883, S. 394–396. Es gab auch eine Diskussion darüber, ob Löß interglazial oder periglazial gebildet wurde; die periglaziale Bildung wies aber überzeugend Wolfgang Soergel nach, der auch die zeitliche Feingliederung untersuchte.Wolfgang Soergel: Löße, Eiszeiten und paläolithische Kulturen. G. Fischer, Jena 1919.
Kontroverse Definitionen Lange Zeit wurde die Entstehung von Löss kontrovers diskutiert. Stark vereinfachend betrachtet, ergibt sich ein Gegensatz zwischen der sedimentologischen Betrachtung, nach der Löss als Ablagerung von Mineralstaub ein äolisches Sediment ist, und der bodenkundlichen Perspektive, nach der die typische strukturelle Veränderung unabhängig vom Ausgangssubstrat das entscheidende Element der Lössentstehung ist. Es besteht aber derzeit Einigkeit darüber, dass der Löss ein äolisches Sediment ist, das in Bereichen mit Steppenvegetation abgelagert wird.Andrej E. Dodonov: Loess of Central Asia. Geo Journal 24 (2), 1991, S. 185–194
Kontroversen entstehen bei der Frage, ob nicht-äolische Sedimente mit typischem Lössgefüge als Löss bezeichnet werden dürfen.
Eigenschaften mini|Lössklumpen mit Kalkkonkretionen mini|Lösskindl (Osteokolle) mini|Rheinaue südlich von Worms: als Ackerboden genutzter Schwemmlöss Löss besteht zum größten Teil aus Schluff. Der Tongehalt ist bei frischem Löss sehr variabel, 5 bis über 20 Prozent, und kann durch Verwitterung noch ansteigen. Löss ist mit stark wechselnden Anteilen Feinsand durchmischt; dessen Anteil am Gemenge beträgt im Durchschnitt 20 %, kann aber auch höher liegen. Bei Sandgehalten über 50 %, aber noch reichlich vorhandenem Schluff, spricht man von Sandlöss, der regional auch als Flottsand bezeichnet wird. Dennoch gilt Löss als gut sortiertes Sediment.
Mineralogisch besteht Löss zum größten Teil (50 bis 80 Prozent) aus Quarzkörnern mit 8 bis 20 Prozent kalkigen Bruchstücken. Beimengungen von Eisenhydroxiden färben Löss gelblich bis gelblich-rot. Andere Minerale, wie Feldspäte, vulkanische Gläser oder mafische Minerale, kommen in der Regel in geringen Mengen vor, können jedoch regional auch dominant werden, wie in Argentinien oder auf der Nordinsel Neuseelands.
Löss ist gewöhnlich ungeschichtet, unverfestigt und sehr porös. Die poröse Struktur von Löss wird häufig durch ehemalige Graswurzeln erklärt, die sich im abgelagerten Mineralstaub bildeten. Konkretionen von Kalk im Löss entstehen durch Lösung und Wiederausfällung der fein verteilten kalkigen Bruchstücke und werden als Lösskindl oder Lössmännchen bezeichnet. Bei Umlagerung von Löss durch Wasser kann das Substrat eine Schichtung erhalten und wird dann Schwemmlöss genannt. Allgemein werden Sedimente, die durch Umlagerung aus Löss entstanden sind, ebenso wie entkalkter Löss als Lössderivate bezeichnet.
Die Einzelpartikel im Löss haben eine vorherrschend eckige Form. Daher rührt seine hohe Standfestigkeit, welche die Bildung von Lösswänden an Flussufern, in Hohlwegen und die Entstehung von Ackerterrassen begünstigt.
Entstehung Löss entsteht, wenn Schluff und feinster Sand bei fehlender Vegetationsdecke ausgeweht werden und sich nach einem längeren Transport (einige zehn bis mehrere hundert Kilometer) in Bereichen mit dichterer Vegetation wieder ablagern. Nach der Ablagerung werden die Einzelminerale in der Regel durch den leicht mobilisierbaren Kalk- oder Tonanteil miteinander verkittet. Überwiegend ist die Lössbildung auf die pleistozänen Kaltzeiten beschränkt, in Ostasien beispielsweise ist sie aber bis heute aktiv. Löss kann sich auch unter warm-trockenen Klimabedingungen bilden, wenn aus Wüsten Staub ausgeblasen wird und sich in den Randgebieten, in denen wieder Vegetation gedeihen kann, ablagert.
In Mitteleuropa wurde Löss in den Kaltzeiten gebildet, als infolge der ganzjährig niedrigen Temperaturen kaum Vegetation existierte; die Vorlandgebiete der Gletscher sowie die Flussauen waren sogar weitgehend frei von Bewuchs. Die größten Lössvorkommen Mitteleuropas finden sich in Beckenlagen wie dem Thüringer Becken und im Bereich größerer Flüsse, wie Elbe, Rhein, Main und Donau. Verantwortlich für die Mobilisierung des Mineralstaubs aus den Gletschervorfeldern und Flussauen waren sowohl die vorherrschenden Westwinde als auch die in den Eiszeiten häufigen trocken-kalten Fallwinde vom alpinen Eispanzer und dem nordischen Inlandeis. Während Sand beim äolischen Transport nur relativ kurze Transportstrecken zurücklegen konnte und in Form von Binnendünen häufig in unmittelbarer Nähe zur Ausblasungsquelle zu finden ist, wurde feineres Material deutlich weiter verbracht und großflächig in den Beckenlagen abgelagert, mit den größten Mächtigkeiten an ostexponierten Hängen (in Lee). In den höheren Lagen der Mittelgebirge ist äolisch akkumulierter Mineralstaub eine wichtige Komponente der periglazialen Lagen.
