Das Byzantinische Heer stellte den Hauptteil der Streitkräfte des Byzantinischen Reiches dar und war eine der beiden Teilstreitkräfte, die andere war die Byzantinische Marine. Es stand in der Tradition des römischen Heeres und war aufgrund des Charakters des Reiches als Fortsetzung des Römischen Imperiums streng genommen wesensgleich mit ihm. Die militärischen Tugenden Roms wie Disziplin und effiziente Organisation wurden von der byzantinischen Armee vielfach in Ehren gehalten und machten sie während eines großen Teiles ihrer Existenz zu einer der effektivsten Streitmächte Europas und Asiens.
Allgemeines Die byzantinischen Landstreitkräfte waren eine Fortschreibung der Heere Roms, was sich notwendig daraus ergibt, dass das Byzantinische Reich den überlebenden Teil des Römischen Imperiums darstellte. Entsprechend entwickelte sich das oströmische Heer aus den Armeen der spätrömischen Zeit und passte sich im Laufe der Jahrhunderte sowohl den immer wieder wechselnden Gegebenheiten der Kriegführung als auch den immer neuen Gegnern an, die gegen die Reichsgrenzen anrannten. Gemessen an der Tatsache, dass Byzanz während seiner gesamten Geschichte fast ständig im Krieg stand, erwies sich seine Armee wenigstens bis zur Katastrophe des Vierten Kreuzzugs als erstaunlich effiziente Streitmacht, die trotz ihrer recht bescheidenen Größe durch Professionalität, Disziplin und geschicktes Taktieren, aber auch durch die Zuhilfenahme der Mittel der Diplomatie und der Staatskunst das Reich in der Regel gut zu schützen vermochte und sich auch in der Offensive gut schlug. In der Spätzeit dagegen waren der innere Zusammenhalt des Reiches und seine finanzielle Basis in einem Maße erschüttert, dass Byzanz sich kaum noch allein wehren konnte und lediglich noch hinhaltenden Widerstand zu leisten vermochte, bis es schließlich von den aufstrebenden Osmanen zerschlagen wurde.
Fremde Soldaten und Söldner mini|300px|Goldmünze von Kaiser Basileios II., Gründer der Warägergarde
Während der 1123 Jahre seiner Geschichte von der Einweihung Konstantinopels am 11. Mai 330 bis zum Fall der Stadt am 29. Mai 1453 bediente sich das kaiserliche Heer Soldaten und Truppeneinheiten verschiedenster Herkunft. Häufig unterstützten diese Soldaten die regulären Heereseinheiten, zuweilen stellten sie den Hauptteil der Streitmacht dar. In guten Tagen zeugten die fremden Kämpfer von der Größe und dem Reichtum des Reiches, dessen Kaiser Krieger aus allen Teilen der Welt um sein Banner scharen konnte, in schlechten Zeiten dagegen illustrierten sie den schleichenden Verfall des Reiches.
Fremde Truppen waren in der spätrömischen Epoche als Foederaten (lateinisch für „Verbündete“) bekannt und behielten diese Bezeichnung im östlichen Reichsteil bis etwa ins 9. Jahrhundert in gräzisierter Form (Φοιδεράτοι oder phoideratoi), wobei sich der Charakter dieser Einheiten aber schon seit dem 6. Jahrhundert stark von ihren Ursprüngen entfernt hatte.
Später nannte man die reichsfremden Söldner Hetaireiai (Εταιρείαι, Gefährten), und viele von ihnen fanden Beschäftigung in der Kaiserlichen Garde. Diese war unterteilt in die Großen Gefährten (Μεγάλη Εταιρεία/Megale Hetaireia), die Mittleren Gefährten (Μέση Εταιρεία/Mese Hetaireia) und die Kleinen Gefährten (Μικρά Εταιρεία/Mikra Hetaireia), kommandiert von den entsprechenden Hetaireiarches. Die Aufteilung mag religiöse Gründe gehabt haben, zum Beispiel könnte nach christlichen Untertanen, christlichen Fremden und nichtchristlichen Fremden unterschieden worden sein.
