mini|Titelseite der Sozialdemokratischen Zukunftsbilder, November 1891

Sozialdemokratische Zukunftsbilder. Frei nach Bebel von 1891 ist ein Buch des freisinnigen Politikers und Publizisten Eugen Richter. Das dystopische Werk ist als fiktives Tagebuch eines begeisterten Sozialdemokraten angelegt, der nach dem Sieg der Revolution sein Leben und die Umgestaltung der Gesellschaft in persönlichen Erlebnissen beschreibt. Der Sozialismus entwickelt sich allerdings anders, als der Tagebuchschreiber erwartet hatte. So wird beispielsweise ein Heer von Spitzeln aufgebaut, die Opposition drangsaliert, die mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ demonstriert, oder an der Grenze der Schießbefehl eingeführt, um die Bürger an der Flucht in die noch freien Länder (USA, Großbritannien, Schweiz) zu hindern. Das Buch wird häufig als eine visionäre Vorwegnahme des realen Sozialismus bezeichnet.So beispielsweise: Visionär des realen Sozialismus. In: Die Weltwoche, 2009; weltwoche.ch Prophet und Richter. In: Titanic, November 2009;

Vorgeschichte Eugen Richter hatte die Sozialdemokratie seit ihren ersten Anfängen in den 1860er Jahren aus nächster Nähe beobachtet und kritisch begleitet, wobei er seine Ansicht von der Ähnlichkeit reaktionärer und sozialistischer Staatsgläubigkeit hervorhob. In seiner Reichstagsrede zur Ablehnung der ersten Version des Sozialistengesetzes vom 23. Mai 1878 erklärte er:Stenographische Berichte des Deutschen Reichstags, 3. Legislaturperiode, 1878, 2, 54. Sitzung, S. 1515–1523: reichstagsprotokolle.de – eugen-richter.de

Die Mentalität der Sozialisten sei auf die Denkgewohnheiten des Obrigkeitsstaates zurückzuführen:

Aus einer solchen Sicht schöpfte Eugen Richter die Inspiration, dass der Sozialismus an der Macht sich ähnlich wie der preußische Polizeistaat verhalten würde, den er und seine Parteigenossen unmittelbar erlebt hatten, mit Bevormundung, Bespitzelung und kleinlichen Schikanen gegen jede Opposition.

Unter dem Sozialistengesetz ab 1878 konnten sich die Sozialdemokraten einer Kritik ihrer Lehren mit dem Hinweis entziehen, sie könnten nicht frei ihre Ansichten vertreten. Als das Gesetz dann 1890 auslief, prahlten sie, dass es keine Kritik gebe. Eugen Richter veröffentlichte daraufhin in der von ihm redigierten Freisinnigen Zeitung eine Serie von Artikeln, in denen er die wesentlichen Punkte der sozialistischen Ideologie einer Kritik unterzog. Als diese Artikel Anklang fanden,Detmar Döring: Vorwort. In: Eugen Richter: Sozialdemokratische Zukunftsbilder. Frei nach Bebel. Lichtschlag, Grevenbroich 2007, S. 9–10.

Eugen Richter brachte daraufhin seine Artikel im November 1890 in überarbeiteter Form als „Die Irrlehren der Sozialdemokratie“ heraus, die rasch eine Auflage von über 60.000 Exemplaren erreichten. Wie er spöttisch bemerkte:Detmar Döring: Vorwort. In: Eugen Richter: Sozialdemokratische Zukunftsbilder. Frei nach Bebel. Lichtschlag, Grevenbroich 2007, S. 10.

In den „Irrlehren der Sozialdemokratie“ stützte sich Eugen Richter auf das offizielle Programm der sozialdemokratischen Partei sowie verschiedene Reden und Äußerungen führender Sozialdemokraten. Insbesondere orientierte er sich an den Ausführungen August Bebels in seinem, wie Richter irrtümlicherweise meinte, erstmals 1883 in Zürich erschienenen Buch Die Frau und der Sozialismus|Die Frau in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und in dessen Broschüre Unsere Ziele von 1877. Ergänzend nutzte er den utopischen Roman „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887“ des amerikanischen Science-Fictionautors Edward Bellamy, der zwar selbst kein Sozialdemokrat war und in seinem Werk eine zukünftige sozialistische Gesellschaft auszumalen suchte.

