mini|Illustration in der Erstausgabe Ein Granatapfelhaus (engl. Originaltitel A House of Pomegranates) ist eine im Jahre 1891 erschienene Sammlung von Kunstmärchen des irischen Schriftstellers Oscar Wilde. Es ist seine zweite Märchensammlung nach Der glückliche Prinz und andere Märchen (1888). Die Erstausgabe erschien im Londoner Verlag Osgood McIlvaine und enthielt Illustrationen von Charles Ricketts und Charles Shannon. Die Erzählungen handeln von Liebe, jugendlicher Schönheit, Mitgefühl und Leiden.

Inhalt Ein Granatapfelhaus umfasst vier Märchen.

Der junge König Der junge König (engl. The Young King) handelt von einem jungen Mann, der als illegitimer Sohn einer Königstochter bis zu seinem 16. Lebensjahr in Armut unter Ziegenhirten aufwuchs. Nach dem Tod des Königs wird er als einziger Erbe gefunden und in den Königspalast gebracht. Der junge König ist fasziniert von seinem prächtigen neuen Heim und liebt Kostbarkeiten. Er hat sogar für seine Krönung die Erstellung einer neuen Krone, eines Zepters und einer Robe in Auftrag gegeben. Kurz vor der Krönung hat der junge König nachts drei Albträume, die ihm zeigen, woher seine Krone, Zepter und Robe stammen. Er lernt im Traum, dass diese Gegenstände nur mit der Hilfe von Ausbeutung, Sklaven- und Kinderarbeit entstehen und sogar Menschen wegen seiner Gier nach schönen Kostbarkeiten sterben müssen.

Am Krönungstag weigert sich der junge König, die kostbare Kleidung anzulegen, die ihm gebracht wird, und zieht stattdessen seine alte, zerschlissene Hirtenkleidung an. Statt einer Krone nimmt er einen Zweig aus wilden Rosen, den er sich zum Reif flechtet, und er nimmt seinen Schäferstab statt eines Zepters. Auf seinem Weg zur Krönungszeremonie in der Kathedrale wird er von den Adligen getadelt, weil er Schande über ihren Stand bringe, und das einfache Volk murrt, weil er sie arbeitslos mache, wenn er keine Kostbarkeiten mehr in Auftrag geben will. Der Bischof sagt ihm, dass es töricht von ihm sei, die Leiden der ganzen Welt auf sich nehmen zu wollen.

Als der junge König sich dem Altar in der Kathedrale nähert, um zu beten, sprießen an seinem Schäferstab perlweiße Lilien, an seiner trockenen Dornenkrone erblühen rubinrote Rosen und sein Gewand wird durch die Sonnenstrahlen durch das Buntglasfenster in eine goldene Robe verwandelt. Die Menschen um ihn fallen auf ihre Knie und der Bischof erklärt, ein höheres Wesen habe den jungen König gekrönt. Niemand kann dem jungen König ins Gesicht schauen, denn er hat das Gesicht eines Engels.

Der Geburtstag der Infantin

Der Geburtstag der Infantin (engl. The Birthday of the Infanta) erzählt von der unerfüllten Liebe eines buckligen Zwerges zu einer schönen spanischen Königstochter, der Infantin. Der Zwerg wird von den Höflingen des spanischen Königs tief im Wald gefunden. Der Vater des buckligen Zwerges verkauft ihn an den Palast, um dort die Königstochter an ihrem zwölften Geburtstag zu unterhalten. Der Leser lernt, dass die Mutter der Infantin schon kurz nach ihrer Geburt gestorben ist und dass der Vater der Infantin, der König, mit seiner Trauer um seine verstorbene Frau so beschäftigt ist, dass er die Erziehung des Kindes seinem Hofstaat überlässt. Die Infantin freut sich über ihre Geburtstagsfeier, weil es die einzige Zeit ist, an der sie gemeinsam mit anderen Kindern spielen darf. Der Zwerg tritt auf der Geburtstagsfeier auf und tanzt für sein Publikum, ohne zu bemerken, dass er eigentlich ausgelacht wird. Die Infantin wirft dem Zwerg eine Rose zu und möchte, dass er nach der Siesta ein zweites Mal auftritt.

