Als Kriegsschuldfrage (französisch , englisch ) bezeichnete man in der Weimarer Republik die öffentliche Debatte über die Schuld an der Auslösung des Ersten Weltkriegs. Trotz vergleichbarer Debatten bei vielen anderen Kriegen behandelte die Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts unter diesem Begriff meist die Ursachen und Verantwortlichkeiten des Ersten Weltkriegs.
Überblick Kriegsschuld wurde bis 1914 kaum öffentlich diskutiert und nicht in Friedensverträgen festgeschrieben. Das seit dem Westfälischen Frieden übliche Tabula-rasa-Prinzip schloss die Prüfung der Kriegsgründe und Strafverfolgung der Besiegten aus (Oblivionsklausel). Erst seit dem Ersten Weltkrieg wurde eine Kriegsschuldfrage politisch akut. Seine Opfer und die durch ihn verursachten Schäden übertrafen diejenigen früherer europäischer Nationalkriege bei weitem. Zuvor kodifiziertes Kriegsvölkerrecht wie die Haager Landkriegsordnung, das primär die Kriegführung normierte, blieb weitgehend unwirksam.
Im als Kabinettskrieg begonnenen Weltkrieg, der später zum totalen Krieg eskalierte, entschied nationale Kriegspropaganda mit über den Kriegsverlauf. Von der Meinung der eigenen wie der feindlichen Bevölkerung zur Kriegsschuld hingen die Mobilisierung der Armeen und weitere Kriegführung mit ab. So bestimmten selektive Schuldzuweisungen und Interessen der kriegführenden Eliten die Debatte weit über das Kriegsende hinaus und wurden für deren Nachkriegsziele instrumentalisiert.
In der Weimarer Republik sahen Staatsbehörden die Abwehr der im Artikel 231 des Versailler Vertrages festgeschriebenen Alleinschuld der Mittelmächte als nationale Aufgabe, um die damit begründeten Auflagen zu mildern und zu revidieren (siehe Vertragsrevisionismus).1918–1933: Reparationen, Deutsches Historisches Museum. Auch viele Parteipolitiker bekämpften die sogenannte Kriegsschuldlüge vehement. Nachdem die Zweite Internationale am Ausbruch des Kriegs 1914 zerbrochen war, wehrte die SPD die deutsche Kriegsschuld in den Jahren nach 1918 ebenfalls überwiegend ab.
Auch in Frankreich und Großbritannien wurde eine Mitverantwortung für die Eskalation zum Ersten Weltkrieg vor 1939 kaum geprüft. Einige britische Historiker ersetzten die Versailler These von der deutsch/österreichisch-ungarischen Alleinschuld durch die Annahme eines von den beteiligten Regierungen unbeabsichtigten „Kriegsausbruchs“. Im Kontext der Appeasementpolitik entlasteten sie Deutschland weitgehend von absichtsvoller Kriegsplanung vor 1914.Hartmut Pogge von Strandmann: Britische Historiker und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In: Wolfgang Michalka (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse. Seehamer Verlag, Weyarn 1997, S. 934 f.
Die apologetischen Vorgaben erschwerten die unvoreingenommene Prüfung aller zugänglichen Dokumente und wissenschaftliche Erforschung der Kriegsursachen. Die meisten Historiker untersuchten fast nur Ereignis- und Entscheidungsabläufe auf Regierungsebene in der Julikrise 1914 und zum Kriegsbeginn. Gerhard Hirschfeld urteilt daher:
In den Vereinigten Staaten fand wegen der kurzen Kriegsbeteiligung und geringeren eigenen Opferzahl,Ronald Smelser: Die amerikanische Weltkriegsforschung. In: Wolfgang Michalka (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Wirklichkeit, Wahrnehmung, wissenschaftliche Analyse. Piper, München 1994, S. 991–1011. in der Sowjetunion wegen der staatlichen Ideologie des Marxismus-Leninismus kaum eine Kriegsschulddebatte statt.
Die nationalsozialistische Propaganda wie auch Adolf Hitler selbst bekräftigten später die Legende einer Kriegsschuld des sogenannten Weltjudentums bzw. Englands.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde die These einer gleichmäßigen Kriegs(un)schuld zunächst fortgesetzt. Dies blockierte die Frage nach möglichen gemeinsamen Ursachen beider Weltkriege und Kontinuitäten in den Kriegszielen deutscher Militär- und Wirtschaftseliten.Berthold Wiegand: Der Erste Weltkrieg und der ihm folgende Friede. Cornelsen, Berlin 1993, ISBN 3-454-59650-5, S. 31. Erst 1959 eröffnete der Hamburger Historiker Fritz Fischer eine neue Debatte um die Vorkriegspolitik des Deutschen Kaiserreichs. Mit der bis etwa 1985 andauernden „Fischer-Kontroverse“ begann in Deutschland wie im Ausland eine differenzierte Erforschung der längerfristigen, auch sozialen und ökonomischen Ursachen des Ersten Weltkriegs. Diese berücksichtigt den Umgang mit der Kriegsschuld vor 1933 auch im Blick auf die Entstehungsbedingungen des Zweiten Weltkriegs.
