mini|Hauptverwaltung der Leunawerke, 2009
Die Leunawerke, benannt nach der östlich des Industriegebiets liegenden Stadt Leuna, befanden sich südlich von Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt. Mit ihren weltweit ersten großindustriellen Hydrieranlagen zählten sie bis 1945 zu den führenden Chemiewerken Deutschlands und entwickelten sich anschließend zum größten Betrieb der Chemieindustrie in der DDR. Der VEB Leuna-Werke „Walter Ulbricht“ war Stammbetrieb des gleichnamigen Kombinats, dem außerdem der VEB Technische Gase Leipzig (Tega) angehörte.
Heute sind auf dem Gelände der Leunawerke zahlreiche neue Unternehmen angesiedelt. Die Infrastruktur wird von der Infraleuna GmbH verwaltet.
Geschichte Gründung als Ammoniakwerk Merseburg der BASF mini|Ein Gutschein (Vorder- und Rückseite) des Ammoniakwerks Merseburg in Leuna. Ammoniak ist ein wichtiger Grundstoff sowohl zur Produktion von Düngemitteln (Harnstoff) als auch Salpetersäure. Diese dient unter anderem zur Sprengstoffherstellung (Ammoniumnitrat, Pikrinsäure). Im Ersten Weltkrieg überstieg der Bedarf an diesen Produkten die Kapazitäten des Werkes Oppau der BASF, die das Patent für die Ammoniaksynthese nach dem Haber-Bosch-Verfahren besaß. Auf Drängen der Regierung des Deutschen Reiches und deren Oberster Heeresleitung plante die BASF den Bau eines zweiten Ammoniakwerkes. Um vor potentiellen Angriffen der französischen Luftstreitkräfte sicher zu sein, wählte man einen Standort in Mitteldeutschland. Am 25. Mai 1916 war in Leuna Grundsteinlegung für die Badische Anilin- und Sodafabrik, Ammoniakwerk Merseburg genannte Anlage, deren Bau von Carl Bosch geleitet wurde. Nach kurzer Bauzeit verließ Ende April 1917 der erste Kesselwagen das Werksgelände.
1920 fusionierten die Leunawerke und der Standort Oppau zur Ammoniakwerke Merseburg-Oppau GmbH. Während der Märzkämpfe in Mitteldeutschland im Frühjahr 1921 verbarrikadierten sich aufständische Arbeiter in den Leunawerken. Ab 1923 wurde in Leuna das 1920 von Matthias Pier entwickelte neue Hochdruckverfahren für die Methanolherstellung aus Synthesegas großtechnisch umgesetzt.
Unternehmen der I.G. Farben
mini|Markenzeichen Leuna-Benzin mini|Die Eröffnung der Schau „Deutsches Volk-Deutsche Arbeit“, Kaiserdamm Berlin. Ein Teil des Werkes Leuna in der Abteilung Chemie auf der Ausstellung, April 1934
Ende 1925 wurde die BASF ein Unternehmensbestandteil des I.G. Farben-Konzerns, in dem Leuna wieder als Ammoniakwerk Merseburg GmbH – Leuna Werke firmierte. Im Zuge der deutschen Autarkiebestrebung begann im gleichen Jahr die I.G. Farben mit ersten Versuchen zur industriellen Herstellung von synthetischen Kraftstoffen mittels Kohleverflüssigung auf Basis des Bergius-Pier-Verfahrens, auch I.G.-Verfahren genannt. Schon 1926 brachte das Unternehmen in den Leunawerken den ersten Großversuch im industriellen Maßstab hinter sich und ging am 1. April 1927 mit einem Durchsatz von 100.000 Jahrestonnen synthetischen Benzins in Produktion.Titus Kockel: Deutsche Ölpolitik 1928–1938. Walter de Gruyter, 2019, S. 34 f. Die Produktion wurde von verschiedenen Reichsregierungen schon in der Weimarer Republik subventioniert, um der Importabhängigkeit von Erdöl entgegenzuwirken.Heinz-Gerhard Franck, Jürgen W. Stadelhofer: Industrielle Aromatenchemie. Rohstoffe. Verfahren. Produkte. Springer-Verlag, 2013, S. 47 f.Walter Wetzel: Geschichte der deutschen Chemie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Band 19. Mitteilungen, Fachgruppe Geschichte der Chemie, Frankfurt am Main, 2007, S. 189. Gesellschaft Deutscher Chemiker, abgerufen am 16. Juni 2021.