In der Zeit der Komnenischen Dynastie konnten Söldnereinheiten einfach nach ihrer Volkszugehörigkeit eingeteilt und benannt werden, wie zum Beispiel Inglinoi (Engländer), Phragkoi (Franken), Skythikoi (Skythen), Latinkoi (Lateiner) usw. Sogar Äthiopier dienten unter Kaiser Theophilos in der Armee. Manche Söldnertruppen, ganz besonders die Skythikoi, wurden oftmals als Polizeitruppe eingesetzt, vorwiegend in Konstantinopel selbst.
Die bekannteste byzantinische Heereseinheit war zweifellos die Warägergarde. Sie geht auf ein Heer von 6.000 russischen bzw. warägischen Söldnern zurück, welche der Großfürst Wladimir I. im Jahr 988 dem bedrängten jungen Kaiser Basileios II. zur Hilfe im Bürgerkrieg sandte. Die überzeugende Kampfkraft der äxteschwingenden barbarischen Nordmänner und ihre durch hohen Sold gesicherte Loyalität ließ sie zur etablierten Elitetruppe aufsteigen, welche bald den Rang der kaiserlichen Leibgarde einnahm. Dies wird durch den Rang ihres Kommandanten illustriert, der den Titel Akolouthos (Ακόλουθος, Gefolgsmann des Kaisers) führte. Ursprünglich waren die Gardeangehörigen hauptsächlich Waräger, später dienten aber auch viele Skandinavier und Angelsachsen in ihr. Die Garde zeichnete sich unter anderem 1122 in der Schlacht von Beroia und 1167 in der Schlacht von Sirmium aus, in letzterer wurde das ungarische Heer völlig zersprengt. Vermutlich wurde sie nach der Katastrophe des Vierten Kreuzzuges 1204 aufgelöst, allerdings ist überliefert, dass die Garde zu den wenigen Einheiten zählte, die erfolgreich einen Teil Konstantinopels gegen die Eroberer halten konnten.
Die Heere der spätantik-frühbyzantinischen Zeit So wie das Byzantinische Reich (Βασιλεία Ρωμαίων/Basileia Romaion) eine direkte Fortsetzung des Römischen Reiches war, so entwickelte sich auch sein Heer aus der spätrömischen Armee: Die Armee hatte während des Prinzipats aus etwa dreißig Legionen bestanden, die entlang der Grenzen stationiert waren, zuzüglich der entsprechenden Hilfstruppenkontingente (auxilia). Überreste dieses alten Systems hielten sich bis in das 7. Jahrhundert, doch vollzogen sich um 300 mit Beginn der Spätantike tiefgreifende Wandlungen. Damals entstanden Strukturen, die die (ost-)römische Armee in den folgenden drei Jahrhunderten prägten.
Die Heeresreformen unter Diokletian und Konstantin
mini|Kaiser Konstantin der Große
Die Ursprünge des östlichen Reichsteiles gehen auf das System der Tetrarchie (sehr selten auch Quadrumvirat genannt) zurück, das unter Kaiser Diokletian im Jahre 293 eingeführt wurde. Dieses System war recht kurzlebig, da sich Rivalitäten zwischen den Herrschern nach Diokletians Rücktritt 305 in fortgesetzten Bürgerkriegen entluden; doch das zugrunde liegende Prinzip des Mehrkaisertums hielt sich in der spätrömischen und byzantinischen Staatskunst noch lange.
Langlebiger war die Reorganisation des römischen Heerwesens, die Diokletian und nach ihm Konstantin der Große durchführten. Dabei griff man auf Ansätze aus der Zeit der Soldatenkaiser zurück. Das Heer wurde nun systematisch in zwei große Teile geteilt: die limitanei (Grenztruppen) und die comitatenses (Feldtruppen, Eliteeinheiten). Die Kavallerie wurde stark aufgewertet, obwohl die Infanterie weiterhin einen großen Teil der Streitkräfte bildete. Illustriert sei das an einem Heer, das Julian im Jahre 357 nahe Straßburg ins Feld führte und das angeblich aus 3.000 Reitern und 10.000 Fußsoldaten bestand. Die Bezeichnung „Legion“ für Infanteriegroßverbände blieb erhalten, und die Tradition der kaiserzeitlichen Truppenkörper wurde fortgesetzt, allerdings war eine Legion nur noch 1.000 Mann stark statt, wie vorher, 5.000 bis 6.000. Die Bedeutung der Kavallerie für die Kriegführung wuchs allerdings immer mehr, vor allem als nach Beginn der sogenannten Völkerwanderung um 375 die Mobilität der Truppen erhöht werden musste, und bis zur Zeit Justinians war auch ihr Anteil an der Gesamtstärke größer geworden. Zugleich führte dies dazu, dass die einzelnen Armeen nun nur noch ausnahmsweise mehr als 30.000 Mann umfassten, da die Versorgung berittener Einheiten stets ungleich aufwendiger ist als bei Fußsoldaten. Die Einführung des Steigbügels am Ende des 6. Jahrhunderts, der durch das Reitervolk der Awaren nach Europa gebracht wurde, sowie die Züchtung leistungsfähigerer Pferderassen in Persien zur selben Zeit, begünstigte den Aufstieg der schwerbewaffneten Panzerreiter zur Hauptwaffe der Armee.
