mini|Theo Saevecke in der Uniform eines SS-Obersturmführers Theodor Emil Saevecke (* 22. März 1911 in Hamburg; † 16. Dezember 2000 in Dissen am Teutoburger WaldSterberegister des Standesamtes Dissen am Teutoburger Wald Nr. 173/2000) war ein deutscher SS-Hauptsturmführer und Kriegsverbrecher, der an der Organisation von Zwangsarbeit tunesischer Juden und an Geiselerschießungen im deutsch besetzten Italien beteiligt war. Zudem war er für die Deportation von mindestens 700 italienischen Juden in die Vernichtungslager verantwortlich. Nach 1945 arbeitete Saevecke für den amerikanischen Nachrichtendienst CIA und in führender Funktion beim deutschen Bundeskriminalamt.

Leben Als Sohn eines Feldwebels besuchte Saevecke die Realschule in Eutin und den realgymnasialen Zweig des Friedrich-Franz-Gymnasiums (Parchim). Er wechselte nach Ludwigslust und an das Katharineum zu Lübeck.Angaben zum Lebenslauf bei: K.-M. Mallmann, M. Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. 2006, S. 202. D. Schenk: Auf dem rechten Auge blind. 2001, S. 267 f., 348. T. Naftali: The CIA and Eichmann’s Associates. 2005, S. 354f. Ernst Klee: Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 518. Dieses Gymnasium verließ Saevecke im Februar 1930 als Unterprimaner vorzeitig. Saevecke begründete dies in der Zeit des Nationalsozialismus rückblickend, die Schule habe „unter jüdischer und marxistischer Leitung“Lebenslauf vom 25. Juni 1940, zitiert nach gestanden. Saevecke wurde Offiziersanwärter der Handelsmarine und fuhr zwischen Dezember 1930 und Juni 1932 auf dem Segelschulschiff Padua zweimal an die Westküste Südamerikas. Später nahm er auf der Viermastbark Priwall an der Weizenregatta nach Australien teil. Am 27. März 1934 schied er aus der Seefahrt aus, drei Tage später heiratete er.

Ab dem 1. Oktober 1934 absolvierte Saevecke eine Ausbildung als Kriminal-Kommissaranwärter bei der Lübecker Polizei. 1937 besuchte er die Führerschule der Sicherheitspolizei; den Schulbesuch beendete er mit der erfolgreichen Prüfung zum Kriminalkommissar. Saevecke wechselte nach Berlin und leitete dort das Brand- und Katastrophendezernat, zusätzlich bearbeitete er Mordfälle. Im November 1938 organisierte er die erste Fernsehfahndung. Der Fernsehsender Berlin zeigte den Mantel eines Mannes, der Wochen zuvor einen Taxifahrer ermordet haben sollte.Wilhelm Dietl: Die BKA-Story. Droemer, München 2000, S. 39.

Am 29. Juni 1926 war Saevecke in Parchim Mitglied und Gruppenführer der Schilljugend, einer Unterorganisation des Freikorps von Gerhard Roßbach geworden. Am 15. Dezember 1928 trat er zur SA über; zum 1. Februar 1929 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 112.407).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/36250340 In der SA war Saevecke nach eigenen Angaben bis 1938 aktiv. Zu einem nicht genau bekannten ZeitpunktIm Lebenslauf vom 25. Juni 1940 schrieb Saevecke: „Meine Übernahme zur SS schwebt bei der SD Dienststelle in Posen.“ Zitiert nach wurde er Mitglied der SS (SS-Nummer 396.401).

Einsatzgruppen in Polen und Tunesien Am deutschen Überfall auf Polen im September 1939 nahm Saevecke als Mitglied der Einsatzgruppe VI teil.D. Schenk: Auf dem rechten Auge blind. 2001, S. 267f, 287f. Aufgabe der damaligen „Intelligenzaktion“ war die „Bekämpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente rückwärts der fechtenden Truppe“. Die Einsatzgruppen begingen Morde an Angehörigen der polnischen Intelligenz, an Juden und Geiseln. Die Einsatzgruppe VI unter Erich Naumann war ab dem 9. September 1939 in der ehemaligen Provinz Posen eingesetzt. Nach der völkerrechtswidrigen Eingliederung des Gebiets als „Reichsgau Wartheland“ in das Deutsche Reich wurden durch einen Erlass Himmlers vom 20. November 1939 die Angehörigen der Einsatzgruppe zur Stapo-Leitstelle in Posen kommandiert. Saevecke leitete ein Mordkommissariat in der Stadt. Nach späteren Angaben eines CIA-Informanten soll Saevecke einer der drei Personen gewesen sein, die in einem Konzentrationslager nahe Posen die Hinrichtung von Russen, Zigeunern und Juden genehmigen konnten.Interner Schriftverkehr der CIA vom 6. Januar 1964; siehe T. Naftali: The CIA and Eichmann’s Associates. 2005, S. 354, 371. Am 25. März 1941 wurde Saevecke in das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in das Referat V A2 versetzt, das für „Vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ zuständig war.D. Schenk: Auf dem rechten Auge blind. 2001, S. 348, unter Bezug auf ein Telefonverzeichnis des RSHA.