Die Möglichkeiten der Umwandlung fossiler Brennstoffe in flüssige Kraft- und Schmierstoffe förderten andere Länder, insbesondere Großbritannien und die USA, zumindest in der Anfangszeit vergleichbar. Zur Herstellung des Kohlebenzins vereinbarte ab dem Jahr 1929 die I.G. Farben in mehreren Ländern sogenannte Engineer-Agreements.Bruno Riediger: Die Verarbeitung des Erdöles. Springer-Verlag, 2013, S. 806. In Deutschland begannen die Verhandlungen zwischen der I.G. Farben und dem Reichswirtschaftsministerium über den Ausbau der synthetischen Treibstoffversorgung im Jahr 1932.Institut für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR (Hrsg.): Wirtschaft und Staat in Deutschland. Eine Wirtschaftsgeschichte des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1945. Band 3. Akademie-Verlag, 1978, S. 188. Somit kam die Idee, die Produktion des Leuna-Benzins in Deutschland noch umfangreicher staatlich zu fördern, nicht von den Nationalsozialisten, sondern wie die überwiegende Mehrheit wirtschaftspolitischer Vorstellungen der NSDAP von außen und entsprach älteren Forderungen.Titus Kockel: Geologie und deutsche Ölpolitik, 1928 bis 1938. Die frühe Karriere des Erdölgeologen Alfred Theodor Bentz. Dissertation TU Berlin, 2003, S. 36, 211, 254.
Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wurde die Autarkie ein erklärter Bestandteil der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Im Dezember 1933 schloss das Reichswirtschaftsministerium mit der I.G. Farben das Feder-Bosch-Abkommen, in dem sich letztere verpflichtete, ihre Produktion in Leuna bis zum 31. Dezember 1935 auf jährlich mindestens 300.000, höchstens 350.000 Tonnen Benzin zu erhöhen, während der Staat einen Mindestverkaufspreis für das mittels Hydrierung aus Braunkohle gewonnene Benzin garantierte. Mit dieser Maßnahme sollten Devisen für Mineralölimporte gespart, aber auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Eine militärstrategische Komponente besaß der Vertrag nicht, da die garantierte Jahreserzeugung schon im Vergleich zum regulären Jahresverbrauch des Deutschen Reiches nur ein unbedeutender Bruchteil war.Günter Bayerl: Braunkohleveredelung im Niederlausitzer Revier. Waxmann Verlag, 2009, S. 63.
Mit Beteiligung der I.G. Farben erfolgte im Oktober 1934 die Gründung der Braunkohle-Benzin AG (Brabag), die unter Lizenz im I.G.-Verfahren in ihren Hydrierwerken Magdeburg und Böhlen ab 1936 sowie in Zeitz ab 1939 etwa 740.000 Tonnen synthetische Kraftstoffe pro Jahr herstellen sollte. Parallel erhöhte die I.G. Farben ihre Produktion in den Leunawerken immer mehr und baute weitere eigene Hydrierwerke an verschiedenen Standorten. Auch andere deutsche Energieversorger erwarben von der I.G. Farben entsprechende Lizenzen und betrieben ab 1936 eigene Hydrierwerke.Rainer Karlsch, Raymond G. Stokes: Faktor Öl. Die Mineralölwirtschaft in Deutschland 1859–1974. Verlag C. H. Beck, 2003, S. 128, 136–140, 333–339. In der Folgezeit wurden die Produktionskapazitäten in den Leunawerken auf eine Jahresleistung von 650.000 Tonnen synthetischer Produkte gesteigert. Die nur wenige Kilometer entfernt in Schkopau ansässigen Buna-Werke waren eine Tochtergesellschaft der Ammoniakwerk Merseburg GmbH – Leuna Werke.
Zweiter Weltkrieg Da Deutschland über fast keine eigenen Ölvorkommen verfügt, erlangte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg die Herstellung von synthetischen Ersatzstoffen eine große Bedeutung. Der Bau von Hydrierwerken wurde ein wesentlicher Bestandteil der Autarkiebestrebungen des im Oktober 1936 veröffentlichten Vierjahresplans. Insgesamt entstanden bis 1945 in Deutschland 17 Hydrieranlagen und neun Fischer-Tropsch-Synthesewerke. Die Leunawerke waren, nach den Hydrierwerken Pölitz, die größte Produktionsstätte von kohlechemischen Erzeugnissen. Die für 1941 vorliegenden Jahresergebnisse weisen in den Hauptsynthesen eine Produktion von 1.050.000 t aus. Davon wurden erzeugt:
243.000 t Dieselöl 241.000 t Flugbenzin 19.000 t Autobenzin 107.000 t Treibgase 79.000 t Methanol 21.000 t Ethanol 323.000 t Stickstoff 17.000 t Nitriersäure
Im Dezember 1941 betrug die Zahl der festbeschäftigten Arbeitskräfte 28.368, einschließlich 1336 von anderen Firmen entliehene Arbeitskräfte. Angehörige der Leunawerke waren unter anderem an der Planung, Montage und Inbetriebnahme der Hydrierwerke in Moosbierbaum, Wesseling, Zeitz, Blechhammer und Auschwitz beteiligt.Ammoniakwerk Merseburg Jahresbericht 1941 Fischer-Tropsch-Archiv, abgerufen am 24. August 2025.