Aufgrund der gewachsenen Informations-, aber auch Manipulationsmöglichkeiten im Zeitalter der Massenmedien sind Debatten zur Kriegsschuld seit 1945 zu vielen Kriegen geführt worden und haben deren Beginn, Durchführung, Beendigung oder Aufarbeitung auf verschiedene Weise beeinflusst.
Der historisch an den Ersten Weltkrieg gebundene Begriff „Kriegsschuldfrage“ wird jedoch in Medien und Buchtiteln nur gelegentlich auf andere Kriege angewandt.Zum Beispiel Helmut Schmidt: Nach dem Größenwahn – Japan und Deutschland sind beide durch schwere Kriegsschuld belastet. Wie sie versuchten, mit der eigenen Geschichte und mit ihren Nachbarn ins Reine zu kommen. In: Zeit Online. 16. November 2010.
Erster Weltkrieg Kriegspropaganda Ein Angriffskrieg war nach damaligem Völkerrecht zwar legal, aber moralisch geächtet. Um zu beweisen, dass die Kriegsgegner diesen begonnen hätten und man selber ihn unbedingt zu vermeiden versucht habe, gaben alle beteiligten Regierungen im Kriegsverlauf „Farbbücher“ – Sammlungen ausgewählter diplomatischer Dokumente – heraus.
mini|hochkant|Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg
Für die Propaganda der Entente war Deutschland seit dessen Einmarsch in Belgien der Aggressor. Die deutsche Regierung stellte die russische Generalmobilmachung als „Überfall“ dar; die eigenen Kriegserklärungen hätten einer „Einkreisung“ zuvorkommen sollen. Damit begründete die Oberste Heeresleitung (OHL) ihr Vorgehen nach dem Schlieffen-Plan und ihre Orientierung auf einen Siegfrieden. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg rechtfertigte die Verletzung der belgischen Neutralität im Reichstag am 4. August 1914 wie folgt:Zitiert nach Johann Viktor Bredt: Der deutsche Reichstag im Weltkrieg. 1926, S. 52.
Nur wenige führende Politiker gaben den eigenen Verbündeten oder sich selbst eine Teilschuld am Krieg. Der ungarische Ministerpräsident, Stephan Graf Tisza, hatte das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien am 26. Juli 1914 wegen des Weltkriegsrisikos abgelehnt.Fritz-Konrad Krüger: . Simon Publications, Safety Harbor, FL 2000 (PDF; 782 kB). Er soll Österreich-Ungarns Außenminister Leopold von Berchtold und der deutschen Regierung im Herbst 1914 intern die Hauptschuld an der Eskalation zum Weltkrieg zugewiesen haben.A. Weber: Graf Tisza und die Kriegserklärung an Serbien. In: Die Kriegsschuldfrage. 3. Jahrgang, Berlin, 12. November 1925.
Der Nachweis, selbst angegriffen worden zu sein, war vor allem innenpolitisch notwendig. Die Anhänger der Sozialdemokratie in Frankreich und Deutschland hatten noch Ende Juli 1914 massenhaft für den Frieden demonstriert. Die Kriegsbereitschaft war vor allem in Großbritannien gering; in Deutschland standen kriegsbegeisterte Massen in den Großstädten einer überwiegend skeptischen und teilnahmslosen Landbevölkerung gegenüber.Jochen Bölsche: Ein Hammerschlag auf Herz und Hirn. In: Stephan Burgdorff, Klaus Wiegrefe: Der 1. Weltkrieg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004, ISBN 3-421-05778-8, S. 54 ff. Allen Verantwortlichen war klar, dass man das eigene Land als unschuldig am Kriegsausbruch darstellen musste, um die Bevölkerung für den Krieg zu gewinnen. Tatsächlich förderten die Farbbücher in allen kriegführenden Staaten die Kriegsbereitschaft.Ewald Frie: Das deutsche Kaiserreich. WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, S. 82.