Im folgenden Jahr brachte Eugen Richter seine Thesen dann in den Sozialdemokratischen Zukunftsbildern in die Form eines dystopischen Tagebuchromans.

Ausgaben Die Sozialdemokratischen Zukunftsbilder erschienen im November 1891 im Verlag „Fortschritt, Aktiengesellschaft“. Sie gingen durch zahlreiche Auflagen und erreichten eine Verbreitung von über 250.000 Exemplaren. Schon im selben Jahr erschien eine dänische Übersetzung, im folgenden Jahr Übersetzungen in die tschechische, schwedische, polnische, niederländische und französische Sprache. Es folgten weitere Übersetzungen in das Rumänische, Spanische, Ungarische, Polnische, Finnische, Italienische, Englische und Japanische. Zudem wurde das Buch bis in jüngste Zeit immer wieder neu herausgegeben.

Inhalt nach Kapiteln

Die Siegesfeier Im Familienkreis feiert der Tagebuchschreiber die Revolution, seine silberne Hochzeit und die Verlobung seines Sohnes Franz mit Agnes.

Die neuen Gesetze Alle Produktionsmittel werden verstaatlicht. Der „Vorwärts“ ersetzt den „Reichsanzeiger“. Militär und Polizei werden aufgelöst, die Steuern abgeschafft.

Unzufriedene Leute Als sich herausstellt, dass auch die Sparkassenbücher der kleinen Leute enteignet werden, kommt es zu Protesten. An diesen nehmen auch Franz und Agnes teil, die sich als Putzmacherin etwas für ihre Mitgift zurückgelegt hat.

Berufswahl Jeder kann sich für einen neuen Beruf melden oder kann wie der Tagebuchschreiber und sein Sohn bei ihrem Beruf als Buchbinder und Setzer bleiben.

Eine Reichstagssitzung Im Reichstag widerspricht ein Sozialdemokrat auf der Rechten der Enteignung der Sparkassenbücher. Von den Tribünen erhält er Beifall, Zurufe: „Wir sind das Volk!“ Ein Sozialdemokrat von der Linken plädiert für die Enteignung. Der Reichskanzler stimmt zu, weil sonst auch andere Kapitalbesitzer ihr Eigentum zurückerhalten müssten.

Arbeitsanweisung Die Berufswahl fällt anders als erwartet aus. Die Familie wird zerrissen, der Sohn wird von Berlin nach Leipzig versetzt, weil nicht mehr so viele Zeitungen in Berlin benötigt werden. Beim „Vorwärts“ werden nur noch zuverlässige Sozialdemokraten beschäftigt. Franz vermutet, dass er wegen seiner Unzuverlässigkeit versetzt wird. Die Mutter wird als Krankenpflegerin angestellt, aber nicht bei ihrer Tochter.

Nachrichten vom Lande Eine „Volkswehr“ wird etabliert, um die Verstaatlichung der Landwirtschaft gegen die Bauern durchzusetzen. Zuwanderer nach Berlin werden abgeschoben.

Der letzte Familientag Die Eltern besuchen die kleine Tochter in der staatlichen Verwahranstalt. Die Mutter macht sich Sorgen wegen der Versorgung des Kindes. Der Vater und der Sohn des Tagebuchschreibers kommen zu Besuch und äußern ihre Unzufriedenheit über die neuen Zustände.

Der große Umzug Die Möbel werden abgeholt und neu verteilt.

Neues Geld Es wird eine Passpflicht mit Lichtbildausweisen eingeführt. Das Geld wird durch Rationierungskarten ersetzt.

Die neue Häuslichkeit Wider Erwarten sind die per Lotterie angewiesenen neuen Wohnungen nicht besser als die alten.

Die neuen Staatsküchen Die Arbeitenden werden in großen Staatsküchen verköstigt mit einheitlichem Speiseplan. Die Schutzmannschaft wird in Berlin auf 12.000 erweitert, um die Ordnung zu erhalten.