Bereits im Juni 1940 hatte sich Saevecke zum „sicherheitspolizeilichen Kolonialdienst“ gemeldet. In Vorbereitung dieses Einsatz belegte er einen Lehrgang an der Führerschule des Sicherheitsdienstes Berlin-Charlottenburg. Hier lernte er SS-Hauptsturmführer Wilhelm-Heinrich Schmitz kennen. Gerhart Sälter, NS-Kontinuitäten im BND: Rekrutierung, Diskurse, Vernetzungen (Veröffentlichungen der UHK zur BND-Geschichte, Band 15), Christian Links Verlag Berlin 2022, S. 583 Danach absolvierte er 1941 noch einen Lehrgang an der Kolonialschule der italienischen Polizei in Tivoli bei Rom; ab 1942 wurde er als Verbindungsoffizier der Sicherheitspolizei und des SD zur italienischen Polizei in Libyen eingesetzt.I. Baumann u. a.: Schatten der Vergangenheit. 2011, S. 221. Saeveckes Tätigkeit in Libyen fiel in die Zeit des Vormarschs und Rückzugs des Deutschen Afrikakorps unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel. Im November 1942 wurde Saevecke zum Einsatzkommando von Walter Rauff nach Tunesien versetzt. Rauffs Kommando organisierte die Zwangsarbeit tunesischer Juden und erpresste hohe „Zwangsabgaben“ von den jüdischen Gemeinden in Tunis und Sousse, denen Saevecke ab 10. Dezember die Anweisungen zum Zwangsarbeitereinsatz erteilte.K.-M. Mallmann, M. Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. 2006, S. 207. Nach den alliierten Erfolgen in der Schlacht um Tunesien verließ das Einsatzkommando am 9. Mai 1943 Tunesien in Richtung Italien. Aus Sicht seines späteren Vorgesetzten Karl Wolff, dem Höchsten SS- und Polizeiführer (HöSSPF) für Italien, hatte Saevecke „mit großem Erfolg die Judenfrage im tunesischen Raum bearbeitet“,Begründung der Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes I. Klasse durch Karl Wolff am 22. März 1944. zitiert nach: D. Schenk: Auf dem rechten Auge blind. 2001, S. 268. so Wolff in der Begründung einer Ordensverleihung.

„Bandenbekämpfung“ in Italien Ab dem 1. Juli 1943 arbeitete Saevecke beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) im norditalienischen Verona. Am 13. September 1943 übernahm er die Führung des BdS-Außenkommandos Mailand und wurde damit der Chef der dortigen Gestapo. In dieser Funktion überwachte Saevecke persönlich die Verhaftung italienischer Widerstandskämpfer, zudem war er für die Deportation von mindestens 700 italienischen Juden in die Vernichtungslager verantwortlich.T. Naftali: The CIA and Eichmann’s Associates. 2005, S. 355.

Saevecke wurde als „Henker von Mailand“D. Schenk: Auf dem rechten Auge blind. 2001, S. 269. Zur Geiselerschießung siehe auch: bezeichnet, nachdem er am 10. August 1944 auf dem Mailänder Piazzale Loreto 15 italienische Geiseln als „Vergeltung“ öffentlich erschießen ließ. Am 8. August 1944 hatte der italienische Widerstand einen Bombenanschlag auf einen deutschen Militärlastwagen verübt, bei dem sechs italienische Zivilisten getötet und zehn verletzt wurden. Der deutsche Fahrer des Lastwagens wurde leicht an der Wange verletzt. Saevecke war an der Auswahl der erschossenen Geiseln beteiligt, nach italienischen Presseberichten trug der Befehl zur Erschießungsaktion seine Unterschrift. Unmittelbar nach dem Attentat in der Via Rasella vom 23. März 1944 hatte Albert Kesselring als Oberbefehlshaber der Wehrmacht in Italien die Erschießung von zehn Italienern für jeden getöteten Deutschen angeordnet.

