Fessle mich! ist ein Film des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar aus dem Jahr 1990. Für Antonio Banderas bedeutete die männliche Hauptrolle des Ricky, der eine Frau kidnappt in der Erwartung, sie werde seine Liebe erwidern, den entscheidenden Schub für seine Karriere als Hollywood-Schauspieler. Victoria Abril, sein weibliches Pendant, trat erstmals bei Almodóvar in einer Hauptrolle auf und löste damit dessen langjährige Lieblingsschauspielerin Carmen Maura ab.

Fessle mich! wurde zunächst nur in Almodóvars Heimat positiv aufgenommen und als ein Kunstwerk in der für den Regisseur „typischen Mischung aus Komödie und Melodram“ rezipiert. Außerhalb von Spanien war die Reaktion bei Publikum und Kritik zurückhaltender. In den USA, wo der Film durch ein X-Rating als pornografisch galt, führte die juristische Klage gegen diese Einstufung zwar nicht zum Erfolg, trug aber letztlich mit dazu bei, dass das Rating insgesamt reformiert wurde.

Handlung Ricky wird 23-jährig aus einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt rechtskräftig entlassen. Auf die Frage der Direktorin, was er zu tun gedenke, entgegnet er zielbewusst: „Arbeiten und eine Familie gründen – wie jeder normale Mensch.“ Sie hat Grund, an seinem Plan und seinem Selbstbild zu zweifeln; zwar schätzt sie ihn als geschickten Handwerker, talentierten Maler und nicht zuletzt als Liebhaber; was ihr ernsthaft Sorge bereitet, ist sein fehlendes Unrechtsbewusstsein. Eins allerdings bleibt ihr verborgen: Ricky weiß nicht nur genau, was er will, sondern auch wen. Sie heißt Marina. Ein Jahr zuvor hat er sie, bei einem seiner Ausbrüche, in einem One-Night-Stand kennengelernt und ist seitdem fest entschlossen, sie zur Geliebten, Frau und Mutter seiner Kinder zu machen. Durch einen Zeitungsartikel kommt er ihr schnell auf die Spur. Marina, eine Ex-Pornodarstellerin und Drogensüchtige auf Entzug, spielt die Hauptrolle in dem B-Movie Das Grauen kam um Mitternacht. Ricky schleicht sich in die Studioräume ein und passt einen Moment ab, um sie auf sich aufmerksam zu machen, was jedoch misslingt. Ein mögliches Kidnapping hat er schon vorher in Betracht gezogen und dafür aus der Garderobe einiges entwendet, unter anderem Handschellen, Marinas Adresse und sogar ihre Wohnungsschlüssel. Nun folgt er ihr und dringt in ihre Wohnung ein. Da sie sich wehrt und schreit, schlägt er sie kurzerhand nieder und hält sie ab sofort gefangen – im ebenso naiven wie sicheren Glauben, die Zeit werde für ihn arbeiten.

Seinen Plan, den er ihr genau so naiv vorträgt, nimmt Marina nicht ernst. Erste Versuche von ihr, sich zu befreien, wehrt Ricky ohne große Mühe ab. Ihre immer stärker werdenden Zahnschmerzen zwingen ihn jedoch dazu, das Haus zu verlassen: erst in ihrer Begleitung zu einer mit ihr befreundeten Ärztin, dann allein, um die Medikamente auf dem Schwarzmarkt zu besorgen (normale Schmerzmittel wirken bei ihr, als Ex-Junkie, nicht). Vorher fesselt er sie zum ersten Mal ans Bett und klebt ihren Mund mit Heftpflaster zu. Statt die Dealerin zu bezahlen, nimmt er ihr die Ware gewaltsam ab. Das rächt sich in der Folgenacht, als er Marina Drogen beschaffen will; die Dealerin trifft ihn zufällig wieder und schlägt ihn mit Hilfe von zwei Kumpanen bewusstlos. Marina, die sich in seiner Abwesenheit zwar der Fesseln entledigt, aber nur halbherzig aus der Wohnung zu befreien versucht hat, kümmert sich um den verletzt zurückkehrenden Ricky. Ihr Mitleid schlägt um in Begehren; sie schläft mit ihm und erinnert sich nun auch ihrerseits an ihre Erstbegegnung ein Jahr zuvor. Deren zentrale Bedeutung für sein Leben macht Ricky ihr am Morgen danach noch einmal mit einer gezeichneten Biografie klar. Sie erfährt, dass er mit 3 ins Waisenhaus kam, mit 8 ins Erziehungsheim und mit 16 in die Psychiatrie.