Kriegsunterstützung in Deutschland mini|hochkant|links|Friedrich August von Kaulbach: Germania, 1914
Fast alle im Kaiserreich etablierten Historiker – darunter Georg von Below, Otto Hintze, Erich Marcks, Friedrich Meinecke, Hermann Oncken – verstanden die Unterstützung der Regierung im Krieg durch nationalistische Darstellungen der eigenen Geschichte als ihre patriotische Pflicht.Otto Hintze, Friedrich Meinecke, Hermann Oncken, Hermann Schumacher: Vorwort. In: Deutschland und der Weltkrieg. Leipzig/Berlin 1915, III f. Viele Künstler und Schriftsteller, etwa Ludwig Fulda,Rainer Traub: Der Krieg der Geister. In: Stephan Burgdorff, Klaus Wiegrefe: Der 1. Weltkrieg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004, ISBN 3-421-05778-8, S. 50. unterstützten die Kriegsunschuldspropaganda: so das Manifest der 93 vom September 1914 sowie die Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches vom Oktober 1914, auf die in den USA eine Antwort an die deutschen Professoren folgte.
In der SPD wurde aufgrund der Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4. August 1914, die die Totalmobilmachung des Heeres ermöglichten, und zum Burgfrieden zunächst nicht nach der deutschen Kriegsschuld gefragt. Man glaubte mit den meisten Deutschen, Russland habe den Krieg ausgelöst und Deutschland einen Verteidigungskrieg aufgezwungen. Auf dieser Basis stimmte die MSPD mit liberaler Fortschrittspartei und katholischer Zentrumspartei am 19. Juli 1917 im Reichstag für eine Friedensresolution, um die OHL zur Abkehr vom Annexionskurs und U-Boot-Krieg, aber auch die Alliierten zur Beendung der Seeblockade und zu völkerrechtlichen Garantien für deutsche „Unversehrtheit“ zu bewegen. Ohne diese müsse der Krieg fortgesetzt werden: In seiner Einigkeit ist das deutsche Volk unüberwindlich.
Kriegsgegner Zweifel an der Kriegsunschuld des Kaiserreichs tauchten dort sofort nach dessen Kriegserklärungen auf, kamen aber wegen herrschender Propaganda, Kriegsrecht, Parteidisziplin und Pressezensur zunächst kaum zum Tragen. Kriegsgegner in den Mittelmächten konnten ihre Überzeugungen und Ziele bis Herbst 1918 nur illegal verbreiten und riskierten dabei hohe Strafen wegen Hoch- oder Landesverrats – bis hin zur Todesstrafe. Viele in Deutschland verfolgte Kriegsgegner emigrierten daher, vor allem in die Schweiz: Dort begann schon im Krieg eine Kriegsschulddebatte.
Sozialisten Einige revolutionäre Sozialisten in der SPD, die deren Kriegszustimmung ablehnten, sammelten sich ab dem 5. August 1914 in der Gruppe Internationale.Zur Kriegsschulddebatte in der SPD vgl. Heinz Niemann: Die Debatten um Kriegsursachen und Kriegsschuld in der deutschen Sozialdemokratie zwischen 1914 und 1924. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft I/2015. Deren Gründerin Rosa Luxemburg gab der SPD in der Juniusbroschüre vom Juni 1916 eine wesentliche Mitschuld am Zustandekommen des Weltkriegs. Nach ihrer marxistischen Auffassung hätte die Partei der Arbeiterklasse die historischen Gesetzmäßigkeiten, die zum gesamteuropäischen Krieg tendierten, rechtzeitig erkennen und bewusst machen müssen. Dass dies unterblieben sei, müsse konsequent analysiert und die richtigen Schlüsse für die Zukunft daraus gezogen werden.Rosa Luxemburg: Die Krise der Sozialdemokratie. Mit einer Einleitung von Clara Zetkin, aus der Roten Fahne. 2. Auflage. Berlin 1919.
Ab 1915 rückten weitere SPD-Mitglieder von ihrer bisherigen Zustimmung zum Krieg ab. Kurt Eisner gelangte durch eigenes Studium von Dokumenten kriegführender Staaten zur Überzeugung einer kriegsauslösenden Rolle des Kaiserreichs in der Julikrise.Kurt Eisner: Die Mobilisierung als Kriegsursache. 1916. 1917 bestätigten ihn darin die Denkschrift des Diplomaten Karl Max Fürst LichnowskyLichnowskys Denkschrift My Mission to London 1912–1914 (englisch). und eine Erklärung des wegen der deutschen Kriegsschuld zurückgetretenen Direktors der Friedrich Krupp AG, Wilhelm Muehlon.