Ein ärgerlicher Zwischenfall Der Reichskanzler ist nicht mehr so populär. Es bildet sich eine „Reaktionspartei“ besonders unter den Frauen, die den Kanzler mit „Kot und allerlei Unrat“ bewerfen.

Ministerkrisis Als sich herausstellt, dass der Reichskanzler sich bedienen lässt, muss er zurücktreten.

Auswanderung Mehr und mehr Menschen versuchen in die freien Länder (Schweiz, Großbritannien, USA) zu fliehen. Dagegen erlässt die Regierung ein Auswanderungsverbot.

Kanzlerwechsel Der neue Kanzler gibt sich volkstümlich.

Aus den Werkstätten Der Tagebuchschreiber wird Kontrolleur an seinem Arbeitsplatz. Arbeitsmoral und Leistung verfallen. Als er die Arbeiter zu besserer Arbeit anhalten will, protestieren diese gegen die Bevormundung.

Familiensorgen Das Familienleben zerfällt. Agnes und Franz planen zu fliehen.

Volksbelustigungen Die Regierung versucht die Stimmung mit Darbietungen zu heben. Im „Vorwärts“ wird eine gerechtere Verteilung der Tanzpartner bei Bällen diskutiert.

Üble Erfahrungen Unterschlagungen häufen sich, man bekommt Dinge nur über Beziehungen. Der Tagebuchschreiber ringt mit sich, ob er als guter Kontrolleur seine Familie wegen Fehlverhalten denunziert.

Die Flucht Franz und Agnes fliehen nach Großbritannien und wandern von da in die USA aus.

Wiederum Kanzlerwechsel Die Landbewohner ärgern sich darüber, dass die Städter die Volksbelustigungen genießen. Stadtbewohner werden aufs Land, Landbewohner in die Stadt verschickt. Der Kanzler wird ersetzt, weil die Finanzen aus dem Ruder gelaufen sind.

Auswärtige Verwicklungen Es kommt zu Reibereien mit den anderen sozialistischen Staaten wegen Zahlungsausfällen.

Wahlbewegung Radikale „Junge“ fordern einen konsequenteren Sozialismus. Eine Freiheitspartei etabliert sich. Die Regierung ruft alle Patrioten auf, gegen deren umstürzlerische Umtriebe eine „große Ordnungspartei“ zu bilden.

Trauerkunde Die kleine Tochter des Tagebuchschreibers stirbt.

Das Wahlergebnis Durch Zwangsversetzungen und Wahlbeeinflussung gewinnt die Regierungspartei. Die „Partei der Freiheit“ erhält unerwartet ein Drittel der Stimmen und gewinnt in Berlin. Die „Jungen“ haben wenig Zulauf.

Ein großes Defizit Der Staatshaushalt weist ein großes Defizit auf.

Familiennachrichten Franz und Agnes sind glücklich in den USA angekommen.

Eine stürmische Reichstagssitzung Die Sozialdemokraten sitzen nun auf der Rechten im Reichstag, die Freiheitsfreunde auf der Linken. Der Kanzler erläutert das Regierungsprogramm. Der Abgeordnete für Hagen von der Freiheitspartei erklärt in seiner Rede:

Streik in Sicht Die Berliner Metallarbeiter rebellieren, weil sie nicht wie versprochen „den vollen Ertrag ihrer Arbeit“, sondern denselben Lohn wie alle anderen bekommen.

Drohnoten des Auslands Frankreich und Russland versuchen ihre Forderungen militärisch durchzusetzen.

Massenstreik und Kriegsbeginn zugleich Rationen werden gekürzt. Es kommt zu massenhaften Streiks. Krieg bricht aus.

Die Gegenrevolution beginnt Die Streiks entwickeln sich zum Bürgerkrieg.

Unheilvolle Nachrichten Die Frau des Tagebuchschreibers verliert den Verstand. Er selbst kommt in den Kämpfen um.

Letztes Kapitel Der Sohn Ernst schickt Agnes und Franz die Tagebuchaufzeichnungen.

Kritik