Der zum Happyend führende Showdown beginnt schließlich mit der drohenden Entdeckung beider. Um diese zu verhindern, hat Ricky sich mit Marina in der gegenüberliegenden Wohnung einquartiert, die einem verreisten Nachbarn gehört. Marinas Schwester Lola, die ebenfalls als promiskuitiver Single lebt, ihre Tochter von der Mutter auf dem Land großziehen lässt und als Produktionsleiterin in Marinas Film arbeitet, hat den Auftrag, sich während seiner Abwesenheit um die Pflanzen zu kümmern. Ricky verhindert zunächst, dass sie die beiden bemerkt, und verlässt nach ihrem Weggang ebenfalls die Wohnung, um ein Fluchtauto zu besorgen. Währenddessen kehrt Lola jedoch noch einmal zurück, entdeckt jetzt fremde Spuren und schließlich auch Marina. Diese steckt sichtlich im Zwiespalt: Obwohl erstmals ohne Mundpflaster, hat sie nicht gerufen, gesteht sogar, dass sie ihren Kidnapper „haben“ will, wehrt sich aber auch nicht wirklich dagegen, von ihrer Schwester aus der Wohnung geführt zu werden. Erst danach gelingt es ihr, Lola – und nicht zuletzt sich selbst – begreiflich zu machen, dass es ihr ernst ist. Da sie weiß, dass Ricky vorhatte, als Nächstes noch einmal seinen Geburtsort aufzusuchen, fahren sie dorthin, wo sie ihn, in den Ruinen des verlassenen Dorfes, tatsächlich vorfinden. Von da aus fahren die drei, singend und sichtlich beglückt, weiter zur Familie der beiden Schwestern.

Casting mini|Pedro Almodóvar, Victoria Abril...mini|...und Antonio Banderas in den 1990er Jahren Mit Victoria Abril in der Rolle der Marina entschied sich Almodóvar für eine Schauspielerin, die deutlich jünger war als die inzwischen 44-jährige Carmen Maura, seine erklärte Muse und Hauptdarstellerin der meisten seiner vorangegangenen Filme. Fessle mich! markierte daher seinen Bruch mit ihr, der auf Grund privater Implikationen erst viele Jahre später heilte,Manfred Riepe: Intensivstation Sehnsucht. Blühende Geheimnisse im Kino Pedro Almodóvars. Bielefeld, transcript Verlag, 2004, S. 121. und leitete zugleich eine Phase der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Victoria Abril ein, die sich als knapp 30-Jährige im Filmgeschäft bereits etabliert hatte, nicht zuletzt auch durch die Verkörperung „starker“ Frauenfiguren.Brad Epps und Despina Kakoudaki: All about Almodóvar. University of Minnesota Press, 2009, S. 111. Für Antonio Banderas, Darsteller des Ricky, bedeutete die fünfte Rolle in einem Almodóvar-Film den Durchbruch in seiner Karriere als Hollywood-Schauspieler. In der Rolle von Marinas Mutter sieht man Almodóvars eigene Mutter, Francisca Caballero.

Rezeption Bei seiner internationalen Premiere auf der Berlinale 1990 wurde Fessle mich! lautstark ausgebuht.Manfred Riepe: Intensivstation Sehnsucht. Blühende Geheimnisse im Kino Pedro Almodóvars. Bielefeld, transcript Verlag, 2004, S. 120. Er erhielt keinen der Preise, wurde jedoch von den Kommentatoren, die mit der Qualität der gezeigten europäischen Filme insgesamt unzufrieden waren, als eine von zwei Ausnahmen erwähnt.Archiv der Berlinale, 1990 (zuletzt abgerufen am 13. Juni 2014) Manfred Riepe zitiert mehrere kritische Stimmen und bringt sie in Zusammenhang damit, dass Almodóvar die Erwartung auf einen weiteren Film mit „starken“ Frauen vordergründig enttäuscht habe. So schrieb die Tageszeitung: „Pedro Almodóvar, der Regisseur von Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, entpuppt sich in Fessle mich! leider doch als Macho.“ Das katholische Lexikon des internationalen Films hielt fest: „Der Film […] ist […] im Kern nicht mehr als eine zynische Love-Story, die unreflektiert Gewalt als Quelle sexueller Lust propagiert.“ Analog dazu der Kommentar von Almodóvar selbst: „Viele waren gegen den Film, weil sie meine Geschichte für sadomasochistisch hielten, was sie gerade nicht ist.“ Gwyne Edwards meint, Almodóvars Filme seien in Deutschland generell auf wenig Verständnis gestoßen.Gwyne Edwards: Almodóvar: Labyrinths of Passion. London, Peter Owen, 2001, S. 107. (eigene Übersetzung des Zitats)

In seiner spanischen Heimat wurde Fessle mich! von Publikum und Kritik positiv aufgenommen.Marvin D'Lugo: Pedro Almodóvar. University of Illinois Press, 2006, S. 74. In den Kinos avancierte er 1990 zum erfolgreichsten einheimischen Film des Jahres. Mit mehr als einer Million Zuschauern hatte er doppelt so viele wie Carlos Sauras Ay Carmela!, in dem Carmen Maura, von der Almodóvar sich gerade getrennt hatte, die Hauptrolle spielte und den die spanischen Kritiker 1990 als den besten Film aus einheimischer Produktion ansahen. Doch auch Almodóvar erhielt von ihnen Zustimmung – „erstmals“, wie Manfred Riepe meint, und mit dem „übereinstimmenden“ Urteil, Fessle mich! sei eine „zärtliche Liebesgeschichte“.

In den USA, wo der Film an den Kinokassen ein respektables Ergebnis einspielte, stießen seine explizit sexuellen und andere als anstößig empfundene Szenen auf Widerspruch und führten zu einer kontroversen Auseinandersetzung, die auch die Gerichte beschäftigte und letztlich mit zu einer generellen Änderung des Ratings beitrug.Paul Julian Smith: Desire Unlimited: The Cinema of Pedro Almodóvar. Verso, 2000, S. 117.

Kontroverse in den USA MPAA, in den USA zuständig für die Einstufung der Filme, hatte sich bei Fessle mich! für ein X-Rating entschieden, was in der Regel für harte Pornografie reserviert war. Ein solches Label schränkte die Verbreitung eines Films ein und reduzierte seine Erfolgsaussichten in den Kinos. Miramax, die nordamerikanische Verleihfirma für Fessle mich!, ging gegen das X-Rating gerichtlich vor. Im Prozess führte das zu einer Grundsatzdebatte über Kino, Zensur und Sexualität in den USA. Eins der Argumente, das von Miramax' Seite vorgetragen wurde, war, dass man schwere Gewalt und Drogenkonsum in Filmen eher nachsichtig beurteile, Sex hingegen allgemein streng.

Miramax verlor zwar den Prozess, doch die Tatsache, dass es auch in zahlreichen anderen Fällen Beschwerden gegen das X-Rating diverser Filme gab, veranlasste MPAA, dieses ganz fallen zu lassen und stattdessen ein NC-17-Rating einzuführen. Henry & June war dann im September 1990 der erste Film, der mit diesem neuen Label veröffentlicht wurde. Fessle mich! erschien ohne ein Rating.

Analyse Bezüge Einige formale Parallelen zwischen Ricky und dem Monster aus dem B-Movie, bei dessen Dreharbeiten er Marina aufspürt, erhellen den Bezugsrahmen, in dem Fessle mich! sich bewegt. Die Perücke mit den schulterlangen schwarzen Haaren beispielsweise, die Ricky aus der Garderobe entwendet, lässt ihn selbst wie ein Monster aussehen, als er Marina in den Studioräumen nachstellt. Die Worte, mit denen das Monster Marina lockt: „Ich komme […] um dich von hier fortzutragen […] an einen Ort ohne Angst, wo wir beide glücklich sein werden“, spiegeln seine eigene naive Sicht auf sein Vorhaben. Und schließlich dringt er, wie das Monster, zur Geisterstunde gewaltsam bei Marina ein.

Beispiele für literarische und filmische Werke, die den Bezugsrahmen für Fessle mich! bilden, sind Das Phantom der Oper, King Kong, Tarzan, der Affenmensch und – allen voran – Die Schöne und das Biest, von dem allein schon der Titel tragende Gemeinsamkeiten enthält. Erwähnenswert ist auch der Anklang an ein Hauptwerk der spanischen Literatur, Calderóns Das Leben ist ein Traum, worin die rohe Gewalt des nach 20-jähriger unschuldiger Haft in die Wirklichkeit entlassenen Protagonisten von weiblicher Schönheit gezähmt wird.Gwyne Edwards: Almodóvar: Labyrinths of Passion. London, Peter Owen, 2001, S. 109.

In William Wylers Thriller Der Fänger vermutete man, auf Grund der Ähnlichkeit der Entführung, eine direkte Inspirationsquelle für Fessle mich! Auch dort kommt ein „Verrückter“ auf die Idee, die Liebe einer Frau, auf die er fixiert ist, erzwingen zu wollen, indem er sie kidnappt, und begründet die gewaltsame Verwahrung damit, dass er ihr Zeit geben wolle, ihn kennen und lieben zu lernen. Nach dem Einfluss des Films befragt, ließ Almodóvar offen, wie stark dieser gewesen sei, und verwies auf ein anderes Werk Wylers, An einem Tag wie jeder andere, worin eine ganze Familie in Geiselhaft genommen wird.Manfred Riepe: Intensivstation Sehnsucht. Blühende Geheimnisse im Kino Pedro Almodóvars. Bielefeld, transcript Verlag, 2004, S. 122.

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