Im November 1944 wurden in den Leunawerken insgesamt 12.132 ausländische Arbeitskräfte beschäftigt und im März 1945 waren es 14.140 Personen. Von etwa 12.000 Arbeitskräften am Jahresende 1944, die nicht zur Stammbelegschaft gehörten, ist die Nationalität bekannt. 1.500 waren Reichs- oder Volksdeutsche aus Mitteleuropa, 2.200 waren russische Ostarbeiter, 2.400 Franzosen, 2.000 Italiener, 450 Tschechen und 430 Flamen. 515 hatten kroatischen, polnischen, niederländischen und marokkanischen Hintergrund. Hinzu kamen 1590 kriegsgefangene Franzosen und weitere 1600 Lagerhäftlinge in den sogenannten Arbeitserziehungslagern Osendorf, Zöschen und Schkopau. Insgesamt waren das mehr als 15.000 Arbeitskräfte, von denen mehr als zwei Drittel zu Zwangsarbeit in die Leunawerke verbracht worden waren.fes.de (PDF; 71 kB), Friedrich-Ebert-Stiftung, Georg Wagner-Kyora: Das Schicksal der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in den Bunawerken Nach anderer Quelle hatten die Leunawerke Ende 1944 eine Belegschaft von 27.000 Arbeitskräften, von denen 16.500 ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene waren – also 10.500 Deutsche.Martin Pabst: Die Luftangriffe auf Leuna und Merseburg am Ende des Zweiten Weltkrieges. Selbstverlag Cuxhaven 1995. Autorisierte Neuauflage: Leuna 2009.
Am 12. Mai 1944 begann die Alliierte Luftoffensive auf die deutsche Treibstoffindustrie. Allein über die mitteldeutschen Hydrierwerke warfen mehr als 800 Bomber der 8. US-Luftflotte eine Bombenlast von rund 1700 Tonnen ab. Albert Speer, damals Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion, schrieb später in seinem 1969 erschienenen Buch Erinnerungen: „Mit dem Gelingen dieser Angriffe war der Krieg produktionstechnisch verloren“. Das Leunawerk konnte zehn Tage später den Betrieb wieder aufnehmen, wurde aber durch einen neuen Angriff am 28. Mai erneut stark beschädigt.
Bis 1945 erfolgten insgesamt 20 Luftangriffe auf die Leunawerke. Zwischen den Angriffen lief die Produktion, wenn auch eingeschränkt, immer wieder an. 6552 alliierte Flugzeuge warfen insgesamt eine Bombenlast von etwa 18.000 Tonnen auf die Leunawerke und ihre Umgebung ab.spiegel.de, Der Spiegel: Schlacht um Sprit, Ausgabe 14/1964 vom 1. April 1964.spiegel.de, Der Spiegel, Dietmar Pieper: Lebenssaft der Wehrmacht, aus: Der Krieg 1939–1945: Als die Welt in Flammen stand, Ausgabe 3/2010. Bei den Luftangriffen kamen auch zahlreiche Zwangsarbeiter ums Leben. Am 4. April 1945 kam die Produktion endgültig zum Erliegen., Mitteldeutscher Rundfunk: Industrie und Technologie. Das mitteldeutsche Chemiedreieck. 1. August 2005.
Nachkriegszeit und DDR Am 14. April 1945 besetzten zunächst amerikanische Truppen die Leunawerke und blieben bis zum vereinbarten Besatzungswechsel am 30. Juni 1945 im Werk. Danach kamen die Leunawerke in Form einer Sowjetischen Aktiengesellschaft in sowjetischen Besitz. Das im Krieg schwer beschädigte Werk verlor weitere 45 bis 50 Prozent der Anlagen durch Demontagen aufgrund der auf der Pariser Friedenskonferenz 1946 beschlossenen Reparationen gegenüber der Sowjetunion.
1954 wurden die Leunawerke in Volkseigentum überführt. Offiziell hieß das Werk bald VEB Leuna-Werke „Walter Ulbricht“ (LWWU) und war der größte Chemiebetrieb der DDR. Im Werk arbeiteten zirka 30.000 Werktätige, die Produkte wurden in ungefähr vierzig Länder exportiert. Das Werksgelände – komplett eingezäunt – erstreckte sich auf einer Länge von sieben Kilometern und einer Breite von drei Kilometern. Auf dem Werksgelände befinden sich zwei Bahnhöfe der 1846 eröffneten Thüringer Bahn: Leuna Werke Nord und Leuna Werke Süd.
mini|Leuna-Werke, Destillationsanlagen, September 1959 mini|C4 Fein-Desinfektionsmittel des VEB Leuna-Werke „Walter Ulbricht“