Die limitanei waren nahe den Grenzen stationiert und besetzten die Kastelle am Limes, sofern vorhanden. Ihre Aufgabe bestand darin, kleinere Bedrohungen abzuwehren und den Vormarsch starker gegnerischer Verbände solange aufzuhalten, bis die Truppen des Feld- oder Bewegungsheeres, das sich gewöhnlich im Hinterland aufhielt, anrückten und sie vernichten konnten. Die Grenztruppen waren in der Regel schlechter ausgerüstet und entlohnt, während die gut ausgebildeten Soldaten des Bewegungsheeres viele Privilegien genossen. Die Unterschiede zwischen limitanei und comitatenses dürften allerdings geringer gewesen sein, als die ältere Forschung annahm.
Die Kavallerie stellte etwa ein Drittel der spätrömischen Einheiten, da die Stärke von Kavallerieeinheiten allerdings stets geringer war als die vergleichbarer Infanterieeinheiten, machte die tatsächliche Zahl der Kavalleristen nur etwa ein Viertel der Soldaten aus; sie verursachten aber die bei weitem größten Kosten. Etwa die Hälfte der Reiter war der schweren Kavallerie zuzurechnen, die unter verschiedenen Bezeichnungen firmierte, u. a. scutarii, promoti und stablesiani. Ihre Bewaffnung bestand meist aus Speer oder Lanze, dazu kam ein Schwert, gepanzert waren sie in der Regel mit Kettenpanzern. Einige besaßen Bögen, allerdings nicht für unabhängige Fernangriffe, sondern zum Unterstützen des Angriffs. In den Feldarmeen existierten außerdem die cataphracti oder clibanarii (s. o.), schwere Kavallerie mit Schockangriffsfähigkeit, die etwa 15 % der Reiter ausmachten. Daneben gab es berittene Bogenschützen (equites sagittarii) und mehrere Arten leichter Kavallerie. Leichte Infanterie war besonders unter den limitanei verbreitet, die viel Patrouillendienst leisten mussten. Die Infanterie der comitatenses ähnelte der traditionellen schweren Legionsinfanterie, mit Speer und Schwert bewaffnet und Kettenpanzer, Schilde und Helme tragend. Allerdings waren sie nicht mehr in den bisherigen Großverbänden der Legionen organisiert, sondern in kleineren Einheiten zu 1.000 bis 1.200 Mann, die verschiedene Bezeichnungen trugen (legio, auxilia oder einfach nur numerus). Jede dieser Einheiten wurde durch beigeordnete Abteilungen von Bogenschützen und Plänklern unterstützt. Falls erforderlich, konnte sich die schwere Infanterie eines Teiles ihrer Panzerung entledigen, wie es laut Zosimos während des Gotenkrieges in den 370er Jahren geschah. Jedes comitatenses-Regiment wurde von einem tribunus kommandiert und, wie vergleichbare Kavallerieeinheiten auch, mit einem anderen zu einer Art Brigade zusammengefasst, die von einem comes befehligt wurde. Diese Brigaden waren vermutlich nur taktische und strategische Einheiten, von einem zugeordneten Stab ist nichts überliefert. An der Spitze der einzelnen Heeresgruppen stand jeweils ein magister militum, der nur dem Kaiser unterstellt war. Anders als im Westen gelang es den Kaisern im Osten dabei in der Regel, diese mächtigen Generäle unter Kontrolle zu halten, denn während es in Westrom seit Stilicho einen obersten Heermeister gab, der den übrigen Befehle erteilen konnte und damit leicht zum faktischen Machthaber aufsteigen konnte, fehlte eine solche Einrichtung in Ostrom.