Löss, Lössderivate und Lösssedimente Bereits während, aber auch nach der Ablagerung kann Löss durch andere Prozesse als Wind umgelagert werden. Je nach Prozess unterscheidet man Kriechlöss (schwach am Hang umgelagert), Fließlöss (durch Solifluktion umgelagert, enthält meist ein Grobskelett des unter dem Löss anstehenden Materials), Schwemmlöss (durch Abspülung umgelagert), Hangrutschungslöss, Infusionslöss (Ablagerung unter aquatischen Bedingungen), Kryoturbationslöss (durch Frostwechsel durchmischt).
Weiterhin greift die Verwitterung vor allem die oberen Bereiche des Lösses an. Dadurch werden der Kalk gelöst und Tonminerale gebildet. Es entsteht Lösslehm. Alle genannten Abarten des Lösses bezeichnet man als Lössderivate.
Als übergeordnete Bezeichnung, die sowohl den „frischen“ Löss als auch die Lössderivate umfasst, wurde 2002 der Begriff Lösssedimente (engl. „loess sediments“) in die Fachliteratur eingeführt. Auf die etwas umständlichen Begriffe „Löss im engeren Sinne“ und „Löss im weiteren Sinne“, die vorher verwendet wurden, kann daher verzichtet werden. mini|Verteilung der Vegetationszonen während des Kältemaximums der letzten Kaltzeit, im Zeitraum 24.500 bis 18.000 v. Chr. in Europa gelbe Schraffur: Lösswüste; weiß: Vergletscherung; weiße Punktlinie: Südgrenze des Permafrostbodens; rosa Strichellinie: Südgrenze der Tundra; grüne Linie: Steppe- / Baumgrenze.
Verbreitung mini|Löss am Kaiserstuhl
Löss ist ein sehr weit verbreitetes Sediment und kommt – je nach Definition – mit Ausnahme der Antarktis auf allen Kontinenten vor. Etwa 10 Prozent der Landoberfläche der Erde sind mit Löss bedeckt. Hauptverbreitungsgebiete sind dabei die mittleren Breiten. In den Tropen und den hohen Breiten gibt es nur vereinzelt Lössvorkommen. Die mitteleuropäische Lösszone erstreckt sich von Belgien bis in die Westukraine. In den Lössgebieten Mitteleuropas tritt Löss mit durchschnittlichen Mächtigkeiten zwischen 3 und 10 m auf, er kann aber in günstigen Lagen (Windschatten) mehrere zehn Meter mächtig werden. Vom chinesischen Lössplateau sind Lössmächtigkeiten bis 400 m bekannt.
Deutschland mini|Lössböden in Sachsen (rot) auf einer Karte von 1930 Lössgebiete werden in Süddeutschland auch als Gäulandschaften, in Norddeutschland als Börden bezeichnet. Volkstümliche Bezeichnungen für Löss in Südwestdeutschland (Ortenau, Kaiserstuhl) sind Leimen oder Mergel. Geologisch gesehen sind Mergel jedoch tonhaltige Karbonate.
Die deutschen Lössgebiete nördlich der Mittelgebirge gehören zur mitteleuropäischen Lösszone.
Naturräumliche Großregion (2. Ordnung) Lößbörden am Nordrand der nördlichen Mittelgebirgsschwelle (von West nach Südost): Lübbecker Lößland (Nordrhein-Westfalen, im äußersten Westen Niedersachsen) Niedersächsische Börden (Niedersachsen) Bückebergvorland Calenberger Lößbörde Braunschweig-Hildesheimer Lößbörde Nördliches Harzvorland (NI/Sachsen-Anhalt), von Nord nach Süd Ostbraunschweigisches Hügelland Harzrandmulde Mitteldeutsches Schwarzerdegebiet (Sachsen-Anhalt) Magdeburger Börde Nordöstliches Harzvorland Östliches Harzvorland Köthener Ebene Altenburg-Zeitzer Lößgebiet (ST/Thüringen/Sachsen, in SN unter Ostthüringisches Lösshügelland) Sächsisches Lössgefilde (Sachsen) Leipziger Tieflandsbucht Nordsächsisches Platten- und Hügelland Mittelsächsisches Lösshügelland Mulde-Lösshügelland Erzgebirgsbecken Großenhainer Pflege Dresdener Elbtalweitung Östliches Erzgebirgsvorland Westlausitzer Hügel- und Bergland Oberlausitzer Gefildemini|Löss an einer „Bodenerlebnisstation“ in Sulzbach bei Frankfurt erklärt Östliche Oberlausitz Nordrand des Rheinischen Schiefergebirges (Nordrhein-Westfalen, von West nach Ost) Jülicher Börde (N) und Zülpicher Börde (S) Vorgebirge im Lee der Ville Mittelrheinische Bucht (Rhein-Ahr-Terrassen und Linzer Terrasse) Burscheider Lößterrassen am Ostrand der Kölner Bucht Pleiser Hügelland Vestischer Höhenrücken (N) und Westenhellweg (S) Hellwegbörden (mit Soester Börde) Mittelmeer-Mjösen-Zone von Nordost nach Südwest: