mini|Die von Eickstedts auf den Andamanen 1926 Egon Freiherr von Eickstedt (* 10. April 1892 in Jersitz in der damaligen Provinz Posen; † 20. Dezember 1965 in Mainz) war ein deutscher Anthropologe und ein maßgeblicher Vertreter der Rassentheorie im Nationalsozialismus.Horst Seidler, Andreas Rett: Das Reichssippenamt entscheidet. Rassenbiologie im Nationalsozialismus. Jugend und Volk, Wien 1982, S. 59, 188. Die von Egon von Eickstedt entwickelte Einteilung der Menschheit in drei „Großrassen“ – „Europide, Mongolide und Negride“ – wurde in der physischen Anthropologie teilweise noch bis in die 1990er Jahre vertreten, bevor sie zunehmend als wissenschaftlich überholt und rassistisch motiviert verworfen wurde.

Leben Egon von Eickstedt stammte aus dem alten pommerschen Adelsgeschlecht Eickstedt. Seine Schulzeit verbrachte er in Berlin, Dresden und einem Internat in Halberstadt.Dirk Preuß: „Anthropologe und Forschungsreisender“. Biographie und Anthropologie Egon Freiherr von Eickstedts (1892–1965). Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8316-0872-0, S. 14 ().

Er studierte an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Anthropologie, Medizin, Philosophie, Psychologie, Völkerkunde, Geographie, Geschichts- und Sprachwissenschaft. Prägend wurde die Begegnung mit dem Anthropologen und Ethnologen Felix von Luschan in den Berliner Studienjahren ab 1913.

Im Ersten Weltkrieg war von Eickstedt Sanitätsunteroffizier. In dieser Eigenschaft führte er 1916 erste anthropologische Untersuchungen an kriegsgefangenen Sikhs durch, die in der britischen Armee dienten. 1916 heiratete er Enjo da Costa Macedo, eine Brasilianerin portugiesischer Abstammung. Aus den Kriegsgefangenen-Untersuchungen ging 1920 seine Dissertation über die nordindischen Sikhs hervor.

1921 wurde von Eickstedt Assistent am Anatomischen Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg unter der Leitung des Anthropologen Eugen Fischer. 1924 ernannte man ihn zum Leiter der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien unter Otto Reche. 1926 arbeitete er kurz mit dem Anthropologen Theodor Mollison in München zusammen. Im gleichen Jahr brach von Eickstedt zu seiner ersten Indien-Expedition auf, bei der er umfangreiche anthropologische und ethnologische Daten sammelte. 1927 war er kurz als Assistent bei dem Geographen Norbert Krebs in Berlin tätig.

Während seiner Wiener Zeit baute Eickstedt Kontakte zum Verleger Julius Friedrich Lehmann auf, erörterte mit ihm 1926 die Möglichkeit einer „Deutschlanduntersuchung“ unter rassischen Gesichtspunkten und steuerte im gleichen Jahr eine „Anthropologisch-klinische Meßtafel“ zum Verlagsprogramm des J. F. Lehmann Verlages bei. 1927 wurde er Herausgeber des Archivs für Rassenbilder im gleichen Verlag.Dirk Preuß: „Anthropologe und Forschungsreisender“. Biographie und Anthropologie Egon Freiherr von Eikstedts (1892–1965). Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8316-0872-0, S. 30 ().

Im Dezember 1928 wurde Eickstedt in Abwesenheit zum Dozenten der Medizinischen Fakultät der Universität Breslau ernannt. Da er sich auf einer Forschungsreise in Indien befand, wurde er dafür bis zum folgenden Sommersemester beurlaubt. Im Sommer 1929 habilitierte er sich an der Philosophischen Fakultät und übernahm als Privatdozent stellvertretend, ab 1933 als außerordentlicher Professor die Leitung des neuen Anthropologischen Instituts sowie der bestehenden Ethnographischen Sammlung.Dirk Preuß: „Anthropologe und Forschungsreisender“. Biographie und Anthropologie Egon Freiherr von Eickstedts (1892–1965). Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8316-0872-0, S. 51f. (). An der Universität hielt er ab 1929 Vorlesungen zu Themen der Rassehygiene oder Eugenik. Seit 1931 sammelten sich nationalsozialistisch gesinnte Studenten und Assistenten um ihn. Er galt in der lokalen Presse als „Nazibaron“.Dirk Preuß: „Anthropologe und Forschungsreisender“. Biographie und Anthropologie Egon Freiherr von Eickstedts (1892–1965). Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8316-0872-0, S. 60 ().Heidrun Kaupen-Haas: Wissenschaftlicher Rassismus. Campus Verlag, 1999, ISBN 978-3-593-36228-1, S. 24 (). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beantragte er am 1. Mai 1933Albrecht Scholz, Thomas Barth, Anna-Sophia Pappai, Axel Wacker: Das Schicksal des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät Breslau nach der Vertreibung 1945/46. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 497–533, hier: S. 514. die Aufnahme in die NSDAP und trug zeitweise das Parteiabzeichen für Mitgliedsanwärter. Sein ehemaliger Assistent Walter Jankowsky, selbst Mitglied der NSDAP, erreichte mit einer Reihe von Denunziationen bei NSDAP-Behörden, dass Eickstedts Aufnahmeantrag abgelehnt wurde.Dirk Preuß: „Anthropologe und Forschungsreisender“. Biographie und Anthropologie Egon Freiherr von Eickstedts (1892–1965). Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8316-0872-0, S. 57 (). Dies wird auf persönliche, nicht politische Gründe zurückgeführt.Hans-Christian Harten: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Oldenbourg Verlag, 2006, ISBN 978-3-05-004841-3, S. 324 ().

Gleichwohl stieg Eickstedt zu einem der führenden Rassentheoretiker im Nationalsozialismus auf.Norbert Kapferer: Die Nazifizierung der Philosophie an der Universität Breslau, 1933–1945. LIT Verlag Münster, 2001, ISBN 978-3-8258-5451-5, S. 112 ().Till Philip Koltermann: Der Untergang des Dritten Reiches im Spiegel der deutsch-japanischen Kulturbegegnung 1933–1945. Otto Harrassowitz Verlag, 2009, ISBN 978-3-447-06072-1, S. 31 (). Er wurde 1933 zum außerordentlichen Professor ernannt und 1934 verbeamtet.Dirk Preuss: Anthropologie nach Haeckel. Franz Steiner Verlag, 2006, ISBN 978-3-515-08902-9, S. 103 (). Er unterstützte das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ 1933 mit einem Artikel und behandelte ab Sommer 1935 die nationalsozialistische Rassegesetzgebung in seinen Vorlesungen. Bis 1944 blieben „Rassenkunde“ und die aktuellen rassepolitischen Entwicklungen Hauptthema seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit.Dirk Preuß: „Anthropologe und Forschungsreisender“. Biographie und Anthropologie Egon Freiherr von Eickstedts (1892–1965). Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8316-0872-0, S. 71f. ().

Seit 1933 erstellte er „Abstammungsgutachten“ für das damals eingerichtete „Reichssippenamt“, in denen er bei strittiger Vaterschaft einer Person anhand von deren äußeren Körpermerkmalen die Abstammung von „Juden“, „Halbjuden“ oder „Vierteljuden“ feststellte und damit gemäß den Nürnberger Gesetzen über ihren Anspruch auf Bürgerrechte entschied.Alexandra Przyrembel: „Rassenschande“. Vandenhoeck & Ruprecht, 2003, ISBN 978-3-525-35188-8, S. 120–123 (). Von 1936 bis 1944 erstellten er und seine Assistenten, vor allem Ilse Schwidetzky, eine unbekannte Zahl derartiger Gutachten, die einen Großteil ihrer Arbeitszeit umfassten.Dirk Preuß: „Anthropologe und Forschungsreisender“. Biographie und Anthropologie Egon Freiherr von Eickstedts (1892–1965). Herbert Utz Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8316-0872-0, S. 67 (). Eickstedt gehörte zu 13 Anthropologen, die das Reichssippenamt als Experten für Rassegutachten aufführte. Er beteiligte sich 1939 an einer Konferenz, bei der diese Gutachten besprochen und als wissenschaftlich zuverlässig sowie politisch unentbehrlich einhellig bestätigt wurden. So entschieden Eickstedts Gutachten ab 1933 über das berufliche Schicksal, ab 1941 unter Umständen auch über Leben und Tod der begutachteten Personen, da „Halb-“ und „Volljuden“ in Ghettos, Arbeits- und Vernichtungslager deportiert wurden.James F. Tent: Im Schatten des Holocaust. Böhlau Verlag, Köln/Weimar 2007, ISBN 978-3-412-16306-8, S. 28 (). Schwidetzkys Nachkriegsbehauptung, Eickstedts Breslauer Institut sei an diesen Gutachten unbeteiligt gewesen, erwies sich als falsch: Akten zu mindestens elf von Eickstedt und Schwidetzky unterzeichneten Gutachten des Instituts sind erhalten, eins davon vollständig.Heidrun Kaupen-Haas: Wissenschaftlicher Rassismus. Campus Verlag, 1999, ISBN 978-3-593-36228-1, S. 41 ().

Im Jahr 1934 erschienen sein Hauptwerk Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit sowie die kürzere Schrift Die rassischen Grundlagen des deutschen Volkes. 1935 gründete er die Zeitschrift für Rassenkunde und die gesamte Forschung am Menschen. Gemeinsam mit seiner Assistentin Ilse Schwidetzky und NSDAP-Organisationen führte er eine groß angelegte Regionaluntersuchung Schlesiens durch.

Von 1937 bis 1939 brach er zu einer zweiten Asienexpedition auf, die ihn nach Indien, China, auf die Philippinen, Malaysia und Indonesien führte. Die Ergebnisse der beiden Asienexpeditionen gingen in sein Buch Rassendynamik von Ostasien ein (1944). Die Überarbeitung der Rassenkunde und Rassengeschichte wuchs zu einem dreibändigen Werk, das seiner Meinung nach die ganze Anthropologie umfasste und erst in den 1960er Jahren abgeschlossen wurde (Die Forschung am Menschen, 1940–1962). Im Jahr 1938 erhielt von Eickstedt die Ehrendoktorwürde der Universität Sofia.Bernhard vom Brocke: Bevölkerungswissenschaft – Quo vadis? Möglichkeiten und Probleme einer Geschichte der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland. Mit einer systematischen Bibliographie. Leske + Budrich, Opladen 1998, ISBN 978-3-8100-2070-3, S. 417. Im Mai 1940 wurde eine von ihm beantragte Umwidmung seiner außerordentlichen in eine ordentliche Professur abgelehnt, da seitens des Dozentenbundführers Zweifel an Eickstedts politischen Grundüberzeugungen bestanden, die dann auch im Juni desselben Jahres vom Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung angemahnt wurden.Albrecht Scholz, Thomas Barth, Anna-Sophia Pappai, Axel Wacker: Das Schicksal des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät Breslau nach der Vertreibung 1945/46. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 497–533, hier: S. 519 f.

1945 flüchteten Eickstedt und seine Frau aus Breslau. Über Dresden gelangten sie nach Leipzig, wo Eickstedt hoffte, an der Universität eine Professur zu erhalten. Aufgrund von Einwänden sowohl des Betriebsrats, er habe sich ungerechtfertigte materielle Vorteile verschafft, als auch von wissenschaftlicher Seite – „Rassismus“ – gelangte er über eine Vorlesung „Systematische Anatomie (Knochen und Muskeln)“ im Sommersemester 1946 nicht hinaus. Vielmehr wurde er von den sowjetischen Militärbehörden festgenommen und war drei Wochen lang Vernehmungen ausgesetzt, bevor er wieder entlassen wurde. Er entging jedoch der Internierung.Dirk Preuß: „Anthropologe und Forschungsreisender“. Biographie und Anthropologie Egon von Eickstedts (1892–1965). Jena 2006, S. 139ff.