Der Zwerg glaubt irrtümlicherweise aufgrund ihrer Reaktion auf seinen Auftritt, dass die Infantin ihn lieben müsse. Während der Siesta geht er im Palast auf die Suche nach ihr und trifft schließlich in einem Raum des Palastes zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Spiegel und sieht sich selbst. Durch den Spiegel erkennt er, dass er ein hässlicher Zwerg ist und die Infantin ihn sicher nur ausgelacht hat, als er vor ihr aufgetreten ist. Er fällt schreiend und um sich schlagend zu Boden, wo ihn die Infantin und die anderen Kinder finden. Sie glauben, dass das Schreien und Schlagen des Zwerges ein weiterer Auftritt für sie sei und applaudieren, bis schließlich der Zwerg immer schwächer wird und still liegen bleibt. Ein Bediensteter untersucht den Zwerg und stellt fest, dass der Zwerg wohl an gebrochenem Herzen gestorben sei. Die Infantin verlangt daraufhin, dass in Zukunft alle, die zum Spielen zu ihr kommen, kein Herz haben dürfen.

Der Fischer und seine Seele In Der Fischer und seine Seele (engl. The Fisherman and his Soul) findet ein junger Fischer eine Meerjungfrau, verliebt sich in sie und möchte sie heiraten. Dies ist jedoch nicht möglich, denn das Meermädchen kann niemand mit einer Menschenseele lieben. Der Fischer geht zuerst zu einem Priester und dann zu Kaufleuten, um seine Seele loszuwerden, aber erst eine Hexe hilft ihm weiter: Sie sagt ihm, dass seine Seele sein Schatten sei, und gibt ihm ein Messer, mit dem er seinen Schatten losschneiden müsse. Nachdem dem Fischer dies gelungen ist, schickt er seine Seele fort und geht zu seinem Meermädchen ins tiefe Meer.

Die Seele besucht den Fischer jedes Jahr, um ihm zu erzählen, was sie gesehen hat. Sie erzählt von fernen Kulturen im Osten und im Süden. Im ersten Jahr lockt sie ihn mit dem Spiegel der Weisheit, doch nach Meinung des Fischers bedarf die Liebe der Weisheit nicht. Im zweiten Jahr bietet sie ihm unendlichen Reichtum an, den er ebenfalls verschmäht. Im dritten Jahr erzählt die Seele dem Fischer von einer Stadt in der Nähe, wo eine Frau barfuß tanzen soll. Der Fischer willigt schließlich daraufhin ein, sich mit seiner Seele wieder zu vereinen, um die Tänzerin und insbesondere ihre Füße zu sehen. Auf dem Ausflug verlangt die Seele vom Fischer, dass er stehlen, ein Kind schlagen und schließlich den Mann töten und ausrauben soll, bei dem sie zu Gast sind. Der Fischer stellt seine Seele zur Rede, und diese sagt ihm, dass sie ja kein Herz habe. Der Fischer versucht daraufhin, seine Seele wieder loszuschneiden, findet aber heraus, dass dies nicht möglich ist, da er seine Seele nur einmal losschneiden kann.

Der Fischer kehrt zum Meeresufer zurück, wo er eine Unterkunft in der Nähe des Wassers baut, aber er trifft seine Meerjungfrau nie wieder. Die Seele begehrt immer wieder Zugang zu seinem Herzen, das jedoch von Liebe umschlossen ist. Schließlich gewährt der Fischer seiner Seele den Zugang, im gleichen Augenblick jedoch stirbt die Meerjungfrau. Als ihr lebloser Körper ans Ufer gespült wird, nimmt der Fischer sie in seine Arme und ertrinkt in inniger Umarmung mit ihr in den Wellen. Der Priester, der die beiden findet, erklärt sie für verflucht und lässt sie in ungeweihter Erde am Rande eines Feldes begraben. Drei Jahre später findet der Priester Blumen als Schmuck auf dem Altar seiner Kirche und stellt fest, dass sie vom Feldrand stammen, wo der Fischer und seine Meerjungfrau begraben liegen. Am nächsten Tag zieht der Priester aus, um das Meer und alle wilden Geschöpfe zu segnen, aber die Blumen wachsen nie wieder auf dem unfruchtbaren Feld und das Meervolk zieht weiter in einen anderen Teil des Meeres.

Das Sternenkind

Das Sternenkind (engl. The Star-Child) ist die Geschichte eines schönen aber grausamen Findelkindes, das Freude daran hat, sowohl Tiere als auch Bettler zu quälen. Erst als das Sternenkind in eine hässliche Kreatur verwandelt wird und in der Sklaverei drei Aufgaben lösen muss, lernt es Mitgefühl und Güte gegenüber Menschen und Tieren.

Als das Sternenkind nach seiner dritten Aufgabe die Stadt wieder betritt, wird es wieder in seine alte, schöne Gestalt zurückverwandelt, trifft seine Eltern und wird zum gütigen neuen König. Das Sternenkind stirbt allerdings nach nur drei Jahren Herrschaft, danach folgt ihm ein bösartiger und grausamer Herrscher.

Textanalyse und Interpretation mini|hochkant|Proserpina (mit einem Granatapfel in der Hand), Ölgemälde von Dante Gabriel Rossetti (1874)

Titel Der Titel der Märchensammlung Ein Granatapfelhaus spielt auf den Granatapfel und den damit verbundenen Mythos der römischen Göttin Proserpina an, die vom Gott Pluton in sein Reich der Toten, die Unterwelt, entführt wurde. Proserpinas Mutter, die Göttin Ceres, rang Göttervater Jupiter das Versprechen an, dass Proserpina ins Reich der Lebenden zurückkehren könne, wenn sie in der Unterwelt noch keine Nahrung zu sich genommen hat. Pluto steckte Proserpina jedoch vor ihrer Rückkehr zu Ceres einige Granatapfelkerne in den Mund, so dass Proserpina nun dazu verdammt war, ihre Zeit zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten aufzuteilen. Jedes Märchen in der Sammlung Ein Granatapfelhaus hat einen Protagonisten, der ähnlich zwischen zwei Welten hin- und hergerissen ist.Anne Markey: Oscar Wilde's Fairy Tales: Origins and Contexts. Irish Academic Press, Dublin 2011, ISBN 978-0-7165-3120-3, S. 139.

Literarische Gattung Bei den Erzählungen in Ein Granatapfelhaus handelt es sich um Kunstmärchen. Kunstmärchen greifen häufig Stil, Themen und Elemente von Volksmärchen auf. Wildes Kunstmärchen sind jedoch in Struktur und Sprache komplexer und enden nicht wie Volksmärchen mit einer ausdrücklichen Moral, sondern die Aussage des Märchens muss erschlossen werden. Auch reicherte Wilde seine Märchen mit impliziter Kritik an zeitgenössischer Gier und Konsumismus an.Anne Markey: Oscar Wilde's Fairy Tales: Origins and Contexts. Irish Academic Press, Dublin 2011, ISBN 978-0-7165-3120-3, S. 7.

Kritiker haben immer wieder bemerkt, dass Wildes Märchen nicht als Kinderliteratur geeignet seien (und als solche von ihm auch nicht intendiert waren), denn im Gegensatz zu traditionellen Volksmärchen enden Wildes Erzählungen häufig mit einem düsteren Abschluss statt einem „sie lebten glücklich bis an ihr Ende“: So bleiben Helden unbelohnt, die Infanta verwöhnt und Bösewichte ungestraft.Emily Labram: The Complete Short Stories by Oscar Wilde (Rezension). In: The Guardian, 2. Mai 2010, aufgerufen am 11. März 2022. Das Sternenkind wird zwar König, stirbt aber nach drei Jahren Herrschaft bereits, woraufhin, so der letzte Satz der Geschichte, ein übler Herrscher folgt.Oscar Wilde: Erzählungen und Märchen. Verlag F. Englisch, Wiesbaden 1976, S. 117.

Themen und Stilmittel Die Erzählungen handeln von Liebe, Schönheit, Mitgefühl und Leiden.

Der junge König Mitgefühl und Leiden sind Themen in Der junge König, in dem der Protagonist, der unter Schäfern aufwuchs, seines Reichtums überdrüssig wird und am Ende zu einer Christus-gleichen Figur stilisiert wird.Oscar Wilde: Erzählungen und Märchen. Verlag F. Englisch, Wiesbaden 1976, S. 20–21, 25–26. Die abschließende Verwandlung des jungen Königs in eine Christus-gleiche Figur deutet Wilde zum einen durch biblische Anspielungen an, so z. B. durch die Anspielung an die prophetischen Träume von Josef (Genesis 37, 5–9) und auf Jesus Leidensweg zur Kreuzigung. Zum anderen verwendet Wilde bewusst eine altertümelnde Sprache, die an die King-James-Bibel erinnert, sowie am Ende der Geschichte Vergleiche des jungen Königs mit einem Engel.Anne Markey: Oscar Wilde's Fairy Tales: Origins and Contexts. Irish Academic Press, Dublin 2011, ISBN 978-0-7165-3120-3, S. 147–149.

Die Geschichte thematisiert auch die Anbetung von Schönheit und die Abkehr davon. Darüber hinaus adressiert Wilde Fragen nach dem Verhältnis zwischen weltlicher Macht auf der einen und spiritueller Verantwortung auf der anderen.

Der Geburtstag der Infantin Der Geburtstag der Infantin erzählt von der unerfüllten Liebe eines buckligen Zwerges zu einer schönen Königstochter, auf deren Geburtstag er zur Unterhaltung auftritt. Der Zwerg stirbt mit gebrochenem Herzen, als er versteht, dass er nicht geliebt wird, sondern nur ein Objekt des Spotts für die Infantin und ihren Hof ist.

mini|Las Meninas von Diego Velázquez (1656), Museo del Prado, Madrid