Ebenfalls im August 1944 erschoss ein zehnköpfiges SS-Kommando unter Saeveckes Führung in Corbetta drei Männer, nachdem zuvor in dem Ort ein SS-Mitglied von Widerstandskämpfern getötet worden war. Geständnisse hatten die drei Männer nicht abgelegt. Am folgenden Tag erschienen Saevecke, sein Vorgesetzter Walter Rauff, 20 SS-Männer sowie 100 italienische Kollaborateure erneut in Corbetta. Die 20 km westlich von Mailand gelegene Gemeinde wurde umstellt und die männliche Bevölkerung auf einen Platz beordert. Von den Versammelten wurden fünf Männer ausgesucht und öffentlich erschossen. Die Häuser der Erschossenen wurden niedergebrannt. Saevecke habe sich, so sein Vorgesetzter Wolff im März 1944, „besonders in der Bandenbekämpfung in der Lombardei hervorgetan und bei fast allen Einsätzen in vorderster Linie im Kampf gegen die Partisanen gelegen. Seiner Einsatzfreudigkeit und Entschlusskraft ist es zu danken, dass die Bandenlage in der Lombardei auf ein möglichstes Mindestmaß herabgedrückt worden ist.“

Im April 1945 ließ Saevecke ein in Triest stationiertes SS-Kommando bestrafen.T. Naftali: The CIA and Eichmann’s Associates. 2005, S. 355, bezugnehmend auf ein Verhörprotokoll vom 4. Juni 1945. Verhört wurden fünf ehemalige Angehörige von Saeveckes Dienststelle in Mailand. Dieses Kommando soll mit Juden „Tauschhandel“ betrieben haben. Im gleichen Monat wurde Saevecke von alliierten Truppen gefangen genommen.

Der Historiker Carlo Gentile zählt Saevecke zu Vertretern der Sicherheitspolizei und des SD in Italien, die Gewalt selektiv anwandten. Dabei wurde gegen kommunistische Widerstandskämpfer „besonders schonungslos“ vorgegangen, während sie nationale, liberale und katholische Vertreter der Widerstandsbewegung gelegentlich schonten. Gentile sieht in diesem, bereits in anderen besetzten Ländern praktizierten Verfahren die Absicht, politisch moderate Partisanen als „‚lebende Persilscheine‘ zu benutzen oder sie nach bewährter Geheimdienstmanier ‚umzudrehen‘, um die Partisanenfront zu spalten.“ In Italien sei der Versuch hinzugekommen, „sich vor den Alliierten als besonders effektive Experten für den Kampf gegen den Kommunismus, aber ansonsten sachlich oder sogar moderat darzustellen“, womit sich diese Personengruppe Optionen für die Nachkriegszeit offen gehalten habe.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8, S. 403.

Internierung und Arbeit für die CIA

Saevecke arbeitete spätestens ab 1947 für den amerikanischen Nachrichtendienst Central Intelligence Agency; Anfang 1952 wurde er beim kurz zuvor gegründeten deutschen Bundeskriminalamt eingestellt. Zu Saeveckes Lebensweg wurden am 1. Februar 2002 Unterlagen der CIA freigegeben.CIA Documents/Files Declassified and Released to NARA as of 17 Mar 2004. (PDF; 117 kB) bei der George Washington University. Die Akten wurden gemäß dem „Nazi War Crimes Disclosure Act of 1998“ freigegeben. Die Ergebnisse einer Aktenauswertung, die Historiker im Auftrag der US-amerikanischen Regierung vorgenommen hatten, wurden 2005 publiziert.Richard Breitman, Norman J. W. Goda, Timothy Naftali, Robert Wolfe (Hrsg.): U.S. Intelligence and the Nazis. Cambridge University Press, Cambridge 2005. Die Akten wurden von der „Nazi War Criminal and Imperial Japanese Records Interagency Working Group“ (IWG) ausgewertet. Bereits 2001 veröffentlichte Dieter Schenk, der zuvor als Kriminalrat im BKA gearbeitet hatte, eine Untersuchung zur Gründungsgeschichte des BKA. Schenk kam zu dem Ergebnis, dass im Jahr 1959 von 47 leitenden BKA-Beamten 45 eine nationalsozialistische Vergangenheit hatten. Ungefähr die Hälfte, darunter auch Saevecke, seien als NS-Verbrecher im kriminologischen Sinne zu betrachten. Zum gleichen Thema erschien 2011 eine unter Leitung von Patrick Wagner entstandene Studie, die vom BKA beauftragt worden war.